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Entwicklungsfinanzierung neu definieren

Die öffentliche Entwicklungsfinanzierung ist 2025 weltweit so stark eingebrochen wie nie zuvor. Ein erheblicher Teil der deutschen Mittel wird im Inland eingesetzt, während Investitionen in Ernährungssicherheit und ländliche Entwicklung in anderen Regionen unter Druck geraten. Doch gerade sie sind entscheidend, um Hunger, Krisen und Instabilität langfristig vorzubeugen. Wie lässt sich mit knapperen Mitteln größtmögliche Wirkung erzielen? Und welchen Beitrag können zivilgesellschaftliche und lokale Organisationen leisten?

Männer stehen mit Wasserkanistern und Eseln an einer Tiertränke
Die weltweiten öffentlichen Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit sind 2025 im Vergleich zum Vorjahr so weit zurückgegangen wie noch nie zuvor. Eine erfolgreiche, nachhaltige und systemische Entwicklungszusammenarbeit benötigt jedoch vor allem langfristige finanzielle Zusagen. Foto: Aufgrund von anhaltender Dürre in Somaliland errichtete die Welthungerhilfe Wasserstellen und Tiertränken. © Mensing/Welthungerhilfe
Team Policy & External Relations

Dieser Artikel ist Teil des Berichts Kompass 2026, der von der Welthungerhilfe und Terre des Hommes herausgegeben wird.

Die weltweiten öffentlichen Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe (official development assistance, ODA) sinken so stark wie nie zuvor: Nach einem Rückgang von 7,1 Prozent im Jahr 2024 gegenüber dem Vorjahr folgte 2025 ein Absturz um 23,1 Prozent. Damit belief sich die ODA der Mitgliedsländer des Entwicklungsausschusses (development assistance committee, DAC) der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 2025 auf 172 Milliarden US-Dollar, nachdem sie im Jahr 2024 noch 224 Milliarden US-Dollar betragen hatte (Angaben in Nettoauszahlungen, in konstanten Preisen von 2025). Dies ist der bislang größte Rückgang in der Geschichte der ODA – die OECD spricht von einem historischen Einbruch. Insgesamt übertraf dieser sogar die ohnehin pessimistischen Prognosen der Organisation (9–17 %). Drei Viertel des globalen Rückgangs sind auf die massiven Einschnitte in den USA zurückzuführen. Doch kam es 2025 zum ersten Mal vor, dass die fünf größten Geberländer – die USA, Deutschland, das Vereinigte Königreich, Japan und Frankreich – alle gleichzeitig die Mittel kürzten. Die deutsche ODA ist im Jahr 2025 real um 17 Prozent auf 25,79 Milliarden Euro gesunken.

Grafik zu Entwicklungsausgaben Deutschlands gemessen am eigenen Ziel
Deutschlands Entwicklungsausgaben schrumpfen weiter: Deutschland verfehlt die eigenen Ziele © Welthungerhilfe

Die politische Unterstützung bröckelt

Die international vereinbarte Zielmarke, 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens (BNE) für die ODA zur Verfügung zu stellen, scheint außer Reichweite, obwohl sie nach wie vor für alle Mitgliedsländer des OECD-Entwicklungsausschuss gilt. Insgesamt machte die ODA-Leistung dieser Länder 2025 gerade einmal 0,26 Prozent ihres BNE aus. In diesem Kontext verwundert es nicht, dass die Finanzierungslücke zur Umsetzung der Agenda 2030 bei der Vierten Internationalen Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung („Financing for Development“, FfD4) im Jahr 2025 auf vier Billionen US-Dollar beziffert wurde.67

Dass sich die Mehrheit der OECD-DAC-Länder teilweise sehr weit von der 0,7-Prozent-Zielmarke entfernt, stellt ihre politische Unterstützung für dieses Ziel in Frage. Spätestens in der Diskussion um eine Nachfolge der Agenda 2030 wird es Zeit, dass die Weltgemeinschaft neue finanzielle Verpflichtungen in den Blick nimmt, die klar auf die international vereinbarten politischen Ziele ausgerichtet sind.

