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16.10.2020 | Projektupdate

Süße Erfolge gegen bittere Realität

Kakaobäuerinnen und Kakaobauern in Sierra Leone arbeiten hart, um von ihren Erträgen leben zu können. Große Gewinne machen sie mit dem Zuliefern des Rohstoffes allerdings nicht. Ein Projekt der Welthungerhilfe legt nun die Basis dafür, dass Farmerfamilien mehr Geld für ihre Ware bekommen. Gerade jetzt während der Covid-19-Pandemie ist ein stabiles Einkommen besonders wichtig, um Ausgaben für Ernährung und Gesundheit sicherzustellen.

Für die Frauen im Projekt bedeutet die gute Ernte mehr Einkommen – und zugleich mehr Achtung. © Welthungerhilfe

Vorsichtig schlägt Aiah Brima mit einem Stück Holz auf eine Kakaoschote. Die reife Frucht bricht auf, und aus der gelben Schote quellen die in weißes Fruchtfleisch gehüllten Kakaobohnen. Nachdem er sie sorgfältig getrocknet und fermentiert hat, wird der Bauer sie für umgerechnet rund 2,50 Euro pro Kilo verkaufen können. Ein guter Preis, ein fairer Preis. Aiah Brima wird von dem Geld seine Kinder zur Schule schicken und seine kleine Kakaoplantage vergrößern. Aiah Brima ist einer von rund 46.000 Kakao-Bäuerinnen und -Bauern in Sierra Leone, die in Projekten der Welthungerhilfe mitarbeiten. Denn parallel zu großflächigen Aufklärungs- und Hygienemaßnahmen, um die Menschen vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus zu schützen, laufen reguläre Projektaktivitäten unter den gebotenen Regeln – Abstandhalten, Händewaschen, Maske tragen – weiter.

Er steht im Schatten eines Kakao-Baums auf seiner Plantage in Kono in Sierra Leone. Jenem armen Land, das in der Welt vor allem für den über zehnjährigen Bürgerkrieg mit bis zu 300.000 Toten, den Kampf um Blutdiamanten, Kindersoldat*innen und den Ausbruch der größten Ebola-Epidemie bekannt ist, der 2014 in Sierra Leone und weiteren westafrikanischen Ländern über 11.000 Menschen zum Opfer fielen. Aiah Brima weiß, wofür sein Land bekannt ist – und das will er ändern. Er möchte, dass die Welt bei seinem Land in Zukunft nicht mehr an Kriege, Katastrophen und Krankheiten denkt, sondern an hervorragenden Kakao und köstliche Schokolade. Dafür arbeitet er hart.

Aiah Brima berichtet: „Als wir nach dem Krieg in unsere Dörfer zurückkehrten, waren unsere Häuser niedergebrannt und unsere Plantagen total verwildert. Aber wir hatten kein Geld, um sie wiederaufzubauen. Doch dank der Unterstützung der Welthungerhilfe können wir – und das sage ich mit großem Stolz – mittlerweile 60 bis 70 Prozent unserer Kakaoplantagen wieder bewirtschaften und unsere Ernten deutlich steigern.“

Das Beste aus den Pflanzen herausholen - ganz ohne Pestizide

Aiah Brima beschneidet seine Bäume mit seiner neuen Astschere, erntet die großen Kakaoschoten genau zum richtigen Zeitpunkt, lässt sie in Holzboxen rund eine Woche fermentieren und trocknet die Bohnen sorgfältig unter Solar-Planen. Wie man – ganz ohne Kunstdünger und Pestizide – nachhaltig das Beste aus einer Kakaoplantage herausholt, hat er in Trainings der Welthungerhilfe gelernt. Werkzeuge wie Macheten, Sägen und Astscheren, Planen für die Trocknungszelte und hölzerne Fermentierungsboxen erhielt er als Startkapital. Mittlerweile gibt er sein Wissen an andere Bäuerinnen und Bauern weiter, zeigt ihnen, wie auch sie ihre Erträge steigern können. Der Mann mit der warmen Stimme fürchtet die Konkurrenz nicht. Er ist überzeugt, dass die Nachfrage nach erstklassigem, nachhaltigem und fair gehandeltem Kakao weiter steigt, und dass er seine Position im globalen Handel stärken kann, wenn er mit anderen Bäuerinnen und Bauern vertrauensvoll zusammenarbeitet.

Auch Sahr John Moore hat das Training für nachhaltigen Kakao-Anbau absolviert: „Früher habe ich in einer Diamantenmine gearbeitet. Das war anstrengend und gefährlich. Und rumgekommen ist dabei kaum etwas. Seitdem ich gelernt habe, Kakao anzubauen, leben meine Frau und ich viel, viel besser“, berichtet der Farmer zufrieden. Rund ein Viertel der Kakao-Farmen in Sierra Leone wird von Frauen bewirtschaftet. Khadijahtu Brima ist eine von ihnen. Zusammen mit anderen Frauen zieht sie morgens mit geschärfter Machete über der Schulter los, um die Kakao-Bäume so zu beschneiden, dass sie den besten Ertrag bringen und keine Pilzkrankheiten entwickeln. „In den Trainings habe ich viel gelernt“, sagt Khadijahtu Brima. Sie spricht schnell und laut. Sie ist froh, und alle sollen es hören. „Wir ernten jetzt mehr und besseren Kakao und bekommen dafür einen fairen Preis. Das hat auch die Beziehung zu unseren Männern verändert. Sie achten uns jetzt für das, was wir tun“, sagt die Vorsitzende des Kakaobauern-Verbandes atemlos. Dann holt sie Luft – und lächelt.

