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21.02.2019 | Gastbeitrag

Bürgerkrieg im Jemen: Das steckt dahinter

Im Jemen herrscht ein Bürgerkrieg mit internationaler Beteiligung; trotz intensiver Bemühungen der Vereinten Nationen, einen Friedensprozess in Gang zu bringen, ist ein Ende der Kämpfe nicht in Sicht. Islamwissenschaftlerin und Vorstandsvorsitzende des "Center for Applied Research in Partnership with the Orient" (CARPO) Marie-Christine Heinze analysiert den Konflikt und stellt die aktuelle Situation im Jemen dar.

Ein Mann trägt ein Mädchen durch Trümmer im Jemen.
Ein Mann trägt ein Mädchen durch Trümmer im Jemen. © Reuters
Dr. Marie-Christine Heinze Center for Applied Research in Partnership with the Orient (CARPO)

Seit 2014/15 leiden die Menschen im Jemen unter einem Bürgerkrieg, der, geführt mit internationaler Beteiligung, inzwischen laut Angaben der Vereinten Nationen zur größten humanitären Katastrophe unserer Zeit geführt hat. Abgesehen von der vereinbarten Waffenruhe rund um die Hafenstadt al-Hudayda und trotz intensiver Bemühungen der Vereinten Nationen, einen Friedensprozess in Gang zu bringen, ist ein Ende der Kämpfe in den kommenden Monaten nicht absehbar. Währenddessen bewegt sich das Land rasant weiter auf eine Hungersnot zu, was vor allem auch auf die dramatische wirtschaftliche Lage im Land und die Instabilität des Finanzsystems zurückzuführen ist.

Der Bürgerkrieg im Jemen: Vorgeschichte

Seit der Einnahme der Hauptstadt Sanaa durch die Huthi-Rebellen im September 2014, in manchen Regionen jedoch schon seit 2011 und davor, tobt im Jemen ein gewaltsamer Konflikt um politische Macht und den Zugang zu Ressourcen. Im Januar 2015 trat Präsident Abd Rabbuh Mansur Hadi unter zunehmendem Druck der Huthis zurück und floh in der Folge aus der Hauptstadt. In Saudi-Arabien bat er um Unterstützung im Kampf gegen die Rebellen und im März 2015 griff das Königreich dann an der Spitze einer Koalition aus sunnitisch regierten arabischen Staaten, der „saudisch-geführten Koalition“, in den Konflikt ein. Wichtigster Partner in dieser Allianz sind die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), mit deren militärischer Unterstützung es lokalen südjemenitischen Kräften im Sommer 2015 gelang, Aden und große Teile des Südens von den Huthi/Salih-Milizen zu befreien.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass aktuell im Jemen die Huthis auf der einen Seite gegen eine Allianz aus unterschiedlichen, zum Teil miteinander verfeindeten Kräften auf der anderen Seite kämpfen. Diese „anti-Huthi Allianz“ wird oftmals als gegenüber der Hadi-Regierung loyal dargestellt; dies sind jedoch die wenigsten der hier versammelten Kräfte. Die meisten haben ihre eigene Agenda. Dies gilt ganz besonders für viele südjemenitischen Kräfte, allen voran der von den VAE unterstützte „Sicherheitsgürtel“ in Aden und den umliegenden Gouvernoraten die gemeinsam mit dem Südlichen Übergangsrat und ähnlichen politischen Gruppierungen aus der Südlichen Bewegung mittelfristig die Unabhängigkeit des Südjemens vom Nordjemen anstreben (bis zur Vereinigung 1990 waren diese beiden Landesteile eigenständige Republiken).

Verteilung von Hilfsgütern in Jemen.
In Jemen werden Hilfsgüter verteilt. © Welthungerhilfe

Ein Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran

Das Eingreifen der Saudis in den Konflikt ist vor allem mit der Unterstützung der Huthis durch den Iran zu begründen. Man will verhindern, dass an der Südflanke des Königreichs ein weiteres Land unter den Einfluss des regionalen Erzrivalen gerät. Das sunnitisch-wahhabitisch geprägte Saudi-Arabien, dessen Militär weitaus schwächer ist als das des Iran, fühlt sich zunehmend von pro-iranischen und schiitischen Gruppierungen umzingelt, so u.a. in Syrien, dem Irak, Bahrain und dem Libanon. Das Erstarken iranischen Einflusses, so befürchtet man im Königreich, schwächt die regionale Rolle Saudi-Arabiens und damit auch die Stabilität des Königshauses. Der Iran unterstützt die Huthis schon seit vielen Jahren, u.a. finanziell, logistisch und auch in begrenztem Maße durch die Lieferung von Waffen. Die Huthis sind jedoch entgegen saudischer Wahrnehmung kein von Iran aus gesteuerter Akteur – im Gegenteil haben die Huthis auch immer wieder entgegen den Empfehlungen aus dem Iran gehandelt.

