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08.07.2020 | Blog

Jetzt auch noch Corona und Heuschrecken

Schon vor der Corona-Krise war die humanitäre Lage im Südsudan katastrophal. Die Pandemie und die drohende Heuschreckenplage treffen die Menschen im jüngsten Staat der Welt besonders hart. Carolin Schmidt, Programmkoordinatorin im Südsudan, berichtet über ihre Erfahrungen.

Ankunft der Schutzsuchenden im Flüchtlingscamp Bentiu, Südsudan.
Ankunft Schutzsuchender im Flüchtlingscamp Bentiu. Schon vor der Corona-Krise war die humanitäre Lage im Südsudan katastrophal. © Stefanie Glinski/Welthungerhilfe
Carolin Schmidt Programmkoordinatorin Südsudan

Seit dem ersten bestätigten Fall am 5. April gibt es bis heute etwas mehr als 2.000 bestätigte COVID-19-Fälle im Südsudan (Stand: 07.07.2020). Ob es tatsächlich nur gut 2.000 sind, bleibt allerdings zu bezweifeln. Erst seit kurzem wird auch außerhalb der Hauptstadt getestet, wie viele Tests pro Tag in- und außerhalb zuverlässig durchgeführt werden können, ist nicht bekannt. Kürzlich wurden alle Tests für ein paar Tage gestoppt, da gefälschte Zertifikate, die negative Testresultate bezeugten, in Umlauf kamen. Nach wie vor gibt es kaum oder keine Kontrollen an den offiziellen Grenzübergängen des Landes – von den inoffiziellen Grenzübergängen einmal ganz abgesehen. Das nationale Gesundheitssystem, lokale Hilfsorganisationen sowie, internationale Akteure kämpfen jeden Tag mit den großen und kleinen Herausforderungen im Angesicht der drohenden Corona-Krise.

Jahrelanger Bürgerkrieg, schwere Überschwemmungen und langanhaltende Dürren, nun auch noch Corona und eine drohende Heuschreckenplage – wieviel müssen die Menschen im Südsudan noch aushalten?

Carolin Schmidt, Programmkoordinatorin Südsudan

Bereits ohne die Pandemie ist die humanitäre Lage hier im Südsudan katastrophal. 7,5 Millionen Menschen sind auf Nothilfe angewiesen, über die Hälfte davon Kinder. Eine exponentielle Ausbreitung des Coronavirus im Südsudan würde sehr viele Menschenleben kosten. Kürzlich brachte die UN die Bedrohung durch Corona im Südsudan auf den Punkt und zwar anders als man denken würde: Wenn es zu einem massiven Ausbruch kommt, bricht das Gesundheitssystem quasi sofort zusammen. Dadurch bedingt ist es wahrscheinlich, dass wichtige Impfungen, Gesundheitsdienste für Mütter und die routinemäßige Behandlung von Malaria, Durchfall und Lungenentzündungen nicht mehr durchgeführt werden können – die Anzahl der Todesfälle könnte verheerend ansteigen, eventuell höher als die Todeszahlen durch COVID-19 im Land selbst.

Aber auch ohne COVID-19 ist die Lage im Land bereits angespannt - aktuell wüten in mehreren abgelegenen Gebieten aktive Kämpfe um Vieh und Macht. Zu den Zivilisten im Kreuzfeuer haben humanitäre Helfer*innen vorerst keinen Zugang mehr, trotz der dringend benötigten Unterstützung.  

Für mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist Hunger die größere Bedrohung als das Virus selbst

Wir sind geblieben, um weiterzumachen

Ich persönlich habe mich nach reiflicher Überlegung dazu entschieden nicht aufgrund der Pandemie zurück nach Deutschland zu reisen. Den nationalen Kolleg*innen bleibt keine Wahl und einige meiner internationalen Kolleg*innen können nicht mehr in ihre Heimatländer zurück, selbst, wenn sie wollten. Wir sind geblieben, um weiterzumachen. Es gibt in meinen Augen viel zu tun.

Nach einer kurzen Phase der Ausgangssperre ging im Südsudan alles wieder relativ schnell zum „Normalzustand“ zurück. Nur die Schulen blieben geschlossen und die Kinder, die sonst eventuell in den Schulen durch die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft eine warme Mahlzeit bekamen, sind nun zu Hause. Die aktuell massiv gestiegenen Lebensmittelpreise sind für die arme Bevölkerung eine größere Bedrohung als Corona. Bis zur nächsten Ernte im September ist der Großteil auf Zukäufe von Lebensmitteln auf Märkten angewiesen. Doch hier sind die Preise teils extrem gestiegen. Als Beispiel, Sorghum gilt im Südsudan als das tägliche Grundnahrungsmittel – in nur zwei Monaten stieg der Preis auf manchen Märkten um 100%. Die Löhne sind jedoch nicht gestiegen und durch die Verringerung der Handelsbewegungen gehen auch die Tagelöhner-Jobs verloren. Die magere Zeit zwischen den Ernten lässt leider nichts Gutes erwarten. Schon jetzt können sich mehr als die Hälfte der Menschen im Südsudan nicht ausreichen ernähren.

