Chancen im Agrarsektor durch digitale Technologien
Die Landwirtschaft im Globalen Süden ist zwischen traditionellen Strukturen, Modernisierung und wachsender Digitalisierung durch große Unterschiede geprägt.
Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.
Der Agrarsektor spielt eine zentrale Rolle für Wirtschaft und Gesellschaft in den meisten Ländern Südamerikas, Afrikas, Südasiens und Südostasiens, ist jedoch häufig von geringer Produktivität, unzureichender Infrastruktur und eingeschränktem Marktzugang geprägt. Der Anteil des landwirtschaftlichen Sektors am Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegt in Süd- und Südostasien bei über 15 Prozent und ist in Afrika noch deutlich höher. Nur in Südamerika fällt der Anteil mit knapp über 7 Prozent moderat aus.
Struktur der landwirtschaftlichen Sektoren
Die landwirtschaftlichen Sektoren in Südamerika, Afrika, Südasien und Südostasien weisen deutliche strukturelle Unterschiede auf. Sie unterscheiden sich vor allem durch Betriebsgrößen, Produktionsausrichtung, Technisierungsgrad und Markteinbindung. In Südamerika dominiert ein kapitalintensives Agrobusiness mit großen Betrieben, hoher Mechanisierung und starker Exportorientierung. Besonders ausgeprägt ist das bei Produkten wie Soja, Fleisch und Zucker, was typisch für global integrierte Agrarsysteme ist (vgl. FAO 2022; World Bank 2023). Demgegenüber ist die Landwirtschaft in Afrika überwiegend kleinbäuerlich organisiert, häufig von Subsistenzwirtschaft geprägt und weist einen sehr niedrigen Technisierungsgrad sowie eine geringe Produktivität auf. Gleichzeitig ist der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten mit einem Anteil von bis zu 70 Prozent besonders hoch, während die Einbindung in globale Märkte oft begrenzt bleibt (vgl. World Bank 2022). Südasien und Südostasien liegen strukturell zwischen diesen beiden Extremen und zeigen sowohl traditionelle als auch zunehmend modernisierte landwirtschaftliche Systeme, die sich in einem Transformationsprozess befinden (vgl. FAO 2022; IFAD 2021; World Bank 2023).
Tabelle 1 - Struktureller Vergleich der Agrarsektoren
Merkmal | Südamerika | Afrika | Südasien | Südostasien |
Betriebs-struktur | Großbetriebe, wenige Kleinbetriebe | Kleinbäuerinnen und Kleinbauern dominieren (<2 ha) | Stark fragmentierte Kleinbetriebe | Mischung aus Kleinbetrieben und Plantagen |
Produktions-ziel | Exportorientiert (Soja, Fleisch, Zucker) | Subsistenz & begrenzter Export | Binnenmarktorientiert (Reis, Weizen) | Mischform: Eigenver-sorgung & Export, z. B. Palmöl |
Technisierung | Hoch (Maschinen, Digitalisierung) | Sehr gering (Handarbeit dominiert) | Mittel (zunehmende Mechanisierung) | Mittel bis hoch (je nach Sektor) |
Kapital-intensität | Hoch | Sehr niedrig | Niedrig bis mittel | Mittel |
Landnutzung | Großflächig, extensiv, Monokulturen | Extensiv, geringe Inputintensität | Sehr extensiv (Bewässerung, Mehrfachernte) | Extensiv (Plantagenwirtschaft) |
Marktinte-gration | Stark global integriert | Gering | Mittel (regional / national) | Zunehmend global integriert |
Haupt-probleme | Entwaldung, Umweltbelastung | Armut, Infrastruktur, Klimarisiken | Wasserknappheit, Bodendegradation | Entwaldung, Umweltfolgen |
Quellen: FAO (2022); IFAD (2021); Ritchie & Roser (2022); World Bank (2023).
Die Produktivität des Agrarsektors zeigt starke regionale Unterschiede zwischen Südamerika, Afrika, Südasien und Südostasien, die vor allem durch den Technisierungsgrad, die Betriebsstruktur und den Inputeinsatz geprägt sind. Südamerika besitzt das höchste Produktivitätsniveau, während Afrika deutlich zurückliegt. Südasien und Südostasien nehmen eine Zwischenstellung ein, wobei Südostasien tendenziell höhere Produktivitätsfortschritte erzielt. Die globalen Unterschiede verdeutlichen, dass Produktivität weniger von natürlichen Voraussetzungen als vielmehr von technologischer Ausstattung, Kapitalverfügbarkeit und institutionellen Rahmenbedingungen abhängt.