Grafik zur Verteilung deutscher öffentlicher Entwicklungsfinanzierung in Länder und Regionen weltweit
Mehr Hilfe im Inland als in den LDCs (Least Developed Countries): Für die LDCs wurden 2024 3,89 Mrd. € bereitgestellt, während 9,59 Mrd. € in Deutschland ausgegeben wurden. © Welthungerhilfe

In den vergangenen drei Jahren verblieb beispielsweise rund ein Drittel der gesamten deutschen ODA im Inland. 2024 überstiegen die ODA-Auszahlungen in Deutschland mit 9,6 Milliarden Euro sogar die bilateralen Zahlungen an Afrika und Asien zusammen (4,8 Mrd. Euro bzw. 4,5 Mrd. Euro). Der in den letzten Jahren auch in anderen ODA-Geberländern tendenziell wachsende Anteil der Inlandsausgaben untergräbt die mit der ODA verbundene Verpflichtung mit Blick auf die globale Partnerschaft, wie sie im UN-Nachhaltigkeitsziel (SDG) 17 verankert wurde.

Aus den ODA-Empfängerländern wird regelmäßig die Forderung nach einer Reform der „Governance“ von internationaler Entwicklungszusammenarbeit laut – hin zu „Institutionen, die demokratischer, inklusiver, transparenter sind, ihrer Rechenschaftspflicht nachkommen und darauf ausgerichtet sind, eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen“.68 Der Rückzug der Geber ist dramatisch für das Erreichen der Agenda-2030-Ziele. Er stellt aber insofern auch eine Chance dar, als er es erlaubt, auf partnerschaftlicher Grundlage eine neue Diskussion über die Ziele, die Institutionen und die Rechenschaftsmechanismen der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe zu führen.

Insgesamt wird deutlich, dass die bisherige Art der Finanzierungsmobilisierung nicht mehr so erfolgreich ist wie noch vor einigen Jahren. Stattdessen sehen wir immer häufiger eine einmalige oder kurzfristige Mobilisierung von kleineren Koalitionen für enger definierte Entwicklungsziele, wie zum Beispiel die Zusage der Europäischen Union auf dem „Nutrition for Growth“-Gipfel 2025 in Paris, bis 2027 insgesamt 3,4 Milliarden Euro für die globale Bekämpfung der Mangelernährung zur Verfügung zu stellen.69 Konkretere finanzielle Verpflichtungen ermöglichen eine bessere Rechenschaft und lassen sich politisch eher umsetzen. Ob sie helfen, das Vertrauen in die Entwicklungspolitik wieder zu erhöhen, wird sich zeigen. Für eine erfolgreiche, nachhaltige und systemische Entwicklungszusammenarbeit werden jedoch vor allem langfristige finanzielle Zusagen benötigt, die eine Umsetzung entwicklungspolitischer Vorhaben über die Jahre hinweg ermöglichen.

Ein Großteil der deutschen ODA-Mittel wird nach wie vor für Inlandsausgaben aufgewendet; Investitionen in langfristig tragfähige Ernährungssysteme hingegen stehen zunehmend unter Druck.

Aus: Kompass 2026. Zur Wirklichkeit der deutschen Entwicklungspolitik und humanitären Hilfe. Welthungerhilfe & Terre des Hommes, S. 34

Gleichzeitig fließen aus vielen ODA-Empfängerländern erhebliche finanzielle Ressourcen ins Ausland ab. So überstieg der Schuldendienst afrikanischer Länder 2024 mit 102,6 Milliarden US-Dollar die Summe der ODA-Mittel, die sie in diesem Jahr erhielten (73,6 Milliarden USD). Auch die illegalen Finanzströme (illicit financial flows) – Geld, das die Länder aufgrund von Korruption, Schmuggel, Steuerhinterziehung oder Terrorismusfinanzierung verlieren – lagen laut letzter Ermittlung im Jahr 2020 mit einem Wert von 88,6 Milliarden US-Dollar nahezu auf dem Niveau der ODA-Mittel für diese Länder.70