Porträt von Carolin Schmidt in Madagaskar

Schon jetzt können sich mehr als die Hälfte der Menschen im Südsudan nicht mehr ausreichend ernähren.

Carolin Schmidt, Programmkoordinatorin Südsudan

Es steht die Anbausaison bevor, doch selbst wenn die Landwirt*innen auf die Felder können, besteht die Gefahr, dass sie einen eventuellen Überschuss nicht verkaufen können, da die Märkte nur eingeschränkt funktionieren. Zudem ist es wahrscheinlich, dass Ernteüberschüsse aufgrund mangelnder Lagermöglichkeiten verloren gehen.

Falls sie doch etwas verkaufen können, werden die rapide gestiegenen Preise für andere Lebensmittel wie Zucker, Salz oder Öl (teilweise bereits um 50%) die Reserven zügig aufbrauchen. Systemische staatliche Hilfe, wie es in Europa oder anderen Teilen der Welt üblich ist, gibt es nicht.

Die hygienischen Umstände in den Flüchtlingslagern sind schon jetzt katastrophal. Social distancing ist hier unmöglich. © Daniel Rosenthal/Welthungerhilfe
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Die vierjährige Yarai in einem Flüchtlingscamp im Südsudan. Mangelernährung schwächt das Immunsystem. Die Gefahr, dass mangelernährte Kinder an Infektionskrankheiten wie Covid-19 erkranken, ist wesentlich höher als bei einem gesunden Kind. Damit wird die Pandemie auch für Kinder zur tödlichen Gefahr. © Daniel Rosenthal/Welthungerhilfe
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Bereits jetzt sind 7,5 Millionen Menschen im Südsudan auf Nothilfe angewiesen. Hier bereiten Mitarbeiter der Welthungerhilfe eine Verteilung von Seife und Desinfektionsmittel vor. © Welthungerhilfe
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Nun droht im Südsudan zusätzlich eine Heuschreckenplage. © FAO / Sven Torfinn
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Ein Drittel der südsudanesischen Gesundheitsstationen ist zerstört

Eine Frau wäscht ihre Hände. Coronavirus in Afrika

Eine humanitäre Katastrophe gewaltigen Ausmaßes verhindern

In Folge des jahrelangen Bürgerkriegs wurden ein Drittel der Gesundheitsstationen zerstört. Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen erhalten nur selten einen Lohn, wenn er doch mal gezahlt wird, ist er extrem gering und kaum ausreichend um mit den gestiegenen Preisen mitzuhalten. Die Zustände in den Gesundheitsstationen sind äußerst desolat. Es stehen nur wenige Betten für mögliche COVID-19-Patient*innen zur Verfügung, die meisten davon in der Hauptstadt – für den Großteil der Bevölkerung unerreichbar. Insgesamt gibt es im Land weniger als 100 Beatmungsmaschinen.

Die Hilfe wird schwieriger, aber geht weiter

Ob Nahrungsmittel- und Saatgutverteilungen, kleine Bargeldzuschüsse an die bedürftigsten Haushalte, Aufklärungsarbeit zu COVID-19 oder die Verteilung von Hygienepaketen mit Eimern und Seife – mit vielfältigen Maßnahmen unterstützt die Welthungerhilfe die Bevölkerung im Südsudan angesichts der vielen Krisen. Obwohl die Bedingungen für unsere Aktivitäten schwierig sind. So wurde beispielsweise unser Schulspeisungsprogramm in Kooperation mit dem UN-Welternährungsprogramm (WFP) gestoppt, da alle Schulen landesweit geschlossen sind. Das ist sinnvoll, um eine Ausbreitung des Coronavirus zu vermeiden, hat aber dramatische Folgen für die Schüler*innen. Für viele von ihnen entfällt nun die einzige Mahlzeit am Tag.

