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  • Agrar- & Ernährungspolitik
  • 04/2026
  • Dr. Simegn K. Alamirew
Schwerpunkt

Kulturelle Tabus und Frauenernährung in Äthiopien

Erkenntnisse aus der Amhara-Region von der Schnittstelle zwischen Überlieferung und modernem Gesundheitsverhalten.

Ein Ehepaar im Hochland von Amhara. In vielen Haushalten Äthiopiens folgt die Essensverteilung bei Mahlzeiten einer hierarchischen Ordnung. © Wiards/Welthungerhilfe

Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.

In Äthiopien lautet ein bekanntes Sprichwort: „Eine vorübergehende Katastrophe ist besser als eine Frau, die zu viel isst“ (ከሴት ሆዳም የአንድ አመት በረዶ ይሻላል). Das mag humorvoll klingen, doch solche Redewendungen offenbaren tiefere kulturelle Einstellungen gegenüber Frauen und Nahrung. Sprichwörter und Redewendungen verfestigen Geschlechterstereotype, die die Verteilung und den Verzehr von Nahrungsmitteln in Haushalten beeinflussen.

Nahrung ist in Äthiopien mehr als nur die Versorgung mit Nährstoffen. Sie ist eng mit Kultur, Glaubensvorstellungen und Identität verbunden. In den vielfältigen Gemeinschaften des Landes prägen traditionelle Praktiken und Ernährungstabus die täglichen Essgewohnheiten, insbesondere für Frauen im gebärfähigen Alter. Bestimmte Lebensmittel werden aufgrund kultureller oder religiöser Überzeugungen unter Umständen gemieden. Diese Praktiken können die Vielfalt der von Frauen konsumierten Lebensmittel einschränken und den Zugang zu wichtigen Nährstoffen verringern. Auf der Grundlage meiner Doktorarbeit in der äthiopischen Region Amhara untersucht dieser Artikel, wie kulturelle Traditionen und soziale Normen das Ernährungsverhalten von Frauen sowie die Ernährungsvielfalt bei Frauen im gebärfähigen Alter beeinflussen.

Warum die Ernährung von Frauen wichtig ist

Die Ernährung von Frauen ist sowohl für die individuelle Gesundheit als auch für die allgemeine öffentliche Gesundheit von entscheidender Bedeutung. Frauen im gebärfähigen Alter (15–49 Jahre, Women of Reproductive Age/WRA) haben aufgrund einer Schwangerschaft und Stillzeit erhöhten Nährstoffbedarf. Eine unzureichende Versorgung während dieser Zeiträume kann zu mütterlicher Anämie, niedrigem Geburtsgewicht, Frühgeburten sowie zu einer beeinträchtigten körperlichen und kognitiven Entwicklung bei Kindern führen. Diese Auswirkungen können einen generationsübergreifenden Kreislauf der Mangelernährung fortführen. Daher ist die Verbesserung der Ernährung von Frauen entscheidend, um diesen Kreislauf zu durchbrechen und die langfristige Gesundheit zu fördern.

Äthiopien hat mit einer erheblichen Last an Unterernährung bei WRA zu kämpfen. Laut der äthiopischen Mini-Demografie- und Gesundheitserhebung (2019) sind von ihnen etwa 17,6 Prozent unterernährt, und etwa 22,6 Prozent sind untergewichtig, wobei Frauen in ländlichen Gebieten stärker betroffen sind als in städtischen (Dagnew & Asresie, 2020). Anämie betrifft landesweit rund 23 Prozent dieser Frauen, insbesondere in ländlichen Gebieten (Dagnew & Asresie, 2020; Global Nutrition Report, 2022). In der Region Amhara zeigen Umfragen von 2023, dass 24 Prozent der WRA untergewichtig und 22 Prozent anämisch sind (EPHI, 2023). Obwohl Übergewicht und Adipositas seltener sind als Unterernährung, ist ein Anstieg insbesondere in städtischen Gebieten zu beobachten; so ergab z.B. eine Studie von 2021 in Dire Dawa, dass 63,1 Prozent der Frauen übergewichtig waren (Tegegne & Belete, 2022). Diese Kombination aus Unterernährung, Mikronährstoffmangel und sich abzeichnender Überernährung verdeutlicht die komplexen ernährungsbezogenen Herausforderungen äthiopischer Frauen.

