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  • Agrar- & Ernährungspolitik
  • 04/2026
  • Erwin Northoff

Sinkende Ausgaben für Agrarforschung gefährden Ernährungssicherheit

Forschungsfinanzierung hat alarmierend an Elan verloren. Was heißt das für eine wachsende Weltbevölkerung? Ein Interview.

Wasserbüffel in einem Reisfeld. Der Verbrauch von Reis wird nach Schätzungen bis 2050 um 30 Prozent zunehmen. © Edwin Huffman / World Bank via Flickr

Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.

Welternährung: In den letzten 40 Jahren hat sich der Anstieg der weltweiten Mittel für wissenschaftliche Forschung in den Bereichen Landwirtschaft und Ernährung verlangsamt. Wie ernst ist die Lage?

Philip Pardey: Oberflächlich betrachtet scheint die Lage recht gut zu sein. Insgesamt gaben die Länder 1980 etwa 38 Mrd. Dollar (Wert von 2020) für die gesamte öffentliche und private Forschung und Entwicklung (F&E) im Agrar- und Ernährungssektor aus. Bis 2021 stieg dieser Betrag auf 110 Mrd. Dollar. In diesem Zeitraum wuchs die Weltbevölkerung um fast 80 Prozent (3,5 Milliarden Menschen). Dank der Agrarwissenschaften konnte die Nahrungsmittelproduktion mit diesem Wachstum Schritt halten. Die meisten Menschen haben davon profitiert, aber nicht alle.

Philip Pardey ist Professor im Department of Applied Economics und Direktor des GEMS Informatics Center an der University of Minnesota in Saint Paul, USA.

Auf den zweiten Blick zeigt sich eine alarmierende Situation. Insgesamt hat sich der inflationsbereinigte Anstieg der weltweiten F&E-Ausgaben im Agrar- und Ernährungssektor erheblich verlangsamt. Er ist von durchschnittlich 2,57 Prozent pro Jahr zwischen 1980 und 2015 auf 1,91 Prozent jährlich zwischen 2015 und 2021 gesunken. Mit Blick auf die Länderebene zeigt sich ein weit verbreitetes Muster: Besorgniserregend ist, dass fast ein Drittel der 150 Länder, für die es Daten gibt, ihre realen Ausgaben (negatives Wachstum) für öffentliche und private F&E im Agrar- und Ernährungssektor nach 2015 gekürzt haben. Ohne genügend Mittel für F&E laufen wir Gefahr, dass wir den Bedarf an Nahrungsmitteln nicht decken können, der durch das Bevölkerungswachstum und steigende Einkommen entsteht. Dies könnte zu höheren Lebensmittelpreisen und mehr Hunger und Unterernährung führen.

Warum haben sich die Wachstumsraten in den letzten Jahren verlangsamt?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Einerseits haben einige größere Mitteleinkommensländer deutlich mehr und nachhaltig in die Agrar- und Lebensmittelforschung investiert, da sie eine große Bevölkerung haben und Hunger dort in der Vergangenheit weit verbreitet war. Insbesondere nach der Corona-Pandemie aber haben sich viele Regierungen sowohl in reichen als auch in armen Ländern stark verschuldet. Das hat die öffentlichen Ausgaben für F&E deutlich unter Druck gesetzt. Darüber hinaus dauert es meistens Jahrzehnte, bis sich die wirtschaftlichen und sonstigen Vorteile landwirtschaftlicher F&E im großen Maßstab zeigen. Die meisten Menschen und ihre Regierungen sind aber oft ungeduldig und verlangen schnelle Ergebnisse. Deshalb werden F&E für Landwirtschaft und Ernährung politisch tendenziell weniger unterstützt als beispielsweise Agrarsubventionen oder andere Programme, die einen direkten Nutzen für Bauern und Verbraucher haben.

Bereits jetzt steigen die Lebensmittelpreise, weil sich das Tempo der Investitionen und damit die Zahl der Innovationen für den Agrar- und Lebensmittelsektor verlangsamt.

