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  • Agrar- & Ernährungspolitik
  • 02/2020
  • Marion Aberle

Was tun gegen die Plage von Heuschrecken in Afrika?

Die Invasion trifft auf eine Region, in der bereits rund 25 Millionen Menschen Hunger leiden. Dabei lässt sich eine Krise früh erkennen.

Immer größer werdende Schwärme von Heuschrecken fallen in diesem Jahr über Sudan und Kenia her und vernichten ganze Ernten. Inzwischen haben sie auch Uganda und Tansania erreicht. © FAO / Isak Amin

„Da sprach der Herr zu Mose: Recke deine Hand über Ägypten, dass Heuschrecken über Ägypten kommen, und alles auffressen, was im Lande wächst.“ So berichtet die Bibel über die zehn Plagen, im Buch Exodus, Kapitel 10. Wer aber Heuschreckenplagen im Reich der biblischen Legenden wähnt, der wird dieser Tage eines Besseren belehrt. Zu Millionen fallen Heuschrecken in die Länder am Horn von Afrika und in Ostafrika ein.

Wer in einen Schwarm gerät, wie der Programmkoordinator der Welthungerhilfe für Somaliland, Thomas Hoerz, für den verdunkelt sich der Himmel, er verliert die Orientierung, es wird laut durch das Zirpen und Schlagen der Flügel. Wenn man im Auto sitzt, dann verschmieren die zerplatzenden Heuschrecken die Windschutzscheibe. Irgendwann kann man weiterfahren.

Die Menschen aber, die dort leben müssen, sind verzweifelt. Sie versuchen, mit Tüchern und Besen die Heuschrecken zu vertreiben, aber das ist immer nur für ein paar Sekunden. Sie müssen hilflos zusehen, wie die Insekten die Futterbäume und Weiden für die Tiere abfressen und die Ernte vernichten. Heuschrecken können an einem einzigen Morgen die Existenz eines Bauern vernichten.

 

Heuschreckenplage in Kenia: Ein Mädchen im Dorf Katitika versucht vergebens, die bescheidene Ernte der Familie zu retten. © FAO / Sven Torfinn

Heuschrecken sind eigentlich Einzelwesen. Sind die Bedingungen gut, vermehren sie sich stark, rotten sich zu Schwärmen zusammen, da sie so besser gegen Fressfeinde geschützt sind, und gehen auf Wanderschaft.

Die Invasion begann in Jemen und Oman im Winter 2018. Der Regen brachte die Wüste zum Grünen. Die Heuschrecken fraßen, vermehrten sich, bildeten Schwärme und zogen los. Ab Januar 2019 verbreiteten sich kleinere Gruppen auf der arabischen Halbinsel und bis nach Iran und Pakistan. Im Juni überquerten die Tiere das Rote Meer oder den Golf von Aden, für sie nur ein paar Stunden Flug, und verbreiteten sich am Horn von Afrika.

Sie überfielen den Norden von Somalia, Äthiopien, Eritrea und Djibouti, wo sie aufgrund der Regenfälle abermals gute Lebensbedingungen vorfanden. Grund dafür ist das „Indian Ocean Dipol“-Phänomen, vergleichbar mit dem bekannteren „Nino“: Kalte Winde aus dem Osten nehmen viel Feuchtigkeit auf und treffen auf warme Meeresoberflächen an Afrikas Ostküsten. Dies wirbelt das Klima durcheinander, Starkregen folgt auf Dürreperioden. Die Fluten im Oktober und November begünstigten die Vermehrung der Heuschrecken, die im feuchten Boden ideale Bedingungen vorfanden. Immer größere Schwärme fielen nun auch über Sudan und Kenia her. Inzwischen haben sie auch Uganda und Tansania erreicht. In acht Ländern sind rund 500.000 Hektar Land betroffen.

Prävention kann Krise früh erkennen

Die Heuschreckeninvasion trifft auf eine Region, in der bereits rund 25 Millionen Menschen Hunger leiden. In Äthiopien wurden allein in den Regionen Amhara und Tigray 2350 Quadratkilometer Bewuchs zerstört. Ein einzelner Schwarm im Nordosten Kenias zog sich über sechzig Kilometer Länge und vierzig Kilometer Breite.

Die Menschen haben gerade eine lange Dürreperiode hinter sich. „In den vergangenen Jahren beobachten wir, wie verschiedene Krisen direkt aufeinander folgen oder sich überlappen“, sagt Kelvin Shingles, Landesdirektor der Welthungerhilfe in Kenia. „Die Bauern und Nomaden haben keine Atempause, um sich zu erholen, kaum Vorräte oder Vieh, um sich ihre Existenz wieder auf zu bauen.“

Notwendig sei daher, dass die Fähigkeiten zur Krisenprävention ausgebaut würden und Mittel früher bereitgestellt würden. „Notwendig sind Notfallpläne und die notwendigen Kenntnisse, zum Beispiel einen Heuschreckenbefall frühzeitig zu erkennen und die Gelege zu vernichten“, so Shingles. „Die Geber, also Regierungen und UN-Organisationen, dürfen die Mittel nicht erst bereitstellen, wenn die Katastrophe bereits eingetreten ist.“ „Forecast-based Financing“ nennen das Entwicklungsexperten. Das sind Programme, die finanzielle Mittel für humanitäre Hilfe auf Basis von detaillierten Wettervorhersagen und Risikoanalysen bereitstellt, um Schäden zu minimieren und menschliches Leid zu verhindern.

„Die Bauern und Nomaden haben keine Atempause, um sich zu erholen."

Kelvin Shingles, Landesdirektor der Welthungerhilfe in Kenia

Die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO hat ihren mit 76 Millionen Dollar gestarteten Hilferuf Ende Februar auf 138 Millionen Dollar erhöht. Nur etwa 33 Millionen Dollar waren bis dahin zugesagt. Mit dem Geld soll die Ausbreitung der Heuschrecken eingedämmt und Familien unterstützt werden, deren Lebensgrundlagen bedroht sind. Umstritten ist, ob das großflächige Ausbringen von Pestiziden der richtige Weg ist. Viele sehen darin das einzige Mittel angesichts des Ausmaßes der Plage. Andere warnen davor, dass damit auch Nützlinge getötet und das ganze Ökosystem geschädigt werde.

In jedem Fall wird noch viel mehr Unterstützung gebraucht, um den Menschen wieder eine Perspektive zu ermöglichen, zum Beispiel Futter für das Vieh als Ersatz für zerstörtes Weideland und Saatgut für die kommende Ernte.

„Es zeigt sich wieder: Die Menschen, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, leiden am stärksten“, sagt Shingles. „Dürre, Starkregen, Heuschrecken – das sind Phänomene, die es schon seit Jahrhunderten gibt, aber sie kommen öfter und verstärkt.“

Und es ist kein Ende in Sicht – bis Juni könnten sich die Schwärme nach Prognosen um das Fünfhundertfache vermehren.

Porträt: Marion Aberle, Team Policy & External Relations.
Marion Aberle Team Policy & External Relations
Letzte Aktualisierung 18.02.2020

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