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  • Agrar- & Ernährungspolitik
  • 10/2020
  • Prof. Dr. Hans-Heinrich Bass
Schwerpunkt

Ernährungssicherung: Kann der chinesische Weg ein Vorbild für Afrika sein?

Ein schematischer Vergleich zeigt große Unterschiede – aber auch Ansatzpunkte für einen Strategietransfer.

Arbeiterinnen einer Kooperative in der Provinz Shandong schälen Süßkartoffeln zur Verarbeitung. China verfügt über sieben Prozent der globalen Ackerfläche, muss damit aber ein Fünftel der Weltbevölkerung ernähren. © IC via Chinaplus

Dass China als Musterbeispiel für Ernährungssicherung in anderen Ländern in Erwägung gezogen werden kann, ist alles andere als selbstverständlich: Hungersnöte prägten die Geschichte des vormodernen China. Seit der Zeit, als Menschen in den Lössgebieten am Gelben Fluss sesshaft wurden, bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren immer wieder Überschwemmungen oder Dürren Ursache dafür, oft auch Kriege.

Zwar war die chinesische Agrartechnologie hoch entwickelt und damit die Arbeitsproduktivität hoch. Der ausgeklügelte Terrassenfeldbau und die Düngung mit menschlichen Fäkalien ermöglichten hohe Erträge auch in landwirtschaftlichen Ungunstlagen. Die kaiserliche Verwaltung unterhielt zudem Lager und Kanäle, um bei Bedarf Nahrungsmittel aus Orten des relativen Überflusses zu Orten des Mangels zu schaffen.

Dennoch geriet das vormoderne China, insbesondere im 19. Jahrhundert, als der Staat sich immer weniger um die Versorgung kümmerte, in eine „Malthusianische Falle“, in einen anscheinend unentrinnbaren Wettlauf zwischen Produktivitätsfortschritten und Bevölkerungswachstum. Dies führte zu immer kleineren Landflächen pro Einwohner. Blieb der Regen aus oder trat ein Fluss über die Ufer, kam es zur Katastrophe. In der Wahrnehmung noch des vorigen Jahrhunderts war China das „Land of Famine“.

Auch das moderne China war noch einmal Schauplatz einer der größten, diesmal politisch verursachten Hungersnöte der Weltgeschichte – mit Millionen Opfern. Der von Mao Zedong initiierteGroße Sprung nach vorn“ (1959/61) sollte das Land rasch industrialisieren. Die Landwirtschaft wurde ausgeplündert. Als Dürre und Überschwemmung hinzukamen, brach die Nahrungsmittelproduktion zusammen. 1961 stand jedem Einwohner nur ein Kalorienangebot von durchschnittlich 1439 kcal pro Tag zur Verfügung (FAOSTAT Daten). Wenige Jahre später – die Wirtschaft hatte sich gerade stabilisiert – wurden Millionen junger Menschen in der „Kulturrevolution“ von der Stadt aufs Land verbracht, von den fruchtbaren Ostprovinzen in die unwirtlichen Bergregionen und die Westprovinzen.

Politisch verursachte Hungerkrisen im 20. Jahrhundert

Die Landwirtschaft sollte von Dazhai lernen, einer mehrere Siedlungen umfassenden Volkskommune, die buchstäblich „Berge versetzte“ und auf dem Lande auch Industrieproduktion organisierte. Den Terrassenreisbau praktizierte man allerdings oft in Gegenden, die dafür kaum geeignet waren. Die sozialen Verwerfungen führten zu einem enormen Produktivitätsrückgang auch in der Landwirtschaft – wenn auch wohl nicht so stark wie beim Großen Sprung. 1978 stand jedem Einwohner ein Kalorienangebot von 2080 kcal pro Tag zur Verfügung (FAOSTAT Daten) – nur knapp über dem Level, das noch als hungervermeidend gilt.

