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20.11.2017 | Blog

Frauen stark machen mit LANN+

Mit dem neuartigen Trainingsprogramm LANN+, das alle relevanten Aspekte für gesunde Ernährung verbindet, verbessert die Welthungerhilfe die Situation von Frauen und Kindern, so auch in Sierra Leone.

Constanze Bandowski Journalistin

Sierra Leone ist eines der Schlusslichter im aktuellen Welthunger-Index (WHI), eine Verbesserung der Ernährungssituation ist dringend erforderlich. Mit dem ganzheitlichen Trainingsprogramm LANN+ (Linking Agriculture and Natural Resource Management towards Nutrition Security) werden beachtliche Erfolge erzielt und die Benachteiligung von Frauen und Kindern aufgebrochen.

Trotz staatlicher Programme leiden die Menschen in Sierra Leone schwer unter Hunger und Mangelernährung. Bereits vor der verheerenden Ebola-Epidemie von 2014 bis 2016 war die Ernährungssituation in dem westafrikanischen Staat besorgniserregend. Jetzt stuft der aktuelle Welthunger-Index 2017 die Lage erneut als „sehr ernst“ ein. Mit 38,5 Punkten weist Sierra Leone weltweit den dritthöchsten Wert auf – nach der Zentralafrikanischen Republik und dem Tschad. Fast jedes zehnte Kind unter fünf Jahren (9,4 Prozent) leidet unter akuter Unterernährung, ist  deutlich untergewichtig und ausgezehrt. 37,9 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren sind zu klein für ihr Alter – ihre Wachstumsverzögerung  ist ein Spiegel ihrer chronischen Mangelernährung. Zwölf von 100 Kindern sterben, bevor sie das fünfte Lebensjahr erreichen.

Frauen tragen mit Wasser gefüllte Kanister aus den bewaldeten Bergen in Kamayama, Sierra Leone.
Sierra Leone ist eines der Schlusslichter im aktuellen Welthunger-Index (WHI), eine Verbesserung der Ernährungssituation ist dringend erforderlich. Gerade Frauen leiden unter Mangelernährung. © Welthungerhilfe/Joerg Boethling
Cover: Country Case Study 2017 - Sierra Leone Aus der Praxis

LANN+ Projekt in Sierra Leone

Viele Frauen leiden ihr Leben lang unter Mangelernährung

Besonders drastisch ist die Lage in den schwer zugänglichen Waldrandgebieten der Distrikte Kenema und Tonkolili. Die Menschen hier sind abgeschnitten von staatlichen Dienstleistungen wie moderner Infrastruktur, Bildungs- und Sanitäreinrichtungen oder Märkten. Sie leben von dem, was die Natur hergibt: ein bisschen Subsistenzwirtschaft in Form von Reis- oder Maniokanbau, etwas Holzeinschlag und Kleintierhaltung sowie von Pilzen, Knollen oder Früchten aus dem Wald. Für Trinkwasser müssen Frauen und Kinder kilometerlange Fußmärsche zurücklegen. Das raubt ihnen die Zeit und Energie für Landwirtschaft, Schule oder eine Einkommensmöglichkeit. Latrinen sind kaum verbreitet, entsprechend hoch ist die Rate von Magen- und Darmkrankheiten. Ein Teufelskreis, denn schlechte hygienische Bedingungen verursachen nach Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation die Hälfte aller Fälle von Mangelernährung.

Infobroschüre über LANN+ (Englisch)

Linking agriculture and natural resource management towards nutrition security

Frauen sind von diesem existenzgefährden Umfeld durch viele  strukturelle Ungleichheiten besonders bedroht. Sie haben kaum Rechte, die wenigsten von ihnen können lesen, schreiben oder rechnen, sie sind für das Trinkwasserholen zuständig und die Männer bestimmen, wer was und wie viel isst. Für stillende Mütter, Schwangere und Kinder bedeutet das: sie kommen in der Regel viel zu kurz, obwohl sie besonders schwer – und meistens ihr Leben lang – unter den Folgen von Mangelernährung leiden.