Der Vergleich von Schuldendienst und ODA zeigt die strukturelle Benachteiligung afrikanischer Länder im globalen Wirtschafts- und Finanzsystem. Nicht nur, dass Entwicklungsfinanzierung diese Ungleichgewichte nicht ausgleichen kann; es ist vor allem problematisch, wenn sie dazu herangezogen wird, die dadurch entstehenden Finanzierungslücken zu schließen. Die jungen Menschen, die in Kenia 2024 gegen die Haushaltspolitik und die unverantwortliche Verschuldungspolitik ihrer Regierung protestierten, haben internationale Finanzinstitutionen ausdrücklich mitverantwortlich gemacht für die Situation in ihrem Land.71 Deutschlands Engagement ist für eine wirksame Reform dieser Institutionen unerlässlich. Auch die internationale Steuerkooperation ist ein Hebel, um zusätzlichen fiskalischen Spielraum für die Länder zu erschließen, die momentan noch stark auf ODA angewiesen sind. Schrumpfende Budgets für Entwicklungszusammenarbeit können somit auch eine Möglichkeit darstellen, den Fokus stärker auf strukturelle Probleme zu lenken.

Öffentliche Entwicklungsfinanzierung für LDCs nimmt ab

Die neuesten ODA-Zahlen zeigen deutlich, dass es ausgerechnet die LDCs sind, die stark von globalen Kürzungen betroffen sind. So sank die ODA für LDCs 2025 um 25,8 Prozent und damit anteilig sogar etwas stärker als die ODA-Zahlungen insgesamt (23,1 %). Dabei muss berücksichtigt werden, dass die ODA in den LDCs etwa zwei Fünftel der externen Finanzierung ausmacht (Rücküberweisungen: zwei Fünftel, ausländische Investitionen: ein Fünftel), während sie in anderen Empfängerländern eine deutlich geringere Bedeutung hat.72 Mit einem Anteil von 5 bis 15 Prozent stellt die Entwicklungsfinanzierung in den meisten LDCs einen relevanten Anteil am Nationaleinkommen.73 Vorläufige Berechnungen deuten darauf hin, dass alleine die Schließung von USAID in vielen dieser Länder zu spürbaren wirtschaftlichen Einschnitten geführt hat (z. B. Liberia: 2,59 % des BNE; Somalia: 1,03 %; Malawi: 0,94 %).74

Auch die deutsche Entwicklungsfinanzierung für LDCs ist deutlich rückläufig. Wie die Grafik zeigt, sanken die Mittel von 5,9 Milliarden Euro im Jahr 2023 auf 3,9 Milliarden Euro im Jahr 2024 (Zahlen für 2025 liegen noch nicht vor). Damit gingen die deutschen ODA-Zahlungen an diese Länder innerhalb eines Jahres um ein Drittel zurück und somit viel stärker als die ODA-Leistungen aller OECD-DAC-Länder. Dies zeigt, dass sich Deutschland immer weiter von dem Ziel entfernt, 0,2 Prozent des BNE für die ODA an LDCs aufzuwenden – noch weiter als vom 0,7-Prozent-Ziel. Um den im BMZ-Reformplan verankerten Fokus auf die LDCs glaubwürdig umzusetzen, muss diese Tendenz dringend umgekehrt werden.

2025 sanken die öffentlichen Entwicklungsleistungen so stark wie nie zuvor; am größten waren die Einschnitte bei den ökonomisch schwächsten Ländern (LDCs).

Aus: Kompass 2026. Zur Wirklichkeit der deutschen Entwicklungspolitik und humanitären Hilfe. Welthungerhilfe & Terre des Hommes, S. 34

Dabei steht der aktuelle Fokus der deutschen Entwicklungspolitik auf LDCs möglicherweise in einem Spannungsverhältnis zu dem – bereits lange bestehenden – Wunsch, den Privatsektor stärker für das Erreichen globaler Entwicklungsziele einzubinden.75 Instrumente wie Garantien, Beteiligungskapital und verschiedene Formen der Mischfinanzierung sollen zusätzliche private Mittel für entsprechende Vorhaben mobilisieren. Allerdings ist der Erfolg bisher begrenzt. Laut OECD kamen zwischen 2020 und 2023 nur zwölf Prozent der mit diesen Instrumenten eingeworbenen privaten Finanzierung den LDCs zugute.76

