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Herausforderung Klimawandel

Der Klimawandel wirkt sich direkt auf die Ernährungssicherheit von Menschen aus und betrifft Kinder besonders.

Dürre in Somaliland: Ein Junge mit zwei Eseln steht in einer kargen Landschaft. Oben rechts ist das "Kompass 2021" Logo.
Der Sohn einer Hirtenfamilie in Somaliland. © Wuchenauer/welthungerhilfe

Dieser Artikel ist Teil des Berichts Kompass 2021, der von der Welthungerhilfe und terre des hommes herausgegeben wird.

Die FAO hat Alarm geschlagen und nennt den Klimawandel als wichtigsten Treiber für den Hunger neben gewaltsam ausgetragenen Konflikten.65 690 Millionen Menschen haben nicht genug Nahrung.66 Zu den Leidtragenden gehören auch die Kinder.67 Unterernährung ist für fast die Hälfte aller Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren verantwortlich. Laut Vereinten Nationen leidet noch immer jedes fünfte Kleinkind unter hungerbedingten Wachstumsstörungen; jedes zweite unter „verstecktem“ Hunger wegen des Mangels an Vitaminen und Mineralien; und eins von drei Kleinkindern erhält Nahrung, die nicht nährstoffreich genug ist.68 Schätzungen zufolge könnte der Klimawandel ab dem Jahr 2030 zu zusätzlich 95.000 Todesfällen bei Kindern aufgrund von Unterernährung führen und das Körperwachstum von ungefähr 7,5 Millionen Kindern beeinträchtigen.69

Klimawandel betrifft Kinder besonders

Die Lebenschancen eines Kindes, das heute zur Welt kommt, sind maßgeblich vom Klimawandel mitbestimmt. Im Laufe seines Lebens könnte es auf der Erde bis zu vier Grad wärmer als im vorindustriellen Durchschnitt werden. Die Auswirkungen des Klimawandels treffen Kinder besonders hart, weil sie sich noch entwickeln und klimabedingten Schocks und Belastungen weniger entgegensetzen können. Die Vereinten Nationen schätzen, dass allein 500 Millionen Kinder in Gebieten mit hohem Hochwasserrisiko leben. 115 Millionen Kinder sind den Folgen tropischer Wirbelstürme ausgesetzt, und fast 160 Millionen Kinder wohnen an Orten, die von schlimmer Dürre bedroht sind.70 Prognosen lauten, dass im Jahr 2100 bis zu drei Viertel der Weltbevölkerung extremen Hitzewellen ausgesetzt sein könnten.71 Kleine Kinder sind jedoch weniger in der Lage als Erwachsene, ihre Körpertemperatur zu regulieren, und hängen in solchen Situationen stark von der Hilfe anderer ab. Wasserknappheit gehört zu den sichtbarsten Zeichen der heutigen Umweltkrise, und sie wird durch den Klimawandel verschärft. Bereits heute leben etwa vier Milliarden Menschen in Regionen, die mindestens einmal pro Jahr von hoher Wasserknappheit betroffen sind.72 Bis zum Jahr 2040 werden 600 Millionen Kinder in Regionen leben, in denen das Wasser kaum zur Befriedigung von Grundbedürfnissen ausreicht.73

Klimatische Faktoren spielen ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Infektionskrankheiten wie Malaria oder Dengue-Fieber. Schon heute fallen 67 Prozent aller Todesfälle durch Malaria auf Kinder unter fünf Jahren.74 Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weist darauf hin, dass durch den Klimawandel ab dem Jahr 2030 jährlich mit zusätzlich 60.000 Todesfällen bei Kindern unter 15 Jahren zu rechnen ist.75 Durchfallerkrankungen gehören ebenfalls zu den Haupttodesursachen bei Kindern, und klimawandelbedingte Dürren, Überschwemmungen und veränderte Niederschlagsmuster werden den Druck auf die Wasserversorgung und sanitäre Einrichtungen weiter erhöhen. Für die Jahre zwischen 2030 und 2050 geht die WHO jeweils von zusätzlichen 48.000 Todesfällen bei Kindern aus.76