Die saudisch-geführte Koalition wird auf internationaler Ebene insbesondere von den USA und auch Großbritannien militärisch unterstützt. In beiden Ländern wächst jedoch der Widerstand gegen diese Unterstützung, auch vor allem vor dem Hintergrund der humanitären Lage im Jemen. Deutschland hat sich im Einklang mit UN-Sicherheitsratsresolution 2216 vom April 2015 ebenfalls deutlich auf Seiten der international anerkannten Regierung unter Präsident Hadi positioniert und bis (zur Ermordung von Jamal Kashoggi im saudischen Konsulat in Ankara/Istanbul) vor einigen Monaten auch immer wieder Waffenlieferungen an Saudi-Arabien genehmigt.

Weiterhin genehmigt werden Waffenlieferungen an die Emirate, bezüglich derer erst vor Kurzem von Amnesty International berichtet wurde, dass sie unter anderem auch in den Händen von VAE-unterstützten Milizen landen, denen Menschrechts­verletzungen vorgeworfen werden. Deutschland unterstützt den UN-Sondergesandten Martin Griffiths in seinen Bemühungen um eine Wiederbelebung des Friedensprozesses und ist einer der größten internationalen Geldgeber im Bereich der humanitären Hilfe für den Jemen. Darüber hinaus ist Deutschland eines der wenigen Länder gewesen, das seine Entwicklungszusammenarbeit mit dem Jemen durch den gesamten Krieg hindurch aufrecht erhalten hat.

Aktuelle Situation vor Ort

Factsheet: Die Situation im Jemen - Fakten und Zahlen (Stand 29.10.2018) Daten & Fakten zum Jemen

Das Factsheet fasst die aktuelle Lage im Jemen sowie die Arbeit der Welthungerhilfe vor Ort zusammen und gibt einen Ausblick auf die Zukunft.

Seit Beginn des Krieges hat sich die humanitäre Lage im Jemen weiter dramatisch verschlechtert. Laut Angaben der Vereinten Nationen gibt es derzeit 2,3 Millionen Binnenflüchtlinge und über 24 Millionen von insgesamt ca. 30,5 Millionen Menschen benötigen irgendeine Form von humanitärer Unterstützung. Fast 20 Millionen Menschen haben keinen sicheren Zugang zu Nahrung. Die Vereinten Nationen befürchten eine drohende Hungersnot für mindestens 10 Millionen Menschen im Land; 3,2 Millionen Menschen benötigen dringende Behandlung wegen Unterernährung, darunter 2 Millionen Kinder unter fünf Jahren. Etwa 6,6 Millionen Menschen benötigen schon jetzt Hilfe im Bereich Wasser, Sanitär-Einrichtungen und Hygiene (WASH) sowie 8 Millionen in der Gesundheitsversorgung.

Die Gründe für die katastrophale humanitäre Lage im Jemen sind vielfältig und komplex. Allen voran sind hier jedoch die schlechte wirtschaftliche Lage und die Instabilität des Finanzsystems zu nennen. Mehr als 50 Prozent aller Jemeniten haben seit Beginn des Konfliktes ihre Arbeit verloren – und dies in einem Land, das schon vorher als „Armenhaus der arabischen Welt“ bezeichnet wurde. Darüber hinaus ist durch die umstrittene und unvorbereitete Umsiedlung der jemenitischen Zentralbank von Sanaa nach Aden durch Präsident Hadi im August 2016 eine regelmäßige Zahlung von Gehältern an Staatsbedienstete, darunter Lehrer und Krankenhauspersonal, in großen Teilen des Landes ausgeblieben. Viele dieser Gehälter waren das einzige Einkommen ganzer Großfamilien und oftmals das einzige Sicherheitsnetz eines Dorfes.

Kaum jemand kann sich Lebensmittel leisten

Der jemenitische Rial hat zudem durch die nun stark eingeschränkten Steuerungsmöglichkeiten durch die Zentralbank massiv an Wert verloren. Die Kaufkraft der Bevölkerung sank damit massiv, gleichzeitig stiegen Lebensmittelpreise aufgrund der hohen finanziellen und logistischen Hürden für Lebensmittelimporte. In den meisten Regionen des Landes sind daher zwar Lebensmittel auf den Märkten vorhanden, es kann sie sich jedoch kaum jemand leisten.

Dieser Tatbestand macht einen Großteil der Bevölkerung abhängig von humanitärer Hilfe und hier ist vor allem die am Roten Meer im Norden des Landes gelegene und größtenteils von den Huthis kontrollierte Hafenstadt al-Hudayda von großer Relevanz. Durch sie laufen ca. 70% der Lebensmittel­importe in den Jemen. Durch die Importe, die zur Verhinderung illegaler Waffen­lieferungen an die Huthis durch einen UN-Mechanismus kontrolliert und von der international aner­kannten Regierung abgesegnet werden müssen, haben die Huthis erhebliche Einkünfte u.a. durch das Erheben von Zöllen in dem von ihnen kontrollierten Hafen erzielen können. 2018 beschloss daher die saudisch-geführte Koalition den Vorstoß der anti-Huthi Allianz auf al-Hudayda, um die Hafenstadt aus den Händen der Rebellen zu befreien. Sollte es tatsächlich zu Kampfhandlungen in al-Hudayda selbst und vor allem im Hafen der Stadt kommen, wäre eine breite Hungersnot im Land nicht mehr zu verhindern. Dies zeigt allein die Situation im Lebensmitteldepot der Red Sea Mills von al-Hudayda , in welchem 25% aller Weizenvorräte des Welternährungsprogramms lagern, die 3,7 Millionen Menschen versorgen sollten, und auf welche die Organisation nun wegen der Kampfhandlungen in der Nähe und des von den Huthis verminten Terrains nicht zugreifen kann.

