Freiheit in Not: Eine Reportage aus dem Südsudan

"Ich habe Angst vor dem, was in den nächsten Monaten auf uns zukommt", erzählt Bulo Bol der Journalistin Bettina Rühl.
"Ich habe Angst vor dem, was in den nächsten Monaten auf uns zukommt", erzählt Bulo Bol der Journalistin Bettina Rühl.

Die Ältesten sitzen im Schatten eines Baumes, rund um die Gruppe drängen sich Männer und Frauen. Die Menschen leben im Südsudan in Nord Bahr al-Ghazal in einem Lager für Rückkehrer aus dem Norden. Ein Team der Welthungerhilfe ist gekommen, die Organisation hat Zeltplanen und Seile zum Befestigen, faltbare Wasserkanister und Tabletten zur Aufbereitung von Wasser, außerdem Buschmesser für mindestens 5000 Menschen. Nun geht es darum herauszufinden, wo die Not am größten ist, dann sollen die Hilfsgüter verteilt werden.

Garang Bulo Bol ist der Chef der rund 800 Familien, die seinen Angaben zufolge in dem Camp Mangar Akot leben. "Es gibt hier immer mehr Menschen, die hungern", erzählt der 47-Jährige. Sie alle seien am 7. Januar von Khartum aus aufgebrochen und drei Tage später hier angekommen. Kurz danach bekamen sie vom Welternährungsprogramm Lebensmittel für drei Monate - die übliche Ration für alle Rückkehrer, die offiziell registriert sind. Diese Lebensmittel sind seit langem verbraucht. Mit viel Glück können die Menschen im September zum ersten Mal ernten. Bis dahin muss jeder selbst sehen, wie er klar kommt.

Im neuen Dorf fehlt es an vielem: Obdach, Arbeit, Nahrung.
Im neuen Dorf fehlt es an vielem: Obdach, Arbeit, Nahrung.

"Vor allem um eine Familie macht sich jeder im Camp hier Sorgen", erzählt Bulo Bol. "Wir haben Angst, dass die Mutter und die Kinder vor Hunger sterben". Sie hätten oft mehrere Tage hintereinander gar nichts zu essen. "Seit uns das klar geworden ist, sammeln wir bei den anderen Bewohnern für sie." Jeder gibt was er kann, das ist wenig. Und diese Familie ist nicht die einzige, der es derart schlecht geht.

Der Chef sitzt mittlerweile in seiner Hütte, die neben dem Versammlungsbaum steht. In dem kleinen Haus aus Stroh stehen drei Betten, in einer Ecke türmen sich Koffer und Decken. Hinter den Ästen, die das Gestell der Hütte bilden, klemmen zwei Zahnbürsten und Zahnpasta, über einem Seil hängen ein paar Ersatzhemden und Hosen. Im Vergleich zu anderen hier hat Bulo Bol nicht wenig Besitz: Auf dem Dach der Hütte liegt bereits eine Zeltplane, ebenso wie auf dem zweiten Unterschlupf, den Bulo Bol für seine achtköpfige Familie gebaut hat. Eine wasserdichte Unterkunft ist lebenwichtig, denn die Regenzeit hat angefangen - wer dem Platzregen ständig ausgesetzt ist, wird noch schneller krank als andere. Bulo Bol hat Verwandte in der Gegend, die das Wenige, das sie selbst haben, teilen. Eine Bürde, die auch seine Familie nicht lange tragen kann, ohne selbst in Not zu geraten.

"Das ist sie", sagt Buol Bol wenig später, als er vor der Hütte von Nyiall Atiell Choul steht: Die Mutter der Familie, um die sich alle hier sorgen. Sie ist noch jung, vielleicht Mitte 20, und so schmal wie ein Kind. Noch während die Begrüßungen ausgetauscht werden, setzt sie sich auf den sandigen Boden, offensichtlich zum Stehen zu schwach. Während die Nachbarn neugierig dazu kommen und jeder etwas zu sagen hat, sitzt Atiell Choul still in der Ecke. Ihre Kinder, fünf und drei Jahre alt, gesellen sich zu ihr auf den Boden. Die beiden wirken kräftiger, ihre Mutter scheint ihnen das Wenige zu geben, was sie selbst bekommt. Eine Henne läuft mit ihren Küken durch die Hütte - sie gehören Nachbarn und suchen hier nur nach Futter.

Die wenigen Nahrungsmittel werden mit denen geteilt, die gar nichts haben.
Die wenigen Nahrungsmittel werden mit denen geteilt, die gar nichts haben.

Atiell Choul möchte weg aus dem Lager Mangar Akot, weg aus Bahr el Ghazal. Sie hätte Khartum am liebsten gar nicht erst verlassen. "Dort war Essen nie ein Problem", sagt sie. Weil ihr Schwager, mit dem sie zusammen lebten, Arbeit hatte und das Essen mit ihnen teilte. Er sei mit in den Süden gekommen, aber hier im Camp sei er genauso mittellos wie sie selbst. "Hier kämpfen wir alle, keiner hat was." Ja, sagt sie, sie habe Angst vor der Zukunft, große Angst sogar. "Vor dem Hunger. Und wenn man schon so krank ist wie ich, kann man nichts mehr machen."

Auch Bulo Bul ist voller Sorge. "Ich habe Angst vor dem, was in den nächsten Monaten auf uns zukommt." Weil er ihr Chef sei, kämen die Menschen mit allen ihren offenen Frage zu ihm. "Sie fragen: 'Wie sollen wir hier überleben?' Und ich kann ihnen nichts anderes sagen als: habt Geduld."

Ein Beitrag von Bettina Rühl, freie Journalistin in Ostafrika

Euro

Letzte Änderung an dieser Seite: 08.07.2011

Bucay Deng arbeitet mit der Welthungerhilfe im Südsudan und berichtet zu den aktuellen Entwicklungen in unserer Online-Community 123WIR.org.
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