23.07.2013 | Blog

"Nicht hysterisch werden"

Landeskoordinator Jochen Moninger bleibt trotz dem Ebola-Ausbruch in Sierra Leone. Ein Interview über die aktuelle Situation im Land.

Jochen Moninger im Gespräch mit Bewohnern von Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone.
Jochen Moninger im Gespräch mit Bewohnern von Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone. © Joerg Böthling/Welthungerhilfe

Jochen Moninger (35) bleibt trotz Ebola für die Welthungerhilfe in Sierra Leone. Er unterstützt die Bewohner gegen das Virus – und schützt sich selbst so gut es geht. Seit vier Jahren arbeitet er als Landeskoordinator für die Welthungerhilfe und lebt mit seiner Familie in der Hauptstadt Freetown. Im Interview erklärt er, warum er trotz der Notlage gelassen bleibt.

In Sierra Leone und Liberia infizieren sich täglich Menschen mit Ebola. Haben Sie keine Angst, sich anzustecken?

Jochen Moninger: Man darf bei diesem Thema nicht hysterisch werden. Ebola wird durch engen Kontakt, über Körperflüssigkeiten übertragen. Also kann ich das Risiko, mich anzustecken, stark eingrenzen. Wir treffen Vorsichtsmaßnahmen: Morgens fahre ich mit dem Auto von der Wohnung zum Büro, tagsüber vermeide ich Berührungen mit Menschen, wasche und desinfiziere mir oft die Hände und abends gehe ich auf direktem Weg nach Hause. Ich versuche nicht mit Erkrankten, am besten gar nicht mit unbekannten Menschen, zusammenzukommen. Sierra Leones Hauptstadt Freetown, in der ich lebe, hat zwei Millionen Einwohner. Bis Anfang Oktober gab es 2.400 Ebola-Fälle im gesamten Land. Ich kann dem Virus also noch aus dem Weg gehen.

Unsere Hilfe in Ebola-Gebieten

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Es gibt aber Menschen, die in Panik geraten.

Teilweise sind ganze Dörfer verlassen, weil die Bewohner nach Ausbruch der Krankheit geflohen sind. Die meisten Erkrankungen gibt es ja in den ländlichen Regionen. Auch die Ausländer, die hier arbeiten, bemühen sich wegzukommen. Einige Kollegen, die besorgte Anrufe von der Familie aus Deutschland bekamen, sind ausgereist. Mit jedem Tag wird es schwieriger das Land zu verlassen: Immer mehr Fluglinien stellen ihren Verkehr von und nach Sierra Leone ein; die wenigen verbliebenen Flüge kosten bis zu 5000 Euro. Sollte die Lage wirklich noch eskalieren, gibt es auch einen Notfallplan für mich und meine Frau: Wir würden das Land mit dem Auto oder Boot verlassen. Doch als Landeskoordinator der Welthungerhilfe ist es meine Aufgabe, unsere sierraleonischen Partner in dieser Notsituation zu unterstützen, solange es zu verantworten ist.

Die Regierung hat mehrere Städte und Distrikte unter Quarantäne gestellt. Was bedeutet das für die Menschen, die dort leben?

Polizei und Militär haben sämtliche Zufahrtswege abgeriegelt. Keiner kommt mehr raus, keiner mehr rein. Infizierte werden in Behandlungszentren gebracht. Jedes Haus, in dem es Ebola-Fälle gab, wird von Sicherheitspersonal bewacht; 21 Tage lang dürfen die Bewohner solche Häuser nicht verlassen. Erst wenn danach kein neuer Fall aufgetreten ist, dürfen sie wieder raus.

Arbeiten auf der Isolierstation? Das Pflegepersonal im Krankenhaus von Kenema wird mit einer Chlorlösung abgesprüht, um Ansteckungen zu vermeiden. © Welthungerhilfe
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Unter Bewachung: Wir verteilen Nahrungsmittel in einem Viertel in Kenema an Familien in Quarantäne. Sobald ein Ebola-Vorfall in einem Haushalt besteht, wird es gemeinsam mit angrenzenden Häusern für 21 Tage unter Sperrzeit gestellt. © Welthungerhilfe
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Warten auf Hilfe: Die Menschen in Quarantäne sind auf Nahrung und Hilfe von außen angewiesen. © Welthungerhilfe
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Machen die Maßnahmen Sinn?

Unproblematisch ist die Quarantäne nicht. Drei unserer nationalen Mitarbeiter wohnen in Kenema. Weil die Stadt abgeriegelt ist, kommen sie nicht mehr zu ihren Familien. Für die Quarantäne-Haushalte ist es schwierig, an Essen zu kommen. Auf normalen Wege gelangen Nahrungsmittel nicht mehr in die abgeriegelten Städte. Und allein in Kenema leben immerhin 155.000 Menschen.

Warum hat es so lange gedauert, bis etwas gegen die Ebola unternommen wurde?

Die Menschen wollten die Gefahr nicht wahrhaben. Ging es um Ebola, war anfangs häufig nur die Rede vom „Gespenst“. Es gab viele Gerüchte und Mutmaßungen, als die Krankheit längst ausgebrochen war. Aber keiner hat konsequent etwas unternommen. Besonders lange hat es gedauert, bis die Nachricht von der Seuche zur Landbevölkerung durchgedrungen ist. Viele Leute besitzen dort weder ein Telefon noch Radio oder Fernseher.

Was kann die Welthungerhilfe in der momentanen Situation tun?

Zurzeit arbeiten wir eingeschränkt. Wir haben 120 sierraleonische und elf internationale Mitarbeiter. Für die nächsten drei Monate haben wir die meisten beurlaubt. Wir wollen sie keiner Gefahr aussetzen.

Welche konkrete Hilfsmaßnahmen gibt es?

Da wir im medizinischen Bereich nicht aktiv sind, halten wir uns aus der Versorgung der Kranken heraus. Doch zusammen mit lokalen Verwaltungen klären wir die Menschen hier darüber auf, wie sie ihr Ansteckungsrisiko mit Ebola minimieren können. Das fängt mit einfachen Maßnahmen wie Händewaschen oder –desinfizieren an. Wir bitten Pastore und muslimische Prediger, die hier einen großen Einfluss auf die Bevölkerung haben, solche Tipps in ihre Predigten einzubauen. Außerdem haben wir Bestatter, die ja zwangsweise in Kontakt mit Ebola-Toten kommen, mit Handschuhen und Schutzkleidung ausgestattet. Und wir versorgen die von der Ausgangssperre betroffenen Haushalte mit Nahrungsmitteln. Zurzeit sind das 500 Haushalte mit etwa 3.000 Personen. Während der Quarantäne-Zeit von 21 Tagen liefern wir an die Menschen dringend benötigte Nahrungsmitteln, Hygieneartikel und frisches Wasser. 

Haben Sie schon mal daran gedacht einfach zu verschwinden – zurück nach Deutschland?

Sierra Leone ist mir ans Herz gewachsen. Als Landeskoordinator der Welthungerhilfe will ich unsere lokalen Partner und Mitarbeiter jetzt nicht im Stich lassen, sondern sie mit voller Kraft unterstützen. Meine Kinder, die sonst mit mir und meiner Frau in Freetown leben, haben aber ihre Sommerferien bei den Großeltern in Erlangen  verlängert. Sie bleiben zur Sicherheit erst einmal in Deutschland.

Das Interview führte Daniela Ramsauer, freie Journalistin in Nürnberg. Es ist auch nachzulesen in unserer Zeitung Welternährung Ausgabe 3/2014.

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Letzte Aktualisierung 07.03.2018

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