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  • Agrar- & Ernährungspolitik
  • 09/2019
  • Regina Birner, Thomas Daum

Welches Agrarmodell kann die Welt ernähren?

Die Antwort ist mehr als eine Glaubensfrage. Ein exklusiver Exkurs in die aktuelle wissenschaftliche Debatte über rivalisierende Wege zur Ernährungssicherung.

Bauern im aethiopischen Dorf Sodo bei der Getreideernte. Kleinbauern in Asien und im südlichen Afrika produzieren auf Landparzellen von der Größe eines Fußballfelds bis zu 80 Prozent der Lebensmittel in ihrer Region. © Wiards/Welthungerhilfe

Weltweit hungern 820 Million Menschen, die meisten in Asien, Afrika und Lateinamerika. Zwei Milliarden Menschen leiden an verborgenem Hunger - sie nehmen genug Kalorien zu sich, aber unzureichend Vitamine und Spurenelemente, weswegen körperliche und geistige Gesundheit leiden. Da die meisten Hungernden auf dem Land leben, und viele vom Land, stellt sich die Frage: Können Kleinbauern, die oft kaum genug für sich ernten, die steigende Weltbevölkerung ernähren? Welchen Agrarmodellen das überhaupt gelingen kann, ist umstritten – auch in der Wissenschaft. Hier bewerten wir verschiedene Lösungsvorschläge.

Der Kleinbauer: als Entwicklungsmotor unentbehrlich

Für Aufregung sorgte zuletzt Oxford-Ökonom Paul Collier. Ihm zufolge ist die Förderung von Kleinbauern „romantischer Populismus“ der Peasants, wie auch Pandas, präservieren will“. Kleinbauern in Afrika sollten ihr Land Großfarmen überlassen und in Fabriken arbeiten. Diese These stützt Collier vor allem auf Erkenntnisse, die zeigen, dass Arbeitsproduktivität (und Einkommen) in Städten oftmals höher sind als auf dem Land.

Die Fachwelt reagierte mit Kopfschütteln. Mechanisierte Großfarmen könnten genug Nahrung produzieren, aber ohne wirtschaftliche Entwicklung und alternative, gut bezahlte Beschäftigungsmöglichkeiten könnten sich die vertriebenen Kleinbauern diese nicht leisten. Dass für Entwicklung vielmehr  die kleinbäuerliche Landwirtschaft als „Entwicklungsmotor“ nötig ist, legte 1961 John Mellor dar, noch heute einer der führenden Agrarökonomen. Top-Agrarökonomen wie Derek Byerlee und Peter Hazell bestätigten dies.

Die Geschichte von Europa und vielen heutigen Schwellenländern belegt die wichtige Rolle der Landwirtschaft: Ertragssteigerungen erhöhen die Einkommen kleinbäuerlicher Haushalte, die sie dann für Kleidung, Möbel, Haushaltsgeräte und Hausbau ausgeben, was außerlandwirtschaftliche Beschäftigung schafft. So begann die Industrialisierung in vielen asiatischen Ländern. Ohne diese lokale Nachfrage hätten Länder, um ihre Industrialisierung in Gang zu bringen, globale Märkte bedienen müssen. Ein schwieriges Unterfangen angesichts der Dominanz von Ländern wie China. Aber wie kann es gehen, dass der Kleinbauer nicht zum Verlierer sondern zur Triebfeder der Welternährung wird?

Die Grüne Revolution – mit Technik gegen den Hunger

In dem Buch „The Wizard and the Prophet“ zeigt Charles C. Mann verschiedene Visionen für eine Zukunft ohne Welthunger: Eine Vision ist die Verschiebung von Wachstumsgrenzen durch Innovation, Ertragssteigerungen, moderne Technologien; die gegenläufige Vision setzt auf eine Anerkennung der natürlichen Wachstumsgrenzen, naturnahe Landwirtschaft, und auch Bevölkerungskontrolle.

Die erste skizziert der Wissenschaftsjournalist anhand des Lebenswerks von Norman Borlaug, der in langwierigen Versuchen hochertragreiche Getreidesorten züchtete – übrigens ohne die umstrittene Gentechnik. Darauf basierte die Grüne Revolution, mit der Asien den Hunger erheblich eindämmen konnte, und als deren Vater Borlaug 1970 mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt wurde. Trotz ihrer Erfolge ist die Zahl der Hungernden jedoch auf keinem Kontinent höher und der verborgene Hunger weit verbreitet.

