Agrarreformen und ländliche Entwicklung
Was in einer ungleichen Welt auf dem Spiel steht und was das Blatt wenden könnte. Ein Blick auf die Konferenz von Cartagena.
Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.
Während der Klimawandel einen Kipppunkt erreicht, nimmt auch die Ungleichheit beim Zugang zu Land und anderen natürlichen Ressourcen alarmierende Ausmaße an. Das verschärft soziale Ausgrenzung und führt zu gezwungener Migration. Die Konzentration nimmt in vielen Bereichen zu – beim Landbesitz, bei der Kontrolle über Ozeane und Fischgründe, bei der Marktmacht in Lebensmittelsystemen und bei der Kontrolle über Wasser und Wälder. Und obwohl es schwierig ist, solche Ungleichheiten zu messen, zeigen globale Daten, dass 1 Prozent der größten landwirtschaftlichen Betriebe weltweit 70 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche bewirtschaften. Im Gegensatz dazu sind 80 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe weltweit (von denen die meisten Menschen in ländlichen Gebieten abhängen) weniger als zwei Hektar groß und bewirtschaften weniger als 12 Prozent der globalen landwirtschaftlichen Nutzfläche.
Landraub und Entwicklungsmodelle, die auf der Kontrolle natürlicher Ressourcen durch Unternehmen und Eliten basieren, haben zu diesen dramatischen Anstiegen der Ungleichheit geführt. In einigen Regionen folgte aus diesen Prozessen eine Enteignung in einem Ausmaß, wie es seit der Kolonialzeit nicht mehr zu beobachten war. „Entwicklungsbedingte Enteignung“ ist heute ein Euphemismus für die Inbesitznahme von Gemeingütern und die Beschlagnahme von Land und Vermögen von Gemeinschaften und Familien.
Der jüngste Bericht der FAO über Landungleichheit bestätigt die weit verbreitete Erkenntnis, dass „Landungleichheit nicht nur das Wirtschaftswachstum hemmt, sondern auch die Bemühungen zur Armutsbekämpfung behindert“. Selbst rein instrumentell gesehen ist Ungleichheit schlecht für die Entwicklung. Für die betroffenen Menschen und Landschaften ist das Problem jedoch weitaus gravierender, da ihre Häuser, Lebensgrundlagen, Flächen und Ökosysteme zerstört, zerstückelt und vernichtet werden. Ganze Lebenswelten indigener Völker in bestimmten Landschaften verschwinden, was zu Kämpfen um das Recht der Menschen auf Land und Lebensraum als Menschenrecht – als Anspruch – führt.
Im Jahr 2006 markierte die Erklärung der Internationalen Konferenz der FAO über Agrarreform und ländliche Entwicklung (ICARRD) einen historischen Moment, weil die Agrarreform als Weg zu einer gerechten Entwicklung befürwortet wurde. Sie forderte umfassende Landreformen, um „einen sicheren und nachhaltigen Zugang zu Land, Wasser und anderen natürlichen Ressourcen“ als „festen Bestandteil der nationalen Politik“ zu ermöglichen, und dass „Agrarreform- und ländliche Entwicklungspolitik, Gesetze und Institutionen den Bedürfnissen und Erwartungen der ländlichen Bevölkerung entsprechen müssen“.
Allerdings wurde der Vorstoß zur Landumverteilung und Agrarreform schnell von der „globalen Landnahme“ überholt – der Welle, die auf das Zusammentreffen der Weltfinanzkrise, der Nahrungsmittelpreiskrise und der Brennstoffpreiskrise im Zeitraum 2007–2008 folgte. Nicht nur Agrarunternehmen, sondern auch Finanzinstitute haben unser Ackerland und unsere natürlichen Ressourcen als neue Investitionsmöglichkeiten ins Visier genommen. Kapitalreiche, aber landarme Länder suchen über Staatsfonds nach Standorten für die Offshore-Produktion von Nahrungsmitteln und Brennstoffen für ihren eigenen Bedarf.
Trotz dieses Landrauschs – dem genauen Gegenteil von Agrarreformen – gab es auf globaler Ebene Fortschritte bei der Durchsetzung von Land- und Territorialrechten. Er legte den Grundstein für Reformen im Ausschuss für Welternährungssicherheit der FAO im Jahr 2009, durch den Bauern-, Fischer-, Hirten-, indigene und andere ländliche Organisationen in multilateralen Verhandlungen vertreten waren, die sie betrafen. Dies war eine bemerkenswerte demokratische Reform – und wiederum Grundlage für weitere Fortschritte wie die Freiwilligen Leitlinien für die verantwortungsvolle Verwaltung von Land-, Fischerei und Wälder (VGGT) im Jahr 2012 sowie der Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der indigenen Völker (UNDRIP) 2007 und der Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der Bauern (UNDROP) 2018.
