17.11.2014 | Blog

Mit der Katastrophe änderte sich alles

Aceh war bis zum Tsunami 2004 isoliert. Dann kamen die Helfer und mit ihnen die Hoffnung auf eine Öffnung. Was ist geblieben?

Der Tsunami zerriss Familien. Für die Überlebenden heißt es 2005: Alles auf Anfang. © Lohnes © Lohnes/Welthungerhilfe

Beklemmend eng ist es im dunklen Tunnel, der in das Tsunami-Museum der Stadt Banda Aceh führt. Aus 22 Meter Höhe läuft das Wasser die Wände herunter: So hoch war die Riesenwelle, die am 26. Dezember 2004 die Küste der indonesischen Provinz Aceh überrollte. Fast 130.000 Menschen kamen ums Leben, rund eine halbe Million verloren ihr Zuhause.

Es folgte die größte Spendenaktion aller Zeiten: Allein die deutsche Bevölkerung spendete 670 Millionen Euro für die Tsunami-Opfer in allen betroffenen Ländern, die Bundesregierung stellte 500 Millionen Euro zur Verfügung.

Der bei weitem größte Teil ging nach Aceh. 325 Hilfsorganisationen strömten in die bis dahin weitestgehend isolierte Region, in der sich seit knapp 30 Jahren die Bewegung Unabhängiges Aceh (GAM) und das indonesische Militär einen blutigen Bürgerkrieg lieferten. Zum Zeitpunkt der Katastrophe lag die Provinz unter Kriegsrecht, Ausländer hatten nur selten Zugang und es gab fast keine zivilen Organisationen. Dementsprechend schwierig gestaltete es sich anfangs, den Zustrom ausländischer Helfer und internationaler Gelder zu koordinieren. 

Zivile und militärische Einrichtungen sind zerstört

Doch der Tsunami hatte nicht nur die gesamte Infrastruktur, sondern auch Behörden und Militärposten zerstört. Nach intensiver Vermittlung des ehemaligen finnischen Präsidenten Martti Ahtisaari unterschrieben beide Kriegsseiten am 15. August 2005 ein Friedensabkommen, das der Provinz regionale Autonomie zugestand und bis heute nicht gebrochen wurde. „Für uns war der Konflikt mit dem Tsunami beendet. Keiner hat mehr darauf geachtet, wer sich wo beschossen hat, wir wollten schlichtweg weiterleben“, erzählt Ridwan Husin, dessen Dorf vom Bürgerkrieg besonders stark zerrissen war.  

Eine Strafe Gottes?

Viele Bewohner Acehs glauben, dass Gott den Tsunami als Strafe für den langjährigen Bürgerkrieg geschickt habe. Bereits 1999 hatte die Zentralregierung in Jakarta der streng islamischen Provinz genehmigt, die Scharia einzuführen. Jetzt wollen Geistliche und lokale Führer das islamische Recht möglichst schnell anwenden. Seit Juni 2005 werden Alkoholgenuss, Glücksspiel und unehelicher Verkehr mit Stockhieben bestraft, seit September 2014 auch homosexuelle Handlungen. „Dabei geht es nicht um die physische Züchtigung, sondern um die soziale Erniedrigung der Beschuldigten“, erklärt die Menschenrechtlerin Azriana Rambe Manalu. 

Viele Acehnesen sind desillusioniert, weil die Korruption auch unter den neuen Führern weitergeht. Bergbau und Plantagenwirtschaft boomen, doch die Regierung investiert kaum etwas in die wirtschaftliche Entwicklung der einfachen Bevölkerung. Als 2009 die letzte Hilfsorganisation abzog, brachen an vielen Orten die Einkünfte weg: Bauarbeiter, Restaurantbetreiber und Berater verloren ihre Haupteinkommensquellen. Heute kommen kaum noch Besucher nach Aceh. 

Christina Schott ist freie Journalistin in Indonesien. Den ungekürzten Artikel finden Sie in der Zeitung Welternährung 4/2014.

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Letzte Aktualisierung 29.08.2017

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