Unerträglich teuer
Arme Bauern in Tadschikistan zehren ohnehin von der Substanz. Noch höhere Lebensmittelpreise bedeuten Hunger
Das Interview führte Elke Bieber, freie Journalistin in Troisdorf

- Manuchehr Rakhmatdzhonov arbeitet für die Welthungerhilfe in Dushanbe.
Interview mit unserem tadschikischen Mitarbeiter Manuchehr Rakhmatdzhonov. Er ist ausgebildeter Tiermediziner und Agrarwissenschaftler. Seine Arbeitsschwerpunkte sind ländliche Entwicklung, Ernährungssicherheit und das Management natürlicher Ressourcen. Seit März 2011 ist er für die Welthungerhilfe in Duschanbe tätig, wo er, unter anderem mithilfe von Geoinformationssystemen die Projektgebiete der Welthungerhilfe kartografiert.
Im Februar 2011 erreichten die Lebensmittelpreise weltweit ein historisches Hoch. Vor allem die hohen Weizenpreise schlugen hart auf den tadschikischen Markt durch. Warum?
Manuchehr Rakhmatdzhonov: Tadschikistan ist sehr importabhängig. Pro Jahr braucht die Bevölkerung circa 1,5 Millionen Tonnen Weizen. Nur rund 600.000 Tonnen werden in Tadschikistan produziert. Der Rest stammt zu rund 80 Prozent aus Kasachstan und bis zu 20 Prozent aus Russland. Der Weizenpreis stieg scharf an, als diese beiden Staaten schon 2010 die Ausfuhr von Weizen und Mehl quotierten. Im Januar hoben sie die strengen Ausfuhrbedingungen auf. Doch dann kamen die hohen Weltmarktpreise.

- Die wenige Ernte muss oft sofort verkauft werden.
Welche weiteren Faktoren spielen eine Rolle?
Manuchehr Rakhmatdzhonov: Hohe Preise für Öl und Benzin aus Russland wirken sich seit Anfang 2011 auf die Lebensmittelpreise aus. Tadschikistan hat nie so richtig versucht, seine Energieabhängigkeit von Russland zu verringern. Die Lebensmittelproduktion hat sehr viel mit der Verfügbarkeit von Kraftstoff zu tun. Seit Mai fordert die russische Regierung höhere Tarife für Öl und helle Ölprodukte. Experten sehen das als große Gefahr.
Unsere Regierung versucht, die Tariferhöhung rückgängig zu machen und Importalternativen zu finden – etwa aus Turkmenistan, Kasachstan, Aserbaidschan und der Ukraine. Von Jahresbeginn bis August ist der Preis für einen Liter Benzin um 46 Prozent gestiegen. Während des Ramadans gingen die Lebensmittelpreise um zehn bis 50 Prozent nach oben. In diesem heiligen Monat legen Muslime Wert auf gute Mahlzeiten nach dem allabendlichen Fastenbrechen, sodass die Nachfrage nach Lebensmitteln zunimmt. Händler profitieren davon, und die Spekulationen der Zwischenhändler erreichen ihren Höhepunkt.
Auch die Preise für Importweizen und -mehl werden wahrscheinlich durch Monopolisten und Absprachen vor Ort beeinflusst. Wenige mächtige Unternehmen sind beispielsweise im Lebensmittelgroßhandel tätig. Die meiste Importware, mit der diese handeln, geht gar nicht durch den Zoll. Offizielle Zahlen dazu gibt es aber nicht. Zudem haben lokale FAO-Mitarbeiter Preisabsprachen auf regionalen Märkten beobachtet. Außerdem sind die Transportwege in diesem bergigen Land sehr limitiert. Wichtige Straßen sind im Winter oft versperrt. Das verteuert Waren in den entlegenen Orten.

