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Ein junger Mann im Flüchtlingscamp, Bangladesch 2021.
Bangladesch

Wenn aus Abfall Stolz wird

Projektstatus laufend
Projektbudget 1.575.000 €
Themenschwerpunkt
Nothilfe
Kerstin Bandsom Team Communications

Jeden Tag geht Ferozul Amin dorthin, wo es unangenehm riecht. Freiwillig – denn er will helfen, dass die Ursache für den Geruch beseitigt wird. Der junge Mann ist Müllsammler in Camp 27 Jadimura, Cox’s Bazar, Bangladesch, wo rund 15.000 aus Myanmar geflüchtete Rohingya eine Zuflucht gefunden haben. Insgesamt ist es eine Million Menschen, die 2017 den Angriffen des Militärs auf die muslimische Minderheit entkommen ist. Seither leben die Geflüchteten in notdürftig errichteten Unterkünften aus Bambus und Plastikplanen – Herausforderungen ausgesetzt, neben denen Themen wie Abfall nebensächlich schienen. So war es üblich, den Haushaltsmüll vor der eigenen Tür oder in öffentlichen Bereichen zu entsorgen. Das aber brachte nicht nur Streit in der Nachbarschaft, sondern barg auch gesundheitliche Risiken. Gifte, Viren und Bakterien sammelten sich durch unzulängliche Abfallentsorgung an und begünstigten Durchfall- und Hauterkrankungen, schädliche Stoffe gerieten ins Grundwasser und ins nahegelegene Meer.

Ein Mann zieht seine Arbeitskleidung an, Bangladesch 2021.

Hier wollte ich nicht herumsitzen. Als ich hörte, dass die Welthungerhilfe Freiwillige für die Müllsammlung sucht, habe ich mir klargemacht: Ich bin nicht wertlos, kein Abfall. Ich kann meiner Gemeinschaft helfen und das Leben im Camp besser machen.

Ferozul Amin

Die Müllabfuhr kommt mit dem Lastenrad

In Zusammenarbeit mit der Partnerorganisation Anando errichtete die Welthungerhilfe deshalb ein Müllentsorgungssystem. Ferozul Amin gehört nun zum Team, das regelmäßig das Camp sauber hält. Morgens um acht schlüpft er in seine Uniform, zieht Gummistiefel, eine schützende Maske und Arbeitshandschuhe an und tritt in die Pedale. Mit dem Lastenrad geht es durch die Straßen des Camps. Jeder Haushalt hat einen grünen Eimer für biologisch abbaubaren Müll und einen roten für nicht kompostierbaren Abfall bekommen. Sind die Eimer voll, entleeren die Bewohner*innen sie in größere Straßenmülltonnen, deren Inhalt von Ferozul Amin und seinen Kollegen zur Entsorgungsstelle gebracht wird. Dort wird der Abfall jeweils kompostiert, verbrannt oder recycelt.

Mülltonnen im Flüchtlingscamp, Bangladesch 2021.
Der Müll der Familien im Camp wird in Mülleimern gesammelt. © Welthungerhilfe

Für Ferozul Amin ist all das mehr als ein Job. „Als ich herkam, wusste ich nicht, wie ich hier überleben sollte. Wie lange müsste ich bleiben, und vor allem, was sollte ich hier tun? Die Untätigkeit war für viele von uns das Schlimmste“, erzählt der Rohingya. Bevor der 23-Jährige vor Plünderungen und Massakern in seiner Heimat fliehen musste, hatte er als Kleinbauer sein Feld bestellt. Die Arbeit war hart, aber er tat sie gern. „Hier wollte ich nicht herumsitzen. Als ich hörte, dass die Welthungerhilfe Freiwillige für die Müllsammlung sucht, habe ich mir klargemacht: Ich bin nicht wertlos, kein Abfall. Ich kann meiner Gemeinschaft helfen und das Leben im Camp besser machen“, erzählt Ferozul Amin. Die Arbeit gibt seinem Leben jetzt wieder Struktur – und auch einen Sinn: „Seit wir den Müll einsammeln, ist es viel sauberer, es gibt weniger Krankheiten und die Leute müssen seltener Medikamente kaufen. Und es gibt weniger Streit. Die Leute wissen jetzt, wie wichtig Hygiene ist, sie sagen mir, dass ich sie daran erinnere, wenn ich auf meiner Tour vorbeikomme. Alle geben sich Mühe.“

Hygiene bringt den Menschen die Würde zurück

Für seinen Job erhält Ferozul Amin jede Woche 2.500 Taka, umgerechnet rund 25 Euro. Auch in Bangladesch ist das nicht viel, doch für Ferozul Amin macht der kleine Lohn einen großen Unterschied. Er spürt die Wertschätzung, auch die der Menschen in den Straßen, wo man ihn schon kennt und ihm dankbar ist für das, was er tut. Es macht ihn stolz zu wissen, dass er gebraucht wird. Ferozul Amin sagt: „Wir müssen selbst Verantwortung für uns übernehmen, solange wir hier leben und nicht nach Hause können“. Seit im Februar das Militär die Regierung in Myanmar übernahm, ist eine baldige Rückkehr der Rohingya noch unwahrscheinlicher geworden.

