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06.04.2020 | Blog

Die Folgen werden verheerend sein

Jessica Kühnle ist 32 Jahre alt, studiert Katastrophenmanagement und recherchiert zurzeit für ihre Masterarbeit, während sie in Vollzeit als Kommunikationsbeauftragte für die Welthungerhilfe in der Türkei arbeitet. Im Interview erzählt sie, weshalb der Coronavirus für die geflüchteten Menschen in und außerhalb Syriens eine zusätzliche, massive Bedrohung darstellt.

Zwei Frauen sitzen nebeneinander, eine schaut in die Kamera.
Jessica Kühnle mit einer geflüchteten Syrerin in einem Flüchtlingscamp in der Türkei. © Jens Grossmann/Welthungerhilfe
Laura Neumann Team Engagement & Online-Marketing

Laura: Hallo Jessica, wie ist die aktuelle Lage bezüglich Corona in der Türkei oder auch in Syrien?

Jessica: Hallo Laura. So wie ich es mitbekommen habe, ist die Zahl der Infektionen in der Türkei überschaubar, und die Krankenhäuser kommen hinterher. Die meisten Fälle wurden bisher in Ankara und Istanbul registriert - beides hochentwickelte Städte, die damit bis jetzt zurechtkommen. In ländlichen Gebieten wird es komplizierter.

Laura: Und wie hat sich die Situation in den letzten Wochen verändert, wenn man Syrien in Betracht zieht? Werden schon Vorbereitungen getroffen? Die medizinische Versorgung ist dort ja schon extrem kritisch.

Jessica: Ja, es wird versucht, in Idlib und Aleppo Vorbereitungen zu treffen. Aber - um kurz in die Vergangenheit auszuschwenken: Seit Dezember letzten Jahres erlebte Nordwestsyrien die bisher intensivsten Kampfhandlungen; in nur drei Monaten wurden fast eine Million Menschen in nördlichere Gebiete Syriens und an die türkisch-syrische Grenze vertrieben. Nun herrscht ein Waffenstillstand, jedoch ist dieser sehr brüchig.

In den nicht vom syrischen Regime kontrollierten Gebieten im Nordwesten von Syrien ballen sich nun ca. 2,7 Millionen Menschen, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind und keinen ausreichenden Zugang zu medizinischer Versorgung, Nahrungsmitteln und Unterkünften haben.

In den vergangenen Jahren wurden systematisch Schulen, aber auch Krankenhäuser und andere Gesundheitseinrichtungen bombardiert. Es gibt es in ganz Nordwest-Syrien noch drei Krankenhäuser mit Intensivstationen und nur 50 Beatmungsgeräte. Die vielen Menschen sind mangelernährt und haben ein geschwächtes Immunsystem, was sie anfällig für einen schweren Krankheitsverlauf machen könnte, wenn sie sich mit dem Virus infizieren sollten. Wenn das Virus die offiziellen sowie zahlreichen informellen Flüchtlingscamps erreichen sollte, werden die Folgen verheerend sein. Um nun zumindest die Menschen in Nordwestsyrien auf das Virus testen zu können, hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 300 Test-Kits nach Idlib-Stadt geliefert und will noch weitere 2000 liefern. Angesicht der Bevölkerungszahl ist das jedoch nicht ausreichend für eine lückenlose Kontrolle.

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Laura: Gibt es denn schon Zahlen zu Infektionen mit COVID-19?

Jessica: Bisher gibt es zehn bestätige Fälle und zwei Todesopfer in Syrien. In den von der Opposition kontrollierten Gebieten gibt es bisher noch keinen bestätigten Fall, was jedoch wohl eher daran liegt, dass nicht ausreichend Tests und geschultes Personal zur Verfügung stehen. Die Dunkelziffer ist also wahrscheinlich sehr hoch.

Laura: Denkst du denn, dass sich die politische Situation in Syrien aktuell bessert oder nicht?

Jessica: Offen gesagt ist es schwer einzuschätzen, was nach Corona passieren wird. Es ist jedoch wichtig, dass der Waffenstillstand auch in Zukunft eingehalten wird, damit die Menschen im Nordwesten von Syrien zur Ruhe kommen und Hilfsorganisationen, wie die Welthungerhilfe zusammen mit ihren lokalen Partnern, die Menschen vor Ort versorgen können.

Eindämmung des Coronavirus an der türkisch-syrischen Grenze

Interview: Coronavirus an der türkisch-syrischen Grenze
Interview: Coronavirus an der türkisch-syrischen Grenze

Laura:  Okay… Kann ich noch einmal darauf zurückkommen, was du konkret in Gaziantep machst? Du hast mir ja erzählt, dass du eigentlich dort bist, aber im Moment arbeitest du von Istanbul aus.