Die Grüne Revolution beschleunigte in Asien die Züchtung neuer Reissorten und führte zu einem erheblichen Anstieg der Erträge. Zu negativen Folgen für die Umwelt führte ein unsachgemäßer Einsatz von Pflanzendüngern und die Verarmung der Artenvielfalt durch Monokulturen. © CC0 Lê Tuấn Hùng from Pxhere

Dennoch wollen viele an diesen Erfolgen ansetzen, etwa die Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika. Sie wird gefördert durch die Bill und Melinda Gates Stiftung und die Rockefeller Stiftung, die schon die asiatische Revolution unterstützte. Mit Hochertragssorten, Mineraldünger, chemischem Pflanzenschutz und Bewässerungstechniken will man auch auf diesem Kontinent Ertragslücken schließen. Äthiopien ist ein Land, das Erträge dank Technologien zuletzt deutlich steigern konnte.

Manche Agrarökonomen fordern auch Grüne Gentechnik, um Erträge zu sichern, und Biofortikfiation, um Pflanzen per Gentechnik oder konventionelle Züchtung nahrhafter zu machen. Biofortifikation wird vor allem durch das Programm Harvest Plus gefördert, das maßgeblich von der Gates-Stiftung finanziert wird und an dem eine Reihe führender internationaler Agrarforschungsinstitute beteiligt sind.

Etablierte Lehre wird nicht grundsätzlich hinterfragt

Gegenstimmen gibt es in der Agrarökonomie im Kontext von Entwicklungsländern kaum. Die positiven Effekte von verbessertem Saatgut und Mineraldünger sind unumstritten. Chemische Pflanzenschutzmittel werden zwar mit Blick auf Umweltschutz, etwaige Herbizidresistenzen,  und Gesundheit kritischer diskutiert. Grundsätzlich hinterfragt werden sie aber selten. Und während die traditionelle Gentechnik vor allem in Europa und auch in Afrika teilweise skeptisch beäugt wurde, wird neuerdings die „Genschere“ (Crispr/CAS), die ohne artfremdes genetisches Material auskommt, weitgehend positiv aufgenommen. So sprach Urs Niggli, Leiter des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), 2016 von einem „großen Potenzial“, etwa um Pestizide einzusparen.

Gleichwohl: Es gibt akademische Stimmen, die die Grenzen dieser Vision hinterfragen und ihr vorwerfen, Umweltaspekte und soziale Fragen wie die Auswirkungen auf die Armut auszublenden. So bemängeln kritische Studien, dass die asiatische Grüne Revolution zu Umweltschäden führte und dass  hauptsächlich Großbauern mit sicheren Landrechten und in Gegenden mit hohem Ertragspotential profitierten.

Ein Sack Getreide im Dorf Sodo in Äthiopien. Die durchschnittlichen Getreiderträge in Afrika liegen unter zwei Tonnen je Hektar, in Nordamerika sind es sieben Tonnen je Hektar. © Grossmann/welthungerhilfe

Andere Kritiker werfen dem Technologiefokus vor, er verleite zu einer Vernachlässigung von guten landwirtschaftlichen Praktiken und Anbauvielfalt. Außerdem adressierten technische Mittel nicht die eigentliche Ursache von ausbleibenden Fortschritten: nämlich mangelnde  politischen Rahmenbedingungen. Dazu gehört etwa der sichere Zugang zu Land, den mittlerweile die Deklaration für Kleinbauernrechte der UN einfordert. Auch gelang die Grüne Revolution in Asien nur durch massive Investitionen in Institutionen, etwa in Agrarforschung und Beratung, tendenziell wiederum zum Nutzen von Großbauern.

Das Ende der Savanne wie wir sie kennen?

Im Kampf gegen stagnierende Zahlen von Hungernden lenken einige Agrarökonomen den Blick auf zusätzliche Anbauflächen, wenn es nicht gelingt, Erträge maßgeblich zu steigern. Sie fordern etwa ein Umbrechen der afrikanischen Savanne, wodurch laut Weltbank 400 Millionen Hektar Ackerland gewonnen werden könnten. Nach Berechnungen der Universität Wageningen müsste man bis 2050 mindestens 100 Millionen Hektar Savannenland umbrechen, um den bis dahin bevölkerungsbedingt um zwei Drittel wachsenden Bedarf an Getreide zu stillen – bei gleichzeitiger Intensivierung.