Für eine zukunftsfähige Landwirtschaft

Der Klimawandel wirkt sich auch direkt auf die Ernährungssicherheit77 von Menschen aus. Extremwetterereignisse, aber auch dauerhaft veränderte Klimabedingungen beeinflussen die Produktion sowie die Qualität von Grundnahrungsmitteln wie Mais, Weizen, Reis und Gemüse negativ und stellen die Landwirtschaft an manchen Standorten gänzlich infrage. Die FAO geht davon aus, dass zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte die Landwirtschaft mit einer derartigen Vielzahl von Bedrohungen konfrontiert war wie heute, darunter großflächige Brände, extreme Wetterbedingungen und ungewöhnlich große Schwärme von Wüstenheuschrecken.78 Dazu kommen neue Bedrohungen wie die COVID-19-Pandemie, die durch Zoonosen79 hervorgerufen werden. Diese zerstört nicht nur Menschenleben, sondern auch Existenzen mit kaskadenartigen negativen wirtschaftlichen Folgen auf Haushalts-, Gemeinde sowie nationaler und regionaler Ebene, die über Generationen hinweg negative Folgen haben können. Der Druck auf Landökosysteme (Wälder, Grasland, Äcker) spielt hierbei eine entscheidende Rolle, wie der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung (WBGU) in seinem neuesten Gutachten80 ausführlich darlegt.

Flächennutzung Konkurrenz vs. integrierte Landnutzung
© Welthungerhilfe/terre des hommes

Nutzungskonkurrenz, Übernutzung und Degradation der Landressourcen haben dazu geführt, dass ein beträchtlicher Teil der bewirtschafteten und natürlichen Landökosysteme geschädigt und durch den Klimawandel und den Verlust von biologischer Vielfalt weiterhin gefährdet ist. Landnutzung steht demnach vor einem „Trilemma“: Die derzeitige Schädigung von Landökosystemen beschleunigt den Klimawandel, treibt den Verlust an Biodiversität an und beeinträchtigt die Ernährungssicherung.81 Allein die industrielle Landwirtschaft sowie die Fleischproduktion haben in den Jahren 2007 bis 2016 23 Prozent der weltweiten Treibhausgase (C02, Methan und Lachgas) verursacht.82

Einziger Ausweg, diesem Trilemma zu entgehen, sind nach Vorstellungen des WBGU die Ausweitung von Schutzgebieten und Renaturierung. Für die Landwirtschaft wird eine Diversifizierung der Produktion empfohlen, in Richtung ökologisch intensiver multifunktionaler Systeme wie zum Beispiel der Agroforstwirtschaft, dabei sollten agroökologische Praktiken Berücksichtigung finden, die stärker auf die natürlichen Kreisläufe der Natur Rücksicht nehmen und auch soziale Aspekte mit einbeziehen.83 So könnte Landwirtschaft seinen vielfältigen Aufgaben nachkommen, Nahrung produzieren, negative Konsequenzen für die Umwelt vermeiden und erhebliche Mengen an Kohlendioxid im Boden binden.

Selbst wenn es gelänge, den Klimawandel wie in Paris 2015 vereinbart zu begrenzen, sind Anpassungsstrategien an die Auswirkungen des Klimawandels vor allem in den am meisten betroffenen Ländern unumgänglich. Dafür ist neben den richtigen Ansätzen auch eine für Entwicklungsländer planbare, langfristige und somit verlässliche Finanzierung erforderlich. UN-Generalsekretär Antonio Guterres mahnte die Weltgemeinschaft kürzlich, wir stünden vor einem Klimanotstand und könnten es uns nicht leisten, bekannte Risiken zu ignorieren. Die nächste internationale Gelegenheit, politische Weichen zu stellen, besteht im schottischen Glasgow, wo im November dieses Jahres die 26. Konferenz der Vertragsstaaten der Klimarahmenkonvention stattfindet. Hier müssen die Staaten, darunter Deutschland, nachweisen, dass sie ihre Klimaschutzziele auch ohne Hilfe des COVID-19-bedingten Lockdowns erreichen und sie entsprechend verschärfen.

Gerechtigkeit für alle Generationen

Die Klimakrise ist auch eine Krise der Kinderrechte84. Obwohl Kinder nicht für die Klimakrise verantwortlich sind, sind sie von ihren Folgen besonders betroffen und können wenig dagegen tun, weil sie kein politisches Stimmrecht haben. Im Kern steht der menschengemachte Klimawandel für ein schockierendes Maß an Verantwortungslosigkeit einer Generation gegenüber den folgenden und verstößt damit gegen den Grundsatz der intergenerationellen Gerechtigkeit. Die globale Klimabewegung der jungen Generation lässt sich als Reaktion auf die Apathie der Entscheidungsträger* innen in Politik und Gesellschaft angesichts einer sich dramatisch verschärfenden Klima- und Umweltkrise und der damit verbundenen Ungerechtigkeiten verstehen.