Zudem konzentrieren sich private Investitionen in diesen Ländern generell stark im Energie- und Rohstoffsektor; in anderen Sektoren, die laut der UN-Handels- und Entwicklungsorganisation (UNCTAD) eine Schlüsselrolle für das Erreichen nachhaltiger Entwicklungsziele spielen, investiert der Privatsektor hingegen vergleichsweise wenig. Dies trifft insbesondere für die Landwirtschaft und auch für die Wasser- und Sanitärversorgung zu, wo die ausländischen Direktinvestitionen in den vergangenen Jahren sogar rückläufig sind.77 Investitionen in diese Sektoren sind aber mit Blick auf den Aufbau resilienter Ernährungssysteme von großer Bedeutung.

Investitionen in Ernährungssysteme – unabdingbar für Frieden und Stabilität

Externe Finanzierung für Ernährungssysteme wird allerdings nicht nur in den LDCs benötigt. Auch in Ländern wie Libanon, Jordanien oder Syrien – die keinen LDC-Status besitzen – sind große Teile der Bevölkerung von Ernährungsunsicherheit betroffen. Wie auf Seite 13 beschrieben, wird Ernährungssicherung laut dem BMZ-Reformplan als Ziel künftig schwerpunktmäßig in afrikanischen Partnerländern verfolgt. Es ist unklar, welchen Stellenwert dieses Thema in stark von Hunger und Mangelernährung betroffenen Ländern außerhalb Afrikas einnehmen wird.

Grafik zu deutschen öffentlichen Entwicklungsfinanzierung (ODA) im Nahen Osten.
Investitionen in Ernährungssysteme in der SWANA-Region (Southwest Asia and North Africa): Unabdingbar für Frieden und Stabilität. Die deutsche ODA für ländliche Entwicklung und Ernährungssicherheit macht 2024 in vielen Ländern der Region einen wichtigen Anteil der gesamten deutschen ODA aus. © Welthungerhilfe

Dabei sind Investitionen in die Ernährungssysteme auch in allen Regionen von großer Bedeutung, in denen das BMZ mit seiner Reform den Fokus auf die Sicherung von Frieden und Stabilität legt, beispielsweise im Nahen Osten. Ernährungsunsicherheit kann gesellschaftliche Spannungen und Unzufriedenheit gegenüber der Regierung verstärken. Dies gilt insbesondere dort, wo gesellschaftliche Ungleichheiten bestehen und bestimmte Bevölkerungsgruppen – etwa aufgrund ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit – besonders von Ernährungsunsicherheit betroffen sind.78Fehlende Einkommens- und Beschäftigungsmöglichkeiten können hier zudem die Anreize erhöhen, negative Bewältigungsstrategien zu ergreifen und sich beispielsweise bewaffneten Gruppen anzuschließen.

Nachhaltige, inklusive und gerechte Ernährungssysteme, verbunden mit Einkommens- und Beschäftigungsmöglichkeiten, können dem entgegenwirken und damit einen wichtigen Beitrag zur Friedensförderung leisten. Deshalb spielen gerade beim Wiederaufbau in Krisenregionen Investitionen in Landwirtschaft und ländliche Entwicklung eine große Rolle. Die Grafik auf Seite 41 zeigt, dass die Finanzierung für ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und nicht-humanitäre Maßnahmen zur Ernährungssicherung im Nahen Osten einen wichtigen Anteil der deutschen ODA ausmacht. Dieser Anteil darf nicht gesenkt werden.

Wirkungsorientierung als Maßstab

Eine kürzlich im Magazin The Lancet veröffentlichte wissenschaftliche Studie hat die potenziellen Auswirkungen von Kürzungen bei Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe untersucht.79 Dabei hat eine Auswertung von Daten für den Zeitraum 2002 bis 2021 gezeigt, dass die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren bei höheren ODA-Zahlungen um 39 Prozent sank; bei Todesfällen durch Mangelernährung betrug der Rückgang sogar rund 56 Prozent. Die Effekte zeigten sich insbesondere in einkommensschwachen Ländern. Die Autor*innen der Studie prognostizieren, dass die aktuellen ODA-Kürzungen und ein anhaltend rückläufiger Trend bis zu 22,6 Millionen zusätzliche Todesfälle bis zum Jahr 2030 verursachen könnten, darunter bis zu 5,4 Millionen Kinder unter fünf Jahren. Dies zeigt, dass der Einsatz von ODA-Mitteln in den Kernbereichen menschlicher Entwicklung, etwa Ernährung oder Gesundheit, messbare Wirkungen hat.