Wachstumskontrolle in Afar. Nehmen werdende Mütter zu wenig Nährstoffe zu sich, kann das zu Frühgeburten, niedrigem Geburtsgewicht, oder beeinträchtigter Entwicklung von Kindern führen. © Tadesse / Welthungerhilfe

Die Faktoren, die das Ernährungsverhalten von Frauen in der reproduktiven Phase beeinflussen, sind vielschichtig und wirken auf verschiedenen Ebenen. Auf zwischenmenschlicher Ebene sind dies etwa die Dynamik innerhalb des Haushalts – einschließlich der Zuteilung und Aufteilung von Lebensmitteln –, sowie die mangelnde Entscheidungsbefugnis und die hohe Arbeitsbelastung der Frauen. Auf Gemeinschaftsebene spielen die physische Umgebung und kulturelle Überzeugungen eine Rolle. Zur physischen Umgebung gehören die Zugänglichkeit und Verfügbarkeit von Ressourcen, die sich auf die Ernährungsvielfalt von WRA auswirken können, wie etwa der Zugang zu sauberem Wasser und zu Energie für die Zubereitung von Mahlzeiten. Kulturelle Überzeugungen führen ebenso wie sozial konstruierte amharische Sprichwörter und Redensarten zu kulturell verwurzelten Einschränkung beim Essen. Und auf institutioneller Ebene beeinflussen soziale Netzwerke sowie Religion und religiöse Praktiken, einschließlich Fasten, sehr stark das Verhalten, die Werte, Überzeugungen und Praktiken jedes Einzelnen.

Bestimmte Lebensphasen wie Schwangerschaft, Geburt und die Wochenbettzeit werden besonders von traditionellen Überzeugungen und Ernährungsregeln begleitet, die beeinflussen, was, wann und wie Frauen essen. Dies kann sich negativ auf die Gesundheit der Frauen auswirken, da ihr Energie- und Nährstoffbedarf während der Schwangerschaft und Stillzeit erhöht ist. Die genannten Faktoren beeinträchtigen die Nahrungsaufnahme von Frauen und verschärfen ihr Risiko für Mangelernährung zusätzlich. Um Maßnahmen für eine verbesserte Ernährung von WRA zu entwickeln, ist das Verständnis dieser sozialen und kulturellen Einflüsse unerlässlich.

1. Wenn kulturelle Praktiken und Tabus den Teller prägen

Ernährungstabus

Äthiopien zeichnet sich durch eine bemerkenswerte kulturelle und religiöse Vielfalt aus, und diese Traditionen prägen die alltäglichen Ernährungsgewohnheiten stark. Das Land beherbergt über 80 ethnische Gruppen und ebenso viele Sprachen, und seine Bevölkerung folgt vielfältigen religiösen Traditionen: Etwa 44 Prozent bekennen sich zum äthiopisch-orthodoxen Christentum, 34 Prozent zum Islam und 19 Prozent zum Protestantismus (Central Statistical Agency & ICF, 2016). Diese unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten tragen zu ebensovielen Ernährungsnormen, Fastengewohnheiten und kulturell definierten Nahrungsbeschränkungen innerhalb der Gemeinschaften bei.

Frau mit Kleinkind in Amhara. Lebensphasen vor und nach der Geburt werden besonders von traditionellen Ernährungsregeln begleitet. © ILRI CC BY-NC-ND 2.0

