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24.07.2026 | Blog

Venezuela nach den Erdbeben: „Wir halten alle zusammen“

Zwei Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 haben am frühen Abend des 24. Juni Venezuela erschüttert. Es waren die stärksten Beben seit mehr als einem Jahrhundert. Ab dem ersten Tag nach der Katastrophe waren unsere Kolleg*innen des Netzwerkes Alliance2015 vor Ort, um Nothilfe zu leisten. Katja Dombrowski, Expertin für Nothilfe-Kommunikation der Welthungerhilfe, hat eine betroffene Familie in Caraballeda besucht.

Verteilung von Lebensmittel- und Hygienepaketen in Venezuela nach den Erdbeben 2026
Verteilung unserer Partnerorganisation Ayuda en Acción in Venezuela: Lebensmittel und Hygieneartikel helfen über die erste schwere Zeit. © Katja Dombrowski/Welthungerhilfe
Katja Dombrowski Team Communications

Von Yennifer Torres’ Haus stehen nur noch die Wände. Vor der blauen Fassade lässt der aufgebrochene Boden die ehemalige kleine Terrasse erahnen. Drinnen ist alles zerstört. Nicht nur, weil das Haus erschüttert wurde, sondern weil zudem die Trümmer des Hochhauses direkt dahinter auf das Dach stürzten. „Man hat uns gesagt, dass unser Haus so stark beschädigt ist, dass es nicht wieder aufgebaut werden kann. Es bleibt nur noch der Abriss”, sagt Yennifer verzweifelt. „Wir dürfen nicht mehr hineingehen, es ist nicht sicher.“

Die 36-Jährige war zusammen mit ihrem Partner Wilmen Yepez und ihren Kindern Aranza und Anthony im Haus, als die Erde plötzlich bebte. Die Stadt Caraballeda im Bundesstaat La Guaira gehört zu den am stärksten betroffenen Gebieten. Hier wohnt Yennifer mit ihrer Familie, nicht weit vom Karibikstrand entfernt. Es ist ein Touristenort – zu normalen Zeiten. Jetzt rollen die Wellen auf den verwaisten Strand. Keine Besucher*innen bedeuten für Yennifer und Wilmen auch keine Arbeit: Sie verdienen ihr Geld als Parkplatzpersonal – zu normalen Zeiten.

Erdbeben-Betroffene vor ihrem zerstörten Haus in Venezuela
Das Haus von Yennifer Torres ist nicht mehr bewohnbar. Jetzt lebt die Familie in einem kleinen Zelt. © Katja Dombrowski/Welthungerhilfe

„Der 24. Juni war ein Feiertag. Ich bin nachmittags eingenickt, das Beben riss mich aus dem Schlaf“, erinnert sich Yennifer. „Wilmen rannte hinaus und schrie. Erst habe ich nicht realisiert, was los ist. Ich lief ins Kinderzimmer und riss die beiden mit. Wir fielen zusammen hin, aber dann waren wir draußen.“

Seitdem schlafen sie zu viert in einem Igluzelt von rund zwei mal zwei Metern Grundfläche. Bad und Küche können sie im Haus von Yennifers Mutter benutzen. Es ist eins von nur sieben Häusern der Siedlung, die noch bewohnbar sind. Um alle aufzunehmen, ist das Haus jedoch zu klein: Auch Yennifers drei Geschwister und deren Familien haben ihr Zuhause verloren. Einer ihrer Brüder wohnte in dem eingestürzten Hochhaus.

Die Großfamilie arrangiert sich, so gut es geht, und will auch aus Angst vor Plünderungen nicht in eine Notunterkunft umziehen. Sie schätzen sich glücklich, dass sie am Leben sind und es irgendwie weitergeht. Ein Verlust schmerzt jedoch sehr: Yennifers zehnjähriger Neffe Anthuan ist durch das Erdbeben ums Leben gekommen. „Er war auf dem Fußballplatz“, erzählt Yennifer. „Dann ist er losgelaufen, und die Trümmer der einstürzenden Schule haben ihn am Kopf getroffen.“

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Erlebnisse wie diese belasten viele Überlebende des Erdbebens. Kinder und Erwachsene brauchen psychologische Hilfe, genauso wie materielle. Die Versorgung in La Guaira ist zusammengebrochen, es fehlt am Nötigsten, um die Grundbedürfnisse der Menschen zu decken. Das gilt auch für die mehr als 40 Familien der Siedlung in Caraballeda. Gleich am Tag nach dem Beben seien viele Leute aus Caracas gekommen, sagt Wilmen. Die Hauptstadt Venezuelas, die in geringerem Ausmaß ebenfalls getroffen wurde, ist rund 40 Kilometer entfernt. „Sie bringen uns Essen und Trinkwasser. Wir halten alle zusammen, das trägt mich.“ Auch Zelte, Matten und Moskitonetze seien von Privatpersonen gespendet worden. 

Eingestürzte Häuser nach den Erdbeben in Venezuela 2026
Die Stadt Catia La Mar gehört zu den am stärksten vom Beben betroffenen Gebieten. Hunderte Häuser stürzten ein. © Katja Dombrowski/Welthungerhilfe

Von Seiten des Staates sei hingegen noch keine Unterstützung bei ihnen angekommen, und Hilfsorganisationen würden vor allem die offiziellen Notunterkünfte und Auffanglager versorgen. Marisabel Contreras ist Programmleiterin der spanischen Organisation Ayuda en Acción, einer der drei in Venezuela tätigen Partner der Welthungerhilfe aus dem Netzwerk Alliance2015. Auch die französische Organisation ACTED und der italienische Partner CESVI gehören dazu.

Marisabel bestätigt: „Wir waren vorgestern hier und haben gesehen, dass in dieser Siedlung bis auf Privatspenden noch keinerlei Hilfe angekommen war.“ Kurzfristig habe sie die Kolleg*innen von CESVI gebeten, Planen vorbeizubringen, um die Zelte vor Sonne und Regen zu schützen. Das sei am Vortag passiert. Nun ist Marisabel selbst mit ihrem Team vor Ort und verteilt Essen, Hygienekits und weiteres Material für Unterkünfte, außerdem Mückenspray, Desinfektionsmittel und Wasserkanister.

Uns haben schon Menschen von hier und aus Caracas geholfen. Aber Ayuda en Acción ist die erste Hilfsorganisation, die zu uns kommt.

Yennifer Torres
Verteilungen von Acted nach dem Erdbeben in Venezuela
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„Die Trinkwasserversorgung macht mir am meisten Sorgen“, so Marisabel. Es sei dringend nötig, Anlagen zur Wasserversorgung in den vom Erdbeben getroffenen Gebieten aufzubauen. Bei ACTED laufen bereits entsprechende Planungen. „Wir wollen Tankwagen mit Trinkwasser organisieren, Wassertanks aufstellen und die Wiederherstellung der Wasserinfrastruktur unterstützen, wenn wir die nötige Finanzierung erhalten”, sagt Landesdirektor Efrain Guzman.

Die drei Partner aus der Alliance2015 koordinieren ihre Hilfe untereinander, finanziell unterstützt werden sie von den anderen Mitgliedern des Netzwerks, so auch von der Welthungerhilfe. „Venezuela wird noch lange Zeit Hilfe benötigen“, schätzt Efrain und ergänzt: „Wir werden uns auch an einem späteren Wiederaufbau beteiligen.“

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