Allerdings werden die ODA-Mittel für immer mehr Ziele eingesetzt, was nicht ohne Einbußen bei der Wirksamkeit möglich ist. Ein Beispiel sind die Mittel für die Finanzierung globaler öffentlicher Güter (etwa für die internationale Klimafinanzierung), die eigentlich zusätzlich zu den eigentlichen ODA-Zahlungen aufgebracht werden müssten.80 Aktuell werden entsprechende Ausgaben aus immer knapper werdenden ODA-Budgets gedeckt. Dabei steht außer Frage, dass eine ambitionierte Klimafinanzierung für die nachhaltige und langfristige Überwindung von Hunger und Armut unabdingbar ist; allerdings trägt nicht jede Klimaschutzmaßnahme unmittelbar zu diesen Zielen bei. Und wenn sich die Entwicklungspolitik nun wie geplant stärker auf Sicherheitsfragen und Wirtschaftsförderung konzentriert und die Mittel entsprechend verlagert werden, besteht die Gefahr, dass die Wirksamkeit der ODA weiter geschwächt wird.

Entwicklungszusammenarbeit ist ein Politikfeld, das wesentlich mehr evaluiert und auf Wirkung geprüft wurde als zahlreiche andere Politikfelder. Viel ist darüber bekannt, wie bestimmte Entwicklungsziele erreicht werden können. Dass die EZ bisher oft nicht die Wirkung entfaltet hat, die erwartet wurde, hängt auch mit mangelndem politischen Willen zusammen; ein wesentlicher Grund ist aber, dass die verfügbaren Mittel und die erwarteten Ziele nie in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander standen. Ein Beispiel: Wissenschaftliche Studien aus dem Jahr 2020 haben gezeigt, dass, um die Verpflichtung der G7-Staaten aus dem Jahr 2015 zu erfüllen, bis 2030 500 Millionen Menschen aus Hunger und Mangelernährung zu befreien, die Regierungen der G7 bis 2030 zusätzlich Entwicklungs-Investitionen für Ernährung und Landwirtschaft in Höhe von 12 Milliarden US-Dollar jährlich leisten müssten; 2024 wurde die Berechnung auf 27 Milliarden US-Dollar jährlich angepasst. Die aktuelle Studie macht damit den „Preis der Untätigkeit“ deutlich.81

Grafik zu Kürzungen von Entwicklungsfinanzierung für Länder in Subsahara-Afrika
Weniger Mittel für Ernährungssicherung und ländliche Entwicklung: Obwohl der Bedarf wächst, werden die deutschen Mittel für Subsahara-Afrika gekürzt. © Welthungerhilfe

Welche Komponenten der Entwicklungsfinanzierung für ländliche Entwicklung und Ernährungssicherung besonders relevant sind, zeigt die Grafik auf Seite 42 anhand der Entwicklung der bilateralen deutschen ODA-Zahlungen an Länder in Afrika südlich der Sahara. Wie daraus hervorgeht, sind die Mittel für diesen Bereich in den Jahren 2023 und 2024 stark gesunken; sie lagen zuletzt bei 717 Millionen Euro. Deutlich wird in der Grafik auch, dass rund ein Sechstel der entsprechenden deutschen ODA-Leistungen auf Nothilfe entfiel; ein substanzieller Anteil der Mittel muss also für kurzfristige Schadensbegrenzung ausgegeben werden.