Prof. Philip Pardey

Welche Länder oder Regionen sind führend bei F&E in dem Bereich?

In den letzten 40 Jahren gab es große Veränderungen in der geografischen Verteilung der F&E-Ausgaben im Agrar- und Ernährungsbereich. So entfielen in den 1980er Jahren fast zwei Drittel der weltweiten F&E-Ausgaben in diesem Bereich auf Länder mit hohem Einkommen. Ihr Anteil ist inzwischen auf 43 Prozent im Jahr 2021 gesunken. Heute fließt etwa die Hälfte aller öffentlichen und privaten Ausgaben für F&E in dem Bereich in Mitteleinkommensländer. Dies zeigt, wie sich die wirtschaftlichen Aktivitäten im Agrar- und Ernährungssektor global verlagert haben. China, Indien und Brasilien gehören neben den USA und Japan inzwischen zu den fünf Ländern mit den höchsten Ausgaben für F&E. Global entfällt mittlerweile die Hälfte dieser F&E-Investitionen auf den asiatisch-pazifischen Raum.

Leider hat sich die Kluft zwischen den wissenschaftlich fortgeschrittenen und den wissenschaftlich benachteiligten Ländern vergrößert. Das Ausgabenvolumen der 50 Staaten mit den niedrigsten F&E-Ausgaben sank von 1,1 Prozent im Jahr 1980 auf nur noch 0,5 Prozent im Jahr 2021.

Welche Rolle spielen private Finanzmittel?

In den letzten 40 Jahren ist der privat finanzierte Anteil an den weltweiten F&E-Ausgaben im Agrar- und Ernährungsbereich stetig gestiegen: von 32 Prozent 1980 auf 50 Prozent 2021. Im Gegenzug ist der Anteil des öffentlichen Sektors von rund zwei Dritteln auf die Hälfte der Gesamtausgaben gesunken. Der Anstieg der privaten F&E-Ausgaben war jedoch ungleichmäßig und beschränkte sich hauptsächlich auf die Länder mit hohen und mittleren Einkommen.

Trotzdem wächst die Rolle des privaten Sektors auch in den ärmeren Ländern, da sich deren Wertschöpfungsketten im Agrar- und Ernährungsbereich verändern. Dies spiegelt zum Teil wider, dass Landwirte Betriebsmittel wie Saatgut und Düngemittel zunehmend von externen Anbietern kaufen. Außerdem wachsen Bereiche wie Lebensmittelverarbeitung und -sicherheit, Logistik und Einzelhandel. Die Menschen essen zudem immer häufiger in Restaurants und bei Fast-Food-Ketten. Technologische Entwicklungen bei Saatgut, Maschinen (einschließlich Digitaltechnik und Informatik) und Chemikalien (Düngemittel, Pflanzenschutz, Tiergesundheit) sowie bei der Lebensmittelherstellung, dem Vertrieb und der Vermarktung sorgen für immer komplexere Wertschöpfungsketten. All diese Bereiche werden auch weiterhin erhebliche private Investitionen benötigen.

Welche Rolle sollte der öffentliche Sektor in Zukunft spielen?

Private Unternehmen sind ihren Aktionären gegenüber rechenschaftspflichtig, die eine Rendite für ihre Investitionen erwarten. Folglich konzentrieren sie sich auf die Entwicklung von Technologien in der Landwirtschaft und der Lebensmittelproduktion, die ihren Gewinn steigern. Dadurch sinkt für sie der Anreiz, massiv in vorkommerzielle Forschung zu investieren, bei der ein klarer und unmittelbarer Nutzen fehlt. Universitäten und andere öffentliche Forschungseinrichtungen, die weitgehend aus Steuergeldern finanziert werden, sind dagegen besser geeignet, risikoreichere, eher grundlagenorientierte Forschung mit längerfristigen und oft weniger sichtbaren Ergebnissen zu betreiben. Diese Forschung kommt der Gesellschaft als Ganzes zugute. Dazu gehört beispielsweise die Erforschung der Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft – und umgekehrt. Aber auch die Forschung, die darauf abzielt, die negativen Umweltfolgen der Landwirtschaft zu vermeiden oder zu mindern, beispielsweise die Wasserverschmutzung durch den übermäßigen Einsatz von Düngemitteln und anderen Agrarchemikalien. Angesichts der wachsenden Rolle des Privatsektors müssen wir darüber nachdenken, wie knappe öffentliche Investitionen sinnvoll eingesetzt werden können, um produktive öffentlich-private Partnerschaften zu bilden.