Im ganzen Land halten sich viele Gemeinschaften an Einschränkungen, die gemeinhin als Ernährungstabus bekannt sind. Es werden bestimmte Lebensmittel aufgrund kultureller Traditionen, religiöser Überzeugungen oder sozialer Normen gemieden, unabhängig von ihrem Nährwert. Solche Praktiken prägen das Ernährungsverhalten enorm, insbesondere für WRA, da es sowohl um die Lebensmittelauswahl als auch um die Verteilung der Lebensmittel in den Haushalten geht. Meine Studie zeigte, dass Frauen in der reproduktiven Phase besonders betroffen sind, da sie oft nur begrenzt über die Auswahl und Zuteilung von Lebensmitteln mitbestimmen können. Zugleich wird anderen Haushaltsmitgliedern Vorrang eingeräumt, während von ihnen erwartet wird, sich strenger an kulturelle Normen zu halten. Schwangerschaft und Stillzeit gehen häufig mit noch schärferen Ernährungstabus einher, die die Zufuhr nährstoffreicher Lebensmittel wie tierische Produkte begrenzt. In der Folge dieser geschlechts- und lebensphasenspezifischen Erwartungen steigt die Anfälligkeit von Frauen für eine unzureichende Ernährungsvielfalt und Nährstoffmangel.

Laut meiner Studie ist allgemein Fleisch von Rindern, Schafen, Ziegen und Hühnern akzeptiert, während Schweine-, Esels- und Pferdefleisch sowie Fleisch von bestimmten Haustieren als tabu gelten; diese Verbote werden in allen Regionen und sozialen Gruppen konsequent eingehalten.

Über diese landesweiten Vorschriften hinaus variieren einige Ernährungstabus regional; so werden z.B. Kamelfleisch und -milch in den Hirtengemeinschaften im Osten und Nordosten Äthiopiens häufig verzehrt, in der Region Amhara hingegen weitgehend gemieden. Im Gebiet meiner Forschungsarbeit wird Ziegenfleisch mit bösen Geistern und Unglück in Verbindung gebracht, was Krankheiten verursachen kann, und es gilt daher als tabu. Auch die Milch von Ziegen und Lämmern unterliegt je nach Gemeinschaft kulturellen Tabus. Diese Ernährungsverbote betreffen die gesamten Gemeinschaften, doch insbesondere schwangere Frauen stehen unter erhöhtem sozialen Druck, sie einzuhalten: ein Spiegel der kulturellen Erwartungen an ihre Rolle, die Haus- und Gemeinschaftsbräuche zu wahren.

So meiden schwangere Frauen in der Region Amhara häufig Fleisch, Eier, Joghurt, Bananen, Leinsamen und Hühnerfleisch, da der Glaube vorherrscht, dass diese Lebensmittel Schwangerschaftskomplikationen verursachen können, oder das Wachstum des Fötus übermäßig stimulieren und dadurch die Geburt erschweren. Solche Verhaltensweisen sind zwar tief in der Tradition verwurzelt, können jedoch unbeabsichtigt die Ernährungsvielfalt einschränken und den Zugang zu essenziellen Nährstoffen verringern.

In der Region Amhara in Äthiopien wird Ziegenfleisch mit bösen Geistern in Verbindung gebracht. © ILRI\Zerihun Sewunet CC BY-NC-ND 2.0

Daher ist das Verständnis der Wechselwirkungen zwischen kulturellen Normen, Geschlechterrollen und regionalen Praktiken für die Verbesserung der Mutter-Kind-Ernährung in Äthiopien von entscheidender Bedeutung. Es unterstreicht die Notwendigkeit kulturell sensibler Maßnahmen, die lokale Überzeugungen respektieren und gleichzeitig den Zugang zu nährstoffreichen Lebensmitteln fördern.

Sprichwörter und Redewendungen

Neben Ernährungstabus beeinflussen auch Sprichwörter und Redewendungen die Ernährungsgewohnheiten von Frauen. Sie spielen in Äthiopien eine bedeutende Rolle bei der Prägung sozialer Normen. Amharische Sprichwörter spiegeln oft traditionelle Vorstellungen von Ernährung, Gesundheit und den Aufgaben der Frauen im Haushalt wider. Sprichwörter dienen nicht nur als moralische Richtschnur, sondern auch als informelle Ernährungsberatung und geben kulturelles Wissen über Generationen weiter. Diese Redewendungen gehören zum Alltag, beeinflussen Essgewohnheiten, festigen gesellschaftliche Erwartungen und formen die Wahrnehmung, was für Frauen als angemessene und gesunde Ernährung gilt. Insgesamt veranschaulichen sie eine faszinierende Schnittstelle zwischen kultureller Tradition und Gesundheitsverhalten, an der mündlich weitergereichte Weisheiten bis heute Einfluss auf Ernährungsgewohnheiten nehmen.