Solchen Szenarien halten Experten jedoch Warnungen vor einem ökologischen Desaster entgegen, von Verlusten der Biodiversität und dem Ende der Elefanten. Weil außerdem gigantische Kohlenstoffmengen freigesetzt würden, ist die Savannennutzung gerade für Umweltökonomen ein No-Go. Und es wäre fraglich, ob die Zahl von Hungernden sinken würde. Umgekehrt heißt es aber auch, dass die Erträge Afrikas auf bestehenden Flächen steigen müssen.

Wunderwaffe Digitalisierung

Große Hoffnungen werden dafür zunehmend auf die Digitalisierung projiziert: vom Bestellen von Traktordiensten per App bis hin zu Tipps zur Milchproduktion per SMS. Neben der Mechanisierung gilt der Trend geradezu als ein Wundermittel, um Landwirtschaft attraktiv für Jugendliche zu machen. Unumstritten bietet die Digitalisierung neue Möglichkeiten. Sie kann Kleinbauern mit Wissen um Marktpreise und Anbaupraktiken und besserem Zugang zu Dienstleistungen helfen. Ebenso können digitale Mittel Wege öffnen, staatliche Dienstleistungen einzufordern, etwa vom landwirtschaftlichen Beratungsdienst.

Noch sind die Effekte allerdings geringer als vielfach angenommen: Die Zahl der Nutzer ist niedrig und viele Geschäftsmodelle nicht nachhaltig. Zudem braucht auch Digitalisierung gute Rahmenbedingungen: Das Wissen um Marktpreise bringt wenig, wenn Straßen nicht passierbar sind. Kritiker befürchten außerdem ein „Digital Divide“, bei dem vor allem Großbauern profitieren und Kleinbauern außen vor bleiben.

Agrarökologie als Vision für naturnahe Landwirtschaft

Gegen den Vater der Grünen Revolution lässt Charles C. Mann in seinem Werk vom Zauberer und Propheten einen Vordenker der Umweltbewegung zum Duell antreten: Anders als Borlaug, der natürliche Grenzen verschieben will, spricht sich William Vogt für eine Anerkennung der natürlichen Grenzen aus – mittels einer naturnahen Landwirtschaft, reduziertem Konsum und auch einer Kontrolle des Bevölkerungswachstums.

Diese Perspektive vertritt die Agrarökologie, eine soziale Bewegung, für die Hochertragssorten, Mineraldünger und Pflanzenschutzmittel ebenso Irrwege sind wie Gentechnik und konventionelles Hybridsaatgut. Für strenge Verfechter sind oft auch moderne Maschinen und Kredite tabu. All dies sei – wegen der drohenden Abhängigkeit von Konzernen – schlecht für Umwelt und Kleinbauern zugleich. Die Bewegung empfiehlt zum Nutzen der örtlichen Umwelt traditionelle und naturhahe Anbaumethoden, Anbauvielfalt, Agro-Forst-Systeme sowie eine Stärkung von Kleinbauernrechten und solidarische Landwirtschaft. Viele Agrarsoziologen sympathisieren damit, wie das Journal of Peasant Studies zeigt

Der Kleinbauer wird oft romantisiert dargestellt – wie auf dieser Wandmalerei in einem Dorf in Burkina Faso. © CC0 Roberto Vi from Pixabay

In der Agrarökonomie findet die radikale Ablehnung von Technik hingegen wenig Rückendeckung. So ist eines der Gegenargumente, dass die Agrarökologie das Leben von Kleinbauern nicht verbessere, da es durch harte Arbeit, niedriges Einkommen, hohes Risiko und oft auch Hunger gezeichnet bleibe. Außerdem werde die Arbeitsbelastung – auch von Frauen und Kindern – unterschlagen, die durch diese Art von Anbaumethode entstehe. Mechanisierung, die eine Abhilfe wäre, wird häufig abgelehnt.

Vor allem wird argumentiert, die Agrarökologie traue dem Kleinbauern selbst keine souveränen Entscheidungen zu: Was wenn er oder sie Düngemittel kaufen möchte, um Erträge zu steigern und Schulgelder zu bezahlen? Geraten auch wir gleich in Abhängigkeit, wenn wir unsere Lebensmittel, Smartphones und Kleider von Großkonzernen kaufen?