Der vor 40 Jahren eingeleitete wirtschaftspolitische Kurswechsel führte zu einem sich selbst tragenden Wachstum der Nahrungsmittelmärkte. Mit der Auflösung der Volkskommunen zu Beginn der Reformen wurde das Land den Bauernfamilien zurückgegeben. Produktionsplanvorgaben für Grundnahrungsmittel wurden nach und nach gelockert. Die Bauern in den stadtnahen Gebieten konnten von nun an die Stadtbewohner auf freien Märkten mit Gemüse und Fleisch beliefern. Da gutes und abwechslungsreiches Essen eine Priorität der chinesischen Konsumenten ist, können die Bauern gut verkaufen, wenn die städtischen Einkommen steigen.

Im Durchschnitt führte in den vergangenen Jahren beispielsweise eine Erhöhung des Haushaltseinkommens um ein Prozent nach Aussage mancher Studien (in isolierter Betrachtung) zu einer bis zu 3,6 Prozent erhöhten Nachfrage nach Wassertieren. Bei Geflügelfleisch könnte die Nachfrage um bis zu 3,5 Prozent, bei Obst um  bis zu 1,8 Prozent steigen. Es gibt in China also eine hohe „Einkommenselastizität“ der Nachfrage nach veredelten Nahrungsmitteln, was für die Bauern wiederum Produktionsanreize setzt. Ein auf Grund der hohen Bevölkerungsdichte meist recht dichtes Straßennetz unterstützt die bäuerlichen Erzeuger bei der Vermarktung.

Drei Wege zur Ernährungssicherheit

China verfügt über sieben Prozent der globalen Ackerfläche, muss damit aber gegenwärtig 22 Prozent der Weltbevölkerung ernähren. Dieser Herausforderung wurde auf drei verschiedenen Wegen begegnet: Produktionssteigerung, Importe, Begrenzung des Bevölkerungswachstums.

Zwischen 1980 und 2016 konnten die Getreideerträge nach Daten der Weltbank (WDI) verdoppelt werden: von knapp 3000 Kilogramm auf mehr als 6000 Kilogramm pro Hektar. Bei Weizen, Reis und Mais versorgt sich China fast vollständig selbst.

Bei Sojabohnen, Milch oder Zucker greift China auf den Weltmarkt zurück – und folgt damit der alten Freihandelsidee von Adam Smith und David Ricardo, das zu importieren, was andernorts günstiger hergestellt werden kann. Zwischen 1995 und 2017 stieg der Sojabohnenimport von 0,3 Millionen Tonnen auf 95 Millionen Tonnen – das sind zwei Drittel des Weltmarktes!

Hohe landwirtschaftliche Produktivität. Auf einem Reisfeld in Ostchina wird die Ernte eingefahren. © Chinaplus

China konnte so mehr als ein Drittel seiner landwirtschaftlichen Nutzfläche für ertragreicheren Anbau freimachen. Auch Fleisch wird importiert. Mittlerweile geht deshalb mehr als ein Viertel der deutschen Schweinefleischexporte nach China. Darüber hinaus sind chinesische Unternehmen direkt in die Produktion von Nahrungsmitteln auf gekauften oder gepachteten Flächen im Ausland eingestiegen – eine Praxis, die wegen der problematischen Auswirkungen auf die Gastländer oft als „land grabbing“ (Landraub) bezeichnet wird.

Drittens verfolgt China seit 1978 – in Abkehr von der maoistischen Bevölkerungspolitik („ein Mund mehr, der essen will, sind zwei Arme mehr, die arbeiten können“) – eine äußerst rigide, heute allerdings moderater gewordene Politik der Begrenzung des Bevölkerungswachstums, insbesondere in den Städten. Hierzu diente die Durchsetzung der Ein-Kind-Familie, aber auch die rechtliche Abbremsung der Land-Stadt-Wanderung. Trotz des Flächenverbrauchs durch Urbanisierung und Verkehrserschließung sank die pro Einwohner verfügbare landwirtschaftliche Nutzfläche (LNF) nach WDI-Daten von 1980 bis 2016 nur von 0,10 Hektar auf 0,09 Hektar.