Im Jahr 2009 startete die Afrikanische Union eine neue afrikanische Landagenda und veröffentlichte politische Leitlinien und eine Erklärung aller afrikanischen Staatschefs, in der sie alarmiert auf den „neuen Wettlauf um Afrika” hinwies. Daraus sprach die Sorte darüber, wie neuer Druck auf Land bestehende Ungleichheiten verschärft – und in einigen Regionen wie dem südlichen Afrika kontroverse oder unrechtmäßige Enteignungen aus der Zeit des Siedlerkolonialismus.
Landbevölkerung von allen Seiten bedroht
Doch dies ist nicht nur eine afrikanische Geschichte. Von der Zerstörung großer Teile des Amazonas-Regenwaldes für Monokulturen und Viehzucht über die gewaltsame Vertreibung von Bauern in Südostasien, um Platz für Ölpalmen und andere wichtige Nahrungs- und Treibstoffpflanzen zu schaffen, bis hin zum Aufstieg des Finanzkapitals, das sich das Land der indigenen Bevölkerung in Nordamerika aneignet – überall ist es dasselbe: Die Landbevölkerung, die auf ihr Land angewiesen ist, wird von allen Seiten bedroht.
Auf globaler Ebene gipfelten weltweite Mobilisierungen zur Bekämpfung, Eindämmung und Umkehrung von Landraub in den ersten globalen Leitlinien überhaupt: den Freiwilligen Leitlinien für die verantwortungsvolle Verwaltung von Land-, Fischerei- und Forstwirtschaft im Kontext der nationalen Ernährungssicherheit. Diese als VGGT oder einfach als „Landbesitzrichtlinien” bekannten Leitlinien dienen als Bezugspunkt für alle politischen Maßnahmen und Praktiken in Bezug darauf, wer die Kontrolle über natürliche Ressourcen hat und wie Veränderungen, Transaktionen und Geschäfte stattfinden können, und wie nicht. In ähnlicher Weise wurden von der FAO freiwillige Leitlinien zum Recht auf Nahrung verabschiedet, die als Rahmen für alle Staaten dienen, wenn sie Maßnahmen ergreifen, die den Zugang zu Nahrungsmitteln als Menschenrecht gewährleisten und Konzentration, Spekulation und Profitgier im Nahrungsmittelsystem eindämmen. Während diese Rahmenwerke zum ersten Mal in der Geschichte die Rechte aller Menschen anerkennen, bleibt die Frage, wie die Leitlinien gestärkt und in den einzelnen Ländern in die Praxis umgesetzt werden können.
Was dabei jedoch oft übersehen wird, ist die Notwendigkeit, nicht nur die derzeitigen Rechte der Menschen zu verteidigen und zu sichern, sondern auch gegen die fortschreitende Inbesitznahme der Gemeingüter, die Kommerzialisierung und die Konzentration von Eigentum vorzugehen. Kurz gesagt: Reformen im Bereich der Landnutzung und der Regierungsführung allein reichen nicht aus, um die Ungleichheiten der Gegenwart und die Krisen der Zukunft zu bewältigen. Agrarreformen ebnen den Weg für eine inklusive, geschlechtergerechte und klimaresistente Entwicklung – die Umverteilung von Eigentum und Kontrolle über Land, Fischgründe, Wälder, Wasser und andere natürliche Ressourcen –, damit die ländliche Bevölkerung Zugang zu produktiven Ressourcen hat und diese nutzen kann.
Umverteilung muss in den Vordergrund rücken
So viel ist klar, aber die Interessen, die sich einer solchen Umsetzung entgegenstellen, sind gewaltig, und selbst in demokratischen Staaten sind Regierungen nur schwer dazu zu bewegen, im Interesse der Mehrheit der Bürger zu handeln. Allianzen auf globaler Ebene können und müssen die Kämpfe vor Ort ergänzen.
Aus diesem Grund gibt es nun Impulse für eine neue globale Agenda zur Agrarreform, 20 Jahre nach der ICARRD, vorangetrieben von sozialen Bewegungen im ländlichen Raum und zunächst unterstützt von der kolumbianischen Regierung. Mittlerweile haben sich auch die Regierungen vieler anderer Entwicklungsländer (Brasilien, Mexiko, Südafrika und weitere) sowie Industrienationen (u.a. Niederlande, Schweden, Frankreich) angeschlossen. Soziale Bewegungen treiben die Forderung nach einer Agrarreform auf globaler Ebene voran, wie die Autoren Nury Martinez aus Kolumbien, Saul Vicente aus Mexiko und Philip Seufert aus Deutschland in diesem aktuellen Artikel erläutern.
