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16.10.2019 | Gastbeitrag

Fliehen, aber wohin?

Die Lage in Nordsyrien hat sich durch die Militäroffensive der Türkei schwer verschärft. Für die Menschen in der Region eine lebensgefährliche Situation. Journalist und Gastautor Reinhard Brockmann hat Welthungerhilfe-Länderdirektor Dirk Hegmanns interviewt.

Kinder auf einem Lastwagen in Nordsyrien
Kinder auf einem Lastwagen in Nordsyrien. © Medico International
Reinhard Brockmann

Die Militäroffensive der Türkei in Nordsyrien hat nicht nur militärisch zu einer komplexen Lage geführt. Auch die humanitäre Situation ist kompliziert und verändert sich täglich. Die Menschen in den von Kampfhandlungen und Angriffen betroffenen Gebieten haben Angst um ihr Leben und viele haben sich zur Flucht entschlossen. Etwa 190.000 Flüchtlinge suchen auf verschiedenen Wegen Schutz: entweder in den Süden des Landes, in den Westen oder aber in den Osten Richtung Nordirak. Das UNHCR warnt derzeit von einem Worst-Case-Szenario, bei dem bis zu 250.000 syrische Flüchtlinge die Grenze von Nordost Syrien in den Irak über die Nineveh und Duhok Governorate passieren könnten.

Cover of the publication "Welthungerhilfe in Iraq". Projekte im Irak

Unterstützung für Vertriebene und Rückkehrer: Diese englischsprachige Publikation bietet einen Überblick über Welthungerhilfe-Projekte im Irak.

In den letzten Stunden haben nur wenige Familien die Grenze überschritten, aber die Hilfsorganisationen gehen davon aus, dass diese Zahl steigt. Dies wird sehr stark von der militärischen Entwicklung abhängen. Die Welthungerhilfe ist unter anderem im Nineveh Government (Sinjar und Telafar) an der Grenze zwischen Irak und Syrien vertreten. Die Welthungerhilfe bereitet sich mit lokalen Partnern auf eine Versorgung der Menschen vor. Es werden derzeit Hilfsgüter wie Zelte, Decken, Seife und andere Hygieneartikel gekauft und in Lagerhäusern in Paketen bereitgestellt. Außerdem werden Vorbereitungen für die Unterstützungen mit Geldkarten getroffen. Außerdem planen wir, unsere Unterstützung im Westen Syriens in Idlib oder Azas auszubauen, falls es Flüchtlinge in diese Regionen gibt.

Reinhard Brockmann: Der Syrienkrieg ist wieder voll entflammt. Im Norden stehen sich jetzt türkische und syrische Truppen gegenüber. Schwere Waffen sind im Einsatz. Die Kurden paktieren mit dem bisherigen Gegner, Präsident Baschar al-Assad und IS-Kämpfer entkommen aus der Haft. Was ist für Sie das drängendste Problem?

Dirk Hegmanns: Unsere größte Sorge gilt den nach Schätzungen der Vereinten Nationen mindestens 190.000 Menschen mittendrin. So viele sind bereits auf der Flucht. Es können noch mehr werden und sie wissen nicht wohin. Die meisten werden versuchen, in den Süden der Provinz auszuweichen oder über die irakische Grenze zu fliehen. Die Vereinten Nationen rechnen im schlimmsten Fall mit etwa 250.000 Menschen. Dort, im Nordirak, ist die Welthungerhilfe auf die Ankunft der neuen Kriegsflüchtlinge vorbereitet. Auch andere internationale Hilfsorganisationen richten sich auf eine hohe Zahl von Geflüchteten ein. Darüber hinaus rechnen wir in der Provinz Idlib und im Raum Aleppo, wo wir schon lange helfen, mit noch mehr Geflüchteten. In den Kampfgebieten selbst ist die Welthungerhilfe nicht präsent.

Reinhard Brockmann: Die USA wollen am 17. Oktober ausgehandelt haben, dass die Waffen 120 Stunden schweigen. Können die Menschen schon bald wieder heim oder ist die Verwirrung nur noch größer?

Dirk Hegmanns: Da es sich um eine befristete Kampfpause handelt, werden die Geflüchteten wohl kaum in die umkämpften Gebiete zurückkehren wollen. Die Lage ist einfach zu unsicher. Es ist noch nicht deutlich absehbar, wie sich die Situation in den nächsten Wochen entwickelt. Eine Rückkehr kommt erst in Frage, wenn für dauerhafte Sicherheit gesorgt ist.

Vorschaubild Factsheet Syrien. Factsheet Syrien

Alle Infos zur aktuellen Lage in Syrien.

Was wird jetzt am dringendsten benötigt?

Das sind Lebensmittel, Wasserversorgung, Hygieneartikel und alles zur Vorbereitung auf den kommenden Winter. Wir müssen für geschützte Unterkünfte in Zelten und Containern sorgen. Das sind die Standbeine der Basisversorgung.

Die Türkei will, so hat es Präsident Recep Tayyip Erdogan angekündigt, eine 30 Kilometer breite Sicherheitszone östlich des Flusses Euphrat einrichten. Das klingt nach Schutz.

Das bleibt abzuwarten. Noch kann niemand sagen, wie sich die Lage in dieser Zone entwickelt.

Für die um ihr Leben fürchtenden Menschen zwischen den Fronten ist die Türkei nicht weit. Warum also nicht nach Norden ausweichen?

Die Grenze zwischen Syrien und der Türkei ist seit Jahren geschlossen. Außerdem liegen uns Berichte vor, wonach sich selbst Bewohner grenznaher türkischer Städte nach Norden zurückziehen, um in Gebiete außer Reichweite der Kampfhandlungen zu gelangen.

Wie ist die Lage in der seit Monaten umkämpften Region Idlib im Nordwesten Syriens?

Es bleibt abzuwarten, wie sich die syrische Armee verhält. In den Gebieten, in denen die Welthungerhilfe seit langem tätig ist und beispielsweise Bäckereien mit Mehl versorgt, ist es noch relativ ruhig. Aber das ist natürlich keine Garantie für die Zukunft. Immerhin sind unsere Routen für Hilfslieferungen von der Türkei aus in diesen Raum, also westlich des Flusses Euphrat, noch frei.

Mehr als 3 Millionen Syrerinnen und Syrier, die in der Türkei seit Jahren ausharren, schauen mit Sorge auf das neue Aufflammen des nicht enden wollenden Krieges. Was denken diese Menschen?

Ein breite Reaktion haben wir noch nicht bekommen. Wir wissen aber, dass viele Syrerinnen und Syrer wieder in ihre alte Heimat im Süden zurückwollen. Unklar bleibt, ob der Norden des schwer zerstörten Landes, um den es jetzt geht, eine realistische Perspektive bietet. Ausschlaggebend ist, dass die Menschen freiwillig zurückkehren können.

Was können die Deutschen tun?

Angesichts der prekären Lage der Flüchtlinge in der Türkei und in Syrien ist jede finanzielle Unterstützung enorm wichtig. Wir bekommen Mittel der Bundesregierung und der EU, aber wir müssen auch immer unseren eigenen Anteil leisten, um die staatliche Hilfe mit privaten Spenden zu ergänzen. Deshalb ist jeder Euro wichtig.

Letzte Aktualisierung 26.11.2019

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