Ideen teilen, Wirkung skalieren: Wie man Hunger durch Innovation entgegenwirken kann.
Gemüse, das schwimmt und umzieht
Seit jeher leben die Menschen in Bangladesch mit Überschwemmungen. Das Land liegt nur knapp über dem Meeresspiegel und ist von Flüssen durchzogen, die für fruchtbare Felder, zugleich aber auch für Überflutungen sorgen.
Im Sommer 2022 fiel der Monsunregen so heftig aus, dass er die schlimmste Zerstörung seit Jahren verursachte. Ein Projekt der Welthungerhilfe unterstützt die Familien dabei, ihre Landwirtschaft den Bedingungen des fortschreitenden Klimawandels anzupassen.
Überschwemmungen zerstörten Lebensgrundlage
Naharun Begum treibt die Entenschar von den überschwemmten Wiesen zurück in den Stall. Noch immer steht das Wasser hoch. Naharuns Familie lebt in einem einfachen Haus aus Wellblech im Dorf Ronshi im Nordosten Bangladeschs. „Wir haben das Haus wiederaufgebaut“, erzählt die 42-Jährige. „Die Flut im vergangenen Juni hat es schwer beschädigt und all unseren Besitz fortgespült, auch unsere Reisernte.“
Früher verließ sich die Familie allein auf den Anbau von Reis, wie die meisten Familien in der Gegend. War die Ernte durch die wiederkehrenden Fluten oder Schädlinge verloren, blieb ihnen nichts mehr. „Wir haben gehungert“, erzählt Naharun. Sie und ihr Mann arbeiteten dann zeitweise als Tagelöhner*innen, ohne jede Sicherheit.
Enten neben Ernten
Jetzt hat sich das geändert, denn ein Projekt der Welthungerhilfe und ihres Partners „Friends in Village Development Bangladesh“ zeigt den Bewohner*innen der Region Santiganj Alternativen für ihre Landwirtschaft auf. Und auch, wie sie den Folgen des Klimawandels mit stärkerer Widerstandskraft begegnen können. Zum Beispiel mit der Entenzucht. Jeweils sieben Familien bilden eine Gemeinschaft und starten mit zehn Enten und einem Erpel, die sie vom Projekt erhalten. Die Teilnehmenden lernen, welches Futter sie am besten verwenden und wie der Stall ausgestattet sein sollte, damit die Tiere gesund bleiben und möglichst viele Eier legen.
„Durch den Verkauf der Enten und der Eier können wir unseren Lebensunterhalt bestreiten. Ohne dies könnten wir nicht überleben“, berichtet Naharun. Jede Ente legt bis zu 150 Eier im Jahr. Einen Teil davon verzehren die Familien selbst, einen Teil verkaufen sie auf dem lokalen Markt, wo sie pro Stück umgerechnet rund 15 Cent erhalten. Das nächste Ziel ist es, die Eier in der Stadt zu verkaufen, denn dort gibt es fast das Doppelte für ein Ei.
Für Probleme gibt es Lösungen
Um ihre Landwirtschaft den klimatischen Bedingungen anzupassen, haben die Bewohner*innen zudem mit Unterstützung der Teams sogenannte „Climate Field Schools“ angelegt. Insgesamt gibt es diese Schulen in 103 Dörfern in der Region Santiganj. Auf Gemeinschaftsfeldern bauen die Familien Gemüse an, lernen, den Anbau zu optimieren und das Wissen an andere Interessierte weiterzugeben. Aleya Begum ist eine der landwirtschaftlichen Gemeindeberaterinnen: „Viermal im Monat treffen wir uns und besprechen zum Beispiel, wie man Gemüse in Säcken oder Kräuter in Eimern anbaut. Das spart Erde und Wasser. Und droht eine Flut, können die Behältnisse in Sicherheit gebracht werden.“
Oftmals stehen die Felder nach einer Flut noch lange unter Wasser und können nicht genutzt werden. Auch dafür gibt es eine Lösung – die „schwimmenden Gärten“. Auf einem Bambusgestell werden Schlamm und Erde aufgehäuft und mehrere Sorten Saatgut eingebracht, wie roter Amaranth, Wasserspinat, Bohnen oder Flaschenkürbis. Das Beet schwimmt also auf dem Wasser. Auf diese Weise verlieren die Familien selbst bei Flut nicht alles, was sie angebaut haben. Sie können Gemüse ernten, sich selbst versorgen und je nachdem noch etwas auf dem Markt verkaufen.
Emanzipation der Frauen
„Ein großer Vorteil unseres Gemüses ist, dass es ohne Chemie auskommt. So viele andere Produkte auf dem Markt sind damit belastet. Wir essen gesund, und wir verkaufen gesund“, sagt Aleya Begum. „Über das Geld können die Frauen selbst entscheiden und müssen nicht ihre Männer fragen. Sie bezahlen damit zum Beispiel die Ausbildung ihrer Kinder.“ Das Interesse von Handel und Lebensmittelgeschäften in der Region an biologischem Gemüse, Reis, Obst, Entenfleisch und Enteneiern ist hoch. Zudem sensibilisiert das Projekt vor allem Verbraucher*innen in den Städten für klimaneutrale, biologische Lebensmittel.
Auch in anderen Bereichen hat das Projekt mehr Sicherheit gebracht. Drei Agrar-Service-Center geben Frühwarnungen vor Wetterextremen aus und bieten eine Orientierung über Marktpreise sowie zu Fragen des Anbaus an. 100 Kleinstunternehmen haben sich zu Gemeinschaften zusammengeschlossen und erhöhen so ihre Wettbewerbsfähigkeit. Für die Familien ist das in einer Zeit, in der die Folgen der Flut noch nachwirken und die Lebenshaltungskosten enorm gestiegen sind, wichtiger denn je.
Der Text stammt von Juliane Last und wurde zuerst im Welthungerhilfe-Magazin veröffentlicht (Ausgabe 01/2023).
So hilft die Welthungerhilfe
- Es werden 20.000 Familien aus 100 benachteiligten Dörfern dabei unterstützt, ihre landwirtschaftliche Produktion durch gemeinschaftliches Lernen und Arbeiten nachhaltig zu verbessern.
- In 50 landwirtschaftlichen Klimaschulen zeigen qualifizierte Gemeindebäuerinnen den Kleinbäuer*innen in ihrer Gemeinde, wie klimatolerante Landwirtschaft durch schwimmende Gärten, eine breitere Produktpalette oder Entenzucht die Ernährung verbessert.
- Drei Agrar-Service-Center bieten dezentrale, bedarfsgerechte landwirtschaftliche Dienstleistungen wie Frühwarnungen von Wetterextremen, eine Orientierung über Marktpreise sowie zu Fragen des Anbaus an.
- Durch den Zusammenschluss in 20 Gemeinschaften verbessern die Produzierenden ihre Wettbewerbsfähigkeit, Vermarktung und Erlöse. Das betrifft 100 Kleinstunternehmen. In Kooperation mit Forschungsinstituten und staatlichen Stellen initiieren wir ein Gütesiegel für die Bio-Produkte.
- Wir schärfen das Bewusstsein von 1 Million Verbraucher*innen in den Städten Dhaka und Sylhet für klimatolerante, ökologische Lebensmittel.