Folgen der Krise oder folgende Krise?

Entwicklungs- und Schwellenländer trifft die Wirtschaftskrise hart – was fehlt, sind Regeln für die Zukunft

Von Reinhold E. Thiel

 

Finanzkrise: Entwicklungsländer leiden am meisten. © pixelio/Altmann
Finanzkrise: Entwicklungsländer leiden am
meisten. © pixelio/Altmann
Wenn es eine Wirtschaftskrise gibt, leiden die Armen am meisten. Die Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern sind die eigentlichen Opfer des verfehlten Wirtschaftssystems, das sich in den Industrieländern breitgemacht hat. Die von ihnen produzierten Rohstoffe werden von den Industrieländern weniger nachgefragt – die Einnahmen sinken. Die Fertigprodukte, die vor allem aus den Schwellenländern kommen, finden weniger Käufer – die Hersteller entlassen ihre Arbeiter. 50 Millionen Menschen hat dieses Schicksal bereits ereilt, so schätzt die Internationale Arbeitsorganisation, davon 20 Millionen allein in China.

Das ist nicht alles, es fehlt auch das Kapital, das bisher aus dem Norden kam und in Entwicklungs- und Schwellenländern investiert wurde. Was schon jetzt sinkt, sind die Überweisungen, die Emigranten aus den Industrieländern in ihre Heimatländer schicken. Sie sind diejenigen, die hier zuerst arbeitslos werden, und so können sie ihre Familien zu Hause nicht mehr unterstützen. Und schließlich: Mit der versprochenen Steigerung der Entwicklungshilfe wird nicht mehr zu rechnen sein – welcher Finanzminister würde dafür seinen Tresor öffnen, wenn er Probleme genug zu Hause hat? Dass auch die Börsenkurse in den Entwicklungs- und Schwellenländern rapide sinken, braucht gar nicht erst erwähnt zu werden, hier wirken die gleichen Kräfte wie überall in der Welt.

 

Preise für Kakaobohnen und andere Rohstoffe sinken. © Desmarowitz
Preise für Kakaobohnen und
andere Rohstoffe sinken.
© Desmarowitz
Was geschehen muss

Einerseits müssen Maßnahmen getroffen werden, um die uns heute treffenden Wirkungen der Krise aufzufangen oder doch zu mildern, und andererseits muss ein neues Regelsystem für die Weltfinanzmärkte konstruiert werden, damit in der Zukunft eine ähnliche Krise nicht wieder auftreten kann. Wenn wir uns umsehen, sind die Zeitungen voll von Maßnahmen zum ersten Punkt: Hunderte Milliarden US-Dollar/Euro/Yen werden ausgegeben, um die Wirtschaft in Gang zu halten und Arbeitsplätze zu sichern. Aber dass der zweite Punkt der wichtigere ist, scheint nur wenigen bewusst: Die Selbstherrlichkeit der Finanzmarktakteure muss gestoppt werden.

 

Forderungen an ein künftiges Weltfinanzsystem

Der ehemalige Bundekanzler Helmut Schmidt hat in einem Artikel in der ZEIT in einer Botschaft an die Staatslenker und die Chefs der Weltfinanzorganisationen sechs Forderungen für ein künftiges Weltfinanzsystem formuliert: 1.) Finanzaufsicht für alle Finanzinstitute (nicht nur die Banken), 2.) strenge und restriktive Eigenkapitalvorschriften, 3.) keine Geschäfte, die nicht in der Bilanz auftauchen, 4.) nur Finanzinstrumente, die von einem Finanz-TÜV zugelassen sind, 5.) es darf keine Leerverkäufe geben, also keine Spekulation auf künftige Preise, 6.) Geschäfte mit Firmen, die in Steuer- und Aufsichtsoasen sitzen, müssen unter Strafe gestellt werden.

 

Die eigentliche Ursache der Krise ist die Geldschwemme. Schmidts Forderungen, jedenfalls die meisten, sind darauf gerichtet, diese Geldschwemme einzudämmen. Aber er nennt sie nicht beim Namen. Deshalb soll hier eine Forderung hinzugefügt werden, die eigentlich den seinen zugrunde liegt: Es darf durch das System der Geschäftsbanken und Zentralbanken nicht mehr Geld geschaffen werden, als für das Funktionieren der Realwirtschaft erforderlich ist. Auch dürfen keine finanziellen Anreize zugesagt werden, die ein Geschäftsgebaren belohnen, das dem Kunden oder der Gesamtwirtschaft schaden kann.

 


Baumwollernte in Burkina
Faso. © Grossmann
Regeln zugunsten der Schwellen- und Entwicklungsländer

Bleibt die Frage, ob in eine neue Finanzmarktarchitektur auch Regeln eingebaut werden können, die den Entwicklungs- und Schwellenländern helfen. Bisher wurden mit Auslandsinvestitionen (FDA) häufig kapitalintensiv arbeitende Unternehmen aufgebaut, die mehr Arbeitsplätze in kleineren Unternehmen vernichteten als neue schufen. Es käme also darauf an, für FDA dezidiert entwicklungsfördernde Anreize zu schaffen. Den Investoren müssten Prämien dafür in Aussicht gestellt werden, dass sie möglichst viele Arbeitsplätze schaffen, dass sie einheimische Vorprodukte verwenden, dass sie sich mit ihrer Produktion am Anfang und am Ende in einheimische Produktionsketten eingliedern oder sie initiieren. Solche Anreize würden zwar der Ideologie des freien Unternehmertums widersprechen, aber die einheimische Entwicklung fördern. Und das ist ja schließlich das Ziel.

Den vollständigen Artikel finden Sie in der Zeitung Welternährung I/2009 hier zum Download

 

Letzte Änderung an dieser Seite: 14.04.2009
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