Sierra Leone: Zukunft sichern mit Biokakao
Von Michaela Ludwig
Bäuerin Kumba Kanda mit den kostbaren
Biokakaofrüchten, die ihr und ihren neun Kindern
das Überleben sichern. © Desmarowitz / agendaIm westafrikanischen Sierra Leone wird dieses Jahr zum ersten Mal Biokakao geerntet und zu guten Preisen nach Europa verkauft. Die Welthungerhilfe unterstützt Kleinbauern im Osten und Südosten des Landes dabei, qualitativ höherwertigen Kakao herzustellen. Dank der Kooperative "Millennium" verkaufen sie ohne Zwischenhandel an den Exporteur und steigern so ihren Profit.
Kumba Kanda ist eine von etwa 70 000 Kleinbauern, die vom Kakaoanbau leben. Es ist Januar und die Ernte in vollem Gange. Für die neunfache Mutter und 355 weitere Kakaobauern aus der Region ist eine neue Zeitrechnung angebrochen. Nach fast zwei Jahrzehnten verdienen sie endlich wieder Geld mit dem Anbau der braunen Bohnen. Sie sind dem Weltmarkt, auf dem ihr Produkt momentan teuer gehandelt wird, einen Schritt näher gerückt. Ihre Bohnen besitzen das Biozertifikat. "Früher sind die Händler in unser Dorf gekommen, und sie haben uns ein paar Säcke Reis für den Kakao gegeben", erzählt Kumba Kanda und wischt sich den Schweiß von der Stirn. "Jetzt kauft ihn die Kooperative und wir werden gut bezahlt".
Weltmarktpreise statt Almosen
Die Millenniumskooperative musste nach dem langen Bürgerkrieg mühsam aufgebaut werden. Seit zwei Jahren wird sie dabei von der Welthungerhilfe unterstützt und durch EU-Mittel finanziert. Die Kooperative verkauft den Kakao direkt an den Exporteur. So können auch die Bauern von den hohen Weltmarktpreisen profitieren, die früher in den Taschen vieler Zwischenhändler verschwunden sind. "Ich kann jetzt das Schulgeld für meine drei Kinder bezahlen, die noch zum Unterricht gehen. Außerdem konnte ich Männer aus dem Dorf beauftragen, den Weg zu einem neuen Stück Land frei zu schlagen. Da habe ich neue Setzlinge gepflanzt", erzählt Kumba Kanda.
Normalerweise dauert es drei Jahre, bis eine Farm auf Bioanbau umstellen kann und die Produkte zertifiziert werden. Doch für die Gegenden in Entwicklungsländern, in denen nachweislich in den letzten Jahren keine Pestizide oder Dünger verwendet wurden, beträgt sie nur ein Jahr. So ist es der Kooperative im vergangenen Jahr in einem Kraftakt gelungen, den Kakao von Kumba Kanda und ihren Kollegen als Bioprodukt zertifizieren zu lassen. Auch ein englischer Importeur, der die Ware abnimmt und einen Biozuschlag zahlt, wurde gefunden. "Die meisten Bauern produzieren ihren Kakao ohnehin ohne Pestizide oder Kunstdünger. Ihnen fehlt schlicht das Geld um sie zu kaufen", sagt Projektleiter Franz Moestl von der Welthungerhilfe. "Das machen sich die Kakaobauern jetzt zunutze".
Doch um das Zertifikat zu behalten müssen die strengen Regeln für ökologischen Anbau eingehalten werden. Mitarbeiter der Kooperative und des Welthungerhilfe-Projekts haben die Bauern in den Standards geschult, die Kakaopflanzungen inspiziert und Ratschläge gegeben, wie die Qualität weiter verbessert werden kann. Kumba Kanda und ihre ältesten Söhne halten sich an die Anweisungen. "Die Bäume dürfen nicht zu viel Schatten haben und müssen regelmäßig beschnitten werden", erzählt sie. So sind die Bäume auf natürliche Weise besser vor Schädlingsbefall geschützt.
Hilfe mit Blick auf den Markt
Das Welthungerhilfe-Team um Franz Moestl ist zufrieden. Da der Kakao ausschließlich für den Export angebaut wird, sind die Bauern sehr stark von den Schwankungen des Weltmarkts abhängig. "Es ist ein wichtiger Teil unserer Beratungstätigkeit, den Mehrwert des Produkts durch unterschiedliche Maßnahmen zu steigern, damit der Erzeuger direkt davon profitieren kann", so Franz Moestl. Das kann durch Direktvermarktung oder, wie in diesem Falle, durch Zertifizierung geschehen. "Wir müssen immer auch an den Markt denken. Einfach nur irgend etwas zu propagieren, was hinterher nicht verwertbar ist, hilft den Bauern nicht weiter." Bis Februar verlassen 37 Tonnen zertifizierte Biobohnen - das sind drei Container - den Hafen von Sierra Leone in Richtung Vereinigtes Königreich.
Welthunger-Index 2011: Sierra Leone
Autorin
Michaela Ludwig arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.
Den vollständigen Artikel finden Sie in der Welternährung 1/2010
Mehr Informationen zum Bioanbauprojekt in Sierra Leone
Weitere Informationen
Bildergalerie: Vom Setzling zur Bohne. Kakaoproduktion in Sierra Leone