Trotz großer Erfolge keine vollständige Ernährungssicherheit

Pauschal betrachtet kann China derzeit mit einem Kalorienangebot von 3194 kcal pro Kopf und Tag als „ernährungssicher“ gelten (Datenstand 2017/FAOSTAT). Das ist allerdings, wie oft bei Durchschnittswerten, nur die halbe Wahrheit. Noch immer gibt es Gegenden, in denen nicht jeder Mensch zwei Mahlzeiten am Tag essen kann.

Über die genaue Zahl der hungernden Menschen in China gibt es unterschiedliche Angaben der für dieses Thema zuständigen internationalen Organisation, der FAO. So gibt es nach den jüngsten in der FAOSTAT Datenbank verfügbaren Zahlen für die Jahre 2009-2011 (Durchschnitt) einen Wert von 3,0 Prozent unterernährter Menschen, also 42 Millionen bei einer Bevölkerungszahl von 1,39 Milliarden Menschen (2010). Das ist immerhin nur ein Drittel der Menschen, die noch zehn Jahre früher als unterernährt gezählt wurden.

Nach Angaben des jüngsten FAO-Reports The State of Food Security and Nutrition in the World 2020 (SOFI, Tab. A1.1, Print S. 168) fällt China für die Jahre 2017-2019 (ebenso wie etwa Deutschland und andere Hocheinkommensländer) unter die Schwelle von 2,5 Prozent Bevölkerungsanteil unterernährter Menschen. Das wären bei einer geschätzten Bevölkerungszahl von jetzt 1,45 Milliarden Menschen (2018) zwar rechnerisch maximal 43,5 Millionen. Wegen des möglichen Schätzirrtums sind Schätzungen unterhalb der genannten Schwelle aber nicht sinnvoll. Daten aus Mikroerhebungen indes sind nicht bekannt, deshalb steht in Tabelle A1.2, Print S. 181 in der entsprechenden Spalte für China (ebenso wie für Deutschland) auch „n.r.“ also „data not reported“.

Aber etwa eines von zehn Kindern war noch 2012 in seinem Größenwachstum zurückgeblieben (jüngste verfügbare Daten nach SOFI 2020). In mehreren Provinzen (in „Hunger-Hotspots“ wie Gansu, Guangxi oder Guizhou) traf dies, so zeigt eine FAO-Analyse von 2010, Anfang des Jahrtausends auf über ein Drittel der Kinder zu – oft einhergehend mit Untergewicht. Neuere Analysen auf Basis von Mikrodaten des China Health and Nutrition Survey (CHNS) zeigen auch hier eine abnehmende Tendenz. Jüngste Daten des CHNS (von 2015) sind noch nicht vollständig ausgewertet.

Weit verbreitet ist weiterhin eine Unterversorgung mit Mikronährstoffen infolge einseitiger Ernährung (Mangelernährung). Insgesamt gelingt es China im Trend jedoch immer besser, Hunger und Unterernährung zu überwinden und die Ziele nachhaltiger Entwicklung auf diesem Gebiet zu erreichen. 

Vergangene Nöte prägen Gewohnheiten. In China legen heute immer noch viele Menschen vor dem Winter getrocknete Lebensmittelvorräte an, obwohl es kaum noch Engpässe gibt. © VCG via Chinaplus

Der Preis für die zunehmende Ernährungssicherheit in China ist eine stark umweltbelastende Landwirtschaft: Der Gebrauch von Düngemitteln und Pestiziden ist hoch und ineffizient. Pro Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche werden in China derzeit 503 Kilogramm chemische Düngemittel eingesetzt (WDI/2016), im Vergleich dazu sind es in Deutschland 197 Kilogramm. Der exzessive Verbrauch erklärt sich teils durch Ineffizienzen in der Anwendung: Während im Weltdurchschnitt etwa die Hälfte der zur Düngung eingesetzten Nährstoffe verloren geht, sind es in China zwei Drittel.