Angesichts der schrumpfenden finanziellen Ressourcen und der Kritik an der Wirkung der Entwicklungszusammenarbeit legt die neue Strategie des BMZ nahe, Mittel auf Maßnahmen zu konzentrieren, deren Wirkung erwiesen ist. Gleichzeitig besteht der Druck, in der Außenkommunikation möglichst konkrete positive Wirkungen auf das Leben der Menschen in den Partnerländern herauszustellen. Wenn es etwa um Schulspeisungen, Impfprogramme oder Maßnahmen der beruflichen Bildung geht, sind die Wirkung und der Mehrwert für den Einzelnen offensichtlich. Solche Maßnahmen tragen sich jedoch meist nicht von selbst. Deswegen ist auch eine Finanzierungsbasis für langfristige und systemische Veränderungen nötig.

Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass integrierte Ansätze zu mehr nachhaltiger Wirkung führen. So belegt der jüngste Wirkungsbericht der Welthungerhilfe zum Beispiel, dass berufliche Bildung in Verbindung mit der Förderung von Unternehmertum, Finanzdienstleistungen und Geschlechtergleichstellung zu mehr Resilienz, Inklusion und steigenden Einkommen führt.82

Grafik zur Mittelverwendung von deutscher öffentlicher Entwicklungsfinanzierung in Subsahara-Afrika
Mittelverwendung in Subsahara-Afrika 2024: Ausgaben für Ernährungssicherheit und ländliche Entwicklung. © Welthungerhilfe

Insbesondere bei EZ-Maßnahmen zu Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene (WASH) beobachten wir, dass die Nachhaltigkeit der Ergebnisse stark mit den institutionellen Rahmenbedingungen zusammenhängt. Meist ist also ein Portfolio von Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen notwendig, um nachhaltige Wirkungen zu entfalten. Daher ist es wichtig, auch weiterhin in Programme zu investieren, die auf systemische Veränderungen abzielen. Ein Instrument, das explizit auf die Finanzierung transformativer Vorhaben ausgelegt ist, ist die Sonderinitiative „Transformation der Agrar- und Ernährungssysteme“ (siehe Seite 13). Die Mittel hierfür wurden jedoch in den letzten Jahren systematisch gekürzt – von 615 Millionen Euro im Jahr 2022 auf 295 Millionen Euro im Jahr 2026. Dieser negative Trend muss dringend umgekehrt werden.

Die deutschen ODA-Leistungen für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung in Subsahara-Afrika gehen seit 2023 stark zurück.

Aus: Kompass 2026. Zur Wirklichkeit der deutschen Entwicklungspolitik und humanitären Hilfe. Welthungerhilfe & Terre des Hommes, S. 34

Für Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit: zivilgesellschaftliche und lokale Organisationen stärker einbinden

2024 wurden nur sieben Prozent der deutschen ODA durch Nichtregierungsorganisationen (NGOs) umgesetzt, was unter dem Durchschnitt von 13 Prozent für alle OECD-DAC-Länder liegt.83 Davon entfiel fast die Hälfte auf die Umsetzung humanitärer Hilfe. Dies ist vermutlich auf die im Rahmen des „Grand Bargain“ eingegangene Verpflichtung des Auswärtigen Amts zurückzuführen, 25 Prozent der Finanzmittel über NGOs bereitzustellen.84

Der Vorteil der internationalen NGOs ist in diesem Zusammenhang vor allem ihre Nähe zu lokalen Partnern – sie setzen wenig Intermediäre ein, wodurch ein höherer Anteil der Mittel die Betroffenen direkt erreicht, was wiederum die Effizienz der Mittelumsetzung stark erhöht. Angesichts massiver Haushaltskürzungen gewinnt eine solche direktere Umsetzung der Mittel an Bedeutung, auch wenn sie eine strukturelle Unterfinanzierung nicht ausgleichen kann. Darüber hinaus erreichen internationale Nichtregierungsorganisationen dank ihrer lokalen Netzwerke Menschen auch dort, wo staatliche oder multilaterale Akteure nur eingeschränkt handlungsfähig sind. Dies ist auch in der Entwicklungszusammenarbeit ihre Stärke, die insbesondere in fragilen Kontexten zum Tragen kommt.

