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26.05.2026 | Blog

Die Welt zieht sich zurück – die Krisen nicht: Ein Appell zu entschlossener Klimapolitik

Inmitten eines Geflechts globaler Krisen darf die Bonner Klimakonferenz nicht zur Bühne leerer Bekenntnisse werden. Die Welthungerhilfe fordert die Politik auf, Grundlagen für echten Wandel zu legen.

Eine Gruppe sudanesischer Flüchtlinge im Wedwiel Refugee Center im Südsudan
Sudanesische Flüchtlinge im Wedwiel Refugee Center in Aweil West County, Northern Bahr el Ghazal, Südsudan. © Welthungerhilfe
Dunja Krause Senior Policy Advisor

Wir erleben derzeit eine Polykrise: Temperaturrekorde und sich verschärfende Auswirkungen des Klimawandels, ein immer wahrscheinlicher werdendes El-Niño-Ereignis im Laufe des Jahres, die Zahl der bewaffneten Konflikte auf einem Rekordhoch und Krieg im Iran, der droht, einen kurzfristigen Energie- und Düngemittelschock in weitreichende Ernteausfälle und eine Nahrungsmittelkrise zu verwandeln.

Dies sind keine isolierten Ereignisse. Es handelt sich um miteinander verflochtene Schocks, die sich gegenseitig verstärken und mehr denn je Koordination und integrierte Lösungen erfordern. Stattdessen beobachten wir einen gefährlichen Rückzug wichtiger Akteure und Geber. Zudem eine Transformation des internationalen Entwicklungssektors, die nicht von aktiv gestalteter Strategie geprägt ist, sondern von reaktiver Geopolitik und Haushaltsdruck. Die Bonner Klimakonferenz (SB64) im Juni ist ein Lackmustest für die internationale Gemeinschaft, um nun zu beweisen, dass das Bekenntnis zu multilateralen Lösungen und einer ambitionierten Klimapolitik weiterhin standhält.

Nahrungsmittelsysteme im Mittelpunkt von Klimapolitik

Nahrungsmittelsysteme stehen im Zentrum sowohl der Klimakrise als auch ihrer Lösungen. Agrar- und Ernährungssysteme sind für etwa ein Drittel der gesamten durch den Menschen verursachten Treibhausgasemissionen verantwortlich und gleichzeitig äußerst anfällig für Klimafolgen. Sie sichern den Lebensunterhalt von 1,3 Milliarden Menschen und beschäftigen fast 40 Prozent der weltweiten Erwerbsbevölkerung (FAO, 2024). Die Transformation unserer Agrar- und Ernährungssysteme – der Art und Weise, wie wir Lebensmittel produzieren, verteilen und konsumieren – muss eine zentrale Säule von Klimapolitik werden.

Die Waffenruhe lässt die Welt vorsichtig aufatmen. Doch die Gefahr ist nicht gebannt: Auch mit sofortigem Frieden und geöffneten Seewegen drohen Hunger und Armut zu eskalieren.

Eine nachhaltige Transformation der Ernährungssysteme bietet Synergieeffekte bei der Anpassung an den Klimawandel und der Minderung von Emissionen. Sie sorgt für Stabilität und trägt zu einem gerechten Wandel bei. Beispielsweise durch reduzierten Einsatz fossiler Düngemittel, die Bindung von organischem Kohlenstoff in Böden, bessere Bodengesundheit, höhere Dürreresistenz, mehr Ernährungssicherheit, vielfältiger gestaltete Lebensgrundlagen sowie die Stärkung lokaler Märkte und des Handels.

Dennoch schwindet das politische Interesse an dieser Transformation, obwohl der Krieg im Iran in aller Deutlichkeit zeigt, welche Risiken die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen für die globale Ernährungs- und Energiesicherheit mit sich bringt. Agrar- und Ernährungssysteme sind nach wie vor stark unterfinanziert und erhalten nur etwa 7 Prozent (94,9 Mrd. USD) der gesamten globalen Klimafinanzierung, wobei nur ein Bruchteil die verwundbarsten Regionen erreicht. Subsahara-Afrika erhält nur 8 Prozent der Klimafinanzierung für den Agrar- und Ernährungssektor (CLIC, 2025). Gleichzeitig wurden die Finanzströme mit direkten negativen Auswirkungen auf die Natur – darunter umweltschädliche Subventionen – für das Jahr 2023 auf 7,3 Billionen USD geschätzt (UNEP, 2026).