Jessica: Ja, ich arbeite normalerweise seit November 2018 in Gaziantep nahe der türkisch-syrischen Grenze und bin als Kommunikationsbeauftrage für unsere Projektländer Türkei, Libanon, Syrien und Irak zuständig, was auch regelmäßige Reisen an die verschiedenen Projektstandorte beinhaltet. In Syrien selbst, in den ländlichen Gebieten von Aleppo und in Idlib unterstützt die Welthungerhilfe vor Ort durch lokale Partnerorganisationen. Ich selbst beispielsweise habe keinen Zugang zu den Nothilfeprojekten in diesen Regionen.

Ein kleines Kind gießt Wasser in einen Krug.
Das Leben in einem Flüchtlingscamp in Syrien: Sauberes Wasser ist oft knapp. © HIHFAD/Welthungerhilfe

Laura: Und wieso?

Jessica: Die Sicherheitslage in Syrien ist weiterhin sehr gefährlich - vor allem für internationale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht ortskundig sind und oft auch nicht die Sprache sprechen. Außerdem ist es ein immenser bürokratischer und zeitlicher Aufwand, Ein- und Ausreisegenehmigungen für internationales Personal zu erhalten. Deshalb sind Reisen von internationalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nach Syrien, beispielsweise in die von der Türkei kontrollierten Gebiete wie A’zaz, wo die Welthungerhilfe syrische Geflüchtete in verschiedenen Camps unterstützt, stark begrenzt.

Okay, zurück zu den Büros im Grenzgebiet…Wir haben ein Büro in Gaziantep, in Antalya und in Mardin sowie ein Büro in Istanbul. Von diesen Standorten aus koordinieren unsere Projektteams die verschiedenen Aktivitäten zur Unterstützung syrischer Geflüchteter, aber auch sehr bedürftiger türkischer Gastfamilien.

Mehrere Männer und Frauen stehen in einer Schlange.
Mehrere geflüchtete Frauen und Männer stehen vor einer Ausgabestelle für Winterkleidung. © IhsanRD/Welthungerhilfe

Rechtsberatung erleichtert Neuanfang in der Türkei

Durch sogenannte Case Management Aktivitäten unterstützen wir beispielsweise syrische Geflüchtete beim Zugang zu staatlichen Dienstleistungen, erleichtern Registrierungsprozesse und vermitteln in den Fällen an staatliche Behörden oder andere Hilfsorganisationen, in denen die Welthungerhilfe nicht weiterhelfen kann. Für besonders schwerwiegende und dringliche Fälle bietet die Welthungerhilfe materielle und finanzielle Notunterstützungen durch einen sogenannten Special Needs Fund (SNF) an. Dieser kann für medizinische Geräte, lebensnotwendige Medikamente, aber auch für Hygieneartikel, Decken, Matratzen o.ä. genutzt werden.

Laura: Wie genau kann man sich Rechtsberatung vorstellen?

Jessica: Wenn es um Arbeitsrecht geht, dann beraten wir Hilfesuchende dabei, wie man eine türkische Arbeitsgenehmigung erlangen kann. Die Menschen möchten ja wieder Arbeit finden und nicht von humanitärer Hilfe abhängig sein, was ein schwieriges Prozedere ist, vor allem, wenn man nur Arabisch spricht und türkische Dokumente braucht. Außerdem können sie hier über das Arbeitgeber und -nehmerrecht aufgeklärt werden.

Ein Junge trinkt an einem Wasserhahn.
Ein Junge an einer Trinkwasserstelle in einem syrischen Flüchtlingscamp. © HIHFAD/Welthungerhilfe

Laura: Bei diesen Aufgaben hast du ja viel Kontakt mit Menschen… Durch die Coronakrise muss es doch gerade zahlreiche Einschränkungen geben.

Jessica: Ja, das stimmt. Die Büros sind zwar noch geöffnet, aber nur unabdingbares Personal arbeitet von dort aus, um die Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten. Außerdem hat die türkische Regierung einige Maßnahmen beschlossen, um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Diese Maßnahmen haben natürlich auch Einfluss auf Hilfsorganisation wie die Welthungerhilfe. Beispielsweise dürfen keine Verteilungen durchgeführt werden, bei denen sich eine größere Anzahl von Menschen versammeln. Das betrifft beispielweise auch unsere Ernährungsseminare für stillende und schwangere Frauen oder Informationsveranstaltungen für syrische und türkische Familien zu spezifischen Themen, wie Rechtsberatung, Zwangsheirat und Kinderehe, geschlechtsbezogene und häusliche Gewalt (GBV), Heiratsverfahren, Sozialhilfe und andere relevante Themen. Dementsprechend versuchen wir nun unsere Zielgruppen weiterhin via Telefon, WhatsApp und Skype zu beraten und über noch verfügbare Dienstleistungen zu informieren.