Es wäre im Sinne der Wirtschaftlichkeit und Wirksamkeit, zivilgesellschaftliche Organisationen in größerem Maßstab in die Umsetzung der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit einzubinden. Die BMZ-Reform ist eine Gelegenheit, dafür neue Instrumente zu konzipieren, die systemische Wirkung entfalten können. Zivilgesellschaftliche Organisationen sollten nicht von vornherein über entsprechende Förderrichtlinien von der Vergabe ausgeschlossen beziehungsweise in der Umsetzung eingeschränkt werden.

Viele internationale zivilgesellschaftliche Organisationen verfügen über die nötigen Kapazitäten und über die Expertise, wettbewerbsfähige Vorschläge für größere, transformativ wirkende Vorhaben vorzulegen und diese unter Einbindung der verschiedensten Akteure umzusetzen. Statt im Vorfeld festzulegen, welche Art von Organisation (multilateral/bilateral, internationale oder nationale NGO, Privatsektor etc.) den Zuschlag erhält, sollte die Vergabeentscheidungdanach getroffen werden, welcher Vorschlag mit Blick auf Wirkungsorientierung, Wirtschaftlichkeit und das Erreichen von Programmzielen der erfolgversprechendste ist.

Darüber hinaus ist die Stärkung lokaler Organisationen essenziell, um die Länder in die Lage zu versetzen, schrittweise Unabhängigkeit von der ODA-Finanzierung zu erlangen. Die Ergebnisse aus dem neuesten Wirkungsbericht der Welthungerhilfe belegen eindeutig, dass lokale Ownership für den nachhaltigen Erfolg von Maßnahmen entscheidend ist. So zeigt ein Beispiel aus Burundi, dass sich dank eines funktionierenden lokalen Komitees und der starken Einbindung lokaler Behörden der Zugang zur Trinkwasserversorgung nach Projektende von 79 Prozent auf 95 Prozent erhöht hat.85

Wo Menschen, Partnerorganisationen und lokale Systeme gestärkt werden, halten die positiven Veränderungen auch nach Abschluss der Finanzierung an, oft auch trotz externer Schocks. Und wenn es um den institutionellen Wandel und Governance-Reformen geht, ist die Beteiligung der lokalen Zivilgesellschaft unentbehrlich. Diese zivilgesellschaftlichen Organisationen sind nicht nur ein Element der sozialen Sicherheitsnetze bzw. schließen die Versorgungslücken, wo die öffentlichen Systeme nicht greifen; sie sind auch entscheidend, um die Bedarfe der Bevölkerung zu artikulieren und die Verantwortungsträger zur Rechenschaft zu ziehen. So hat eine Partnerorganisation der Welthungerhilfe in Malawi beispielsweise die Mitglieder benachteiligter Gemeinden dabei unterstützt, Beschwerden über Unregelmäßigkeiten im staatlichen Agrarförderprogramm einzureichen. Daraufhin haben die Distriktbehörden einen formellen Beschwerdemechanismus eingerichtet.86

Und nicht zuletzt bleiben die lokalen Organisationen vor Ort, wenn sich internationale Akteure (wieder) zurückziehen. Immer noch fehlt es dem BMZ aber an Instrumenten für die direkte Unterstützung der lokalen Organisationen. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit von lokalen Organisationen und deutschen NGOs ist vor diesem Hintergrund eine wichtige Brücke.

Zum Vorwort des Kompass 2026:

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Endnoten 67-76

67 United Nations (30.06.2026): It’s time to finance our future and ‘change course’, Guterres tells world leaders in Sevilla. Verfügbar unter: https://news.un.org/en/story/2025/06/1165091 (letzter Zugriff: 20.05.2026).

68 Akakpo, Patricia / Network for Women's Rights in Ghana (April 2025): Intervention at ECOSOC Forum on Financing for Development (FfD4). Verfügbar unter: https://www.datocms-assets.com/120585/1745974111-patricia-akakpo.pdf.

69 Europäische Kommission (27.03.2025): EU pledges €3.4 billion to combat global malnutrition. Verfügbar unter: https://ec.europa.eu/commission/presscorner/api/files/document/print/el/ip_25_867/IP_25_867_EN.pdf.

70 Mo Ibrahim Foundation (2025): Demystifying Africa’s dependence on foreign aid. Research Brief. Verfügbar unter: https://mo.ibrahim.foundation/sites/default/files/2025-10/africa-oda.pdf.

