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19.06.2019 | Gastbeitrag

Überleben mit 18 Euro im Monat

Die Türkei nahm im Jahr 2018 weltweit die meisten syrischen Flüchtlinge auf. Das zeigt der akutelle UN-Flüchtlingsbericht. Viele Geflüchtete müssen mit sehr wenig Geld über die Runden kommen. Hilfsorganisationen unterstützen – und hoffen, dass die Türkei ihre Aufnahmebereitschaft nicht aufgibt. Was konkret die Menschen auf der Flucht bewegt, berichtet der Gastautor Reinhard Brockmann.

Die aus Syrien in die Türkei geflüchtete Fatma blickt betroffen in die Kamera
Fatma flüchtete aus Syrien in die Türkei. Hier fand Sie Unterstützung in einem Landwirtschafts-Projekt der Welthungerhilfe. © Jens Grossmann
Reinhard Brockmann

Die Gäste bleiben länger. Etwas mehr als 3,6 Millionen Syrerinnen und Syrer haben seit 2012 Zuflucht in der Türkei gefunden - fast fünf Mal so viele wie in Deutschland. An eine Rückkehr nach Syrien ist nicht zu denken. Gerade tobt eine der letzten Vernichtungsschlachten unweit der Grenze zur Südost-Türkei. Russische Bomber haben nach Angaben westlicher Beobachter Schulen und Krankenhäuser als erstes ins Visier genommen. Südlich von Idlib stehen reife Weizenfelder in Flammen.

Auf der türkischen Seite der Grenze, die längst eine hohe Mauer ist, beobachten sie genau, was vorgeht. Mancher Geflüchteter hat noch Angehörige im Kriegsgebiet, unterstützt die Eingeschlossenen mit dem Wenigen, was zu erübrigen ist. Nur 1,64 Millionen der 3,6 Millionen syrischen Flüchtlinge unter temporärem Schutz erhalten in der Türkei je 120 Lira Sozialhilfe, umgerechnet gerade 18 Euro pro Monat. Andere, wie Fathma Kabani (43) und ihr Sohn fallen als Restfamilie durch alle Maschen. Fadel Alwatar (20) bekommt im Sprachkurs immerhin 100 Lira Taschengeld. Das geht für die Miete einer feuchten Notunterkunft drauf.

Weltweit auf der Flucht

(Quelle: UNHCR / Juni 2019)

Lücken schließen im Sozialsystem der Türkei

Der Tipp, wie man überhaupt noch etwas staatliche Hilfe findet, stammt aus dem Beratungszentrum im Istanbuler Stadtteil Sultanbeyli. "Mülticeler" (deutsch: Flüchtlinge) steht in Großbuchstaben an dem modernen Bürogebäude. Hinter der hellen Fassade haben sich die Stadtverwaltung und neun Hilfsorganisationen zusammengetan. Ihr gemeinsames Ziel: so viele Lücken im Sozialsystem wie eben möglich zu schließen.

Bis zu 800 Besucher treffen hier pro Tag auf Sozialarbeiter, Mediziner, Physiotherapeuten und Sprachtrainer. Im Kindergarten spielt der Nachwuchs, wenn die Eltern einen Behördentermin haben. Juristen helfen beim komplizierten Arbeits- und Aufenthaltsrecht, Dolmetscher begleiten Bewerbungen und Krankenhausbesuche.

Syrische Flüchtlinge in der Türkei berichten

Die Welthungerhilfe ist einer der großen Partner beim gemeinsamen Helfen. Aber das letzte Wort im Haus hat Halil Ibrahim Akinci. Der Beauftragte der Stadtverwaltung weiß um die Probleme im täglichen Zusammenleben von Türken und Syrern. Auch wenn Gastfreundschaft großgeschrieben wird, machen üble Nachrede und nationalistische Hetze die Runde. Nein, die Syrer nehmen aufgrund strikter Quoten keinem Türken die Arbeit weg. Nein, sie studieren nicht umsonst und bekommen auch nicht Diplome geschenkt. Je länger die Kriegsflüchtlinge im Land sind, umso schwerer werde, es die "fake news" aus den Köpfen zu vertreiben, klagt der Spitzenbeamte.

"3,6 Millionen Menschen stünden vor dem Nichts"

Für Landeskenner wie Aysche Kurt, Büroleiterin der Welthungerhilfe in Mardin, zeichnet sich ab, dass die Türkei ihre Aufnahmebereitschaft reduziert. Die Schaffung von sogenannten "sicheren Zonen" durch türkische Militärs auf syrischer Seite verunsichere die Geflüchteten. Tatsächlich gingen 2018 schon 300.000 Syrer/innen zurück, so die Türkei. Aus anderen Quellen heißt es, die Türkei platziere dabei vor allem arabischsprachige Familien in einigen von den Kurden beanspruchten Gebieten.

Fluechtlingslager Camp No.5 in Suruc. Hilfe für Menschen in Syrien und der Türkei

Nothilfe, Lebensmittelgutscheine, Beratugnszentren - mit diesen Projekten unterstüzt die Welthungerhilfe.

Welthungerhilfe Länderdirektor Dirk Hegmanns steuert von Gaziantep aus ein Dutzend Projekte in der Türkei, in Syrien und im Libanon, die über 736.000 Hilfsbedürftige erreichen. Dabei werden Gelder aus Deutschland und aus dem EU-Türkei-Deal eingesetzt. Hegmanns mag sich kaum vorstellen, was geschieht, wenn es 2020 nicht zu einer erneuten Verlängerung des Abkommens kommen sollte. "Dann stünden 3,6 Millionen Menschen vor dem Nichts."

Selbst wenn eines Tages in Syrien endlich die Waffen ruhen, wird es keine rasche Rückkehr von Millionen Geflüchteten geben, da ist sich Hegmanns sicher.

Alles ist zerstört, kaum einer wird einfach in sein altes Haus einziehen können und die Regierung von Präsident Baschar al-Assad ist weiterhin an der Macht. Hegmanns: "Keiner darf sich sicher sein, dass er nicht in den Gefängnissen des Regimes verschwindet."

Letzte Aktualisierung 19.06.2019

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