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30.10.2018 | Blog

"Wir lassen uns nicht erpressen"

Dirk Hegmanns ist Regionaldirektor der Welthungerhilfe für Syrien und die Türkei. Im Interview spricht er darüber, wie Präsident Assad im Krieg Hunger als Waffe einsetzt und warum er selbst sich nicht erpressen lässt, auch wenn seine eigenen Entscheidungen dem erfahrenen Helfer manchmal die Tränen in die Augen treiben.

Porträtbild von Dirk Hegmanns, Regionaldirektor der Welthungerhilfe für Syrien und die Türkei, während eines Interviews.
Dirk Hegmanns ist Regionaldirektor der Welthungerhilfe für Syrien und die Türkei. © Welthungerhilfe
Kerstin Bandsom Team Communications

Wie hilft die Welthungerhilfe Menschen in Syrien?

Da Essen in Syrien in vielen Regionen mittlerweile bis zu zehn Mal so teuer wie vor dem Krieg und damit für viele Menschen unerschwinglich geworden ist, verteilen wir unter anderem Lebensmittel und beliefern Bäckereien mit Mehl, die das Brot dann kostenlos an Bedürftige weitergeben. Sobald die Sicherheitslage es erlaubt, wollen wir auch die landwirtschaftliche Produktion fördern, damit die Syrer sich wieder besser und günstiger selbst versorgen können. In diesem Jahr stellen wir rund 15 Millionen Euro in Syrien bereit. Davon profitieren über 450.000 Menschen.

Sie koordinieren die Syrien-Hilfe von Gaziantep in der Türkei aus. Von dort sind es knapp 40 Kilometer bis zur syrischen Grenze. Warum arbeiten Sie nicht selbst in Syrien?

Die türkischen Behörden lassen derzeit keine ausländischen Helfer über die Grenze nach Syrien. Für Ausländer ist das Entführungsrisiko außerdem deutlich größer. Aber sobald wir die Genehmigung bekommen, werde auch ich nach Syrien reisen. Ich will mir selbst ein Bild der Lage machen und den syrischen Kollegen, die unermüdlich unter schwierigsten und gefährlichen Bedingungen arbeiten, so zeigen, dass wir voll und ganz hinter ihnen stehen.

Stille Örtchen - mit Sicherheit
Stille Örtchen - mit Sicherheit

Assad hat in den letzten Jahren von der Opposition gehaltene Gebiete systematisch von Humanitärer Hilfe abgeschnitten und ganze Regionen aushungern lassen. Unterstützung erhielten oft nur die Menschen in den von der Regierung gehaltenen Gebieten.

Ja, das ist ein riesiges Problem. Das Regime in Syrien hatte schon vor dem Krieg großes Misstrauen gegenüber Nichtregierungsorganisationen wie der Welthungerhilfe. Und jetzt denken die Assad-Leute erst recht, dass wir die Opposition unterstützen. Dabei richtet sich unsere Hilfe ausschließlich nach der Bedürftigkeit und nicht danach, ob jemand für oder gegen Assad ist. Aber leider wird nicht nur im Krieg in Syrien Hunger als Waffe eingesetzt, auch wenn das natürlich dem Internationalen Völkerrecht und jeglichen Kriegskonventionen widerspricht. Als Humanitäre Helfer stehen wir dem leider ziemlich hilflos gegenüber. Wir können den Zugang zu Regionen, in denen Menschen auf unsere Hilfe angewiesen sind, nicht erzwingen. Zudem haben wir die Pflicht, unsere eigenen Leute in einem sehr gefährlichen Umfeld so gut wie möglich zu schützen. Wir können sie nicht auf Himmelfahrtskommandos schicken. Als Hilfsorganisationen können wir die Vereinten Nationen, die EU und die internationale Gemeinschaft nur immer wieder dazu auffordern, die Verhandlungen über freien und sicheren Zugang zu Menschen in Not nie aufzugeben.

Lebensmittelgutscheine lindern Not

Millionen Syrerinnen und Syrer mussten ihre Heimat zurücklassen. Die Welthungerhilfe unterstützt die Geflüchteten.

Versuchen Assad aber auch die bewaffneten Oppositionsgruppen die Helfer zu ihren Zwecken zu instrumentalisieren?

Das kommt vor. Aber die Humanitäre Hilfe ist den Prinzipien Neutralität, Unabhängigkeit und Unparteilichkeit verpflichtet. Und diese Prinzipien dürfen wir nicht aufgeben. Auf keinen Fall! Eine islamistische Rebellengruppe wollte einer Hilfsorganisation in Syrien nur erlauben, in dem von ihr kontrollierten Gebiet Hilfe zu leisten, wenn sie eine Abgabe zahlt. Das wurde natürlich abgelehnt. Wir lassen uns nicht erpressen. Nicht von den Rebellen, nicht von Assad, von niemandem!

Das heißt, Ihre Prinzipien waren ihn wichtiger als die Möglichkeit, Hilfe leisten zu können?

