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  • Agrar- & Ernährungspolitik
  • 12/2019
  • Erwin Northoff

Bananen: Pilz bedroht Exportmärkte Lateinamerikas

Der Ausbruch der verheerenden Bananenkrankheit TR4 in Kolumbien gefährdet die ganze Region und die Ernährungssicherheit von Millionen Menschen

Bananenernte in Laos. Die Europäische Union ist mit Abstand der größte Importeur von Bananen weltweit, mit Einfuhren von sechs Millionen Tonnen im Jahr 2018 und schätzungsweise einem Drittel der Weltproduktion. © Welthungerhilfe

Der Ausbruch der verheerenden Bananenkrankheit Fusarium Tropical Race 4 (TR4) in Kolumbien bedroht die wichtigsten Bananen-Exportmärkte Lateinamerikas und droht die Ernährungssicherheit von Millionen von Menschen auch in anderen Regionen zu gefährden. Allein in Südostasien schätzt die FAO den von TR4 verursachten direkten Schaden auf 400 Millionen Dollar im Jahr. Mit Hochdruck wird daran gearbeitet, Bananen gegen TR4 widerstandsfähig zu machen. Schnelle Lösungen sind nicht in Sicht. Hans Dreyer, Direktor der FAO-Abteilung für Pflanzenproduktion und -schutz in Rom, fordert ein radikales Umdenken beim Bananenanbau: weg von Monokulturen hin zu mehr Vielfalt auf den Feldern.  

Herr Dreyer, nun hat der Pilz TR4 den Sprung von Asien, dem Nahen Osten und Afrika nach Lateinamerika geschafft und bedroht dort die wichtigsten Anbauländer. Wie ernst ist die Situation?

Die Situation ist sehr ernst. Es ist zu befürchten, dass sich die Seuche in Lateinamerika weiter ausbreiten wird. Für Länder, die Bananen anbauen, stellt die Krankheit eine sehr große Gefahr dar. Sie bedroht einerseits die Nahrungsmittelversorgung der einheimischen Bevölkerung, andererseits aber auch die Bananenexporte. Und die Bekämpfung der Krankheit ist extrem schwierig.

Wie ist TR4 nach Kolumbien gelangt?

Darüber kann bloß spekuliert werden, aber bestimmt nicht auf natürlichem Weg. Der Mensch spielt eine große Rolle bei der Verschleppung der Krankheit, beispielsweise über den Handel oder den Tourismus.

Warum ist der TR4 Pilz für die Bananenstauden so gefährlich?

Der Pilz befällt nur Pflanzen, für Menschen ist er ungefährlich. Er infiziert Bananenstauden über die  Wurzel und kann eine Pflanze innerhalb weniger Jahre abtöten. Bis heute gibt es leider keine wirksame Bekämpfungsmethode, wenn eine Pflanze einmal befallen ist. Deshalb ist die Vorbeugung so wichtig.

Die heute am meisten gepflanzte Bananensorte ist die Cavendish-Banane. Sie wird in Monokulturen angebaut und ist mit ihren identischen Klonen besonders anfällig für Krankheiten wie TR4. Warum hat man so lange nur auf diese Bananensorte gesetzt und nicht eher Alternativen entwickelt?

Das ist in der Tat ein großes Versäumnis, und ich kann nur hoffen, dass daraus wichtige Lehren gezogen werden. Dahinter stecken eindeutig kurzsichtige kommerzielle Interessen. Auf großen Anbauflächen eine derart geringe Sortenvielfalt zu haben, ist im Pflanzenbau generell mit großen Risiken behaftet. Vielfalt und Diversifizierung sind deshalb das Gebot der Stunde, dies dürfte im Interessen aller liegen.

Auf großen Anbauflächen eine so geringe Sortenvielfalt zu haben, ist mit großen Risiken behaftet. Vielfalt und Diversifizierung sind das Gebot der Stunde.

Hans Dreyer, Direktor der FAO-Abteilung für Pflanzenproduktion und -schutz in Rom

Bereits in den 1950er-Jahren hat ein anderer Pilz, TR1, die damals vorherrschende Bananensorte Gros Michel vollkommen zerstört. Warum hat man aus dem Desaster nicht gelernt und auf eine viel größere genetische Vielfalt bei Bananen gesetzt?

