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02.10.2026 | Blog

El Niño: Handeln, bevor aus Wetterextremen Hungerkrisen werden

Das Klimaphänomen El Niño wird in den nächsten Monaten das Wetter in vielen Weltregionen durcheinanderwirbeln und Dürren, Überschwemmungen und extreme Hitze bringen. Für Millionen Menschen kann das bedeuten: Ernten fallen aus, Trinkwasser wird knapp oder Häuser und Felder werden überflutet. Die Welthungerhilfe hat deshalb einen El-Niño-Appell „11 für 11“ gestartet und bereitet sich mit ihren Partnern auf mögliche humanitäre Folgen vor. Ziel ist es, möglichst früh zu helfen – bevor Menschen ihre Ernten, ihr Vieh oder andere Lebensgrundlagen verlieren.

Für viele Menschen in Somalia bedeuten die Auswirkungen von El Niño: Nach der Dürre kommt die Flut. Die bevorstehenden Überschwemmungen werden die Menschen und die humanitäre Hilfe an ihre Belastungsgrenzen bringen. © Welthungerhilfe
Karla Kroener WAHAFA (WHH Anticipatory Humanitarian Action Facility)

Das Klimaphänomen El Niño tritt auf, wenn sich das Wasser im Pazifik zwischen Australien und Südamerika wegen schwächerer Winde erwärmt. Das beeinflusst Temperaturen und Niederschläge weit über den Pazifik hinaus und verändert das Wetter in vielen Weltregionen (wie El Niño genau entsteht haben wir hier ausführlich beschrieben).

Das passiert in unregelmäßigen Abständen alle zwei bis sieben Jahre. Aktuell gehen Wissenschaftler*innen davon aus, dass der El Nino in den nächsten Monaten bis etwa März 2027 besonders stark ausfällt.

El Niño wirkt sich nicht in allen Regionen gleich aus. Während in Gegenden im südlichen Afrika oder in Südostasien Trockenheit und Hitze drohen, steigt in Teilen Ostafrikas das Risiko für heftige Niederschläge, Überschwemmungen und Erdrutsche. Für Menschen, die von der Landwirtschaft leben, können beide Extreme verheerend sein: Zu wenig Regen lässt Ernten vertrocknen und Vieh verenden, zu viel Regen kann Felder, Häuser und Straßen zerstören. Besonders schwer trifft das Menschen, die ohnehin unter Hunger, Armut, Konflikten oder Vertreibung leiden.

Wenn Wasser zur Bedrohung wird: Dalmars Erinnerung an El Niño

Welthungerhilfe-Mitarbeiter Dalmar Abdi Keysane hat in Somalia am eigenen Leib erfahren, wie sich das Klimaphänomen konkret auswirkt. Er hat als Kind den El Niño 1997/1998 erlebt, als extreme Regenfälle das Land am sogenannten Horn von Afrika überschwemmten: „Große Gebiete waren von gewaltigen Wassermassen bedeckt. Auf den wenigen, etwas höher gelegenen Flächen versammelten sich die Menschen, sie waren auf sehr engem Raum zusammengedrängt, weil der Rest vom Wasser bedeckt war“, erinnert er sich.

„Man kann sich vorstellen, wie es dort aussah: keine sanitären Einrichtungen, keine Wasserversorgung, kein Strom. Die Zahl von Vergewaltigungen, Diebstählen, Raubüberfällen und anderen Straftaten nahm zu. Dazu kam Malaria, weil sich durch die Wassermassen die Moskitos stark vermehrten. Viele Menschen wurden krank, und es gab nicht genügend Medikamente.“

Ich erinnere mich daran, dass diejenigen, die es sich leisten konnten, Zwiebeln brieten. Wenn man Zwiebeln bekommen konnte, gehörte man schon zu den besser gestellten Familien in der Gegend.

Dalmar Abdi Keysane Leiter der Welthungerhilfe-Programme in Süd- und Zentralsomalia

Dalmar schildert, dass die Versorgung zusammenbrach, weil Straßen durch das Hochwasser monatelang unpassierbar waren. Lebensmittel und Medikamente konnten viele Orte kaum noch erreichen. Eine Folge war, dass viele Kinder mangelernährt waren, weil es an einer ausreichenden und ausgewogenen Ernährung fehlte. Die Vereinten Nationen und andere Hilfsorganisationen versuchten, den Menschen zu helfen, indem sie Lebensmittel mit Flugzeugen über bestimmten Orten abwarfen.

Überschwemmungen setzten 2024 in Somalia ganze Siedlungen unter Wasser. © Welthungerhilfe

„Ich erinnere mich daran, dass diejenigen, die es sich leisten konnten, Zwiebeln brieten. Wenn man Zwiebeln bekommen konnte, gehörte man schon zu den besser gestellten Familien in der Gegend. Man konnte Zwiebeln mit Pflanzenöl und Salz zubereiten und das dann mit Injera [äthiopischem Fladenbrot] oder mit dem essen, was man gerade hatte. Das war die einzige Art von Suppe, die sich die Menschen leisten konnten“, so Dalmar. „Es war eine sehr, sehr schwierige Situation – eine kaum erträgliche Erfahrung für ein kleines Kind, das all das miterleben und selbst durchstehen musste."

