Tägliche Schießereien und Kampfhandlungen erschweren die Projektarbeit in Sri Lanka


Florian Landorff in Sri Lanka. © DWHH

Die Deutsche Welthungerhilfe ist seit den siebziger Jahren in Sri Lanka tätig. Seit 1992 arbeitet sie mit der srilankischen Nichtregierungsorganisation Sewalanka Foundation zusammen. Schwerpunkt der Arbeit sind Projekte zur Ernährungssicherung und der Reintegration von Bürgerkriegsflüchtlingen, die nach dem Waffenstillstandsabkommen von 2002 verstärkt wurden.

Welthungerhilfe-Mitarbeiter Florian Landorff kehrte jüngst zurück aus Sri Lanka und berichtet über die aktuelle Situation im Krisengebiet.

 

DWHH: Florian, die Kämpfe zwischen den Regierungstruppen und der Rebellenbewegung LTTE hatten im Herbst letzten Jahres einen traurigen Höhepunkt erreicht. Wie ist die Situation in den Kampfgebieten im Norden und Osten Sri Lankas momentan?

 


Florian Landorff. © DWHH
Florian: Leider haben die Kampfhandlungen nicht aufgehört. Täglich werden weitere Angriffe geflogen. Schießereien, Gefechte, Minenexplosionen – und es ist kein Ende in Sicht. Eher im Gegenteil. Denn wir beobachten ganz klar einen Aufrüstung seitens der Armee. Hunderte von Soldaten werden mit Bussen in die Kampfzonen gebracht. Ganze Panzerkonvois ziehen gen Norden. Es ist faktisch ein Bürgerkrieg, der da läuft. Und die Opferzahl auf Seiten der Zivilisten ist extrem hoch. Südlich von Trincomalee, eines unserer Projektgebiete, gibt es ein Flüchtlingscamp. Ein fehlgeleitete Infanteriebeschuss tötete mit einem Schlag 50 Menschen. Doch darüber schreibt die internationale Presse wenig. Das wäre wohl anders, wenn die Gebiete von Touristen besucht würden.

DWHH: Wie viele Menschen sind auf der Flucht?

Florian: Man schätzt, dass es in etwas 200.000 Menschen sind. Doch die Flüchtlingsströme fließen in alle Richtungen. Manche fliehen vor der Armee in LTTE-kontrollierte Gebiete. Andere fürchten sich vor der neuen paramilitärischen Gruppe, der Karuna Fraktion, eine Abspaltung der LTTE, die im Osten des Landes nun gegen die LTTE arbeitet. Vor allem tamilische Bevölkerungsgruppen verlassen ihre Heimat und ziehen per Boot von der Westküste Richtung Indien oder ins LTTE-kontrolliertes Wanni. Auch viele unserer lokalen Projektmitarbeiter sind bereits geflohen.

DWHH: Wie wirken sich die Kämpfe samt Flucht der Mitarbeiter auf unsere Projektarbeit aus?
 


Projektbesuch in
Trincomalee. © DWHH
Florian: Unsere Projektarbeit wird natürlich ganz stark von den täglichen Kampfhandlungen beeinflusst. Besonders in letzter Zeit ist es schwer für uns, ins Feld zu kommen. Erst kürzlich wurden unsere Projektstandorte in Trincomalee angegriffen. Noch haben wir keine Auskünfte über potenzielle Schäden. Allerdings rechnen wir mit erheblichen Verlusten. Wie es im Wanni aussieht, wissen wir auch nur beschränkt. Die Regierung gestattet internationalen Organisationen keinen Zutritt in das Gebiet. Selbst die UN und das Rote Kreuz haben Probleme dort reinzukommen. Und je schlimmer die Situation wird, desto größer ist die Fluktuation unserer lokalen Mitarbeiter. Zwar können sie gut mit dem Schutz der Welthungerhilfe arbeiten, wir geben ihnen eine gewisse Sicherheit. Doch die Angst ist oft mächtiger. Die Menschen zurückzuhalten, macht keinen Sinn. Erst geht die Familie, dann geht auch der Letzte. Sie verlassen ihr Haus, ihren Job, lassen alles zurück. Obwohl sie wissen, dass eine harte Zeit folgen wird und sich die Lebensbedingungen verschlechtern werden.

DWHH: Wie schützt ihr euch? Gibt es besondere Sicherheitsmaßnahmen für die Mitarbeiter?

Florian: In erster Linie arbeitet die Welthungerhilfe mit ihrer "Akzeptanzstrategie": Jeder weiß – und soll auch wissen – was wir machen. Wir sind transparent für alle. Die Bevölkerung, die Armee, die LTTE, alle kennen uns und wissen, wofür wir da sind. Dadurch haben wir relativ wenig Probleme. Es weiß auch jeder, dass wir mit unserer Partnerorganisation Sewalanka Foundation zusammenarbeiten. Das ist für uns der beste Schutz. Dann verfügen wir über ein sehr gutes Sicherheitsmanagement. Sobald es Schwierigkeiten in einem Gebiet gibt, werden wir per SMS und eMail benachrichtigt. An diesem Netzwerk sind alle vor Ort ansässigen internationalen Organisationen inklusive der UN beteiligt. Wir sind immer darauf vorbereitet, unter Umständen Tage oder auch Wochen an einem Ort bleiben zu müssen. Für den Notfall sind wir gerüstet.

DWHH: Hast du manchmal Angst?

Florian: Angst würde ich nicht sagen. Man lernt, sehr nüchtern mit den verschiedenen Situationen umzugehen. Du kommst ja immer wieder in heikle Situationen. Zum Beispiel an den Checkpoints kann es manchmal schwierig werden. Wenn die Soldaten nicht richtig ausgebildet oder schlecht gelaunt sind. Da muss man schon Haltung und Ruhe bewahren. Doch aufgrund unserer Erfahrung können wir die meisten Situationen gut einschätzen. Eine Verschlechterung zeichnet sich meistens schon früh ab. Und bevor es wirklich brenzlig wird, sind wir auch meistens schon weg. Auch dank unserer Frühwarnsysteme und unseres guten Sicherheitsplans.

 

(Stand: Januar 2007, das Gespräch führte Jutta Lohkamp, Online-Redakteurin der Welthungerhilfe)

Projekt der Welthungerhilfe in Sri Lanka

Detaillierte Karte von Sri Lanka

Die Projektgebiete in Sri Lanka liegen

- in Trincomalee an der Ostküste
- im Norden im Wanni (LTTE-Gebiet Kilinochchi und Mullaitivu Distrikte) sowie Jaffna (Regierungsgebiet): Zu diesen Gebieten gibt es im Moment keinen Zugang.
- im Regierungsgebiet südlich der LTTE-Grenze: Distrikte Vavuniya und Mannar

Weitere Informationen

Lage in Sri Lanka spitzt sich weiter zu - Aufruf an die Bundesregierung (04.08.2006)

"Krieg" in Sri Lanka (August 2006)

Weitere Angriffe im Osten Sri Lankas (Juli 2006)

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