Auch dahinter steckten wohl wirtschaftliche Interessen, die ein Umdenken verhindert haben. Die Sorte Gros Michel war bei den Verbrauchern sehr beliebt. Solange der Absatz lief, hatte der Sektor kein Interesse daran, in andere Sorten zu investieren, bis es eben zum bekannten Zusammenbruch der Resistenz gegen die “Panama-Krankheit” kam. Nun scheint sich dieselbe Tragödie nach einigen Jahrzehnten zu wiederholen.

Investieren die Bananenanbauländer und die großen Firmen genug in die Bananenforschung?

Die Investitionen werden mit dieser aktuellen Bedrohung durch den neuen Pilzstamm sicher zunehmen. Der Privatsektor arbeitet mit Hochdruck an der Züchtung neuer Bananensorten. Aber auch öffentliche Institutionen sind daran beteiligt, wie das internationale Institut für Tropische Landwirtschaft (IITA) in Westafrika oder die FAO zusammen mit der Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien. Pflanzenzüchtung ist ein langwieriger Prozess, für den umfangreiche Investitionen und sehr spezielles Fachwissen benötigt werden. Jetzt muss in kurzer Zeit nachgeholt werden, was über viele Jahre vernachlässigt wurde, und das kann teuer werden.

Wie lange wird es dauern, bis eine neue Sorte marktfähig ist?

Je nach Pflanzenart dauert es zwischen 10 und 15 Jahren bis eine neue Pflanzensorte entwickelt ist. Und dazu sind erhebliche finanzielle Mittel erforderlich.

 

Mit welchen Mitteln lässt sich verhindern, dass sich der Pilz in Kolumbien weiter ausbreitet? Kolumbien grenzt an Ecuador, dem weltweit größten Bananenexporteur.

Umfangreiche und konsequent angewandte Vorsorgemaßnahmen sind jetzt ganz wichtig. In befallenen Gebieten muss der Pilz eingedämmt werden, es muss mit allen Mitteln verhindert werden, daß er sich weiter ausbreitet. Infizierte Felder müssen sozusagen unter Quarantäne gestellt und abgesperrt werden, niemand darf unkontrolliert das Gebiet betreten und wieder verlassen. Vor allem Stiefel, Schuhe und landwirtschaftliche Geräte, an denen infizierte Erde haftet, müssen kontrolliert und desinfiziert werden. Auf größeren Entfernungen und besonders auf Handelsrouten sind Export- und Importkontrollen dringend erforderlich. Wir müssen den Menschen klar machen, dass die Krankheit nicht über die Bananenfrucht verbreitet wird, sondern über verseuchte Erde, infiziertes Pflanzenmaterial wie Bananenschößlinge sowie Schuhe und Geräte.

Wie realistisch ist es, dass Kleinbauern aufwändige und oft teure Biosicherheitsmaßnahmen anwenden?

Ohne staatliche Unterstützung und Beratung werden die Kleinbauern das nicht leisten können.  Die Länder werden viel Aufklärungsarbeit leisten und Anreize bieten müssen, um auch die kleinen Betriebe für die Bekämpfung der Krankheit zu gewinnen, und das wird Geld kosten.

Grundnahrungsmittel für 400 Millionen Menschen

Was bedeutet TR4 für die Ernährungssicherheit, immerhin sind Bananen für viele Millionen  Menschen ein Grundnahrungsmittel?  

Weltweit produzieren rund 135 Länder insgesamt rund 145 Millionen Tonnen Bananen –einschließlich Kochbananen, sogenannte Plantains. Bananen sind für über 400 Millionen Menschen ein Grundnahrungsmittel oder eine Einkommensquelle. Die Krankheit stellt also eine unmittelbare Gefahr für die Ernährungssicherheit dieser Menschen dar.

Wie vielversprechend ist die Gentechnik bei der Suche nach neuen widerstandsfähigen Bananensorten?

Hier spielt vor allem der Zeitfaktor eine wichtige Rolle. Die Anwendung gentechnischer Methoden kann die Zeitspanne bis zur Schaffung einer resistenten Bananensorte markant verkürzen. Ich würde aber vor übertriebenen Erwartungen warnen. Auch ist die Bereitschaft vieler Verbraucher, vor allem in Europa, gentechnische Produkte zu kaufen, sehr gering.