Obwohl nur wenige Sprichwörter direkt auf den Ernährungsstil von Frauen eingehen, betonen viele Verantwortung, Fürsorge und Opferbereitschaft, was sich indirekt auswirkt. Solche kulturellen Erwartungen entscheiden oft darüber, wie Mahlzeiten innerhalb der Familie verteilt werden, sodass Frauen mitunter ihre eigenen Bedürfnissen zugunsten anderer zurückstellen. Somit fungieren Sprichwörter als eine Art soziale Leitlinie, die Normen festigt, ohne konkret auf Ernährung abzuheben.

Zum Beispiel:

Ich stellte fest, dass Sprichwörter und Redewendungen Frauen indirekt davon abhielten, sich ausreichend und nahrhaft zu ernähren. Oder Frauen werden mit Ausdrücken kritisiert, die sie als gefräßig darstellen, wie „እንኳን የሸመተ የአረሰም አይችልሽ“: „Niemand kann sich deinen Nahrungsverbrauch leisten, da du eine unersättliche Esserin bist“. Das suggeriert, dass selbst hart arbeitende Frauen ihren Appetit zu zügeln haben – kein guter Ratgeber für ausreichende Ernährungsvielfalt von WRA.

Auch das Sprichwort von der vorübergehenden Katastrophe, die besser sei als eine unersättliche Frau fördert ähnlich die Erwartung, dass Frauen maßvoll essen und nicht gierig erscheinen sollten. Solche Ausdrücke vermitteln Frauen, dass Zurückhaltung beim Essen mit gesellschaftlicher Akzeptanz einhergeht – auch das ernährungstechnisch bedenklich.

Weiterhin habe ich festgestellt, dass einige amharische Sprichwörter und Redewendungen wenig geschlechtergerecht Männern beim Essen Vorrang einräumen – zum Nachteil der Ernährung von WRA. So impliziert das Sprichwort ቅልጥም እና ፈረሰኛ ለአባወራ (k’lt’m ena feresegna leabawora) „Ein Mädchen/eine Frau sollte keine guten Fleischstücke essen“, dass diese dem Ehemann vorbehalten sein sollten. Die 82,9 Prozent der WRA, die dies laut Befragung akzeptierten und sich entsprechend verhielten, ernährten sich auch einseitig.

Trotz des humorvollen Anscheins vermitteln solche Sprichwörter Erwartungen an Bescheidenheit und Zurückhaltung, die Frauen davon abhalten, sich abwechslungsreich und ausreichend zu ernähren. Es wird zum Faktor, wie Lebensmittel im Haushalt verteilt werden und Frauen ihre Bedürfnisse vernachlässigen. Die Studie zeigte somit, dass kulturelle Überzeugungen und Praktiken ihren Zugang zu nahrhaften Lebensmitteln einschränkten und die Vielfalt ihrer Ernährung verminderten, was negative Folgen für ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden hatte.

Einige Wissenschaftler beschreiben dieses Muster als eine Form von „Ernährungsgewalt“ als Ausdruck kultureller Gewohnheiten, die schleichend Ungleichheit hervorbringen können. Solange solche tief verwurzelten Vorstellungen nicht offen hinterfragt und schrittweise verändert werden, werden Bemühungen um verbesserte Ernährung und mehr Selbstbestimmung von Frauen womöglich an Wirkung einbüßen. Die Auseinandersetzung damit ist daher wesentlich für gesündere und gerechtere Ernährungsgewohnheiten.