Es ist ein mutiger Politikwechsel erforderlich, der langfristige Investitionen in Klimaresilienz und Armutsbekämpfung ebenso fördert wie kurzfristige Reaktionskapazitäten. Ein Kurswechsel, der umweltschädliche Investitionen stoppt und den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen vorantreibt.

Eine Frau trägt eine Last in karger Landschaft einen Hang hinauf.
Oromia, Äthiopien. Eine Frau nimmt an einem Cash-for-Work-Programm teil, um einen gemeinschaftlichen Regenwasserspeicher für die Viehzucht und die Bewässerung von Futterpflanzen zu installieren. © Roger Lo Guarro / Cesvi

Öffentliche Mittel sind ein Eckpfeiler der Klimagerechtigkeit

Stattdessen sehen wir, dass Entwicklungs- und humanitäre Budgets schrumpfen und die Klimakrise gegenüber anderen Krisen und Belastungen ins Hintertreffen gerät. Geopolitische Spannungen führen dazu, dass Entwicklungszusammenarbeit zunehmend unter Sicherheitsaspekten betrachtet wird, und innenpolitische Interessen gegenüber wertebasierter internationaler Zusammenarbeit stärker in den Vordergrund treten.  

Politische Entscheidungsträger verweisen zunehmend auf den Privatsektor als Quelle der Klimafinanzierung und auf öffentliche Mittel als Hebel, der privates Kapital mobilisiert. Das Prinzip dahinter: Öffentliche Mittel federn mögliche Verluste ab und schaffen damit Anreize für private Investoren, Kapital in Bereiche zu lenken, die ihnen sonst zu riskant wären. Die Mobilisierung privater Gelder ist eine notwendige Ergänzung zur öffentlichen Klimafinanzierung, kann aber kein Ersatz dafür sein.

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Private Investitionen folgen Renditen – eine gerechte Klimafinanzierungmuss hingegen bedarfsorientiert sein. Anpassungsmaßnahmen, um kleinbäuerliche Familien vor unregelmäßigen Niederschlägen zu schützen, Frühwarnsysteme auf Gemeindeebene aufzubauen, degradierte Böden wieder fruchtbar zu machen, oder Arbeitnehmer*innen durch einen gerechten Übergang zu unterstützen, bieten selten rentable Rendite, die privates Kapital anziehen oder eine zeitnahe Rückzahlung von Krediten wahrscheinlich machen.

Anpassung dient oft dem öffentlichen Nutzen, der kaum Gewinnanreize schafft. Zudem muss Anpassungsfinanzierung auch in fragilen und konfliktbetroffenen Kontexten bereitgestellt werden. Auf den Markt zu warten, um die Anpassungsfinanzierungslücke zu schließen, heißt, Millionen von Menschen, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben, auf unbestimmte Zeit zu vertrösten, während sie mit den schlimmsten Folgen konfrontiert sind. Klimafinanzierung vorrangig über schuldenbildende Instrumente bereitzustellen, um private Investoren anzuziehen, schließt die Finanzierungslücke nicht. Sie vertieft die Ungerechtigkeit.

Wer international ambitionierten Klimaschutz einfordert, muss mit gutem Beispiel vorangehen und ambitionierte Minderung zuhause mit internationaler Verantwortung und einem neuen, ehrgeizigen Klimafinanzierungsziel verknüpfen.

Dunja Krause Senior Policy Advisor, Welthungerhilfe

Öffentliche Mittel müssen daher ein Eckpfeiler der Klimafinanzierung bleiben. Das bedeutet insbesondere im Bereich der Anpassung, Zuschüssen und Mechanismen ohne neue Schuldenlast Vorrang einzuräumen. Und sicherzustellen, dass die Mittel bei lokalen Gemeinschaften ankommen und auch fragile, konfliktbetroffene Gebiete erreichen.

Finanzierung muss transparent, vorhersehbar und lokal ausgerichtet sein – nicht abhängig von Präferenzen privater Investoren oder ausgerichtet auf Instrumente, die eher auf Rendite abzielen als auf Resilienz.

Straße in einem Flüchtlingscamp im Sudan, links und rechts reihen sich Unterkünfte, in der Mitte spannt eine Wäscheleine mit einem großen purpurnem Tuch.
Aufnahme aus dem Flüchtlingscamp Al Karama in Kassala, Sudan. © Abubakr/Welthungerhilfe

Deutschlands Chance, mit Kohärenz voranzugehen

Deutschland positioniert sich international als Vorreiter im Klimaschutz und als verlässlicher Partner des Globalen Südens. Das damit verbundene Ansehen ist ein großer diplomatischer Trumpf und erfordert Kohärenz. Wer international ambitionierten Klimaschutz einfordert, muss mit gutem Beispiel vorangehen und ambitionierte Minderung zuhause mit internationaler Verantwortung und einem neuen, ehrgeizigen Klimafinanzierungsziel verknüpfen.