Und wie schätzen Sie Eingriffe mit der Gen-Schere ein, die Resistenzen der Wildbanane in der Cavendish Banane nachbildet?

Die Genscheren-Technik kann gezielt Resistenzgene einer verwandten Art, in diesem Fall von Wildbanenen, auf kommerzielle Sorten übertragen. Das könnte von großem Vorteil sein. Es werden also nicht, wie bei gentechnisch veränderten Organismen, artfremde genetische Informationen übertragen. Dennoch gilt auch hier: Bis solche neuen, gegen TR4 widerstandsfähige Sorten Marktreife erlangen, wird noch einige Zeit vergehen. Und wir wissen nicht, ob die Verbraucher sie letztlich akzeptieren. 

Nach den gemeinschaftlichen Vorschriften der EU werden aus Drittländern eingeführte grüne, nicht gereifte Obstbananen in dem Mitgliedstaat der ersten Entladung auf ihre Konformität mit den Qualitätsnormen hin kontrolliert, bevor sie in den freien Verkehr gelangen. © European Union

Lässt sich genetische Vielfalt nicht eher mit agrarökologischen Anbaumethoden erreichen?

Wir brauchen eindeutig mehr Vielfalt auf den Feldern, nicht nur innerhalb einer Art, also mehr Bananensorten, sondern auch zwischen Arten. Das heißt, nicht nur eine Pflanzensorte auf großem Gebiet anzubauen, sondern räumlich und zeitlich zu diversifizieren, also auf dem selben Feld über Jahre hinweg verschiedene Sorten einer Kultur anzubauen, oder eine zeitliche Abwechslung mit anderen Kulturpflanzenarten anzustreben, also Fruchtfolge zu betreiben. Dies kann helfen, dass sich Krankheiten nicht übermäßig vermehren können.

Welche Rolle spielt die FAO bei der Bekämpfung von TR4?

Die FAO setzt an drei Punkten an: Aufklärung, Koordination internationaler Maßnahmen und Aufbau von Kapazitäten in den Ländern, wo diese schwach oder ungenügend sind. Insbesondere die Koordination internationaler Maßnahmen ist wichtig. Hier spielt die internationale Pflanzenschutzkonvention (IPPC) eine zentrale und koordinierende Rolle, aber auch regionale Pflanzenschutzorganisationen sind enorm wichtig. Die UNO hat außerdem 2020 als internationales Jahr der Pflanzengesundheit proklamiert, eine hervorragende Gelegenheit, öffentlich für einen nachhaltigeren und vielfältigeren Pflanzenschutz zu werben. 

Auch betroffene Länder sind finanziell gefordert

Wieviel Geld wird benötigt, um TR4 global in den Griff zu bekommen, und wer soll die Kampagne finanzieren?

Für diese globale Kampagne benötigen wir mindestens $100 Millionen. Auch die betroffenen Länder sind gefordert, Mittel bereit zu stellen, um die Einschleppung oder Ausbreitung der Krankheit auf ihrem Gebiet zu verhindern.

Müssen wir in Zukunft auf Bananen verzichten oder extrem hohe Preise für diese tropischen Früchte zahlen?

Wir werden auch in Zukunft Bananen essen können. Dafür ist es aber unabdingbar, das Sortenspektrum zu erweitern. Die Bananenerzeuger müssen wissen, dass sich eine solche Investition längerfristig lohnt und sich eine solche Krise mit Biovielfalt vermeiden lässt. Sollte sich die Seuche in kurzer Zeit massiv ausbreiten, und keine neuen, widerstandsfähigen Sorten rechtzeitig angebaut werden, kann es – bedingt durch das niedrigere Angebot bei gleicher oder steigender Nachfrage – zu Preiserhöhungen kommen. In den Ländern, wo die Banane ein Grundnahrungsmittel ist, kann es Engpässe geben und die Ernährungssicherheit bedroht werden.

Erwin Northoff ist ehemaliger Leiter der Presseabteilung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) und Mitglied im Redaktionsbeirat von "Welternährung.de".
Erwin Northoff Mitglied im Redaktionsbeirat
Letzte Aktualisierung 15.12.2019

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