2. Wer isst zuerst? Haushaltsdynamik und Geschlechterungleichheit

In der äthiopischen Gesellschaft mit überwiegend patriarchalischen Strukturen sind die Rollen von Frauen meist auf häusliche Aufgaben wie Kochen, Kinderbetreuung und Hilfsdienste in der Landwirtschaft beschränkt. In vielen Haushalten folgt die Verteilung der Essensrationen einer hierarchischen Ordnung, die sich aus diesen soziokulturellen Rollenbildern ergibt, wobei Männer und Ältere in der Regel Vorrang haben. Daher essen Frauen häufig als Letzte und bekommen oft kleinere Portionen oder Reste, vor allem wenn das Essen knapp ist.

Solche Dynamiken haben wichtige Auswirkungen. Ich stellte fest, dass mehr als die Hälfte der WRA anderen Familienmitgliedern zuerst Essen reichte, bevor sie selbst etwas zu sich nahmen. Bei diesen war die Ernährungsvielfalt besonders häufig unzureichend. Die ungleiche Verteilung scheint den Zugang zu nährstoffreichen Lebensmitteln einzuschränken und erhöht letztendlich ihr Risiko für Mangelernährung.

Eine Familie im Distrikt Doyogena. Frauen haben wenig Mitspracherecht, ob tierische und nährstoffreiche Lebensmittel eingekauft werden. © ILRI/Georgina Smith CC BY-NC-ND 2.0

In der Regel sind es auch Äthiopiens Männer, die über das Haushaltseinkommen und die Kaufentscheidungen bestimmen – was auch darüber bestimmt, ob tierische und andere nährstoffreiche Lebensmittel auf den Teller kommen. Obwohl Frauen in erster Linie die Zubereitung der Mahlzeiten übernehmen, ist ihr Einfluss auf den Einkauf und die Versorgung der Familie mit nahrhaften Lebensmitteln oft begrenzt. In der Region Amhara wiesen Frauen, die nicht an Haushaltsentscheidungen beteiligt waren, eine mangelhafte Ernährungsvielfalt auf. Dies unterstreicht, wie wichtig die Stärkung der Rolle der Frau ist, um den Zugang zu Haushaltsressourcen zu verbessern.

Diese Muster können erhebliche ernährungsbezogene Folgen haben, besonders für WRA. Um die Ernährung von Frauen zu verbessern, müssen wir über den Tellerrand blicken. Es braucht kulturell sensible Bemühungen, Frauen in ihren Haushalten und Gemeinschaften zu stärken. Wenn Frauen mehr Mitspracherecht über Ernährung und Ressourcen haben, kommt das nicht nur ihnen selbst, sondern auch ihren Familien und künftigen Generationen zugute. Gerechtere Ernährungspraktiken zu schaffen, ist auch ein Schritt hin zu gesünderen und gerechteren Gemeinschaften.

3. Glaube auf dem Menü: Wie Fasten die Ernährung von Frauen prägt

Religiöse Bräuche sind in Äthiopien ein starker Faktor beim Essverhalten. Fasten ist tief in den großen Glaubensrichtungen verwurzelt. Die Bevölkerung ist religiös vielfältig, wobei die größten Gruppen zur äthiopisch-orthodoxen Tewahedo-Kirche und zum Islam gehören. Unter Anhängern der Tewahedo-Kirche ist das Fasten besonders häufig und streng geregelt. Gläubige fasten unter Umständen über 250 Tage im Jahr, wobei in der Regel auf alle tierischen Lebensmittel (Fleisch, Milchprodukte, Eier und Fisch) verzichtet wird und Mahlzeiten oft erst am Mittag oder später eingenommen werden. Am wichtigsten sind die Fastenzeit "Hudade", das Apostelfasten sowie wöchentliche Enthaltsamkeit mittwochs und freitags.

Im Islam verzichten Erwachsene von Sonnenaufgang bis -untergang im heiligen Monat Ramadan auf jegliche Nahrung und Getränke. Zwar gibt es in allen Religionen Ausnahmen für schwangere und stillende Frauen sowie für Kranke, doch entscheiden sich viele Frauen aufgrund von Frömmigkeit und gesellschaftlichen Erwartungen dennoch dafür, ganz oder teilweise teilzunehmen. Im untersuchten Gebiet waren die WRA zu 94 Prozent orthodoxe Christinnen, von denen fast 77 Prozent religiös fasteten.

