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05.11.2025 | Blog

Klimagerechtigkeit beginnt auf dem Teller

Das Recht auf Nahrung muss ein zentraler Pfeiler der COP30 sein

Rund ein Dutzend Männer bei der Feldarbeit unter Aufsicht eines Trainers
Landwirtschaftliche Schulung für Bauern in Pakistan. Das Land ist unverhältnismäßig stark vom Klimawandel betroffen und wird regelmäßig von verheerenden Überschwemmungen heimgesucht, die Ernten zerstören und Menschen zur Flucht zwingen. © Bashir/Welthungerhilfe

Im Amazonasgebiet Brasiliens stehen mit der COP30 in Belém Klimaverhandlungen an, die die internationale Klimapolitik näher an die Lebensrealität der Menschen bringen soll. Die brasilianische Präsidentschaft hat sich dabei viel vorgenommen: Sie will den Multilateralismus stärken, die Umsetzung des Pariser Abkommens beschleunigen und die zentrale Rolle von Wäldern sowie die Bedeutung der Transformation von Ernährungssystemen hervorheben – als Schlüssel zur Erreichung der Klimaziele und zur Überwindung von Hunger und Armut. Doch wird das endlich zu mehr Klimagerechtigkeit führen?

Die internationale Klimapolitik ist weiterhin nicht auf Kurs

Dunja Krause Senior Policy Advisor

Die weltweiten Bemühungen im Klimaschutz bleiben weit hinter dem zurück, was nötig wäre, um die sich beschleunigende Klimakrise einzudämmen. Verschobene Prioritäten, geopolitische Spannungen und fehlende Ambitionen insbesondere der Länder, die am meisten Treibhausgase ausstoßen, verschärfen die Situation. Viele Länder haben ihre national festgelegten Beiträge (NDCs) nicht wie vorgesehen aktualisiert, einige leugnen sogar den Klimawandel oder lehnen jegliche Klimapolitik vollständig ab.

Vor diesem Hintergrund sind die brasilianischen Schwerpunkte für die COP30 – insbesondere die Themen Ernährung, Landwirtschaft und Anpassungsfinanzierung – zu begrüßen. Allein die Finanzierungslücke für Anpassungsmaßnahmen ist enorm: Der Bedarf im globalen Süden bis 2035 ist mindestens zwölfmal so hoch wie die derzeitigen internationalen öffentlichen Mittel. Doch Anpassung alleine reicht nicht aus. Ohne drastische Emissionsreduktionen bleibt sie begrenzt wirksam. Nur wenn wir Systeme auf integrierte Weise transformieren, können wir Erfolg haben –Ernährungssysteme sind dafür ein entscheidender Ausgangspunkt.

Ernährungssysteme sind für Klimagerechtigkeit zentral

Die Transformation von Agrar- und Ernährungssystemen muss eng mit Klimastrategien verknüpft werden, denn der Sektor verursacht rund ein Drittel der globalen Treibhausgasemissionen und ist gleichzeitig besonders stark von Klimarisiken betroffen.

Überschwemmungen, Dürren, Hitzewellen - Klimaextreme nehmen zu. Die Klimakrise ist spürbar - mit fatalen Auswirkungen auf die Ernährungslage.

Extremwetterereignisse, schwache Regierungsführung, Konflikte und Störungen in globalen Nahrungsmittelketten führen schon heute zu Hunger und Vertreibung. Rund 673 Millionen Menschen sind unterernährt. Hunger, Armut und Ernährungsunsicherheit erhöhen wiederum die Verwundbarkeit gegenüber Klimaveränderungen – ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt, um Risiken zu verringern und Resilienz zu steigern.

Der Agrar- und Ernährungssektor bietet enormes Potenzial für klimafreundliche Innovationen, Kohlenstoffbindung und Emissionseinsparungen. Gleichzeitig beschäftigt er fast 40 Prozent der globalen Erwerbsbevölkerung und ist damit ein zentraler Hebel für einen gerechten Übergang zu einer emissionsarmen Weltwirtschaft. Für viele Länder des globalen Südens bilden Agar- und Ernährungssysteme das sozioökonomische Rückgrat. Die Anpassung der Landwirtschaft ist daher unerlässlich, um das Wohlergehen und den Wohlstand in diesen Ländern zu sichern.

