Welthungerhilfe-Mitarbeiter Sven Werner:
Arbeiten und leben in Äthiopien
Von Jutta Lohkamp

Welthungerhilfe-Mitarbeiter Sven Werner (40) im
Projektgebiet Ziway-Dugda, Äthiopien. © Lohkamp
"Ist das nicht eine traumhafte Gegend?" Sven Werner schaut aus dem Fenster des Geländewagens der Welthungerhilfe. Sein Blick schweift über die grüne Landschaft und bleibt beim fast 3.000 Meter hohen Mount Zukawala haften, einem jungen Vulkan in der Nähe von Dukem. "Wenn du oben am Kraterrand stehst und das Wetter ist klar, kannst du bis zu den Intoto-Bergen nördlich von Addis sehen", schwärmt der Welthungerhilfe-Mitarbeiter. Wir fahren auf der asphaltierten Straße von Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba kilometerweit in Richtung Ziway-Dugda in die Oromiya Region.

Sven überprüft den
Fortschritt beim
Brunnenbau. © LohkampProjektarbeit in der Tiefebene
Dort, mitten im Tiefland des Rift Valley, führt die Welthungerhilfe gemeinsam mit ihrer Partnerorganisation OSHO (Oromo Self-Help Organization) mehrere Projekte zur Verbesserung der Ernährungssicherheit durch. Brunnenbau, Boden – und Wasserschutzmaßnahmen, Ausbau der Infrastruktur, Bau von Schulen - nur einige Maßnahmen mit denen die beiden Organisationen versuchen, die Anfälligkeit der Region bei Dürren zu reduzieren und in den Griff zu bekommen. Die Menschen sollen langfristig in der Lage sein, sich eigenständig zu versorgen und einen Weg aus der Abhängigkeit von Entwicklungshilfe zu finden.

Sven mit Mitarbeitern
von OSHO. © Lohkamp Traum vom Ausland
Seit Mitte 2006 arbeitet Sven als Projekt Advisor für die Welthungerhilfe in Äthiopien. "Ich wollte immer schon Entwicklungshelfer werden. Doch private Verpflichtungen haben mich lange Zeit daran gehindert," sagt der gebürtige Halberstadter. Als seine kinderlose Ehe vor ein paar Jahren zerbrach und er sein Architekturbüro aufgab, zögerte der studierte Bauingenieur nicht lange. 2003 ging er dann zum ersten Mal ins Ausland. "Natürlich musste ich mich erst mal an die neue Situation gewöhnen, aber das ging schnell. Und ich habe sofort gewusst, dass ich mich richtig entschieden habe."

"Darf ich vorstellen,
meine Villa", witzelt Sven.
© Lohkamp"Einfachste Mittel reichen aus"
Sven lädt mich zu sich nach Hause ein. Der 40-Jährige wohnt als Untermieter bei einer äthiopischen Familie, unweit des Welthungerhilfe-Büros und mitten im Projektgebiet. Durch ein rostiges Gartentor gelangen wir in sein "Reich"– und in der Tat, die sattgrünen sowie bunten, hochgewachsenen Pflanzen, die sein kleines Häuschen dschungelartig umrahmen, versetzen mich kurzeitig in eine tropische Stimmung. "Nee, nee, der Schein trügt." Sven befreit mich schnell aus meiner Illusion. "Wenn´s hier erst mal über Monate richtig heiß ist, wird aus dem Grün ein trockenes, splissiges Gelb."
Sein Zimmer ist spärlich eingerichtet: Als Bett dient ihm eine Isomatte mit Moskito-Dom. Davor ein Teppichläufer. Zwei Holzstühle, ein Tisch, ein kleines Rattanregal. Sven braucht nicht viel. "Hier habe ich gelernt, dass einfachste Mittel zum Leben ausreichen. Und man kann trotzdem zufrieden sein."

Kontrollbesuch: Wird hier
auch fleißig gearbeitet?
© Lohkamp Tagesablauf eines Entwicklungshelfers
Später beim Mittagessen - es gibt das traditionelle Injera, eine Art Brot aus der Getreideart Tef – frage ich Sven nach seinem typischen Tagesablauf. "Meistens stehe ich so gegen halb sieben auf und bin dann um sieben, halb acht im Büro. Oft fahre ich raus in die Projekte, informiere mich über den Stand des Brunnenbaus, werfe einen Blick in die Schulen, kontrolliere die Bewässerungsanlagen und die Saatgutbanken. Ich erkundige mich bei unseren Mitarbeitern und frage nach dem Stand der Dinge, gebe Verbesserungsvorschläge und so weiter. Es gibt immer viel zu tun." Abends warten meistens noch Schreibarbeiten auf ihn. Oft gibt es keinen Strom. Dann fangen die Generatoren an zu rattern und spätes Arbeiten am Computer wird so noch möglich.

Gemeinschaftliches Essen
nach getaner Arbeit.
© LohkampInteressierte Gesellschaft
Manchmal kehrt Sven auf seinem Nachhauseweg noch zum Essen ein. Dort findet er ein bisschen Gesellschaft, unterhält sich mit den Einheimischen. "Ganz klar, dass ich hier bekannt bin wie ein bunter bzw. weißer Hund", lacht der Blondschopf. "Hier hin verirrt sich ja selten ein Tourist. Aber das ist ok. Die Menschen mögen und respektieren mich. Sie interessieren sich sehr für das Land, aus dem ich komme. Stellen mir die verschiedensten Fragen. Auch wenn manche von ihnen gar nicht so genau wissen, wo Europa bzw. Deutschland überhaupt liegt. Aber ich bin halt anders und sehe anders aus, das finden die stolzen Äthiopier höchst interessant."

Sven im Büro mit
äthiopischer "Kaffee-
maschine". © LohkampLebenswertes Leben
Ich frage Sven, wie lange er sich diesen Job noch vorstellen kann. "So lange es gesundheitlich geht", antwortet er spontan. "Ich habe das umgesetzt, was mir Spaß macht und was das Leben für mich lebenswert macht. Ich wollte nie irgendwann mal auf dem Sterbebett liegen und mir sagen müssen: Du hast Dein Leben nur so dahingelebt." Dabei spielt für ihn keine Rolle, in welchem Land er eingesetzt wird. "Wenn man sich festlegt, nimmt man sich zu viele Möglichkeiten," sagt er. "Für mich ist es wichtig, dass ich überhaupt helfen kann."
(Stand: Januar 2007)
Die Autorin
Jutta Lohkamp, Online-Redakteurin der Welthungerhilfe, besuchte Äthiopien im Dezember 2006.
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