Das Hühnergericht "doro wot". Gläubige fasten in Äthiopien unter Umständen über 250 Tage im Jahr, wobei meist auf tierische Lebensmittel verzichtet wird. © ILRI/Apollo Habtamu CC BY-NC-ND 2.0

Fasten kann für WRA erhebliche ernährungsphysiologische Auswirkungen haben, insbesondere wenn es häufig oder über einen längeren Zeitraum erfolgt. In Kontexten, in denen die Ernährung ohnehin schon eingeschränkt ist, kann der Verzicht auf tierische Lebensmittel die Aufnahme essenzieller Nährstoffe und hochwertiger Proteine verringern. Dies kann das Risiko für Anämie, Unterernährung und Mikronährstoffmangel erhöhen. Bei schwangeren und stillenden Frauen können die Auswirkungen noch ausgeprägter sein. Im Untersuchungsgebiet trug das Fasten bei 73,5 Prozent der WRA zu einer unzureichenden Ernährungsvielfalt bei. Trotz Ausnahmeregelungen kommt sozialer und kultureller Druck zum Zug, und Frauen fasten ungeachtet ihres erhöhtem Nährstoffbedarfs.

Um diesen Auswirkungen zugunsten einer ausgewogenen Nahrungsaufnahme entgegenzuwirken, liegt ein wichtiger Ansatz in der Schulung von Frauen, geeignete pflanzliche Alternativen zu tierischen Lebensmitteln während der Fastenzeiten zu finden. Darüber hinaus sollte ein breites Bewusstsein für die Bedeutung einer nährstoffreichen Ernährung für die Gesundheit von Frauen im reproduktiven Alter sowie für ihre Kinder sowohl während als auch außerhalb der Fastenzeiten geschaffen werden. Die Familie ist von grundlegender Bedeutung für strukturelle oder ideologische Veränderungen in der Gemeinschaft wie auch in der Gesellschaft insgesamt. Daher sollten Regierungen und das öffentliche Gesundheitswesen mit gezielten Strategien die Ernährungsqualität während der Fastenzeiten verbessern, indem sie neben Frauen auch Familienangehörige, Nachbarn, angesehene Älteste und religiöse Führer einbeziehen.

4. Jenseits von heute: Wie Frauenernährung Generationen prägt

Die Ernährung von Frauen zu verbessern ist nicht nur eine Frage der Gesundheit, sondern auch entscheidend für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung Äthiopiens. Frauen im gebärfähigen Alter benötigen eine ausreichende und abwechslungsreiche Ernährung, um gesund zu bleiben, auch während Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit. Sind Frauen gut ernährt, bringen sie mit höherer Wahrscheinlichkeit gesunde Babys zur Welt, die besser wachsen, lernen und gedeihen. Die Auswirkungen der Ernährung von Frauen reichen über eine Generation hinaus. Schlechte Ernährung der Mutter erhöht bei Kindern das Risiko für niedriges Geburtsgewicht, Wachstumsverzögerungen und kognitive Entwicklungsstörungen. Diese frühen Benachteiligungen können ein Leben lang bestehen und sich auf Bildungserfolge, Produktivität und das allgemeine Befinden auswirken. So kann Unterernährung einen Kreislauf in Gang setzen, der von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Einer der effektivsten Wege, diesen zu durchbrechen und gesündere Familien und Gemeinschaften zu fördern, ist verbesserte Frauenernährung.

Äthiopien hat dies zu einer nationalen Priorität erklärt. Maßnahmen wie das Nationale Ernährungsprogramm (NNP) und die Seqota-Erklärung zielen darauf ab, Unterernährung zu verringern, die Gesundheit von Müttern und Kindern zu verbessern und die Ernährungssysteme im ganzen Land zu stärken. Diese Initiativen legen den Schwerpunkt auf Ernährungsvielfalt, Ernährungsaufklärung und sektorübergreifende Zusammenarbeit zwischen den Bereichen Gesundheit, Landwirtschaft, Bildung und soziale Sicherheit.

