Tradition und Unternehmergeist: Ein Seifenbetrieb im Wandel
Der Unternehmer Rami Mokaddem hält in Tripoli ein traditionsreiches Seifenhandwerk am Leben. Mit gezielter Unterstützung gelingt es ihm, seinen Familienbetrieb inmitten der wirtschaftlichen Krise des Libanon weiterzuentwickeln.
Versteckt in einem Wohnviertel in Tripoli, Libanon, führt ein einfaches Stahltor zu einer Werkstatt. Hier stellen Rami Mokaddem und sein Team die nächste Ladung Misk-Seifen her. Sie setzen damit eine Handwerkskunst fort, die in Tripoli seit Generationen besteht und im ganzen Land sowie weltweit vertrieben wird.
Tripoli blickt auf mehr als 3.000 Jahre Geschichte zurück. Überall finden sich Spuren der Imperien, die einst die Stadt prägten: phönizische Händler, persische Gouverneure, hellenistische Könige, römische Legionen, byzantinische Kleriker, arabische Dynastien, Kreuzritter, Mameluken, Ottomane und schließlich das französische Mandat. Einst eine Mamlukenhochburg und später ein bedeutender Mittelmeerhafen, bewahrt die Stadt am Fuße des Libanongebirges noch immer den Glanz ihrer Vergangenheit. Heute jedoch steht Tripoli, das wirtschaftliche, kulturelle und administrative Zentrum des Nordlibanons, unter dem Druck tiefgreifender wirtschaftlicher Krisen.
Hochwertige Seifen mit Tradition
Seit über tausend Jahren ist Tripoli für seine Seife bekannt. Olivenhaine im nahegelegenen Akkar lieferten die Grundlage für fein abgestimmte Rezepte auf Olivenölbasis. Kein Wunder, dass Tripoli auch „Seifenhauptstadt des Libanon“ genannt wird. Die Tradition lebt bis heute fort: Seife aus Tripoli gilt im In- und Ausland als hochwertiges Handwerksprodukt.
Rami Mokaddem, stolzer Hersteller und Geschäftsinhaber, setzt die Familientradition in dritter Generation fort. Sein Betrieb, seit 1940 in Tripoli ansässig, trägt den Namen Misk Soaps – benannt nach dem arabischen Wort für Moschus, das für Reinheit und Essenz steht. Die Produkte verbinden lokales Olivenöl mit importiertem Kokosöl und feinen Duftstoffen und erfüllen sowohl lokale als auch internationale Qualitätsstandards.
Nach einem MBA-Studium und einer Karriere im privaten und öffentlichen Sektor entschloss sich Rami, seine sichere Anstellung aufzugeben und den Familienbetrieb zu übernehmen. Während das Unternehmen in den 1980er-Jahren noch bis zu 400 Tonnen Seife pro Jahr produzierte, steht es heute vor großen Herausforderungen: eine kollabierte Landeswährung, eingefrorene Bankeinlagen und massive Stromausfälle belasten den Betrieb.
Die sinkende Kaufkraft im Inland, hohe Exportkosten, Zollverzögerungen und die geringe Investitionsbereitschaft in einem instabilen Umfeld erschweren das Überleben selbst traditionsreicher Handwerke. Hinzu kommt, dass viele Seifenhersteller zwar über umfangreiches Erfahrungswissen verfügen, jedoch kaum Zugang zu zeitgemäßem Marketing oder digitalen Vertriebswegen haben.
Rami zählt zu den Unternehmern im Norden des Libanon, die an einem Entwicklungsprojekt der Welthungerhilfe in Zusammenarbeit mit der libanesischen René Mouawad Foundation (RMF) teilnehmen. Das Programm unterstützt kleine und mittlere Unternehmen durch gezielte Zuschüsse, das richtige Equipment und individuelles Business-Coaching – eine wichtige Förderung in einem wirtschaftlich stark geschwächten Land.
Mit neuen Produkten und neuen Vertriebswegen in die Zukunft
Auf die Initiative wurde Rami über die örtliche Handelskammer aufmerksam. Für Misk Soaps, tief in der Familientradition verwurzelt, aber durch begrenzte Produktionskapazitäten und eingeschränkten Marktzugang ausgebremst, eröffnete sich damit eine neue Perspektive. Im Rahmen des Projekts konnte er eine maßgefertigte, doppelmantelige Maschine zur Herstellung natürlicher Flüssigseifen anschaffen. Das Unternehmen kann so sein Sortiment erweitern und neue Marktsegmente erschließen.
Zuvor hatte Rami gemeinsam mit einer lokalen Universität Rezepturen entwickelt, konnte diese jedoch nur in kleinen Mengen herstellen. Das neue Equipment wurde von lokalen Technikern auf seine Bedürfnisse maßgeschneidert und markiert einen entscheidenden Schritt hin zu größerer Produktion bei beständiger Qualität.
Der lokale Markt in Tripoli reicht nicht aus, um die laufenden Kosten dauerhaft zu decken. Deshalb richtet Rami seinen Blick zunehmend auf internationale Absatzmärkte. Heute beliefert Misk Soaps Apotheken, Hotels, NGOs und Parfümerien in Tripoli und Beirut und nimmt landesweit Online-Bestellungen entgegen. Erste Lieferungen nach Paris markierten kürzlich den Einstieg in den internationalen Export.
Trotz dieser Fortschritte bleiben die Rahmenbedingungen schwierig. Da das nationale Stromnetz oft nur wenige Stunden täglich zur Verfügung steht, sind viele Betriebe auf Generatoren angewiesen – was die monatlichen Betriebskosten enorm erhöht. Um diese Belastung zu reduzieren, hat Rami seine Werkstatt mit Unterstützung der Welthungerhilfe und der René Mouawad Foundation mit einem solarbetriebenen Lithium-Batteriesystem ausgestattet. Dieses senkt die Betriebskosten deutlich und ermöglicht eine verlässliche Produktion ohne Unterbrechungen.
Ein weiterer Schwerpunkt des Programms liegt auf digitalem Marketing. Rami erhielt individuelles Coaching im Bereich Social Media, einem wichtigen Werkzeug für Sichtbarkeit und Markenaufbau. Zudem fördert das Projekt den Austausch und die Vernetzung zwischen Mikro- und Kleinunternehmern und schafft so wertvolle Möglichkeiten für Zusammenarbeit und Wissensaustausch.
Inmitten der schwierigen wirtschaftlichen Lage des Libanon arbeiten Rami und sein Team daran, Misk Soaps weiterzuentwickeln – als Familienunternehmen, das auf Tradition aufbaut und zugleich moderne Wege beschreitet. Dank der Unterstützung durch die Welthungerhilfe und ihrem lokalen Partner RMF konnte der Betrieb stabilisiert und ausgebaut werden. Langfristig verfolgt Rami das Ziel, weitere internationale Märkte zu erschließen und so sowohl das Familienerbe als auch die handwerkliche Seifentradition Tripolis nachhaltig zu stärken.