Neues Entwicklungskonzept LANN+

Vor diesen Voraussetzungen startete die Welthungerhilfe 2013 ihr neues Entwicklungskonzept LANN+ (Linking Agriculture and Natural Resource Management towards Nutrition Security). Es verbindet alle relevanten Sektoren für eine gesunde Ernährung. Geschulte Berater arbeiteten mit 51 Frauengruppen, um die Ernährung in 40 Gemeinden langfristig zu sichern.

Welthungerhilfe Projekte in Sierra Leone 2015 Welthungerhilfe projects in Sierra Leone 2015
Frauen sind durch strukturelle Ungleichheiten besonders bedroht. © Welthungerhilfe/Joerg Boethling

Rund 1.400 Frauen legten Gemüsegärten und Saatgutlager an und ernteten zum ersten Mal in ihrem Leben Auberginen, Kohl oder Zwiebeln – lauter vitamin- und nährstoffreiche Gemüsesorten, die sie bis dahin nicht kannten. In Kochkursen lernten sie, die neuen Produkte zu verarbeiten und das Grundnahrungsmittel Reis mit Nüssen, Hülsenfrüchten und Gemüse für eine ausgewogene Mahlzeit ihrer Kinder anzureichern. Hygienische Maßnahmen wie Händewaschen vor dem Essen oder Kochen gehören mittlerweile zum Alltag der Familien. In Sparvereinen verfügen die Frauen über eigenes Geld, mit dem sie ihre Gärten erweitern oder Latrinen bauen. Magen- und Darmkrankheiten sind deutlich zurückgegangen.

„Wir haben gelernt, wie wir unsere Frauen unterstützen können“,

sagt Yemoh, der Ehemann von Sawadatu aus einer Frauengruppe

Männer miteinbeziehen

Ein wichtiges Element des Trainingsprogramms ist die Einbeziehung der Entscheidungsträger wie Dorfälteste und Männer: Ohne ihr Engagement können Verhaltensmuster und Entscheidungsstrukturen nicht nachhaltig verändert werden. Nach rund vier Jahren fällt die Bilanz positiv aus: Der Anteil der Ehemänner, die Geld für Nahrungsmittel zur Verfügung stellten, stieg von 70 auf 83 Prozent. Und die Zahl der Ehemänner, die wildwachsende Nahrungsmittel sammelten und gemeinsam mit ihren Ehefrauen Mahlzeiten planten, verdoppelte sich ( 25 auf 50 Prozent).  Mittlerweile werden fast alle Säuglinge sofort oder binnen einer Stunde nach ihrer Geburt gestillt – die Quote stieg in vier Jahren von 60 auf 94 Prozent. Verzehrten früher die Hälfte aller Väter die besten Teile von Fisch und Fleisch sank ihr Anteil auf 20 Prozent. Entsprechend mehr Kinder nehmen heute lebenswichtige Proteine zu sich.

Yemohs Freunde machen sich über die neue Haltung des jungen Familienvaters lustig, aber er ist überzeugt: „Wir sollten unsere Frauen nicht wie Sklaven behandeln.“ Inzwischen kümmert sich Yemoh um den Haushalt und die Kinder, wenn Sawadatu etwas anderes zu tun hat. Das Ehepaar Nasoko und Mohammed aus der Masiaka-Gemeinschaft in Tonkili ist froh, mit Ernährungstabus gebrochen zu haben: Kinder, die Fleisch, große Fische, Eier oder Hühnerfleisch essen, seien empfänglicher für Hexerei, heißt es in Teilen Sierra Leones. Also gab es für die Kinder früher nur klare Suppe. „Meine Kinder waren nicht gesund“, refelektiert Nasoko, „aber wir kamen nie auf die Idee, dass sie mangelernährt waren, weil wir ihnen nahrhaftes Essen vorenthielten.“ Inzwischen teilt sich die ganze Familie Fleisch und Fisch und weil Nasoko zusätzlich Gemüse anbaut, sind alle viel kräftiger und gesünder geworden.

Frauen am Essensstand
Ein wichtiges Element des Trainingsprogramms ist die Einbeziehung der Entscheidungsträger wie Männer, damit Verhaltensmuster und Entscheidungsstrukturen nachhaltig verändert werden können. © Roland Brockmann

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Letzte Aktualisierung 19.09.2018

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