Wasser und Luft sind stark mit Schadstoffen belastet. Hinzu kommt: Der Ausstoß der Landwirtschaft an klimaschädlichem CO2 wuchs zwischen 1990 und 2016 um 25 Prozent, davon entfiel ein Viertel auf die Produktion von Kunstdünger, ein Fünftel auf den Nassfeldanbau von Reis. Auch Pestizide und Hormone finden in der chinesischen Landwirtschaft starke Verwendung – weshalb wohlhabendere Verbraucher zunehmend auf importierte Nahrungsmittel ausweichen. Insgesamt fehlt die Balance zwischen Quantität und Qualität, zwischen Ernährungssicherung und Gesundheits- und Umweltbelangen.

Ansiedlung von ländlicher Leichtindustrie

Seit 40 Jahren gibt es neben den staatlichen und privaten Unternehmen in der städtischen Industrie auch ländliche Industrieunternehmen. Die Wirtschaftsreform Deng Xiaopings beinhaltete eine allmählich Fahrt aufnehmende Öffnung der chinesischen Wirtschaft für ausländische Investoren sowie die Zulassung chinesischer Privatunternehmer in ausgewählten Branchen. Damit trat neben die bestehende staatseigene Schwerindustrie (insbesondere im Nordosten) mehr und mehr private Produktion im Leichtindustriesektor (besonders im Süden und Osten) sowie im Bausektor.

Es entstanden Arbeitsplätze und Einkommen in einem dank der hohen Dynamik des wirtschaftlichen Wachstums ausreichenden Maß, um die in der Landwirtschaft mit zunehmender Technisierung nicht mehr effizient einsetzbaren Arbeitskräfte zu absorbieren. Allerdings geschah dies oft zu frühkapitalistisch anmutenden Arbeitsbedingungen in Fabriken oder in prekären Verhältnissen als Wanderarbeiter auf dem Bau und in privaten Haushalten.

In der Kulturrevolution gegründete ländliche Industrieunternehmen wurden zunächst in genossenschaftsähnlicher Form weitergeführt (als „Township and Village Enterprises“, TVE). Sie produzierten für den Binnenmarkt Düngemittel, Bewässerungsanlagen, landwirtschaftliche Geräte und Kleinmaschinen – aber auch für den Weltmarkt Spielzeug, Knöpfe, Socken oder Weihnachtsschmuck. In den 1980er Jahren wurden einige dieser TVE privatisiert, andere wurden direkt als Privatunternehmen neu gegründet. Mitte der 1990er arbeiteten über 135 Millionen Menschen in über 12 Millionen privaten und öffentlichen TVE.

Die Ansiedlung von Industrie auf dem Land verzögerte die Land-Stadt-Migration. Auch junge, besser ausgebildete Arbeitskräfte fanden dort eine wirtschaftliche Existenz. Seit der Jahrtausendwende allerdings ist die Bedeutung der TVE stark zurückgegangen.

Mit und ohne Folie: Ein Bauer zeigt die unterschiedlichen Knollen aus einem Projekt der 1980er Jahre von chinesischer Regierung, UNDP und FAO zur Erosionskontrolle. © FAO / Florita Botts

Ansätze für Strategietransfer nach Afrika

Ein schematischer Vergleich zwischen China und Afrika zeigt große Unterschiede – aber dennoch einige Ansatzpunkte für einen Strategietransfer.