- Auch Gewürze unterliegen den hohen und unberechenbaren Preisen. © Ohlenbostel
Weizen nimmt in Tadschikistan einen Großteil der Agrarfläche ein. Warum profitieren die Bauern nicht vom hohen Weizenpreis?
Manuchehr Rakhmatdzhonov: Das stimmt. Die Regierung dehnt jedes Jahr die Anbauflächen aus, allein 2011 um 224 000 Hektar. Aber das Produktionsvolumen hat sich nicht so stark entwickelt. Von 2001 bis 2011 stieg die Ernte von 387 000 auf 500 000 Tonnen. Zum Vergleich: In Usbekistan stieg sie von 3,4 Millionen auf 6,5 Millionen Tonnen. Die Anbauflächen umfassen bei uns meist nur einen bis drei Hektar. Die Bauern sind Nettoverbraucher. Zugleich liegen die Produktionskosten manchmal zu hoch. Stattdessen ist es dann sinnvoll, die profitablere Baumwolle anzubauen und das Importmehl auf dem Markt einzukaufen.
Wie versuchen arme Familien, mit der Lage zurechtzukommen?
Manuchehr Rakhmatdzhonov: Sie essen die Saatgutvorräte, verkaufen ihre Tiere, nutzen selbst gemachte Alternativen und mischen billigere Zutaten in das Brot. Häufig werden die Portionen für die Erwachsenen reduziert und weniger Fleisch und Milchprodukte gekauft. Leute verkaufen ihren Schmuck oder leihen sich Geld. Um diese Schulden zu tilgen, wandern die Männer oder auch Frauen nach Russland ab. Oft entfallen bis zu 80 Prozent der Ausgaben auf Lebensmittel. Dass das Leben hier so teuer geworden ist, ist ein Argument, für immer dorthin zu gehen. Gerade arme und junge Familien aus Nordtadschikistan treffen diese Entscheidung.

- Tadschikistans raue, schöne Landschaft. © Irrgang
Wie kann Tadschikistan seine Importabhängigkeit mindern?
Manuchehr Rakhmatdzhonov: Präsident Emomali Rahmon versucht, durch Ansprachen die Nation zu mehr Eigenproduktion zu motivieren. Im August rief er dazu auf, sich als mittelfristige Strategie gegen den Hunger die Vorräte für die nächsten zwei Jahre zu sichern. Aber er machte keinen Vorschlag, wie die Armen dies bei einem Durchschnittseinkommen von 105 US-Dollar pro Monat schaffen sollen. Zudem sind die neuen Straßen wichtig, zum Beispiel Handelsstraßen zu Nachbarn wie China, Pakistan, Iran und Kasachstan.
Was erschwert es Landwirten, Überschüsse zu erzielen?
Manuchehr Rakhmatdzhonov: Am schlimmsten ist die Trockenheit. Allein deshalb haben dieses Jahr die Bauern bis zu 40 Prozent der Ernte verloren. Außerdem ist in den Regenfeldbauzonen, wo die Kleinbauern meist ihr Getreide anbauen, die Bodenqualität schlecht. Gutes Saatgut und Pflanzenschutz können sich viele nicht leisten. Pflanzenschädlinge, Unkraut, Pilzkrankheiten sind sehr verbreitet. Von Mai bis Juni wurden im Süden durch Heuschreckeninvasionen Felder von schätzungsweise 80 000 bis 150 000 Hektar zerstört. Bei Kleinbauern fehlen oft Know-how und Agrotechnologie. Viele verkaufen kurz nach der Ernte das Gros ihres Weizens, um ihre Schulden zu begleichen, neues Saatgut und vielleicht Agrochemikalien wie Dünger anzuschaffen. Die Familien brauchen dann Geld, um die Kinder zur Schule zu schicken. So verkaufen sie die Ernte zu einem ungünstigen Zeitpunkt, statt sie zu lagern und später anzubieten.
In Tadschikistan bedeuten die Monate Februar bis Juni, wenn die Weizenvorräte aufgebraucht sind, aber die neue Ernte noch aussteht, oft Mangelernährung oder Hunger. Wie war es in diesem Jahr?
Manuchehr Rakhmatdzhonov: Die Trockenheit und der hohe Dieselpreis haben die Bauern hart getroffen. Beides hat sich sehr negativ auf die Lage der Armen ausgewirkt. Der Hunger hat die Leute zur Arbeitsmigration nach Russland gezwungen. Viele Arbeitsfähige sind auf der Suche nach einem besseren Leben in die Großstädte abgewandert.
Weitere Informationen
Blogbeitrag von Bärbel Dieckmann: Spekulationen auf Kosten der Hungernden
Der Kampf um das tägliche Brot: Ernährungsprojekte in Tadschikistan
FAQs zum Welthunger-Index 2011
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Marktstand-Aktion in Berlin: Preistreiber des Hunger
Welternährung, 3. Quartal 2011
Karten und Graphiken
Welthunger-Index 2011 nach Schweregrad in den einzelnen Ländern
Gewinner und Verlierer für den WHI 2011 im Vergleich zum WHI 1990
Inflationsbereinigte Preise von Agrargütern und Öl, 1990 - 2011 (wöchentliche Werte)
Schlüsselfaktoren für den Anstieg der Agrarpreise und für die Preisvolatilität
Unterrichtsmaterial
Oberstufe und Erwachsenenbildung: Die Nahrungsmittelpreise in den Griff bekommen
Presse
Pressemitteilung Welthunger-Index 2011
