14.10.2014 | Blog

Das Versprechen vom Super-Reis

Angereicherte Nahrungsmittel füllen Konzernkassen, lindern verborgenen Hunger aber nur bedingt.

Ute Latzke Team Sector Strategy, Knowledge & Learning

Judith Hodge ist britische Ernährungswissenschaftlerin, forschte für das Internationale Forschungsinstitut für Ernährungs- und Entwicklungspolitik (IFPRI) in Ostafrika und schrieb eine Studie zu angereicherten Nahrungsmitteln. Im Interview spricht sie über die Rolle solcher Nahrungsmittel zur Überwindung von verborgenem Hunger. 

Würden Sie „Goldenen Reis“ essen? 

Eher nicht. Der Goldene Reis ist eine gentechnisch entwickelte Reissorte, die besonders viel Betacarotin enthält und damit dem Vitamin-A-Mangel vor allem in Asien vorbeugen soll. Doch um Mangelernährung zu bekämpfen, brauchen wir keine Gentechnik. 

Befürworter sagen, es sei unsere Verantwortung, Unterernährung zu bekämpfen, sobald wir die technischen Möglichkeiten haben. Dürfen wir auf diese Chance überhaupt verzichten?

Angesichts all der Möglichkeiten zur Hungerbekämpfung, sollte man die Rolle des Gen-Reis nicht überbewerten. Ein Nahrungsmittel allein wird die Hunger- und Unterernährungskrise nicht lösen. Die Gentechnik-Unterstützer benutzen den Goldenen Reis als Aushängeschild für die gesamte Industrie. Seine Entwicklung hat bisher mehr als 100 Millionen Dollar verschlungen und er konnte sich noch nicht auf dem Markt durchsetzen. 

In Ihrer Studie haben Sie untersucht, ob verborgener Hunger sich durch angereicherte Nahrung bekämpfen lässt. Was ist das Ergebnis?

Definitionen

Hunger = Qual durch den Mangel an Nahrung 

Fehlernährung = Aufnahme einer falschen Menge und Art von Nahrung (einschließlich Unter- und Überernährung)

Unterernährung = chronisches Kaloriendefizit (1800 kcal/Tag) und/oder Unterversorgung mit Nahrungsenergie, Protein- und Mikronährstoffen

Mikronährstoffmangel = verborgener Hunger, eine Form der Unterernährung, bei der zu wenige Vitamine und  Mineralstoffe aufgenommen und verarbeitet werden

Überernährung = übermäßige Aufnahme von Energie oder Mikronährstoffen

Angereicherte Nahrungsmittel spielen eine Rolle im Kampf gegen den verborgenen Hunger – im globalen Norden sogar schon seit einem Jahrhundert. So haben jodiertes Salz, Frühstückszerealien mit Eisen oder Weizenmehl mit Folsäure die Gesundheit breiter Bevölkerungsschichten nachweisbar verbessert. Doch sie sind nur ein Teil der Lösung.

Und der andere Teil?

Das gesamte Ernährungssystem muss nachhaltiger werden. Das Wichtigste ist, dass Menschen überall auf der Welt Zugang zu vielseitigen und nährstoffreichen Lebensmitteln erhalten, dass ihnen neben Kohlenhydraten also auch genügend Früchte, Gemüse und Proteinquellen wie Milchprodukte zur Verfügung stehen. Doch diese Entwicklung wird durch die wirtschaftlichen Interessen und die Technikfixierung des Privatsektors gestört.

Wird angereicherte Nahrung natürliche Lebensmittel in Zukunft verdrängen? 

Ja, das ist durchaus möglich – und ein Problem! Viele angereicherte Nahrungsmittel tragen selbst zu Überernährung bei. Verarbeitete Produkte haben häufig einen sehr hohen Fett-, Zucker- und Salzanteil. So findet man in einem Land gleichzeitig unterernährte, schlecht ernährte und überernährte Gruppen. 

Die Welthungerhilfe leistet in vielen Ländern Nothilfe. Sollten angereicherte Nahrungsmittel in Krisen und Notsituationen eingesetzt werden?  

Die Debatte über die Anreicherung von Nahrungsmitteln ist für mich im Fall einer Notsituation sehr viel klarer. Angereicherte Grundnahrungsmittel wie Mehl und Öl gehören definitiv in jedes Nothilfepaket.  

Schlagworte
Letzte Aktualisierung 22.09.2017

Das könnte Sie auch interessieren

Deutsche Welthungerhilfe e. V., Sparkasse KölnBonn IBAN DE15 3705 0198 0000 0011 15, BIC COLSDE33
Newsletter abonnieren

Alle Informationen zu Katastrophen, Projekten und Veranstaltungen aus erster Hand erhalten.