Derzeit kritisieren Fachleute den mangelnden Ehrgeiz bei der inländischen Umsetzung. Das kürzlich verabschiedete Klimaschutzprogramm 2026 berücksichtigt zum Beispiel nicht die jüngsten energiepolitischen Gesetzgebungsvorschläge, die fossilen Brennstoffen wieder mehr Gewicht beimessen (Expertenrat für Klimafragen, 2026). Hinzu kommt, dass Haushaltskürzungen den Handlungsspielraum des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) einschränken, und damit die Fähigkeit, als der verlässliche, langfristige Partner zu agieren, den eine wirksame Klimakooperation erfordert.

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Steigende Energiepreise, unterbrochene Lieferketten und teurere Lebensmittel verschärfen den Hunger für Millionen Menschen.

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Ohne einen kohärenten Ansatz riskiert Deutschland, seine Glaubwürdigkeit als Vorreiter im Klimaschutz gegen den bloßen Anschein von Handeln einzutauschen – ausreichend für diplomatische Gesten, aber unzureichend, um echte Veränderungen für die Menschen zu bewirken, die sie am dringendsten benötigen.

Was Bonn liefern muss

Die Bonner Klimakonferenz ist eine technische Verhandlungsrunde – doch technische Entscheidungen haben politisches Gewicht. Die Welthungerhilfe appelliert an Verhandler*innen und Entwicklungsakteure, dem Sog des vermeintlich Einfachen zu widerstehen: dem, was sich leicht finanzieren, kommunizieren und als Wirkung verbuchen lässt. Schulmahlzeiten sind gut. Aber sie sind kein Ersatz für die langsamere, strukturelle Arbeit der Transformation von Ernährungssystemen, des Aufbaus von Anpassungskapazitäten oder der Unterstützung eines gerechten Übergangs.

Die Bewältigung der miteinander verknüpften Krisen von Hunger, Armut und Klima erfordert mehr Investitionen in Systeme und robuste institutionelle Strukturen, nicht weniger. Die Transformation von Ernährungssystemen muss als wirksame Klimalösung anerkannt werden. Dies bedeutet, in Fragen öffentlicher Klimafinanzierung und multilateraler Zusammenarbeit Kurs zu halten, auch wenn innenpolitischer Druck in eine andere Richtung weist.

Unsere Forderungen an die Politik

Bonn darf nicht zur Bühne leerer Bekenntnisse werden, sondern muss die Grundlagen für echten Wandel legen. Daher fordern wir die Mitgliedstaaten – Deutschland und die EU im Besonderen – auf:

1. Öffentliche Klimafinanzierung zu schützen und auszubauen. Deutschland sollte sich verpflichten, bis 2030 mindestens 12 Milliarden Euro pro Jahr aus dem öffentlichen Haushalt bereitzustellen und dabei Zuschüssen Vorrang vor Krediten einzuräumen, insbesondere im Bereich der Klimaanpassung.

2. Die Transformation von Agrar- und Ernährungssystemen ins Zentrum der Klimapolitik zu rücken. Sie muss zu einer zentralen, gut finanzierten Säule der deutschen Klimakooperation werden, die ihrer entscheidenden Rolle für Klimaschutz und Entwicklung gleichermaßen gerecht wird.

3. Den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen aktiv voranzutreiben. Deutschland sollte eine Vorreiterrolle bei den internationalen Bemühungen um den Ausstieg aus fossilen Energieträgern übernehmen und den zügigen Abbau fossiler Abhängigkeiten in Ernährungs- und Energiesystemen aktiv vorantreiben.

4. Diplomatischen Anspruch mit innenpolitischen Maßnahmen in Einklang zu bringen. Um ein glaubwürdiger Partner zu bleiben, muss Deutschland seine Klimaschutzbemühungen verstärken, anstatt bestehende Gesetze zu verwässern. Deutschland sollte eine kohärente Klimaentwicklungspolitik entwickeln, die dem BMZ die langfristigen, verlässlichen Ressourcen sichert, die zur Erfüllung internationaler Verpflichtungen erforderlich sind.

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