Stimmen aus der Zivilgesellschaft

Es gibt zahlreiche mutige und engagierte Männer und Frauen, die sich für den Frieden in ihrem Land einsetzen. In den von ihnen kontrollierten Gebieten schränken die Huthis jedoch schon seit längerer Zeit die Handlungsmöglichkeiten der lokalen Zivilgesellschaft durch illegale Festnahmen und Entführungen, Folter, Bedrohungen und Einschüchterungen ein. Und in den Gebieten außerhalb der Kontrolle der Huthis sehen sich solche Akteure durch Milizen und Sicherheitskräfte wie den „Sicherheitsgürtel“ ebenso bedroht wie durch die allgemein schlechte Sicherheitslage und fundamentalistische Akteure, die vor allem das Engagement von Frauen zu begrenzen versuchen. In den Boom-Regionen Ma’rib und Hadhramawt hingegen können zivilgesellschaftliche Akteure relativ frei agieren. Hier – ebenso wie in allen anderen Regionen – sind sie jedoch mit der Herausforderung konfrontiert, finanzielle Unterstützung für friedensfördernde Aktivitäten angesichts des internationalen Fokus‘ auf humanitäre Unterstützung zu generieren. Internationale humanitäre Akteure sollten sich daher in der Pflicht sehen, ihre Leistungen mit langfristig wirkenden Entwicklungs- und Stabilisierungsmaßnahmen zu verknüpfen. Essen an Schulen würde sich beispielsweise nicht nur positiv auf die derzeit dramatische Lage im Bildungssystem auswirken, sondern auch das Rekrutieren von Kindersoldaten verhindern, von denen sich viele den Milizen auf beiden Seiten anschließen, um Zugang zu regelmäßigen Mahlzeiten zu erlangen.

Menschen stehen bei einer Bargeldverteilung Schlange.
Menschen stehen bei einer Bargeldverteilung Schlange. © ACTED

Wie geht es weiter?

Eine Lösung des Jemen-Konfliktes ist aufgrund der komplexen Lage im Lande in näherer Zeit nicht in Sicht. Dies liegt nicht nur an dem erheblichen Misstrauen unter den verschiedenen Parteien, die am UN-geförderten Vorbereitungsprozess zu möglichen Friedensverhandlungen beteiligt sind (d.h. die Huthis und die international anerkannte Regierung), sondern auch daran, dass weitere wichtige Akteure, allen voran die verschiedene Akteure aus dem Süden, nicht an diesen Gesprächen teilnehmen. Die Kampfhandlungen würden daher an verschiedenen Stellen weitergehen, selbst wenn sich die Akteure im UN-geförderten Prozess auf einen Friedensplan einigen könnten. Hiervon sind sie jedoch noch weit entfernt, auch wenn das Abkommen von Stockholm von Dezember 2018 leichte Hoffnung aufkommen ließ. In den kommenden Wochen und Monaten gilt es für die internationale Gemeinschaft, jeden Tag nicht nur um die Umsetzung, sondern eher um die Rettung des Abkommens von Stockholm zu kämpfen. Dessen Scheitern wäre katastrophal für die Bevölkerung, ist aber durchaus im Rahmen des Möglichen. Gleichzeitig und parallel dazu gilt es, durch die Unterstützung von Projekten auf allen Ebenen zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen und finanziellen Lage der Bevölkerung und somit zu einer Stabilisierung des Landes beizutragen.

Eine Frau und ein Mann sprechen miteinander. Die Frau hat Papiere in der Hand. Mit Bargeld gegen den Hunger

Die Welthungerhilfe unterstützt die Menschen im Jemen mit Bargeld und Nahrungsmittelgutscheinen.

So hilft die Welthungerhilfe den Menschen im Jemen

Gemeinsam mit ihrem Alliance2015-Bündnispartner ACTED leistet die Welthungerhilfe Unterstützung in sechs Distrikten des Regierungsbezirks Raymah: Bilad At Ta’am, Al Jabin, As Salafiyah, Kusmah, Al Jafariyah und Mazhar. Bargeldhilfen ermöglichen es den Menschen, sich wieder mit Lebensmitteln und anderen dringend benötigten Gütern einzudecken. Pro Distrikt unterstützten sie bereits 918 Familien.

Aktuell fördert die Welthungerhilfe gemeinsam mit ACTED 480 Haushalte, rund 3.500 Personen, im Regierungsbezirk Sa’ada. Die Menschen erhalten Nahrungsmittel-Gutscheine, damit sie sich mit Lebensmitteln versorgen können. Dabei werden Binnenflüchtlinge sowie aufnehmende Familien gleichermaßen berücksichtigt.

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Letzte Aktualisierung 27.05.2019

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