Die warme Schulmahlzeit war vielfach die einzige Mahlzeit am Tag und ein triftiger Grund für den langen Weg zur Schule. Allein in unseren Projektregionen wurden über 100 Schulen geschlossen, sodass 60.000 Schüler*innen keine Bildung und auch keine warme Mahlzeit mehr erhalten. Da auch keine größeren Versammlungen mehr erlaubt sind, gibt es aktuell noch keine alternativen Möglichkeiten für eine Essensausgabe an die betroffenen Schüler*innen. All das in einem Land, in dem 75 Prozent aller Todesfälle bei Kindern auf vermeidbare Krankheiten zurückzuführen sind. Die Gefahr, dass diese mangelernährten Kinder an COVID-19 erkranken, ist neunmal höher als bei einem gesunden Kind. Damit wird die Pandemie zur tödlichen Gefahr.

Für die Nahrungsmittelverteilungen mit dem WFP gibt es eine Sondergenehmigung der Behörden. Wir verteilen jetzt Doppelrationen an die notleidende Bevölkerung, um die Anzahl der Menschenansammlungen so gut es geht zu reduzieren. So erhalten ca. 500.000 Menschen in Bentiu, Northern Bahr el Ghazal und Panyijar dringend benötigte Grundnahrungsmittel wie Sorghum-Hirse, Trockenbohnen und Öl. Hinzu kommt eine Ration angereichertes Mais-Soja-Mehl für Kinder unter fünf Jahren und schwangere/stillende Mütter. Parallel zur Verteilung findet eine Aufklärung über die wichtigsten Maßnahmen zur COVID-19-Prävention via Megaphone statt. Ein Ausbruch des Coronavirus in einem der vielen Flüchtlingslager im Südsudan hätte verheerende Folgen. Social Distancing ist in den überfüllten Camps nicht möglich, Wasser und Seife sind Mangelware. Allein in Bentiu leben über 110.000 Geflüchtete dicht gedrängt.

Für die anderen Projektmaßnahmen holen wir zurzeit Sondergenehmigungen ein. Da die wichtige Anbausaison ansteht, müssen unsere Saatgutverteilungen und Cash for Work-Maßnahmen dringend weitergehen, damit die Menschen ihre Felder bestellen können. Wir sind im ständigen Kontakt mit den Behörden und Gebern, um weiter arbeiten zu können und zusätzliche Nothilfemaßnahmen, wie die Schaltung von Radiospots, Verteilung von Eimern und Seife und Aufklärungsbesuchen von Haus zu Haus, durchführen zu können. Für die ärmsten Haushalte ist ein Bargeldzuschuss vorgesehen, damit sie auf den Märkten Lebensmittel zukaufen können und nicht wertvolle Haushaltsgüter verkaufen müssen.

Jetzt droht zusätzlich die Heuschreckenplage

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Zusätzlich zu der drohenden Corona-Pandemie sind die massiven Heuschreckenschwärme vom Horn von Afrika auch im Südsudan angekommen und stellen eine weitere große Gefahr dar, da sie innerhalb kürzester Zeit hektarweise Ernte vernichten können. Die FAO bereitet sich aktuell darauf vor, Pestizide zur Eindämmung der Heuschrecken zu sprühen. Die Folgen für die Umwelt könnten verheerend sein, da auch nützliche Insekten vernichtet werden würden.

Eine Frau steht mit dem Rücken zur Kamera, Heuschrecken schwirren um sie herum.
Eine Frau steht auf dem Feld, um sie herum schwirren Heuschrecken. © FAO

Gerade für die Kinder besteht ein weiteres Risiko in den betroffenen Gebieten: Es ist unter den Jüngeren durchaus weit verbreitet, Heuschrecken zu sammeln und als Zwischensnack zu grillen. Sie auch in den abgelegenen Gebieten davor zu schützen, pestizidbelastete Heuschrecken zu sammeln, wird eine Mammutaufgabe.

Der drohende Angriff der Heuschreckenschwärme, die alles vernichten, was auf den Feldern wächst, hätte katastrophale Auswirkungen und würde zu einer Hungersnot in vielen Teilen des Südsudans führen. Aktuell ist hiervon der Südosten des Landes an der Grenze zu Uganda besonders betroffen. In dieser Region wurden Heuschreckenschwärme gesichtet und richteten bereits üblen Schaden auf Sorghum-, Mais-, und Gemüsefeldern an – Tendenz steigend. Allerdings besteht die Hoffnung, dass sie weiterziehen und den Südsudan nur als Zwischenstation genutzt haben.

Dieser Artikel entstand im Juli 2020. Update Dezember 2020: Die Heuschrecken-Plage im Südsudan und in Uganda ist erfreulicherweise inzwischen wieder unter Kontrolle. Laufende Projekte zur Heuschrecken-Bekämpfung betreibt die Welthungerhilfe derzeit in Kenia, Äthiopien und Somaliland.

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Letzte Aktualisierung 08.07.2020

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