Wir dürfen unsere Prinzipien nicht verraten, ansonsten verlieren wir unsere Glaubwürdigkeit und werden erpressbar. Das Ziel der Humanitären Hilfe ist es, möglichst vielen Menschen zu helfen. Jetzt, aber auch in Zukunft. Ich habe selbst zwei Kinder. Als mitfühlender Mensch und Vater ist es verdammt hart, sich im Einzelfall dagegen zu entscheiden, Kindern und anderen Bedürftigen Hilfe zu leisten, wenn wir dafür unsere Prinzipien aufgeben müssten. Das treibt mir die Tränen in die Augen. Aber als rational denkender Mensch und professioneller Helfer weiß ich, dass es richtig ist, bestimmte rote Linien nicht zu überschreiten, weil wir so insgesamt mehr Menschen helfen können. Und darum geht es.

Profilbild von Dirk Hegmanns, Regionaldirektor der Welthungerhilfe für Syrien und die Türkei.

Es darf nicht sein, dass die Millionen Syrerinnen und Syrer, die diesen Krieg nicht gewollt und nicht verursacht haben, im Stich gelassen werden.

Dirk Hegmanns Regionaldirektor für Syrien und die Türkei

Immer wieder sind Hilfslieferungen sowohl von der syrischen Armee als auch von anderen Kriegsparteien aufgehalten und geplündert worden. Kann man in einem Kriegsgebiet überhaupt dafür sorgen, dass die Hilfe dort ankommt, wo sie ankommen soll?

Title image of 'Syria: Humanitarian Access Dilemmas' Dossier: Herausforderung für Nothilfe in Syrien

Einschränkungen im humanitären Zugang nach Syrien stellt die Nothilfe vor enorme Herausforderungen. Eine Analyse von Dr. Esther Meininghaus (BICC) und Michael Kühn (Welthungerhilfe) mit fünf konkreten politischen Empfehlungen.

Unsere Partnerorganisationen sind bislang zum Glück nicht ausgeraubt worden. Aber natürlich würden auch unsere Mitarbeiter tun, was man ihnen sagt, wenn ihnen jemand eine Kalaschnikow vor die Nase hält. Dann geht es erst mal darum, das eigene Leben zu retten. Nach so einem Vorfall müssten wir überlegen, ob weitere Transporte in die betreffende Region durchgeführt werden können oder ob das Risiko zu groß ist. Unabhängige syrische Mitarbeiter überprüfen für uns regelmäßig, ob unsere Hilfe auch wirklich da ankommt, wo sie ankommen soll. Das Ergebnis dieser Evaluierungen: Trotz der teilweise unkalkulierbaren Risiken im Kriegsgebiet wirken unsere Projekte.

Entlassen Sie die syrische Regierung so nicht aus ihrer Verantwortung, sich um ihre eigene Bevölkerung zu kümmern? Besteht so nicht die Gefahr, dass das Regime seine Kapazitäten darauf verwendet, erbarmungslos gegen die letzten verbliebenen Widersacher vorzugehen?

Nein, denn wir helfen nur in Regionen, die nicht unter der Kontrolle der Regierung stehen. Würden wir und andere Hilfsorganisationen diesen Menschen nicht helfen, würde ihnen niemand helfen. Und das ist keine Option.

Die Welthungerhilfe in Syrien und der Türkei

Kinder zusammen auf der Flucht mit ihren Eltern - in einem von der Welthungerhilfe unterstütztem Flüchtlingscamp in der Region Idlib haben sie zeitweise Zuflucht gefunden. © Hand in Hand for Syria
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Cash Cards in der Türkei: Mit den Geldkarten können syrische Flüchtlinge im Supermarkt einkaufen, was sie benötigen. © Martin Stollberg
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Die Welthungerhilfe engagiert sich schon seit vielen Jahren in der Region. Hier zu sehen ist eine Projektschule in Mardin in 2014. © Ralph Dickerhof
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Syrische Bauern pflanzen auf türkischem Boden Paprika und Tomaten an, um sie auf dem lokalen Markt zu verkaufen. © Martin Stollberg/Welthungerhilfe
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In einem Fotoprojekt der Welthungerhilfe entwickeln syrische und türkische Kinder gemeinsam Bilder – und Freundschaften. © Welthungerhilfe
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Militärisch scheint der Sieg Assads – vor allem auf Grund der russischen Unterstützung – sicher zu sein. Das Regime denkt bereits über den Wiederaufbau des völlig zerstörten Landes nach. Sollten die Welthungerhilfe und andere Hilfsorganisationen sich daran beteiligen?

Assad mag schon an den Wiederaufbau denken, wir nicht. Noch herrscht Krieg, und wir sind voll damit ausgelastet, die größte Not unter sehr schwierigen Bedingungen zu lindern. Aber natürlich wird auch dieser Krieg irgendwann zu Ende gehen. Bundeskanzlerin Merkel hat gesagt, dass es denkbar ist, dass Deutschland sich am Wiederaufbau beteiligt, wenn es zu politischen Veränderungen kommt. So sehe ich das auch. Assad macht sein Land kaputt und wir sollen es für ihn wiederaufbauen? Das geht natürlich gar nicht. Aber es darf auch nicht sein, dass die Millionen Syrer, die diesen Krieg nicht gewollt und nicht verursacht haben, im Stich gelassen werden.

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Letzte Aktualisierung 31.10.2018

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