Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Seiteninhalt springen Zum Footer springen

04.03.2022 | Blog

Wenn der Krieg das Zuhause bedroht

Maryna ist in Kiew geboren und aufgewachsen, ihre Familie lebt noch immer dort. Gerade macht sie ein Praktikum bei der Welthungerhilfe in Kambodscha – dann marschieren russische Truppen in ihr Heimatland ein.

Mehrere Menschen halten Schilder in die Höhe - auf einem Schild steht "Freie Ukraine".
Unsere Ukrainische Welthungerhilfe-Kollegin Maryna Potriina, deren Familie in der Ukraine lebt, hat am Rosenmontag in Köln für den Frieden in ihrem Heimatland demonstriert – gemeinsam mit 250.000 Menschen. © Maryna Potriina/Welthungerhilfe
Maryna Potriina Civil Society Academy

Als am 24. Februar erste Explosionen in der Ukraine gemeldet wurden, waren meine Eltern in Kiew. Um 5 Uhr morgens Ortszeit erhielt ich einen Anruf von meiner Mutter, die mir erzählte, dass der Krieg jetzt auch sie erreicht hat. Meine Familie und andere Menschen in fast allen Städten der Ukraine sind zur gleichen Zeit von Explosionen geweckt worden. Zwei Tage blieb meine Familie noch in der Stadt, weil es zu gefährlich war zu fliehen.

Angst um die eigene Familie

Meine Realität hat sich von jetzt auf gleich komplett verändert, es ist eine körperliche und emotionale Herausforderung. In den ersten Tagen habe ich nur die Nachrichten verfolgt und dabei sogar das Essen vergessen.

Der schrecklichste Moment für mich war, als ich in den Nachrichten sah, dass das Kraftwerk in Kiew angegriffen wurde. Der Wohnort meiner Familie ist nur 6 km davon entfernt. Dann koordinierte ich aus Phnom Penh telefonisch die Evakuierung meiner Eltern – es war der letzte Morgen, an dem es möglich war, die Stadt zu verlassen. Sie sind zusammen mit meiner Schwägerin, meiner Nichte und unserem Papagei geflohen. Mein Bruder, der Kommandeur der Nationalgarde ist, war bereits an der Front und hält sich immer noch dort auf. Die Lage vor Ort verschlimmert sich jeden Tag, denn die russischen Truppen zielen auch auf Wohnviertel. Auch Kindergärten, Blutspendezentren und Krankenhäuser nehmen sie ins Visier.

Portrait von Welthungerhilfe-Mitarbeiterin Maryna Potriina

Meine Realität hat sich von jetzt auf gleich komplett verändert, es ist eine körperliche und emotionale Herausforderung. In den ersten Tagen habe ich nur die Nachrichten verfolgt und dabei sogar das Essen vergessen.

Maryna Potriina Welthungerhilfe-Praktikantin bei der "Civil Society Academy" in Phnom Penh, Kambodscha.

Sorge und Ungewissheit, wie es nun weitergeht

Eine ältere Dame steht in der Tür und ist verwundet; das Bild steht für Spenden für die Ukraine, 2022. Ukraine: Millionen Menschen auf der Flucht

Wir unterstützen geflüchtete Ukrainer*innen über Partnerorganisationen mit Bargeld, Nahrungsmitteln, Hygieneartikeln und Notunterkünften.

Meine Eltern befinden sich jetzt in ihrem Heimatdorf. Dort haben unsere Verwandten ein Haus mit Garten. Auch Strom, Gas und Wasser haben sie glücklichersweise noch. Mit Lebensmitteln können sie sich aus dem Garten selbst versorgen. Da das Dorf ziemlich weit von den größeren Städten entfernt ist und auch weit weg von allen strategischen Objekten und Grenzen liegt, ist es recht sicher. Daher wollen sie erstmal dort bleiben. Sie spenden selbst angebaute Kartoffeln an die Soldat*innen an der Front, mein Vater ist Jäger und hat ein Gewehr, er hat sich freiwillig bei der örtlichen Territorialverteidigungsgruppe gemeldet.

Meine größte Angst ist, dass meinem Bruder bei den Kämpfen etwas passiert. Dazu kommt die Sorge, dass meine Familie aus dem Land fliehen muss - meine Eltern waren noch nie im Ausland. Da mein Vater noch nicht 60 Jahre alt ist, wird er die Ukraine nicht verlassen dürfen. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Mutter ohne ihn ins Ausland geht. Außerdem muss sie aufgrund einer Erkrankung jeden Tag spezielle Medikamente einnehmen – ich befürchte, dass sie diese bald nicht mehr bekommen können.

Immer in Gedanken bei der Familie und Freund*innen in der Ukraine

Ich habe die Entscheidung getroffen, nach Köln zurückzukommen – an den Ort, wo ich meine Freund*innen und meinen Partner habe. Jetzt versuche ich, mich auf das Handeln zu konzentrieren. Es hilft mir, mich abzulenken von meiner Angst und meinem Gefühl der Ohnmacht. Ich bin vor ein paar Tagen aus Phnom Penh zurückgekehrt und unterstütze nun das ukrainische Konsulat in Düsseldorf sowie einen gemeinnützigen Verein in Köln, der Kleidung, Medikamente und Hygieneartikel an die ukrainisch-polnische Grenze bringt. Einige Freund*innen haben sich in der Zwischenzeit dazu entschlossen, das Land zu verlassen und nach Deutschland zu kommen. Ich helfe ihnen bei der Organisation. In Gedanken bin ich die ganze Zeit bei meiner Familie und meinen Freund*innen zuhause in der Ukraine.

Schlagworte
Letzte Aktualisierung 07.03.2022

Das könnte Sie auch interessieren