Ein Bodenprofil wird für eine Gesundheitsdiagnose erstellt. Bodengesundheit gewinnt mit Blick auf niedrige Produktivität an Interesse. © 2014CIAT/GeorginaSmith CC BY-NC-SA 2.0

Welche Folgen hätten geringere Investitionen in F&E für die weltweite Nahrungsmittelproduktion?

Es gibt zahlreiche wirtschaftliche Belege dafür, dass sich Investitionen in F&E in hohem Maße lohnen. Es dauert jedoch oft Jahrzehnte, bis die Ausgaben Landwirten und Verbrauchern zugutekommen. Beispielsweise in Form von niedrigeren Produktionskosten, höherer Produktivität, geringeren Lebensmittelpreisen sowie besserer Lebensmittelsicherheit und -qualität. Wegen der stagnierenden und rückläufigen Investitionen in F&E im Agrar- und Ernährungssektor der letzten Jahrzehnte ist das Wachstum der landwirtschaftlichen Produktivität bereits gesunken. Geringere Investitionen in F&E werden höchstwahrscheinlich das Produktivitätspotenzial dieses Sektors in den kommenden Jahren weiter schwächen. Dies ist ein großes Problem für unsere Nahrungsmittelversorgung sowie für die natürlichen Ressourcen wie Boden und Wasser, die von Landwirten in großem Umfang genutzt werden.

Ein Blick auf die Ernteerträge verdeutlicht das Ausmaß der rückläufigen Produktivität. Während es in den 1960er Jahren nur 12 Jahre dauerte, den weltweiten Durchschnittsertrag von Weizen um 50 Prozent zu steigern, benötigen wir heute dafür etwa 30 Jahre. Ähnlich ist die Situation beim Reis: Zwischen den 1960er Jahren und dem Jahr 2022 hat sich die Zeit, die erforderlich ist, um die weltweiten Reiserträge um 50 Prozent zu steigern, von 20 auf 40 Jahre verdoppelt. Bei Mais ist sie im gleichen Zeitraum von 16 auf 27 Jahre gestiegen.  Hinzu kommen der sich verschärfende Klimawandel, die knapper werdenden natürlichen Ressourcen und die zunehmenden Bedrohungen durch Pflanzenschädlinge und -krankheiten. Es wird immer schwieriger, das Wachstum der Erträge aufrechtzuerhalten.

Es wird lange dauern, den durch den jüngsten Rückgang der F&E-Finanzierung entstandenen Schaden zu beheben. Bereits jetzt steigen die Lebensmittelpreise, weil sich das Tempo der Investitionen und damit die Zahl der Innovationen für den Agrar- und Lebensmittelsektor verlangsamt. Betroffen sind die Wasserwirtschaft, die Bodengesundheit, die Schädlingsbekämpfung, die Entwicklung neuer Pflanzensorten und Tierrassen sowie die Lagerung, Verarbeitung und der Transport von Lebensmitteln. Die Lage ist ernst und dringend. Ich glaube nicht, dass dies den meisten Politikern oder der breiten Öffentlichkeit bewusst ist.

Forscher arbeiten an verbesserten Erträgen von Kletterbohnen in Ruanda. © 2015CIAT/GeorginaSmith CC BY-NC-SA 2.0

Wie steht es um F&E-Ausgaben zugunsten der Kleinbauern in armen Ländern?