Der globale Norden muss seiner Verantwortung gerecht werden und die Finanzierungslücke für Anpassung schließen

In vielen Ländern des globalen Südens ist Anpassung längst keine Option mehr, sondern eine Frage des Überlebens, die dringend politische und finanzielle Unterstützung aus dem globalen Norden erfordert.

Mann zeigt Fotos von Überflutungen auf seinem Smartphone, Nahaufnahme von Bildschirm.
Pakistan gehört zu den am stärksten durch den Klimawandel betroffenen Staaten der Welt. Überschwemmungen fordern immer wieder Todesopfer und zerstören die Lebensgrundlagen für Millionen Menschen. © Bashir/Welthungerhilfe

Ein Beispiel ist Pakistan, eines der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder. Laut WorldRiskReport gehört es zu den fünf Staaten, die weltweit am meisten von Überschwemmungen gefährdet sind. Die verheerenden Fluten im September forderten über 1.000 Todesopfer, vertrieben 3,5 Millionen Menschen und zerstörten eine Millionen Hektar Ackerland – die Hälfte der Reis- und über die Hälfte der Baumwoll- und Maisernte gingen verloren. Neben Anpassung braucht es daher auch wirksame Katastrophenvorsorge, um Resilienz zu stärken und zu verhindern, dass Extremereignisse Entwicklungsfortschritte zunichtemachen und Armut und Ernährungsunsicherheit verschärfen.

Im September haben afrikanische Staats- und Regierungschefs eine klare Botschaft an die Weltgemeinschaft gesendet: Der Kontinent will nicht länger Opfer sein, sondern ist bereit, eine führende Rolle in der internationalen Klimapolitik zu übernehmen. Doch dafür muss auch die internationale Gemeinschaft ihrer Verantwortung nachkommen und die Finanzierungslücke schließen. Afrika, Heimat von 1,5 Milliarden Menschen, trägt weniger als vier Prozent zu den globalen Emissionen bei, erwärmt sich jedoch schneller als der globale Durchschnitt. Schon heute vernichten Dürren, Überschwemmungen und Stürme Ernten in Regionen, die ohnehin schon unter Ernährungsunsicherheit und Unterernährung leiden (siehe WHI 2025), was oft akute Nahrungsmittelkrisen auslöst und Millionen Menschen an den Rand einer Hungersnot treibt. Unterdessen erreichen nur etwa 3,3 Prozent der weltweiten Klimafinanzierungsströme Afrika und die vulnerabelsten Länder bleiben stark unterfinanziert.

Lokal geführte, konfliktsensible Klimaschutzmaßnahmen sind der Schlüssel zu nachhaltigen Lösungen

Die Erklärung von Addis Abeba fordert globale Klimagerechtigkeit und greift zentrale Anliegen der Zivilgesellschaft auf: lokal geführte, konfliktsensible und fair finanzierte Klimaschutzmaßnahmen. Zudem verpflichtet sie sich, Ernährungssysteme durch einheimische Lösungen widerstandsfähiger zu machen und kleinbäuerliche Betriebe – insbesondere jene, die von Frauen und Jugendlichen geführt werden – durch verbesserten Zugang zu klimaresistentem Saatgut, Bewässerung, Versicherungen, Informationen und kostengünstigen Technologien zu unterstützen. Ob diese Ankündigungen Bestand haben, hängt unter anderem davon ab, ob die Ziele auch in den internationalen Verhandlungen in konkrete Ressourcen und Ergebnisse umgewandelt werden können.

Das Klima verändert sich, und wir müssen lernen, damit zu leben.