Wir ernten jetzt mehr und besseren Kakao und bekommen dafür einen fairen Preis. Das hat auch die Beziehung zu unseren Männern verändert. Sie achten uns jetzt für das, was wir tun

Khadijahtu Brima Vorsitzende des Kakaobauern-Verbandes

Qualität und Quantität steigen

Brima Samuel Bangura, stellvertretender Landwirtschaftsbeauftragter des Kono-Distrikts, kann das nur bestätigen. Seitdem die Welthungerhilfe die Bauernfamilien beim nachhaltigen Kakao-Anbau unterstützt, sind Quantität und Qualität deutlich gestiegen. Dank eines neueingeführten digitalisierten Systems können mittlerweile immer mehr Kakaobohnen bis zur Plantage zurückverfolgt werden. Genau zu wissen, woher der Kakao stammt, ist auch für Sergio Codonyer überaus wichtig. Sieben Jahre arbeitete der Spanier für einen internationalen Getränke-Hersteller in Westafrika, war schließlich für Sierra Leone und zwölf weitere Länder zuständig. Dann beschloss er, Social Entrepreneur zu werden, also Unternehmer mit sozialem Anliegen. Er gründete die Firma Organic Africa Chocolate und plant nun eine Schokoladenfabrik in Sierra Leone zu bauen, um dort eine der besten Bio-Schokoladen der Welt für den Export nach Europa und die USA zu produzieren.

Die Weiterverarbeitung vor Ort erhöht den Gewinn

Bislang wird Kakao aus Sierra Leone ausschließlich unverarbeitet exportiert. Ein Großteil des Gewinns wird so im Globalen Norden gemacht, der Globale Süden bleibt billiger Rohstofflieferant und damit den stark schwankenden Weltmarktpreisen ausgeliefert. Organic Africa Chocolate will das ändern, seine exklusive Schokolade vollständig in Sierra Leone produzieren, somit die Wertschöpfungskette vor Ort verlängern und gut bezahlte Jobs schaffen. Noch in diesem Jahr soll die Fabrik den Betrieb aufnehmen. „Für die Kakaobäuerinnen und -bauern bedeutet es eine große Chance, dass ihre Ware nun zuverlässig abgenommen wird. Die Welthungerhilfe fungiert hierbei als Vermittlerin, wir beraten bei Verträgen, stellen sicher, dass die Bauernfamilien fair bezahlt werden, und sorgen durch unsere Arbeit mit den Kleinbäuerinnen und -bauern umgekehrt dafür, dass sich der Produzent auf die Qualität des Kakaos verlassen kann“, erläutert Manfred Bischofberger, Landesdirektor der Welthungerhilfe in Sierra Leone.

Das Potenzial ist riesig. Irgendwann sollen in Westafrika zwei Millionen Farmer für Organic Africa Chocolate arbeiten

Sergio Codonyer Gründer von Organic Africa Chocolate

Zunächst soll die 52 Gramm schwere Tafel Edelschokolade in Spanien, später auch in den USA und anderen europäischen Ländern für rund zwei Euro verkauft werden. Deutschland soll dabei eine ganz besondere Rolle spielen, schließlich ist es der größte Markt für fair gehandelte Öko-Produkte. „Das Potenzial ist riesig. Irgendwann sollen in Westafrika zwei Millionen Farmer für Organic Africa Chocolate arbeiten“, sagt Codonyer, der spätestens seit seinem letzten Job in großen Dimensionen denkt.

Das benötigte Werkzeug erhalten die Farmer*innen als Startkapital. © Welthungerhilfe

Erfolg auf vielen Ebenen

Schon jetzt kann sich die Bilanz der Kakaobäuerinnen und -bauern in Zusammenarbeit mit der Welthungerhilfe sehen lassen. Seit Beginn der Projekte vor 13 Jahren wurden rund 20 Millionen Kakaosetzlinge gepflanzt, rund 50.000 Hektar Kakaoplantagen wieder in Stand gesetzt oder neu angelegt und 29.000 Bäuerinnen und Bauern bei der Umstellung auf Biozertifizierung unterstützt. Und das mit Erfolg auf vielen Ebenen. Denn zugleich wird die in Sierra Leone immer noch weit verbreitete Unter- und Mangelernährung mit einem ganzheitlichen Ansatz bekämpft. Die erhöhten Einnahmen aus dem Kakaoverkauf haben die Gesundheit der Familien deutlich verbessert. Geholfen haben außerdem Trainings zum diversifizierten biologischen Anbau von Obst und Gemüse, zur nachhaltigen Waldnutzung unter anderem durch Honigproduktion und zu ausgewogener Ernährung und Hygiene. Ein wichtiger Erfolg in einem Land, in dem die Mehrheit der Menschen in großer Armut lebt – und der alle motiviert. Welthungerhilfe-Projektleiter Derek Wambulwa Makokha: „Dass ‚unsere‘ Farmerinnen, Farmer und Kooperativen für ihren Kakao schon nationale und internationale Preise gewonnen haben, macht sie und uns sehr stolz.“

Der Bericht des freien Journalisten Philipp Hedemann erschien in voller Länge im Welthungerhilfe-Spendermagazin, Ausgabe 3/2020.

Letzte Aktualisierung 21.10.2020

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