Laura: Da hörst du bestimmt viele bewegende Geschichten… Wie verarbeitest du alles? Ist das Gewöhnungssache?!

Jessica: Nein, das würde ich so nicht sagen. Auch in diesem Beruf muss man professionell mit seinen Erlebnissen umgehen können. Das bedeutet, sich emotional nicht zu sehr zu verflechten und tragische Geschichten nicht zu nahe an sich herankommen zu lassen. Wenn man diesen professionellen Abstand nicht mehr wahren kann, kann das natürlich auch negative Folgen auf die eigene Arbeit haben, und damit ist niemandem geholfen. Ich hatte nie Probleme so etwas wegzustecken, weil es zum Beruf gehört und ich mich dafür entschieden habe. Es war klar, dass ich viele traumatische Geschichten zu hören bekomme. Es gibt jedoch auch diese Momente, in denen man etwas sensibler reagiert als in anderen. Beispielsweise, wenn man eine besonders schwere Woche hinter sich hatte, gesundheitlich angeschlagen ist und dann vielleicht noch bei seiner Familie zu Hause etwas vorgefallen ist. Dann kann es schon sein, dass ich kurz raus muss, um frische Luft zu schnappen, aber das hängt damit zusammen, dass ganz viel auf einmal kommt…

Oder was mir auch immer nahegeht: Wenn ich Familien besuche, diese mir von ihrem schweren Schicksal erzählen, ihre verzweifelte Lage schildern und ich weiß, dass wir diesem Fall nicht helfen können, weil uns beispielsweise finanzielle Mittel fehlen oder ein Projekt endet. Besonders, wenn es dabei um das Leid von Kindern oder älteren Menschen geht, und diese auf Hilfe angewiesen sind. Das sind Momente, die ich nur schwer loslassen kann. Ich erwische mich immer mal wieder dabei, wie ich an die Familien denke, und mich frage, wie es wohl dem kleinen Mädchen mit der schweren Rückenverletzung oder der älteren Dame, die an Krebs leidet, geht.

Flüchtlingscamp in Suruc
Besuch im Flüchtlingslager Camp No.5 in der türkischen Grenzstadt Suruc. Die Stadt hat die meisten der Flüchtlinge aus der heftig umkämpften syrischen Grenzstadt Kobane aufgenommen. © Dickerhof/Welthungerhilfe

Laura: Planst du auch irgendwann wieder nach Deutschland zurückzukommen oder vermisst du deine Familie?

Jessica: Klar, es gibt natürlich Momente, in denen ich das behütete Dorf Marlen, meine Familie und Freunde vermisse. Besonders dann, wenn die Zeit in der Türkei oder im Nordirak wieder sehr intensiv und anstrengend ist und ich mich nach einer Pause sehne. Oder wenn die ganze Familie zusammenkommt, um Geburtstage, Weihnachten oder sonstige Festlichkeiten zu feiern. In den Momenten realisiert man, dass man einiges im Familienleben und im Freundeskreis verpasst und leicht den Anschluss verlieren kann. Was meine Zukunftspläne betrifft, ist es tatsächlich schwierig zu sagen, was als nächstes kommt. Ich möchte weiterhin im humanitären Bereich tätig sein, was bedeutet, dass ich wahrscheinlich in nächster Zeit erstmal nicht nach Deutschland zurückkomme.

Laura: Was war deine persönliche Motivation für diese berufliche Richtung?

Jessica: Puh, es gab viele Stellen, die mich motiviert haben. Ich hatte schon immer ein großes Bedürfnis danach, irgendwann im Ausland zu arbeiten, jedoch fehlte mir lange Zeit eine konkrete Vorstellung davon, wie genau diese Arbeit aussehen soll. Die Ideen konkretisierten sich jedoch mit der Zeit, die ich bei der Welthungerhilfe arbeitete und Zeuge davon wurde, welch großartigen Job meine Kolleginnen und Kollegen weltweit und oft unter schwierigen Bedingungen leisten. Anschließende Dienstreisen in unsere Projektländer wie beispielsweise in das weltweit größte Flüchtlingscamp in Cox’s Bazar im Süden von Bangladesch gaben mir den entscheidenden Impuls, in Konflikt- und Katastrophengebieten arbeiten zu wollen.

Laura: Klingt, als hättest du deine Bestimmung in diesem Beruf gefunden. Danke für die Einblicke, es war wirklich spannend, dich zu interviewen!

Jessica: Gerne.

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Letzte Aktualisierung 08.04.2020

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