Klimaschutz und Klimafinanzierung sind keine Frage der Moral oder Wohltätigkeit – sie sind eine Frage des kollektiven Interesses und Staaten haben eine rechtliche Verpflichtung, gegen den Klimawandel vorzugehen (Gutachten des Internationalen Gerichtshofs, 23. Juli 2025). Wir wissen um die doppelte Ungerechtigkeit, dass diejenigen, die am wenigsten für die Klimakrise verantwortlich sind, am stärksten von ihren Auswirkungen betroffen sind. Gleichzeitig verfügen sie über die geringsten Ressourcen, um mit den Folgen umzugehen und sich anzupassen. Wir müssen verhindern, dass sich daraus eine dreifache Ungerechtigkeit entwickelt, bei der unzureichende globale Lösungen zu noch tieferen Ungleichheiten und Marginalisierung führen.

Deshalb müssen Klimaschutzmaßnahmen lokal gesteuert, fair finanziert und konfliktsensibel sein. Die COP30 muss Lösungen fördern, die auf dem Recht auf Nahrung basieren und lokal gesteuert und die Menschen in den Mittelpunkt stellen.

Wir fordern die Mitgliedstaaten auf:

1. Die Finanzierungslücke für Anpassung zu schließen

Transparente, vorhersehbare und flexible Zuschüsse müssen die Finanzierungslücke für Anpassung schließen, Verluste und Schäden abfedern und diejenigen erreichen, die am dringendsten Hilfe benötigen. Fragile und konfliktbetroffene Gebiete sind allzu oft außen vor, obwohl die Klimarisiken dort am größten sind. Die Finanzierung von lokal gesteuerter Anpassung und Resilienz von Ernährungssystemen schützt Leben, fördert Gerechtigkeit und sichert das Recht auf angemessene Nahrung.

Trotz knapper Budgets darf es keine Rückschritte bei bestehenden Verpflichtungen geben. Öffentliche Mittel müssen weiterhin im Zentrum stehen und zuschussbasierte Mechanismen ohne neue Schuldenlast müssen Vorrang haben.

2. Lokal geführte, konfliktsensible und inklusive Anpassung priorisieren

Der Klimawandel steht in Wechselwirkung mit Armut, Ungleichheit und schwacher Regierungsführung, was zu einem Teufelskreis der Verwundbarkeit führen kann. Ein konfliktsensibler Ansatz bedeutet, diese Zusammenhänge mitzudenken: Katastrophenvorsorge, vorausschauendes Handeln und Wiederaufbau müssen in die Anpassungsplanung integriert werden.

Nur wenn Anpassung mit Friedensförderung und sozialer Sicherung in Einklang gebracht wird und die Machtverhältnisse derart verschoben werden, dass lokale Akteure als gleichberechtigte Partner einbezogen werden, können Gesellschaften so gestaltet werden, dass sie nicht nur klimaresilienter, sondern auch gerechter, sicherer und kohäsiver sind.

Unser Appell an Deutschland und die EU:

Deutschland und die EU müssen auf der COP30 in Belém Führungsverantwortung übernehmen – mit ehrgeizigen nationalen Klimaschutzmaßnahmen und verstärkter internationaler Unterstützung.

Um glaubwürdige Partner zu bleiben, braucht es konsistente Politik, die sicherstellt, dass globale Klimaschutzmaßnahmen fair, inklusiv und gerecht sind. Dies kann nur gelingen, wenn Emissionen auf nationaler Ebene schnell reduziert, Subventionen für fossile Brennstoffe beendet und ein gerechter Übergang zu nachhaltigen Ernährungs- und Energiesystemen vorangetrieben werden. 

Um das Vertrauen in den Multilateralismus wiederherzustellen, sollten Deutschland und die EU ihr Engagement für öffentliche Klimafinanzierung bekräftigen und signalisieren, dass Klimagerechtigkeit nicht verhandelbar ist. Konkret bedeutet das für Deutschland, den Haushaltsentwurf 2026 zu überarbeiten, um die zugesagten sechs Milliarden Euro jährlich tatsächlich bereitzustellen sowie ein neues Ziel für 2030 zu formulieren, das sich am tatsächlichen Bedarf orientiert und damit deutlich höher ausfällt.

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