Tabelle 2 – Produktivitätsunterschiede und Hauptgründe
Region | Durchschnittliche Getreideerträge (t/ha) | Produktivitäts-niveau | Hauptgründe |
Südamerika | Ca. 4–6 t/ha | Hoch | Mechanisierung, Agrobusiness, hoher Inputeinsatz |
Afrika | Ca. 1–2 t/ha | Niedrig | Geringe Technisierung, wenig Kapital, Klima |
Südasien | Ca. 3–4 t/ha | Mittel | Intensive Nutzung, Bewässerung, kleine Betriebe |
Südostasien | Ca. 4–6 t/ha | Mittel bis hoch | Verbesserte Technik, Exportorientierung |
Quelle: World Bank (2023).
Nutzung und Zugang digitaler Technologien im Agrarsektor
Die Nutzung und der Zugang zu digitalen Technologien im Agrarsektor unterscheiden sich deutlich zwischen Südamerika, Südasien, Südostasien und Afrika und spiegeln vor allem Unterschiede in Infrastruktur, Einkommen und landwirtschaftlicher Struktur wieder. Digitale Technologien umfassen im Wesentlichen die Bereiche mobile Kommunikation, internetbasierte Informationssysteme, Präzisionslandwirtschaft sowie digitale Marktplattformen.
Tabelle 3 – Nutzung und Zugang digitaler Technologien im Agrarsektor
Region | Internet- / Mobilfunk-zugang | Nutzung digitaler Technologien im Agrarsektor | Ländlicher Zugang | Haupthemmnisse |
Südamerika | Hoch (≈ 80– 90 % Internetnutzung) | Präzisionslandwirtschaft (GPS, digitale Farm-managementsysteme); stark in Großbetrieben | Relativ gut, aber periphere Regionen schwächer | Ungleichheit zwischen Großbetrieben und Kleinbäuerinnen & Kleinbauern |
Afrika | Niedrig (≈ 30–40 % Internet; ~28 % mobiles Internet) | Einfache mobile Dienste (z. B. Marktpreise, Wetterinfos), geringe Verbreitung komplexer Technologien | Sehr gering; starke Stadt-Land-Differenz | Hohe Kosten, geringe Geräte-verfügbarkeit, fehlende Kompetenzen |
Südostasien | Mittel–hoch (≈ 70–80 %) | Mobile Apps (Wetter, Preise), digitale Bezahl-systeme, wachsende Plattformökonomie | Mittel; Unter-schiede zwischen Inseln und ländlichen Gebieten | Regionale Disparitäten, Infrastruktur-defizite |
Südasien | Mittel (≈ 50–70 %) | Vor allem mobile Nutzung; Informations-dienste für Kleinbäuer-innen & Kleinbauern | Eingeschränkt, besonders in ländlichen Räumen | Geringe Einkommen, Bildungsdefizite, Infrastruktur |
Quellen: FAO (2022); GSMA (2025); Statista (2025); World Bank (2024).
In Südamerika ist der Agrarsektor vergleichsweise stark digitalisiert. Vor allem exportorientierte Großbetriebe nutzen zunehmend Technologien wie Satellitendaten, GPS-gestützte Maschinensteuerung und digitale Farmmanagement-Systeme. Diese Entwicklung wird durch eine hohe Internet- und Mobilfunkdurchdringung unterstützt, da in der Region insgesamt über 80 Prozent der Bevölkerung Zugang zum Internet haben (vgl. World Bank 2024). Die Nutzung und der Zugang zu digitalen Technologien bleiben für kleinere Betriebe dagegen weiterhin eingeschränkt.
Südostasien zeigt eine ähnliche Verbreitung digitaler Technologien (vgl. Statista 2025). Landwirtschaftliche Akteure greifen zunehmend auf Apps für Wetterinformationen, Marktpreise oder digitale Bezahlsysteme zurück. Allerdings bestehen nach wie vor Unterschiede zwischen urbanen und ländlichen Regionen sowie zwischen modernen Exportsektoren und traditioneller Kleinlandwirtschaft.
Im Agrarsektor in Südasien ist der Zugang zu digitalen Technologien heterogener mit starkem Wachstum. Die Durchdringung ist aber geringer als in Südostasien und es gibt deutliche Defizite beim Zugang zu digitaler Infrastruktur in ländlichen Regionen. Mobile Technologien spielen hier eine Schlüsselrolle, da sie häufig den einzigen Zugang zum Internet darstellen (vgl. World Bank 2024).
