11.02.2015 | Gastbeitrag

Eine Schule fürs Leben nach dem Krieg in Syrien

650 Flüchtlingskinder gehen in ihrem Zufluchtsort zur Schule. Aber es fehlt an Lehrern und Geld für den Schulbus. Das soll sich ändern.

Jesidische Kinder sitzen im Schulbus und lächeln in die Kamera
Die Wege sind weit in Mardin, die meisten Kinder sind auf den Schulbus angewiesen. Nicht jede Familie kann sich diese Fahrten leisten. © Ralph Dickerhof
Ralph Dickerhof Journalist

Der Ausblick ist grandios! Er müsste sich nur umdrehen und aus dem Fenster seines Dienstzimmers schauen, doch Khaled Faquah hat gerade keinen Sinn für das dramatische Wolkenschauspiel über dem Tal, unterhalb seiner Schule. „Ich kann es drehen und wenden, wie ich will – unter dem Strich haben wir zu wenig Lehrer hier“, seufzt er. Der Syrer war bereits in seiner Heimat Direktor einer Privatschule. Jetzt lebt er mit seiner Frau und seinen fünf Kindern im türkischen Mardin. Einer seiner Söhne arbeitet hier als Arabisch-Lehrer.

Bunyan Al Rahman heißt die Grund- und Mittelschule für Kinder im Alter von sechs bis 16 Jahren, die vor rund zwei Jahren in der türkischen Stadt gegründet worden ist. Die Schule ist im Gebäude eines Kulturzentrums untergebracht, direkt neben einer „normalen“ Schule. Der Bedarf ist riesig: Alleine in der Stadt Mardin sind etwa 20.000 Flüchtlinge registriert. Platz wäre für insgesamt 1.200 Schülerinnen und Schüler, 650 sind derzeit eingeschrieben. Betrieben wird sie von dem lokalen gemeinnützigen Verein Mardin Syrian Solidarity Platform (MSSP) der seit dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs den Flüchtlingen hier humanitäre Hilfe anbietet.

Bei Regen fehlen viele Schüler, für den Bus haben sie kein Geld

Es klingelt hell, Geschiebe in den Gängen, die nächste Unterrichtsstunde beginnt. Wir begleiten eine sechste Klasse. Auch die Schüler von Lehrer Achmed haben keinen Blick auf das mesopotamische Tiefland. Konzentriert folgen Sie den Arabisch-Übungen des 25-jährigen Syrers. 22 Schüler hat Achmed heute vor sich, er ist zufrieden: „Heute fehlen nur vier Kinder, das ist im Schnitt sehr wenig.“

Draußen setzt Regen ein, wie schon in den vergangenen Tagen. Bei Regen fehlen besonders viele Schülerinnen und Schüler, weil sie dann die weiten und oft steilen Wege zur Schule nicht gehen könnten. Von den insgesamt 650 angemeldeten Kindern kämen täglich im Schnitt nur 350 bis 400, so der Direktor. „Die Eltern ganz vieler Kinder haben große Probleme, Monat für Monat das Geld für den Schulbus aufzubringen“, erklärt Khaled Faquah, „und bei den großen Entfernungen sowie den Bergen und Hügeln können die Kinder natürlich nicht alle zu Fuß gehen.“ 

24 Lehrerinnen und Lehrer

24 Lehrerinnen und Lehrer sind derzeit im Lehrkörper tätig. Würden alle Schüler kommen, sei das dann viel zu wenig. Dem jungen Lehrer Achmed macht seine Arbeit dennoch große Freude: „Ich bin sehr froh, hier – als Flüchtling – eine sinnvolle Arbeit zu haben, den Kindern etwas beibringen zu können.“ Ja, sicher, manchmal merke er natürlich, dass das hier alles kein normaler Alltag sei. Einzelne Kinder seien schon mal stark verängstigt, vielleicht weil sie in den Nachrichten oder von ihren Familien etwas Schlimmes gehört haben – oder Schlimmes für ihre Verwandtschaft „drüben“ befürchten. „Wir beruhigen sie dann, sagen ihnen, dass bestimmt wieder alles gut werde.“ Und hoffen, dass sie auch tatsächlich damit Recht behalten.

„Ich will wieder zurück in die Heimat. Aber das geht ja leider nicht.“

Auch Osama denkt oft an seine ältere Schwester, die bis heute in der syrischen Grenzstadt Qamshli lebt. Vor zwei Jahren haben seine Eltern die Flucht in den Norden über die rettende türkische Grenze geschafft. Mit Mutter, Vater und vier Geschwistern lebt der 13-jährige nun in einer sehr kleinen Wohnung oben auf dem Berg, in Alt-Mardin. „Meine Mama ist Hausfrau und mein Papa ist auch Lehrer hier an der Schule – aber das ist kein Problem für mich“, erzählt der sympathische Junge mit einem leichten Grinsen. Am liebsten würde Osama so bald wie möglich zurück, aber das gehe ja leider nicht, wegen des schlimmen Kriegs in der Heimat. Jetzt wird sein Gesicht sehr ernst, der Blick schweift ins Leere. Ah, lenkt er sich scheinbar selbst ab, er wolle übrigens später auch mal Lehrer werden.

Achmed war schon vor dem Krieg Lehrer in Syrien. Er weiß, was er tut. Und er lobt seine Schüler: Sie würden gut mitmachen, seien fleißig und engagiert. Rechts vor Achmed sitzen die Mädchen, die Hälfte von ihnen trägt Kopftuch, links die Jungs. Ein recht normales Klassenzimmer, vielleicht ein wenig beengt, aber mit allem ausgestattet, was man braucht. Doch alle Kinder tragen Jacken, einige haben auch dicke Schals um. Rechts vorne, neben der Tafel, versucht ein kleiner Heizstrahler, die feuchte Kälte aus dem Raum zu vertreiben. Das gelingt ihm jedoch nicht wirklich.

Als es klingelt stürmen wie in jeder Schule auf der Welt die ersten Schüler und Schülerinnen über den Schulhof, laufen um die Wette, um einen guten Platz im Bus zu ergattern. Alle lachen, reden, winken. Es sind glückliche Schüler, Flüchtlingskinder, die einen Vormittag der Tristesse des Flüchtlingsdaseins entronnen sind, etwas gelernt haben. Nach offiziellen Angaben konnten in der Provinz im vergangenen Schuljahr von 13.500 Kinder im Schulaltern insgesamt nur 3.500 eine Schule besuchen. Es sollte viel mehr von ihnen geben: Mädchen und Jungen, die fern ihrer Heimat eine Schule besuchen können, die Chance auf eine bessere Zukunft bekommen. Wenigstens das.

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Letzte Aktualisierung 22.12.2017

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