Welthungerhilfe startet El-Niño-Appell „11 für 11“

Appell der Welthungerhilfe (in englischer Sprache)

Damit sich solche Erfahrungen möglichst nicht wiederholen, will die Welthungerhilfe dort handeln, wo sich schwere Folgen von El Niño bereits abzeichnen. Mit dem Aufruf „11 für 11“ sollen elf Millionen Euro für Maßnahmen in elf Hochrisikoländern in Afrika, Asien und der Karibik mobilisiert werden.

Welthungerhilfe-Teams und Partnerorganisationen in Burkina Faso, Madagaskar, Malawi, Mali, Niger, Uganda, Simbabwe, Bangladesch, Myanmar, Pakistan und Haiti haben Pläne entwickelt, um zusätzlich zu den bereits laufenden Projekten bis zu eine Million Menschen zu unterstützen. 

Dabei geht es um drei Schritte:

Wo und wofür die Mittel konkret eingesetzt werden, wird je nach Bedarf vor Ort entschieden. Diese Flexibilität ist wichtig, denn es wird nicht den einen Zeitpunkt geben, an dem El Niño überall zur Krise wird. Während in manchen Regionen bereits heute gehandelt werden muss, bieten Vorhersagen anderswo noch ein Zeitfenster, um sich vorzubereiten.

Zwei Männer prüfen eine Liste auf einem Klemmbrett
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Ihre regelmäßige Spende ermöglicht uns, schon jetzt Vorbereitungen zu treffen, noch bevor eine erneute El Niño-Krise zu Hunger führt.

So ist die Welthungerhilfe vorbereitet, Menschen frühzeitig vor Hitzewellen zu warnen und ihnen Tipps zum Schutz vor extremer Hitze zu geben. Bei Bedarf kann Trinkwasser mit Tankwagen verteilt und es können beschattete Wasserzapfstellen eingerichtet werden. Im Norden von Haiti könnte ebenfalls kurzfristig die Wasserversorgung verbessert werden, indem Quellen und Wasserstellen instand gesetzt werden. 

Über die Ostküste Madagaskars fegen regelmäßig schwere Wirbelstürme hinweg, hier gibt es bereits erprobte Pläne, um Menschen noch vor einem drohenden Zyklon vorausschauend zu unterstützen. Mit zusätzlichen Mitteln könnten mehr landwirtschaftliche Geräte geschützt und sicher gelagert werden. Haushalte in besonders gefährdeten Regionen sollen bereits vor einem Zyklon Bargeldhilfen und schnell reifende Saatgutsorten erhalten. So können Familien noch vor dem Sturm wichtige Dinge besorgen und sich danach schneller selbst versorgen. Das ist besonders wichtig, da viele Dörfer nach einem Zyklon oft erst Tage später erreicht werden können.

Menschen transportieren Habseligkeiten durch ein überschwemmtes Dorf in Somalia. © Welthungerhilfe

Vorausschauendes Handeln zahlt sich aus

Je früher Hilfe ankommt, desto größer ist die Chance, dass Familien ihre Lebensgrundlagen behalten. Wer handelt, bevor Schäden entstehen, kann nicht nur Existenzen schützen, sondern auch vermeiden, dass später deutlich aufwendigere und kostspieligere Hilfe notwendig wird. Sind Tiere erst verendet, Ernten vertrocknet, Wasserquellen versiegt oder Produktionsmittel wie Vieh oder Werkzeug verkauft, um davon Nahrungsmittel zu kaufen, wird die Erholung schwieriger, langwieriger und teurer.

Genau deshalb ist vorausschauende Hilfe so wichtig: Sie nutzt die Zeit, die uns Wettervorhersagen geben. Rechtzeitig zu handeln kann verhindern, dass Familien ihre Lebensgrundlagen verlieren und dass aus einem vorhersehbaren Klimaschock eine noch größere Hungerkrise wird.

So setzt die Welthungerhilfe auf vorausschauende Hilfe

Vorausschauende humanitäre Hilfe („Anticipatory Action“) ist für die Welthungerhilfe kein neuer Ansatz. Bereits 2017 wurden erste Ansätze erprobt und sind heute fest in der humanitären Arbeit verankert. Das Prinzip dahinter ist einfach: Wenn verlässliche Vorhersagen vor einer drohenden Katastrophe warnen, soll Hilfe möglichst schon vor ihrem Eintreten beginnen. Seit 2023 unterstützen wir mit Mitteln des Auswärtigen Amts andere Organisationen beim Aufbau vorausschauender Hilfe.

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