Die größten Herausforderungen bestehen in Afrika, wo sowohl die Nutzung als auch der Zugang zu digitalen Technologien im Agrarsektor am geringsten ausgeprägt sind. Obwohl mittlerweile viele Regionen über eine gute Mobilfunkabdeckung verfügen, nutzen nur etwa 28 Prozent der Bevölkerung mobiles Internet (vgl. GSMA 2025). Besonders in ländlichen Gebieten ist die Nutzung deutlich eingeschränkt, was auf hohe Kosten, mangelnde digitale Kompetenzen und geringe Verfügbarkeit von Endgeräten zurückgeführt wird. Gleichzeitig zeigt Afrika großes Entwicklungspotenzial: Mobile Technologien werden zunehmend als Instrument zur Verbesserung von Marktintegration und Produktivität eingesetzt.
Digitale Technologien entlang der Wertschöpfungskette
In den betrachteten Regionen werden digitale Lösungen eingesetzt, um die Effizienz und Transparenz der gesamten landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette zu steigern. Häufig geschieht dies, indem sie Akteure miteinander vernetzen und einen Zugang zu Kapital, Informationen und Märkten anbieten.
Firmen wie eVuna(Südafrika) und DeHaat (Indien) vernetzen Landwirtinnen und Landwirte mit Kreditgebern, Logistikservices und Kunden. Sie bündeln verschiedene Dienstleistungen auf einer Plattform, darunter den Zugang zu landwirtschaftlichen Betriebsmitteln, Versicherungsservices und Anbauempfehlungen. Unternehmen wie iCow(Kenia), M‑Farm (Kenia), eVuna(Südafrika)und Ninjacart (Indien) stellen Marktinformationen bereit und bieten Beratungsleistungen zu Tierhaltung und Anbaumethoden. Digitale Zahlungssysteme, Fintech- und Crowdfunding-Lösungen wie M-PESA (Kenia), GCash (Philippinen), Paytm (Indien), Agrotoken (Argentinien) sowie AgriCrowdfunding (Südafrika) und Agrivest Africa (Ghana) erleichtern zum einen den Zugang zu Kapital, zum anderen die Finanzierung und Abwicklung finanzieller Transaktionen entlang der Wertschöpfungskette.
Beim Aufbau von Wissen und Kompetenzen helfen entlang der verschiedenen Stufen der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette digitale Trainingsangebote. Durch kostenfreie und teilweise kostenpflichtige Online-Kurse können Landwirtinnen und Landwirte ihre Fähigkeiten stärken, etwa durch die e-learning Academy der FAO oder die World Bank Group Academy. Dadurch erhalten auch Betriebe in abgelegenen (ländlichen) Regionen Zugang zu relevanten, landwirtschaftlichen Fortbildungen in verschiedenen Sprachen.
Mit Blick auf einzelne Abschnitte der Wertschöpfungskette zeigen sich in allen Regionen ähnliche Ansätze bei den digitalen Technologien im Einkauf und in der Produktion.Diese sind darauf angelegt, Kosten zu senken, die Produktivität zu steigern und Informationsdefizite zu verringern.
Digitale Plattformen wie M-Farm (Kenia) bündeln die Nachfrage nach Rohstoffen und Betriebsmitteln, um beispielsweise Mengenrabatte zu ermöglichen. Während Hello Tractor in 18 afrikanischen Ländern den Zugang zu modernen Agrarmaschinen erleichtert, bietet das indische Unternehmen XMachines elektrisch betriebene, teilautonome Roboter an, die wie ein kompakter Traktor verschiedene Aufgaben im Anbau übernehmen können. Landwirtinnen und Landwirte haben außerdem mit Plattformen wie Booster Agro (Argentinien), iCow (Kenia) und Agrayan (Ruanda) Zugriff auf Datenbanken, die unter anderem Informationen zu Pflanzeneigenschaften, den Witterungsverhältnissen und der Tierhaltung bieten. Das erleichtert Entscheidungen und ermöglicht eine effizientere Produktion.
Auch bei der Lagerung und dem Transport von Erzeugnissen kommen zunehmend digitale Technologien zum Einsatz. Diese optimieren Transportwege, helfen bei der Koordination von Angebot und Nachfrage und ermöglichen eine Echtzeitüberwachung von Lagerbeständen und Lieferungen, was die Lieferketten flexibler und effizienter macht.
Digitale Plattformen wie OmniRetail (Nigeria) integrieren Beschaffung, Lagerung und Transport über eine B2B‑Plattform und nutzen datenbasierte sowie teilweise KI‑gestützte Analysen, um die Transparenz und Effizienz entlang der Lieferkette zu verbessern. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt KisanSabha (Indien), eine Plattform, die Transportbuchungen, Tracking und Preisvergleiche von Logistikleistungen für landwirtschaftliche Produkte ermöglicht. Das nigerianische Startup Figorr hat sich dem Livetracking der Temperatur sowie der Kühlung von Produkten verschrieben, was insbesondere beim grenzüberschreitenden Transport verderblicher Waren wie Obst, Gemüse oder pharmazeutischer Erzeugnisse eine höhere Transparenz und Zuverlässigkeit schafft.