71 AfriCOG, Okoa Uchumi Campaign & TISA (2025): Stealing the Future. Verfügbar unter: https://africog.org/stealing-the-future/ (letzter Zugriff: 20.05.2026).

72 UNCTAD (2025): World Investment Report 2025. International Investment in the Digital Economy. Verfügbar unter: https://unctad.org/system/files/official-document/wir2025_en.pdf.

73 Deutsche Welthungerhilfe & Terre des Hommes (2025): Kompass 2025. Zur Wirklichkeit der deutschen Entwicklungspolitik. Verfügbar unter: https://www.welthungerhilfe.de/aktuelles/publikation/detail/bericht-kompass-2025.

74 Sandefur, Justin & Kenny, Charles (26.03.2026): USAID Cuts: New Estimates at the Country Level. Center for Global Development. Verfügbar unter: https://www.cgdev.org/blog/usaid-cuts-new-estimates-country-level (letzter Zugriff: 20.05.2026).

75 United Nations Department of Economic and Social Affairs (2015): Countries reach historic agreement to generate financing for new sustainable development agenda. Verfügbar unter: https://www.un.org/esa/ffd/ffd3/press-release/countries-reach-historic-agreement.html (letzter Zugriff: 20.05.2026).

76 OECD (30.06.2025): Tracking private finance mobilisation. Latest trends and ways forward. Policy Brief. Verfügbar unter: https://www.oecd.org/en/publications/tracking-private-finance-mobilisation_8d414cdb-en/ (letzter Zugriff: 20.05.2026).

Endnoten 77-86

77 UNCTAD (2025): World Investment Report 2025. International Investment in the Digital Economy. Verfügbar unter: https://unctad.org/system/files/official-document/wir2025_en.pdf.

78 Delgado, Caroline et al. (2021): Food Systems in Conflict and Peacebuilding Settings. Pathways and Interconnections. SIPRI. Verfügbar unter: https://www.sipri.org/sites/default/files/2021-06/2106_food_systems.pdf.

79 Ferreira da Silva, Andrea et al. (2026): Impact of two decades of humanitarian and development assistance and the projected mortality consequences of current defunding to 2030: retrospective evaluation and forecasting analysis. The Lancet Global Health. Verfügbar unter: https://www.thelancet.com/journals/langlo/article/PIIS2214-109X(26)00008-2/fulltext (letzter Zugriff: 20.05.2026).

80 Elgar, Kerri et al. (2023): Development cooperation and the provision of public goods. OECD Development Cooperation Working Paper 111. Verfügbar unter: https://www.oecd.org/content/dam/oecd/en/publications/reports/2023/05/development-cooperation-and-the-provision-of-global-public-goods_e28bebd8/aff8cba9-en.pdf.

81 von Braun, Joachim et al. (2024): Cost of Ending Hunger – Consequences of Complacency and Financial Needs for SDG2 Achievement. ZEF Discussion Paper on Development Policy No. 347. Verfügbar unter: zef-dp_347.pdf.

82 Deutsche Welthungerhilfe (2026): Impact Report. Verfügbar unter: https://www.welthungerhilfe.org/news/publications/detail/impact-report.

83 OECD (09.04.2026): Official development assistance to civil society organisations. Dashboard. Verfügbar unter: https://www.oecd.org/en/data/dashboards/official-development-assistance-to-civil-society-organisations.html (letzter Zugriff: 20.05.2026).

84 Auswärtiges Amt (2024): Strategie des Auswärtigen Amts zur humanitären Hilfe im Ausland. Verfügbar unter: https://www.auswaertiges-amt.de/resource/blob/2672932/fef4c5f5a3e45433d68287e91e67f582/2024-strategie-huhi-data.pdf.

85 Deutsche Welthungerhilfe (2026): Impact Report. Verfügbar unter: https://www.welthungerhilfe.org/news/publications/detail/impact-report.

86 Deutsche Welthungerhilfe (2026): Impact Report. Verfügbar unter: https://www.welthungerhilfe.org/news/publications/detail/impact-report.

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