Greening der Grünen Revolution 

Durchaus werden aber einzelne Ansätze der Agrarökologie aufgegriffen, etwa von der Welternährungsorganisation (FAO). Sie fordert eine Versöhnung mit Technik durch nachhaltige Intensivierung, also Erträge steigern ohne gleichzeitig mehr Betriebsmittel einzusetzen. Agronomen sprechen vom „Greening“ der Grünen Revolution. Fest steht auch: Agrarökologische Methoden, wie etwa der Einsatz von Kompost, führen zu höheren Erträgen als die derzeitigen Anbausysteme, wo kein Dünger zum Einsatz kommt, und wo wegen des Bevölkerungsdrucks auch keine erholenden Bracheperioden möglich sind.

Allerdings ist die Sicherung der Bodenfruchtbarkeit ohne Mineraldünger auf nährstoffarmen Tropenböden schwierig und der Pflanzenschutz eine Herausforderung, etwa wenn es keine kalten Winter gibt, die Schädlinge eindämmen. Generell sind die Erträge des Öko-Landbaus bislang im Schnitt 25 Prozent niedriger als im konventionellen Anbau, was zu Flächenausweitungen führen kann. Diese wären wiederum zu verhindern, wenn die zunehmend zahlreichen wohlhabenden Länder weniger Fleisch konsumieren würden.

Handelsschranken für Kleinbauern: Schutz oder Scheinlösung?

In Denkansätze über Konsummuster und Handelsverschränkungen reiht sich auch der vermeintlich simple Lösungsvorschlag ein, Importzölle zu erheben, um die heimische Produktion und damit den Kleinbauern vor Dumping-Produkten zu schützen. Nach diesem Erklärungsansatz liegt der Grund für die Misere des Kleinerzeugers in der Konkurrenz mit billigen, oft subventionierten Importen, etwa von Tomaten, Milchpulver und Geflügel.

In der Wissenschaft werden Handel und Zölle weniger schwarz-weiß betrachtet. Grundsätzlich spricht vieles für den freien Handel, etwa um regionale Ertragsrisiken und Preisschwankungen zu reduzieren. Außerdem profitieren Konsumenten – und dazu zählen oft auch Kleinbauern, die Nahrung zukaufen – von günstigen Weltmarktpreisen. Eine übergroße Abhängigkeit vom Weltmarkt kann allerdings gefährlich sein, wie die Nahrungspreiskrise 2008/2009 gezeigt hat.

Für einzelne Sektoren können Importbeschränkungen aber Sinn machen. Das Regelwerk der Welthandelsorganisation lässt das zu. So begrenzt Kamerun seit 2005 den Import von gefrorenen Geflügelteilen; heute spielt die lokale Geflügelproduktion eine wichtige Rolle für Ernährungssicherung und Beschäftigung.Das gelang aber nur, weil der Staat zusätzlich  der heimischen Geflügelindustrie zur Seite stand: mit Brütereien und dem Ausbau des Veterinärwesens. In Ghana sind dagegen eigene Tomaten nicht konkurrenzfähig, weil vergleichbare institutionelle Voraussetzungen fehlen. Und für die Ernährungssituation von Burkina Faso hätte ein Verbot von Milchpulverimporten gar negative Folgen: Aufgrund langer Trockenzeiten wäre es kaum möglich, die (wasserintensive) Milcherzeugung auszuweiten.

Blick nach vorne – ohne Blaupausen

Nun also: Kann der Kleinbauer die Welt ernähren? Ja, er kann. Ertragslücken sind Ertragspotenziale und es gibt hoffnungsvolle  Entwicklungen, sie zu verwirklichen. Nur: Blaupausen gibt es keine, wie das Beispiel Handel zeigt, noch gibt es Wundertechnologien, da sie ohne gute Rahmenbedingungen scheitern. Und es gibt auch nicht die reine Lehre. Deswegen sollte ohne Scheuklappen gedacht werden: Welche Technologien sind sinnvoll? Was kann man von der Agrarökologie lernen? Und dann – mit allen Optionen auf dem Tisch – sollten wir darauf vertrauen, dass Kleinbauern selbst die für sie richtigen Entscheidungen treffen.

Regina Birner Universität Hohenheim
Thomas Daum Universität Hohenheim
Letzte Aktualisierung 06.09.2019

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