Eine Charta für eine kindersensible Klimapolitik

Die grundlegende Anforderungen an einen kinderspezifischen Klimaschutz sind in der Erklärung über Kinder, Jugendliche und Klimaschutz (Declaration on Children, Youth and Climate Action) formuliert. Die Initiative wurde während der letzten Klimakonferenz 2019 in Madrid vorgestellt und enthält sieben Kernverpflichtungen für Regierungen. Die deutsche Bundesregierung sollte die Erklärung unterzeichnen, die in ihr enthaltenen Forderungen in relevanten internationalen Foren einbringen und diese in Hinblick auf die Klimakonferenz 2021 in Glasgow konkretisieren, damit sie auf nationaler und internationaler Ebene umgesetzt werden können.

Die sieben Kernverpflichtungen

Erfolgreiche Klimapolitik muss darauf zielen, Kindern das Aufwachsen in einem stabilen Klima zu ermöglichen. Sie muss die Kreativität und den enormen Handlungswillen von Kindern und Jugendlichen für sich nutzen. Bislang spielen Kinder in nationalen Klimapolitiken, -strategien und -plänen vieler Länder keine große Rolle.85 Die Erklärung über Kinder, Jugendliche und Klimaschutz soll diese ändern und stellt eine Blaupause für kindersensible Klimapolitik dar. Die deutsche Bundesregierung sollte sie unterzeichnen und umsetzen.

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Fußnoten

65. FAO (2017): State of Food Security and Nutrition in the World.

66. FAO (2019): State of Food Security and Nutrition in the World.

67. Zu den Auswirkungen auf marginalisierte Bevölkerungsgruppen siehe u.a. FAO (2019): Addressing the Climate Change and the Poverty Nexus; Watts, N., Amann, M. et al. (2019): The Lancet Countdown on health and climate change: ensuring that the health of a child born today is not defined by a changing climate.

68. UNICEF (2019): The State of the World’s Children 2019

69. UNICEF (2015): Unless We Act Now: The Impact of Climate Change on Children

70. Ebd.

71. Mora, C., Caldwell, I. et al. (2017): Global Risk of Deadly Heat, Nature: Climate Change

72. UNESCO (2021): Wasser bewerten und wertschätzen. Weltwasserbericht der Vereinten Nationen 2021

73. UNICEF (2017): Thirsting for a Future: Water and Children in a Changing Climate

74. WHO (2019): World Malaria Report

75. WHO (2014): Quantitative Risk Assessment of the Effects of Climate Change on Selected Causes of Death, 2030s and 2050s

76. Ebd.

77. Gemeint sind die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, der Zugang zu Nahrungsmitteln, die Qualität und die Nutzung von Nahrungsmitteln. Welthunger-Index 2019

78. FAO (2021): The Impact of disasters and crisis on agriculture and food security.

79. Eine Zoonose ist eine Infektionskrankheit, die von einem Tier auf den Menschen übergesprungen ist. Aufgrund enger Beziehung von Menschen zu Tieren, z.B. in der Landwirtschaft, als Gefährt*innen und in der natürlichen Umgebung, stellen sie weltweit ein großes Problem für die öffentliche Gesundheit dar. Zoonosen machen einen großen Prozentsatz aller neu identifizierten Infektionskrankheiten aus, wie COVID-19, das sich zu einer globalen Pandemie entwickelt hat. Siehe dazu: www.who.int/newsroom/ fact-sheets/detail/zoonoses

80. WBGU – Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (2020): Landwende im Anthropozän: Von der Konkurrenz zur Integration

81. Ebd. S. 22f

82. IPCC (2019): Sonderbericht: Landsysteme

83. Siehe WBGU – Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (2020): Landwende im Anthropozän: Von der Konkurrenz zur Integration, S. 5 und außerdem: Wezel, A., Bellon, S., Doré, T., Francis, C., Vallod, D. et al. (2009): Agroecology as a science, a movement and a practice. A review. In: Agronomy for Sustainable Development

84. Terre des Hommes/Child Fund/World Vision/SOS Children’s Villages/Save The Children/Plan International, Child Rights Now! (2019): The Global Climate Crisis: A Child Rights Crisis

85. UNICEF (2019): Are climate change policies child-sensitive?

Autor*innen dieses Artikels

Michael Kühn

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Jonas Schubert

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Letzte Aktualisierung 16.05.2021

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