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19.04.2021 | Blog

Unruhen in Myanmar: Arbeiten im Ausnahmezustand

Welthungerhilfe-Mitarbeiter Fraser Patterson berichtet im Interview, wie seine Arbeit in Myanmar, durch den Militärputsch und die Unruhen im Land beeinflusst wird.

Eine Bauernfamilie in Myanmar
Die Welthungerhilfe unterstützt mit ihren Projekten in Myanmar vor allem Bauern-Familien dabei, ihre Erträge zu steigern. So auch die Familie von Yar Htarm Eain (links im Bild), deren Sohn Paw Kham Loat (im Hintergrund zu sehen) Projektteilnehmer ist. Die Arbeit mit Kleinbäuer*innen kann zurzeit aufgrund der politischen Situation nur sehr eingeschränkt fortgesetzt werden. © Heizmann/Welthungerhilfe
Fraser Patterson Landesbüro Myanmar

Zehn Jahre lang gab es in Myanmar, im Südosten Asiens, demokratische Verhältnisse. Nun scheint es zurück in die Zeiten der Militärdiktatur zu gehen. Bei der Parlamentswahl im November 2020 gewann die Partei der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi die absolute Mehrheit. Doch die mächtigen Militärs warfen der Regierung Wahlbetrug vor. 

Daraufhin übernahmen sie am 1. Februar 2021 die Kontrolle über das Land und riefen den Notstand aus. Seitdem kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen dem Militär und Demonstrierenden. Dabei gibt es hunderte Todesopfer und viele Verletzte. Es ist unklar, wie es politisch weitergehen wird. Mitten in diesem Ausnahmezustand, zu dem auch noch die Corona-Pandemie hinzu kommt, arbeitet Fraser Patterson als Experte für das Landesbüro Myanmar der Welthungerhilfe.

Wie muss man sich die aktuelle Situation in der Hauptstadt Yangon vorstellen?

Im Vordergrund eine Frau mit einem gelben Kanister, im Hintergrund sieht man Zelte. Krieg macht hungrig

Bewaffnete Konflikte untergraben die Ernährungssicherheit der Menschen.

Fraser Patterson: Es gibt täglich Proteste auf der Straße aber nach der Ausgangssperre ab 20 Uhr sieht man niemanden mehr draussen. Dann beginnt der sogenannter "Pots and Pans Protest". Die Menschen trommeln mit Töpfen und Pfannen von deren Balkonen und Fenstern. Man kann es durch die ganze Stadt hören. Außerdem ist der Zugang zum Internet sehr begrenzt, mobiles Internet sowie mehrere Internetanbieter wurden ausgeschaltet. Auch sieht man in der Stadt oft lange Schlangen vor Geldautomaten, da die Menschen versuchen, an Bargeld zu kommen. Man hört manchmal Schüsse, wenn die Polizei oder das Militär versuchen Proteste aufzulösen. Aber das ist nicht überall so. Das Bild verändert sich, je nachdem, in welchem Stadtteil man ist. In manchen Vierteln sieht das Leben fast normal aus, während in anderen fast niemand mehr auf der Straße ist.

Wie nehmen die Menschen vor Ort die Situation wahr? 

Fraser Patterson: Die Menschen sind natürlich entsetzt. Das sieht man auf der Straße, auf Social Media oder abends, wenn man die "Pots and Pans-Proteste" hört. Viele Menschen haben natürlich auch Angst. Seit der Machtübernahme des Militärs gab es über 700 Tote und 3.000 Verhaftete. Menschen werden manchmal nachts aus ihren Häusern geholt und verhaftet. Auch manche meiner Kolleg*innen mussten innerhalb der Stadt umziehen oder sind zu Verwandten außerhalb der Stadt gezogen, weil sie sich nicht mehr sicher fühlen.

Gegen 20 Uhr beginnen die Menschen mit Töpfen und Pfannen zu trommeln. Das kann man durch die ganze Stadt hören.

Fraser Patterson Welthungerhilfe Landesbüro Myanmar

Was genau ist die Aufgabe der Welthungerhilfe vor Ort? 

Fraser Patterson: Wir arbeiten seit fast 20 Jahren in Myanmar, hauptsächlich in ländlichen Regionen – zum Beispiel im Süden, wo viel Reis angebaut wird. Da arbeiten wir mit kleinbäuerlichen Landwirt*innen zusammen, um Anbaupraktiken oder die Qualität des Saatguts zu verbessern. Wir arbeiten aber auch im Norden des Landes und leisten dort humanitäre Hilfe, da es dort viele Binnenvertriebene gibt, die in sehr einfachen Camps leben. Dort unterstützen wir sie mit Lebensmittelverteilung oder dem Bau von Unterkünften und einer Wasserinfrastruktur in den Flüchtlings-Camps.

Für viele ist Corona aktuell kein Thema. Es wird kaum noch getestet. Die Testkapazität ist um 95 Prozent zurückgegangen und wir wissen einfach gerade nicht, wie die Lage wirklich ist und wie es sich entwickeln wird.

Fraser Patterson Welthungerhilfe Landesbüro Myanmar

Kann man unter den aktuellen Bedingungen überhaupt noch arbeiten? 

Fraser Patterson: Die aktuelle Situation macht es natürlich extrem schwierig, unsere Arbeit hier weiterzuführen. Die Sicherheitslage in manchen Projektregionen hat sich verschlechtert. Aber auch das Banken-System funktioniert fast gar nicht mehr. Dadurch haben wir Probleme mit Überweisungen an Projektstandorte oder an Partner. Manche Aktivitäten können wir gerade gar nicht umsetzen. Unsere humanitäre Arbeit können wir aber weiter ausführen.

Nun hat der Militärputsch ja direkt in einer weltweiten Pandemie stattgefunden. Wie geht das Land mit Corona um? 

Fraser Patterson: Für viele ist Corona aktuell kein Thema. Es wird kaum noch getestet. Die Testkapazität ist um 95 Prozent zurückgegangen und wir wissen einfach gerade nicht, wie die Lage wirklich ist und wie es sich entwickeln wird. Das Land hatte 2020 recht strenge Corona-Regelungen. Aber jetzt sind viele Lokale, die während der ersten Welle zu hatten, geöffnet. Die Teehäuser zum Bespiel sind auch wieder offen. Hilfsorganisationen warnen vor einer neuen Welle und sie befürchten, dass die genau dann kommt, wenn das Land am wenigsten darauf vorbereitet ist.

Was denken Sie, wie wird sich die Lage in den kommenden Wochen entwickeln – auch in Bezug auf die Arbeit der Welthungerhilfe? 

Fraser Patterson: Es ist natürlich extrem schwierig vorherzusehen, wie sich die Situation längerfristig entwickeln wird. Aber es ist klar, dass es in den nächsten Wochen keine Lösungen geben wird. Wir müssen von einer weiteren Verschlechterung der Lage ausgehen. Und wir müssen unsere Arbeit darauf vorbereiten. Wir werden mehr humanitäre Hilfe leisten müssen und in manchen Teilen des Landes mit mehr Binnenvertriebenen rechnen. 

Myanmar

Vertrieben im eigenen Land: die Geschichte vieler Menschen in Myanmar. Besonders erschreckend ist auch die hohe Kindersterblichkeit.

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Letzte Aktualisierung 26.04.2021

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