Der Vertrieb und die Distribution landwirtschaftlicher Erzeugnisse sind in vielen Regionen durch begrenzte Preistransparenz, ineffiziente Marktstrukturen und die Abhängigkeit von Zwischenhändlern geprägt. E‑Commerce‑ und Online‑Plattformen setzen hier an, indem sie Produzierende und Abnehmende direkt vernetzen, Handelsbarrieren senken und in manchen Fällen Zwischenhändlerinnen und Zwischenhändler umgehen. Dadurch eröffnen sich direktere Absatzwege und potenziell bessere Preise.
Plattformen wie M‑Farm (Kenia) ermöglichen den Abruf aktueller Marktpreise per SMS und den Zusammenschluss von Betrieben, um gemeinsam an Großabnehmer oder Exporteure zu verkaufen. Auch Ninjacart(Indien) und Sayurbox(Indonesien) vernetzen Landwirte über digitale Plattformen mit dem Einzelhandel und Endverbraucherinnen und Endverbrauchern, während zugleich die Anzahl an Zwischenhändlerinnen und Zwischenhändlern reduziert wird.
Digitaler Wandel im Agrarsektor
Insgesamt zeigt sich, dass der Agrarsektor in den untersuchten Regionen vor teilweise erheblichen strukturellen Herausforderungen steht, gleichzeitig jedoch großes Entwicklungspotenzial besitzt. Digitale Technologien tragen zunehmend dazu bei, Effizienz zu steigern, Informationszugänge zu verbessern und neue Marktchancen zu eröffnen. Besonders mobile Anwendungen spielen hierbei eine zentrale Rolle. Dennoch bestehen weiterhin deutliche Ungleichheiten beim Zugang und in der Nutzung, vor allem zwischen großen Betrieben und kleinbäuerlichen Strukturen. Um die Potenziale der Digitalisierung vollständig auszuschöpfen, sind ergänzende Investitionen in Infrastruktur, Bildung und institutionelle Rahmenbedingungen notwendig. Langfristig kann so ein wichtiger Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung, Produktivitätssteigerung und Ernährungssicherung in zahlreichen Ländern des Globalen Südens geleistet werden.
Die Autor:innen sind alle an der ESB Business School, Hochschule Reutlingen, tätig, Dr. Philipp von Carlowitz ist Professor für Strategisches und Internationales Management und leitet den Think Tank Doing Business in Africa, Dr. Simon Züfle ist dort wissenschaftlicher Mitarbeiter, und Sophia Bauer Managerin für Forschungskommunikation.
Referenzen
Food and Agriculture Organization of the United Nations (2022). The State of Food and Agriculture. Leveraging agricultural automation for transforming agrifood systems, openknowledge.fao.org/bitstreams/1c329966-521a-4277-83d7-07283273b64b/download (Zugriff: 01.06.2026).
Food and Agriculture Organization of the United Nations (2025). FAOSTAT. Crop production and yields database, www.fao.org/faostat/en/ (Zugriff: 01.06.2026).
Global System for Mobile Communications Association (2025). The Mobile Economy. Africa 2025, www.gsma.com/solutions-and-impact/connectivity-for-good/mobile-economy/wp-content/uploads/2025/10/GSMA_AFRICA_ME2025_R_Web-3.pdf (Zugriff: 01.06.2026).
International Fund for Agricultural Development (2021). Rural Development Report 2021. Transforming Food Systems for Rural Prosperity, www.ifad.org/documents/48415603/49775134/rdr2021.pdf/e6bad6ea-8dac-b478-a1c5-29522ba414cf (Zugriff: 01.06.2026).
Ritchie, H. & Roser, M. (2022). Farm Size and Productivity, ourworldindata.org/farm-size (Zugriff: 01.06.2026).
Statista (2025). Internet usage in Southeast Asia – statistics & facts, www.statista.com/topics/9093/internet-usage-in-southeast-asia/ (Zugriff: 01.06.2026).
World Bank (2022) Agriculture and Food, www.worldbank.org/en/topic/agriculture/brief/agriculture-and-food-what-we-do (Zugriff: 01.06.2026).
World Bank (2023). World Development Report, www.worldbank.org/en/publication/wdr2023 (Zugriff: 01.06.2026).
World Bank (2024). World Development Indicators. Internet usage and digital access, databank.worldbank.org/source/world-development-indicators (Zugriff: 01.06.2026).