Die FAO befürwortete im Oktober 2024 den Vorschlag des Ausschusses für Welternährungssicherheit, „die Umsetzung der VGGT zu verstärken und Herausforderungen im Bereich der Ernährungssicherheit und des Klimawandels anzugehen“, woraufhin der FAO-Rat diese Vereinbarung ratifizierte. Von der ICARRD+20, der Second International Conference on Agrarian Reform and Rural Development Ende Februar 2026 in Cartagena/Kolumbien, werden nun folgende Ergebnisseerwartet:
- die Diskussionen über Agrarreform und ländliche Entwicklung weltweit neu zu beleben;
- Unterstützung des Global Land Observatory der FAO (und Partnern) bei der Generierung von Daten und der Überwachung der Agrarreform;
- die internationale Zusammenarbeit in Landfragen zu stärken;
- ein Netzwerk von Ländern aufzubauen, die sich für Agrarreformen und die gerechte Verteilung von Land einsetzen; und
- die Zusammenarbeit zu fördern, um technische und finanzielle Ressourcen für regionale und globale Agrarreforminitiativen bereitzustellen.
All dies bedeutet, dass ein globaler Prozess im Gange ist, um die gefährliche Ungleichheit beim Zugang zu Land und zu den natürlichen Ressourcen, von denen die meisten Menschen in ländlichen Gebieten abhängig sind, anzuerkennen, zu stoppen und umzukehren. Während sich die Welt auf diese entscheidende Diskussion über die Zukunft der ländlichen Gebiete im 21. Jahrhundert vorbereitet, bot eine Konferenz in Kapstadt Raum für Wissenschaftler, Aktivisten und politische Entscheidungsträger, zusammen die Lage zu bewerten und eine Vision für die Themen zu entwickeln, die in die Agenda der ICARRD aufgenommen werden müssen.
Das Institut für Armuts-, Land- und Agrarstudien (PLAAS) an der University of the Western Cape (UWC) veranstaltete im Oktober 2025 gemeinsam mit einem globalen Netzwerk von Wissenschaftlern der Land Deal Politics Initiative (LDPI) die internationale Konferenz „Land, Life and Society“. Sie stellte eine progressive Umverteilungsagenda in den Mittelpunkt der Diskussion – ein Gespräch, das passenderweise in Südafrika stattfand, wo die Ungleichheiten in Bezug auf Vermögen, Einkommen und Land bekannt und besonders hoch sind. Die Umverteilung betrifft nicht nur Land, sondern auch Fischereirechte, die Kontrolle über Lebensräume, Vermögen und Reichtum in ländlichen Wirtschaftssystemen sowie die Teilhabe an Ernährungssystemen. Verschiedene Themen, die von Klimafinanzierung bis zum Schutz der biologischen Vielfalt reichen, bergen ebenfalls Potenzial, eine gerechte Entwicklung voranzutreiben, wenn – und nur wenn – die ländliche Bevölkerung im Mittelpunkt der Prioritäten steht und deren Gestaltung und Umsetzung mitbestimmt.
Die Konferenz verabschiedete eine Erklärung von Kapstadt zu Land, Life and Society. Die Erklärung wurde im Oktober 2025 auf der Berliner Landwoche und im November 2025 auf der Konferenz zur Landpolitik in Afrika in Addis Abeba weiter diskutiert. Seitdem hat PLAAS in Zusammenarbeit mit dem African Land Policy Centre und mit Unterstützung der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) einen Prozess ins Leben gerufen, um die afrikanischen Delegierten, die Ende Februar zur ICARRD-Konferenz nach Kolumbien reisen, zu informieren und zu unterstützen.
Landkonzentration ist gefährlich – für die Menschen und für den Planeten. Die Monopolisierung von großen Flächen, die Zerstörung von Ökosystemen, industrielle Landwirtschaft, Plantagenforstwirtschaft, Bergbau und andere Rohstoffindustrien untergraben die Nachhaltigkeit von Ökosystemen und die Lebensgrundlagen der Menschen. Die zunehmende Landlosigkeit, insbesondere unter der ländlichen Bevölkerung, führt zu einer zusätzlichen Anfälligkeit gegenüber dem Klimawandel und treibt die Migration an. Die Konzentration von Macht und Kontrolle über Territorien untergräbt die Möglichkeiten für wirksame und gerechte Klimaschutzmaßnahmen.
Ein besserer Weg ist dringend erforderlich und möglich – eine Agrarreform, die den Zugang zu Land an diejenigen umverteilt, die es benötigen, die Territorien, Ökosysteme und Lebensgrundlagen schützt und die Bedürfnisse kleiner und familiärer Erzeuger nach Überlebensmöglichkeiten und einem menschenwürdigen Leben über die Interessen von Unternehmen stellt.
Prof. Ruth Hall ist Direktorin des Instituts für Armuts-, Land- und Agrarstudien (PLAAS) an der Universität des Westkaps in Südafrika. Dieser Artikel erschien zuerst als Blog auf der PLAAS-Website, wurde von der Autorin jedoch für die „Welternährung“ aktualisiert.


