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27.03.2026 | Blog

Libanon: Das Gewicht der Geschichten

Die Straße nach Ain Majdalain windet sich durch Pinienwälder und steile Hänge, vorbei an Tälern, die im Morgenlicht still daliegen. Von hier oben wirkt der Süden Libanons friedlich. Doch das trügt – der Krieg ist allgegenwärtig. Unsere Kollegin Anna Stratieva hat die Region im Sommer 2025 besucht. Sie berichtet von ihren Eindrücken.

Libanon: Porträt einer Mitarbeiterin in der Nothilfe
Reem Ibrahim berichtet von dem Gewicht der Geschichten, die ihr anvertraut werden: Familien mit Kindern, die unter dem Krieg leiden, weil sie alles verloren und keine Perspektive haben. Aber auch von der beeindruckenden Widerstandskraft der Menschen. © Welthungerhilfe

Nur wenige Kilometer südlich von Ain Majdalain verläuft die sogenannte Blue Line, jene von den Vereinten Nationen gezogene Demarkationslinie zwischen Libanon und Israel, die seit Herbst 2023 wieder zu einer Frontlinie in der Region geworden ist. Meine Kollegin Reem kennt diese Grenze nicht aus Karten oder Lageberichten wie ich. Sie kennt sie aus ihrer Kindheit.

Ihre Wurzeln liegen in Houla, einem Dorf direkt an der Blue Line. Als der Konflikt zwischen der Hamas und Israel im Oktober 2023 eskaliert und sich die Kämpfe rasch auf den Süden Libanons ausweiten, beginnt für ihre Familie eine Kette von Fluchten in den Norden. Häuser werden zerstört, Dörfer entvölkert, Gebiete besetzt. Viele Menschen wie Reem können bis heute nicht zurückkehren, weil der Wiederaufbau an der Blue Line nicht erlaubt ist.

Zwischen Beruf und eigener Betroffenheit

Ihre Arbeit für die Welthungerhilfe beginnt Reem im Februar 2024 – mitten in dieser Eskalation. Sie bringt eine Ausbildung in klinischer Psychologie mit sowie jahrelange Erfahrung in psychischer Gesundheit und Kinderschutz. Doch dieses Mal ist die Trennung zwischen professioneller Rolle und persönlicher Realität kaum aufrechtzuerhalten. Während sie für ein Nothilfeprojekt arbeitet, wird auch sie selbst evakuiert. Luftangriffe treffen den Süden Beiruts. Reem verliert ihr Zuhause, ihre Nachbarschaft, ihren Alltag. Und noch heute ist der Krieg präsent: mit gezielten Angriffen, Unsicherheit und einer latenten Angst.

Kleiner Junge sitzt auf dem Schoss seiner Tante auf dem Beifahrersitz eines vollbeladenen Autos
Der Krieg vertreibt im Libanon immer wieder Menschen in ihrem eigenen Land: So auch Ali und seine Tante, die 2024 vor Luftangriffen aus ihrem Heimatort fliehen. © Stefanie Glinski/Welthungerhilfe

Im Süden des Libanon unterstützt die Welthungerhilfe gemeinsam mit Partnern wie der Organisation SHIELD vertriebene Familien, Gemeinden, die Vertriebene aufnehmen, und Rückkehrende. Psychosoziale Sitzungen werden zu Räumen, in denen Menschen zum ersten Mal seit Monaten wieder über ihre Erlebnisse sprechen können. Über Verlust. Über Schuldgefühle. Über Erschöpfung.

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Reem beschreibt diese Arbeit als zutiefst ambivalent. Einerseits ist da Dankbarkeit – für ihre eigenen Ressourcen, wie Bildung, ein Einkommen, die Möglichkeit, Betroffene zu unterstützen. Andererseits ist da das Gewicht der Geschichten, die ihr anvertraut werden: Familien, die alles verloren haben, Kinder mit Angstzuständen, Eltern ohne Perspektive.

Was sie besonders beeindruckt, ist die Widerstandskraft der Menschen. Trotz allem bleibt der Wunsch, zurückzukehren, neu anzufangen, ihren Kindern ein sicheres Leben zu ermöglichen. Vielleicht ist es ihre eigene Geschichte, die Reem so nahbar macht. Vielleicht ihre Fähigkeit zuzuhören. Sicher ist: Sie findet Zugang zu den Menschen.

Räume zum Reden und Verarbeiten

In Ain Majdalain nehmen Frauen an regelmäßigen Gruppensitzungen teil – ein Novum in einer Region, in der psychische Gesundheit lange tabuisiert war. Heute sprechen viele offen über Stress und Traumata. Eine dieser Frauen ist eine 32-jährige Mutter von zwei Kindern, die mit finanziellen Sorgen, chronischen Erkrankungen in der Familie und der Angst vor dem nahen Krieg lebt. Sie erzählt uns, dass die Sitzungen ihr helfen, mit Belastungen umzugehen, wieder handlungsfähig zu werden. Bargeldhilfen ermöglichen es ihr erstmals seit Monaten, Medikamente zu kaufen, statt zwischen Essen und Gesundheit wählen zu müssen.

Jetzt spenden und Familien unterstützen

Reem weiß, dass diese Hilfe die strukturellen Probleme nicht löst. Aber sie schafft etwas anderes: Momente von Würde, Räume, in denen Menschen sich gesehen fühlen. In diesen Zeiten im Libanon bedeutet das sehr viel.

Anna Stratieva arbeitet im Team der Welthungerhilfe in Bonn. Ihr Text ist ursprünglich für das Welthungerhilfe-Magazin entstanden (Ausgabe 01/2026). Reem Ibrahim war bis März 2026 für die Welthungerhilfe im Libanon tätig.

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