Die Bekämpfung von Unterernährung erfordert jedoch mehr als nur politische Konzepte und Programme. Kulturelle Normen, Haushaltsdynamiken und Geschlechterrollen wie oben beschrieben bestimmen weiterhin, was Frauen essen und wie Nahrung innerhalb der Familien verteilt wird. Bemühungen zur Verbesserung müssen daher die Gemeinschaften einbeziehen, die Gleichstellung der Geschlechter fördern und Verhaltensweisen angehen, die den Zugang von Frauen zu nahrhaften Lebensmitteln unbeabsichtigt einschränken.

Schlussfolgerung

Das Ernährungsverhalten von Frauen und ihre Ernährung in Äthiopien werden durch ein komplexes Zusammenspiel aus kulturellen Traditionen, religiösen Praktiken und Haushaltsdynamiken geprägt. Die Folgen einer unzureichenden Ernährungsvielfalt reichen weit über die individuelle Gesundheit hinaus. Gleichzeitig verdeutlicht die zunehmende Belastung durch Übergewicht und Adipositas die wachsende Komplexität der ernährungsbezogenen Herausforderungen in Äthiopien.

Die Bewältigung dieser Probleme erfordert einen ganzheitlichen und kultursensiblen Ansatz. Während nationale Strategien und Ernährungsrichtlinien eine wichtige Grundlage bilden, hängen sinnvolle Fortschritte davon ab, dass Gemeinschaften einbezogen, schädliche kulturelle Normen hinterfragt und die Gleichstellung der Geschlechter beim Zugang zu Nahrungsmitteln und bei Entscheidungsprozessen gefördert werden. Die Stärkung von Frauen, die Verbesserung der Ernährungsvielfalt und die Ausrichtung von Maßnahmen auf kulturelle und religiöse Kontexte sind wesentliche Schritte hin zu einem nachhaltigen Wandel. Schließlich ist eine verbesserte Ernährung von Frauen nicht nur eine Frage der Gesundheit, sondern auch Wegbereiter für soziale und wirtschaftliche Entwicklung. Durch Investitionen in das Wohlergehen von Frauen kann Äthiopien den Kreislauf der Unterernährung durchbrechen, gesündere Generationen fördern und eine widerstandsfähigere und prosperierende Zukunft aufbauen.

Simegn Alamirew ist Soziologin und hat an der BOKU in Wien in Sozial- und Wirtschaftswissenschaften promoviert. Sie arbeitet als Dozentin an der Bahir-Dar-Universität und der Aksum-Universität in Äthiopien und engagiere sich aktiv für Gender-Gerechtigkeit.

Referenzen

  1. Alamirew, S. K., Lemke, S., Freyer, B., & Stadlmayr, B. (2024). Dietary behaviour of pregnant women in Ethiopia: The missing aspect of care. Nutrients, 16(19), 3227. https://doi.org/10.3390/nu16193227
  2. Alamirew, S. K., Lemke, S., Stadlmayr, B., & Freyer, B. (2023). Dietary behaviour and sociocultural determinants of dietary diversity among rural women of reproductive age: A case of Amhara Region, Ethiopia. Nutrients, 15(15), 3369. https://doi.org/10.3390/nu15153369
  3. Dagnew, G. W., & Asresie, M. B. (2020). Factors associated with chronic energy malnutrition among reproductive-age women in Ethiopia: Analysis of the 2016 EDHS data. PLOS ONE, 15(12), e0243148. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0243148
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  6. Global Nutrition Report. (2022). Country nutrition profile: Ethiopia. Retrieved from https://globalnutritionreport.org/resources/nutrition-profiles/africa/eastern-africa/ethiopia/
  7. Omer, I., Derese, T., & Sintayehu, Y. (2022). Overweight and its associated factors among women of reproductive age in Dire Dawa, Eastern Ethiopia, 2021: Community‑based cross‑sectional study. Journal of Obesity, 2022, 1–8. https://doi.org/10.1155/2022/7268573
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