Die nationalen Forschungsbehörden vieler armer Länder verfügen oft nur über geringe oder gar keine Gelder; die öffentlichen Haushalte sind dort sehr knapp kalkuliert. Einige Staaten haben Einstellungsstopps für Wissenschaftler erlassen. Den meisten fehlen die Mittel, um Forschende angemessen zu bezahlen oder ihnen Zugang zu Forschungsgeldern zu verschaffen. Öffentliche Mittel für F&E in den Bereichen Landwirtschaft und Ernährung können zwar beachtliche Erträge liefern, wirken aber erst langfristig. Bei der Mittelvergabe haben es diese Sektoren daher schwer, mit den Bereichen Infrastruktur, Bildung und Gesundheit zu konkurrieren, die unmittelbaren Bedürfnissen dienen.

Viele der F&E-Systeme in armen Ländern waren in den vergangenen Jahrzehnten auf erhebliche finanzielle und technische Hilfe aus reichen Staaten angewiesen. Doch dieselben politischen Kräfte, die die öffentlichen Ausgaben für F&E im Agrar- und Ernährungsbereich in armen Ländern untergraben, scheinen auch die Unterstützung der reichen Länder für die landwirtschaftliche Entwicklung (einschließlich F&E) in armen Staaten zu schwächen. Dies ist ein doppelter Schlag für die öffentliche F&E in Landwirtschaft und Ernährung in den ärmeren Teilen der Welt.

Was folgt aus Finanzierungsmüdigkeit und Kürzungen für die Agrarforschungsinstitutionen der Vereinten Nationen?

Die Investitionen für die CGIAR, eine globale Forschungspartnerschaft internationaler Agrarforschungszentren, sind zwischen 2014 und 2024 um dramatische 27 Prozent gesunken. In dieser Zahl sind die erheblichen finanziellen Kürzungen infolge der Auflösung der amerikanischen Behörde für Entwicklungshilfe, USAID, im Jahr 2025 noch nicht einmal berücksichtigt. USAID war einer der größten Geldgeber des CGIAR-Systems. Angesichts dieser massiven Einbußen muss das CGIAR-System sein Geschäftsmodell radikal anpassen, um auch zukünftig effektiv zu sein.

Wie können wir die negativen Trends in F&E bei Landwirtschaft und Ernährung umkehren?

Es ist unbestreitbar wirtschaftlich von Vorteil, wissenschaftliche Forschung in Ernährung und Landwirtschaft zu finanzieren. Hunderte von Studien und Tausende von Schätzungen zur Kapitalrendite zeigen, dass ein investierter Dollar im Durchschnitt einen sozialen Gesamtnutzen von zehn Dollar schafft – durch verbesserte Produktivität und höhere Gewinne für Landwirte sowie niedrigere Preise für Verbraucher. Dank neuer genetischer, KI- und digitaler Technologien sowie weiterer Entwicklungen zeichnet sich eine Fülle innovativer Möglichkeiten ab, die auf den bisherigen Errungenschaften der F&E aufbauen können. Ohne höhere Investitionen in F&E werden wir diese Chancen aber nicht nutzen können. Sonst droht ein riskanteres und anfälligeres globales Ernährungssystem für Verbraucher und Produzenten, insbesondere in ärmeren Entwicklungsregionen, wo die Menschen ihre Lebensgrundlagen oft enger mit der Landwirtschaft verbinden.

Um das globale Ernährungssystem sicherer und nachhaltiger zu machen, sollten wir Investitionen in die (öffentliche) F&E im Agrar- und Ernährungssektor erhalten und neue Impulse geben. Wir sollten gleichzeitig Innovationspartnerschaften zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor neu konzipieren und ausrichten.

Das Gespräch führte Erwin Northoff

Literatur:
Philip G. Pardey, Connie Chan-Kang, Gert-Jan Stads, Yuan Chai, Julian M. Alston, Jan Greyling, Hernan Muñoz: Food will be more affordable – if we double funds for agriculture research now, Nature 648, 271-274 (2025), www.nature.com/articles/d41586-025-03970-0

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