Der Kompass 2026 zum Herunterladen als PDF
Kompass: Zur Wirklichkeit der deutschen Entwicklungspolitik
Herausgegeben von Deutsche Welthungerhilfe e.V. & Terre des Hommes Deutschland e.V.
Der Kompass 2026 analysiert, welchen Kurs die Bundesregierung in Zeiten geopolitischer Krisen einschlägt und welche Folgen die aktuellen politischen und finanziellen Weichenstellungen für Deutschlands internationale Verantwortung haben.
Werden die Reformen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe den globalen Herausforderungen gerecht oder bleiben sie dahinter zurück?
Vorwort
Entwicklungspolitik und humanitäre Hilfe stehen angesichts zahlreicher Krisen und globaler Umbrüche zunehmend unter Druck.
Mit großer Sorge blicken wir auf die Entwicklung im internationalen humanitären System: Mangelnde politische Unterstützung, drastisch sinkende Finanzierung und eine zunehmende Missachtung des humanitären Völkerrechts erschweren den Zugang zu Menschen in Not und schwächen die Handlungsfähigkeit und Verlässlichkeit der humanitären Hilfe. Sie wird zunehmend politisiert und instrumentalisiert – etwa in Gaza und den übrigen palästinensischen Gebieten.
Von globalen Krisen sind junge Menschen besonders betroffen – und geben durch ihr Engagement zugleich Anlass zur Hoffnung: In Ländern wie Marokko, Madagaskar, Kenia, Senegal, Sri Lanka, Nepal oder Bangladesch setzen sich junge, zivilgesellschaftlich organisierte Bewegungen mit Nachdruck für Teilhabe, Würde, Transparenz und wirtschaftliche Perspektiven ein. Mit Protesten fordern sie ihre Rechte ein – vielfach mit Erfolg.
Kompass 2026: Verteilungskonflikte und Polarisierung setzen Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe unter Druck
Auch in Deutschland führen die globalen Umbrüche zu veränderten politischen Prioritäten. Geopolitische Spannungen, wirtschaftliche Unsicherheiten und eine angespannte Haushaltslage verschärfeninnenpolitische Verteilungskonflikte und polarisieren. Damit wächst auch der politische Druck auf Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe, ihre Legitimität unter Beweis zu stellen und sich stärker an Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen auszurichten. Vor dem Hintergrund all dieser Entwicklungen sind Reformen in der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe dringend notwendig.
Mit dem Kompass 2026 beleuchten wir die bisherigen Schritte der Bundesregierung in diesem Prozess und ziehen – nach inzwischen mehr als einem Jahr Amtszeit – eine erste Bilanz. In ihrem Koalitionsvertrag hat sich die Bundesregierung klar zur Überwindung von Hunger, Armut und Ungleichheit bekannt. Nun muss sie zeigen, ob es ihr gelingt, den selbst proklamierten politischen Kurs zu entwickeln, der globale Verantwortung und nationale Interessen gleichermaßen berücksichtigt.
Humanitäre Handlungsfähigkeit braucht Strategie, Finanzierung und humanitäre Diplomatie
Der vorgelegte Reformplan des BMZ und die jüngst veröffentlichte Jahresbilanz des Ministeriums machen deutlich, dass der Bundesregierung bislang eine überzeugende Strategie fehlt, wie die unterschiedlichen Elemente der Reformagenda in der Praxis systematisch ineinandergreifen und ihre Wirkungen sich gegenseitig verstärken können. Zielkonflikte zwischen wirtschaftlichen Interessen und entwicklungspolitischen Zielen – etwa dort, wo die Förderung von Investitionen, Exporten und wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit mit menschenrechtlichen Standards kollidiert – müssen dabei transparent gemacht und aufgelöst werden.
Gleichzeitig muss sich die Bundesregierung am Kabinettstisch für eine ausreichende Finanzierung der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe einsetzen. Mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen fordern wir die Bundesregierung mit Nachdruck auf, von den geplanten Kürzungen in der Entwicklungsfinanzierung abzusehen und insbesondere die Kürzungen bei der humanitären Hilfe zurückzunehmen. Auch muss sich die Bundesregierung für die konsequente Einhaltung des Völkerrechts und den Schutz des humanitären Raums einsetzen. Angesichts zunehmender Zugangsbeschränkungen und der fortschreitenden Politisierung humanitärer Hilfe braucht es auch von deutscher Seite verstärkte humanitäre Diplomatie, um Einschränkungen in der humanitären Handlungsfähigkeit entschlossen entgegenzuwirken.
Die aktuellen globalen Entwicklungen machen deutlich, dass Entwicklungsfinanzierung neu gedacht werden muss. Neue Instrumente mit stärkerer systemischer Wirkung müssen konzipiert werden. Zudem gilt es, die Wirtschaftlichkeit und Wirksamkeit entwicklungspolitischer Maßnahmen durch einen offeneren Wettbewerb bei der Vergabe zu stärken. Die anstehenden Reformprozesse bieten die Chance, eine gerechtere, inklusivere und wirksamere Entwicklungszusammenarbeit zu gestalten.
Glaubwürdig kann ein politischer Kurs nur dann sein, wenn Partnerschaften auf Augenhöhe mehr sind als Rhetorik. Die Nord-Süd-Kommission bietet die Chance, diesen Anspruch unter Beweis zu stellen. Zivilgesellschaftliche Akteure aus dem sogenannten globalen Süden und insbesondere junge Menschen müssen systematisch in die Formulierung, Umsetzung und Evaluierung entwicklungspolitischer Strategien einbezogen werden. Ihre Perspektiven und ihre Expertise sind entscheidend für die Legitimität, Wirksamkeit und Nachhaltigkeit politischer Entscheidungen.
Wir laden Sie ein, den Kompass 2026 als Orientierung für einen klaren politischen Kurs zu nutzen – damit globale Verantwortung auch künftig handlungsleitend bleibt.











