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16.12.2022 | Blog

„Wir geben Verantwortung in die Familien“

Weite Teile Madagaskars sind von extremer Armut betroffen. Renate Becker, Regionaldirektorin der Welthungerhilfe für Ost- und südliches Afrika, hat die Region Anosy im Süden des Landes besucht und berichtet vom Start eines neuen Projektes mit einem umfassenden Ansatz.

Eine Frau und ihr Baby beim Cash Transfer in Madagaskar.
Eine Frau und ihr Baby beim Cash Transfer in Madagaskar. Indem Familien Bargeld erhalten, können sie sich ganz individuell gegen Krisen wappnen. © Welthungerhilfe
Renate Becker Regionaldirektorin Ost- und südliches Afrika

Natürlich hatte ich Bilder aus dem Jahr 2021 vor Augen, die auch hier in Deutschland in den Medien zu sehen waren: vor Hunger apathische Menschen, die infolge der schlimmsten Dürre seit 40 Jahren nicht wissen, wie sie den nächsten Tag überleben sollen. Als ich in Anosy ankomme, bin ich froh, Bäuerinnen und Bauern wieder auf den Feldern zu sehen. In vielen Regionen Madagaskars ist die Lage weiterhin dramatisch, aber hier hat sich die Situation durch zeitweise Regenfälle wenigstens etwas entspannt. Das ist eine gute Basis für unser neues Projekt.

Die Welthungerhilfe arbeitet schon länger in der Region Anosy, die zu den am wenigsten entwickelten und ärmsten Teilen des Landes gehört. Anhaltende Dürren und unregelmäßige Niederschläge schmälern die ohnehin geringen Ernten, es gibt kaum funktionierende Infrastruktur wie Straßen, Bewässerungs- oder Lagermöglichkeiten. Das Ausmaß an akuter Unterernährung ist gravierend. Oft müssen Familien ihr Saatgut als Mahlzeit verbrauchen und ihren wenigen Besitz verkaufen, was ihnen jegliche Reserven nimmt.

Neues Projekt in Amboasary Atsimo

Unser neues Projekt startet im Distrikt Amboasary Atsimo und hat genau diese Probleme im Blick. Wie sich das gestaltet, erfahre ich bei einem Workshop unseres lokalen Teams mit Vertreter*innen der Dorfgemeinden, des Distriktes und anderer Hilfsorganisationen. Gemeinsam suchen sie Lösungen, die den Wünschen und Bedürfnissen der Bevölkerung am besten entsprechen. Diesen Ansatz finde ich sehr überzeugend, dass wir ein Projekt nicht isoliert betrachten, sondern in seinem lokalen Kontext. Zu Beginn haben wir deshalb unter Beteiligung von nationalen Expert*innen eine Studie für die Bereiche Ernährung, Landwirtschaft und Wasserversorgung in der Region durchgeführt. Dabei wurden neben fachlichen Bedingungen auch kulturelle und gesellschaftliche einbezogen. Die Ergebnisse fließen in unsere Planung ein, und wo nötig werden Aktivitäten angepasst.

Im Dorf Behara treffen wir drei Gesundheitshelferinnen. Sie wurden von der Gemeinde ausgebildet und von der Welthungerhilfe mit Material wie Waagen und Maßbändern ausgestattet. Die Helferinnen beraten ehrenamtlich Familien zu Ernährung, Gesundheit und Hygiene und stellen anhand von Oberarmmessungen fest, ob ein Kind unterernährt ist. In schweren Fällen überweisen sie die Kinder in eine Gesundheitsstation, wo diese mit Aufbaunahrung versorgt und ihre Mütter beraten werden. Für unser neues Projekt ist nun vorgesehen, dass die Mütter ein eigenes Maßband und ein Training bekommen, um selbst regelmäßig den Zustand ihrer Kinder überprüfen und mit einfachen Veränderungen bei der Ernährung Mangel vorbeugen zu können. Damit geht ein Stück Verantwortung an die Familien über und verankert das Bewusstsein für den Zusammenhang von Ernährung und Gesundheit.

Auch dazu werden wir unsere Aktivitäten anpassen. Denn einige Teilnehmerinnen früherer Ernährungstrainings merkten an, dass sie sich manche der für ausgewogene Mahlzeiten erwähnten Lebensmittel nicht leisten könnten. Künftig werden wir Schulungsinhalte also noch individueller auf die Lebensbedingungen der Teilnehmerinnen abstimmen. Beispielsweise noch mehr auf regional verfügbare Gemüse oder Kräuter achten. Verstärkt werden wir Familien beim Anbau von Gemüse in kleinen Hausgärten unterstützen und für sparsame Bewässerungsmöglichkeiten sorgen.

Hilfe zur Selbsthilfe

Die Welthungerhilfe ist eine der wenigen Hilfsorganisationen in der Region Anosy, die über das Verteilen von Lebensmitteln hinaus längerfristig aktiv ist. Unser neues Projekt zielt darauf ab, die Selbsthilfekräfte der Menschen zu stärken. Wir unterstützen die Familien bei der Optimierung der Landwirtschaft, einer sicheren und gesunden Ernährung, beim Zugang zu Trinkwasser, Bewässerung und Einkommen. Mit unseren nationalen Kolleg*innen werden wir rund 28.000 Menschen direkt oder indirekt erreichen. Der Distriktgouverneur, mit dem ich spreche, sieht dies als vertrauensvolles Signal und als gute Basis für gemeinsames Handeln. Ich fahre mit dem Gefühl zurück, dass wir eines unserer wichtigsten Ziele erreicht haben – dass die Menschen, mit denen und für die wir arbeiten, sich ernst genommen fühlen und motiviert sind, Ideen zu entwickeln und mit uns zusammen umzusetzen.

Die Erstveröffentlichung des Artikel war im Welthungerhilfe-Magazin, Ausgabe: 04/2022. 

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