Umso wichtiger ist es, die Bedingungen im Camp so würdig wie möglich zu gestalten. Gemeinsam mit Anando und finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amtes errichtete die Welthungerhilfe ein Trinkwassersystem, Sanitäranlagen und Waschhäuser, zudem Solarlaternen, um die dunklen Wege nachts sicherer zu machen. Auf dem mittlerweile fast vollständig abgeholzten Gelände wurden Hänge stabilisiert, um Erdrutsche zu verhindern. Familien erhielten Hygiene- und Nahrungsmittelpakete sowie holzsparende Öfen zum Kochen. In Schulungen erfahren die Bewohner*innen, wie man sich durch Hygiene vor dem Coronavirus, Durchfall, Cholera und anderen Infektionskrankheiten schützt. Auch sensible Themen werden angesprochen, wie Kinderarbeit, Heirat in zu frühem Alter und die allzeit reale Gefahr von Menschenhandel.

Die einheimischen Gemeinden nicht vergessen

Doch auch weitere Betroffene hat die Welthungerhilfe im Blick: die Bewohner*innen der aufnehmenden Gemeinschaften. Eine von ihnen ist Lucky Dhar aus der Gemeinde Jadimura, wo vor knapp vier Jahren plötzlich das riesige Camp aus dem Boden gestampft wurde. Die Mutter von drei Kindern erzählt: „Ich bin hier aufgewachsen, unser Leben war einfach. Dann begann das Töten jenseits der Grenze, eine Million Menschen floh hierher, und unser Leben veränderte sich. Wir gaben unser Bestes, um diesen Menschen, die nichts mehr hatten, Unterkunft, Essen, Wasser und medizinische Versorgung zu geben. Aber so viel wir gaben, verloren wir auch, vor allem Land. Die Preise für Lebensmittel und andere Dinge sind so gestiegen, dass wir uns vieles nicht mehr leisten können. Natürlich sind wir froh, dass wir geholfen haben. Aber niemand half danach uns, auch nicht die Regierung.“

Eine Frau bekommt ein Hygiene-Paket für den Schutz gegen Corona, Bangaldesch 2021.
Für Lucky Dhar bedeut das Hygiene-Paket der Welthungerhilfe, dass sich ihre Familie besser vordem Coronavirus schützen kann. © Welthungerhilfe
Geflüchtete Rohingya-Frauen mit ihren Kindern. Die Welthungerhilfe in Bangladesch

In Cox's Bazar im Süden von Bangladesch befindet sich das größte Flüchtlingscamp der Welt: Über eine Million Rohingya suchen dort Schutz.

Knapp ein Viertel der Menschen in Bangladesch lebt unterhalb der Armutsgrenze. Kein Wunder also, dass der Unmut wächst, wo die Not noch größer wird. Um Konflikten zwischen geflüchteten Rohingya und Einheimischen vorzubeugen, werden auch letztere in Aktivitäten einbezogen. Unter anderem verteilte die Welthungerhilfe 40.000 umfangreiche Hygiene-Kits zugleich an Geflüchtete und an besonders bedürftige Anwohner*innen. Darin befinden sich ein Wasserkanister, Produkte zur Körperhygiene, Schutzmasken, Desinfektionsmittel und vieles mehr, was den Familien hilft, gesund zu bleiben. „Unser Geld würde gar nicht reichen, um uns diese wichtigen Dinge kaufen zu können“, sagt Lucky Dhar dankbar.

Gerade jetzt während der Corona-Pandemie sind die Menschen froh über die Unterstützung, denn Bangladesch ist stark vom Ausbruch des Virus betroffen. In den Camps dagegen liegen die Infektionszahlen deutlich niedriger als zuvor befürchtet. Expert*innen führen dies auf frühzeitige strenge Ausgangsbeschränkungen zurück, zudem auf die Arbeit von Hilfsorganisationen, die schon seit langem für umfangreiche Hygienemöglichkeiten gesorgt und die Menschen für dieses Thema sensibilisiert haben. Auch Ferozul Amin hat seinen Beitrag dazu geleistet.

Dieser Text wurde von Balasubramaniam Ramasubba verfasst und stammt aus Ausgabe 2/2021 unseres Magazins.

Alle Fakten zum Projekt

Jun 2020 Projektbeginn
Dez 2021 Projektende
810.980 € Projektbudget 2021
1.575.000 € Projektbudget insgesamt
Themenschwerpunkte
Nothilfe
Landwirtschaft & Umwelt
Ernährung
Wasser & Hygiene
Wirtschaftliche Entwicklung
Stärkung der Zivilgesellschaft
Projekt-ID BGD 1031-19

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