Gegenwärtig ist die Flächenproduktivität beim Getreideanbau in China laut WDI-Daten der Weltbank viermal größer als im Durchschnitt der afrikanischen Länder, der Düngemittelverbrauch 30-mal höher. Mit Ausnahme von Ruanda, wo das Landeigentum sehr zersplittert ist, betreibt kein afrikanisches Land eine explizite Politik zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums. Zwar gibt es auch indirekte Effekte durch bessere Gesundheitsversorgung und eine längere Beschulung von Mädchen. Doch diese waren bislang nicht hinreichend, um die Verringerung der pro Kopf zur Verfügung stehenden landwirtschaftlichen Nutzfläche (LNF) entscheidend aufzuhalten. Zwischen 1980 und 2016 sank die LNF im afrikanischen Durchschnitt von 0,35 Hektar auf 0,21 Hektar pro Einwohner. Allerdings ist oft nicht Land, sondern Wasser der entscheidende Engpass der afrikanischen Landwirtschaft.

Anders als in China wächst in vielen afrikanischen Ländern zudem der Industriesektor nicht schnell genug, um in den Städten hinreichend viele industrielle Arbeitsplätze für die auf dem Lande lebenden, aber in der Landwirtschaft nicht benötigten Arbeitskräfte zu schaffen. Eine ländliche Industrie wie in China fehlt. So bluten die Dörfer aus und die jungen Menschen ziehen voller Hoffnung in eine ungewisse Zukunft in die Städte oder nach Europa.

Studien über die Einkommenselastizität der Nachfrage nach Nahrungsmitteln zeigen in Afrika kein klares Bild. Offenbar aber gibt es bei steigenden Einkommen keinen so starken positiven Einfluss auf die bäuerlichen Absatzmöglichkeiten wie in China. Möglicherweise liegt dies daran, dass es vielen Ländern an regionalen Transportmöglichkeiten (Zubringerstraßen, Kühllastwagen usw.) fehlt und damit lokal veredelte Produkte kaum auf den Märkten in Erscheinung treten. Vielleicht bevorzugt die entstehende afrikanische „middle class“ verarbeitete Lebensmittel aus dem Ausland (wie eine UNIDO-Studie unter anderem für Mali zeigt). Wegen der fehlenden Nachfrage nach veredelten lokal erzeugten Produkten in den Städten gibt es wiederum keinen organischen Zusammenhang zwischen steigenden städtischen Einkommen und bäuerlichen Absatzmöglichkeiten.

In der Folge werden in Kenia erzeugte Bohnen oder in Tansania erzeugte Cashew ebenso exportiert wie die klassischen Ausfuhrgüter Kaffee und Kakao. Alle diese Produkte werden auf den Weltmärkten einkommensunelastisch nachgefragt, und ihre Ausfuhr gewährt keine dauerhafte Teilhabe am Weltwirtschaftswachstum. Der Export erfolgt über „offene Adern“ (ein Begriff von Eduardo Galeano), also über die im Exportinteresse (oft noch der ehemaligen Kolonialmächte) gebauten Überlandstraßen und Häfen – während zwischen den Dörfern und den lokalen Märkten die Verbindungen in der Regel nur unzureichend ausgebaut sind.

Teil des landwirtschaftlichen Kulturerbes. Der traditionelle Terrassenfeldanbau von Reis der Volksgruppe Hani gilt als ökologisch mustergültig. © FAO / Min Qingwen

Von traditioneller Anbautechnik lernen

Was könnte die afrikanische Landwirtschaftspolitik vor diesem Hintergrund dennoch von den chinesischen Erfolgen bei der Ernährungssicherung lernen? Eine verbesserte Technologie und geeignete landwirtschaftliche Betriebsmittel können die Produktivität steigern. Dabei wird es darauf ankommen, die in China gemachten Fehler der Umweltübernutzung zu vermeiden und eher von der „traditionellen“ arbeitsintensiven Anbautechnik zu lernen als von der „industriellen“ kapitalintensiven chinesischen (und westlichen) Landwirtschaft.

Möglicherweise ist eine „grüne Renaissance“ – im Sinne einer Modernisierung traditionell erprobter Verfahren – für Afrika der geeignetere Weg als eine „grüne Revolution“, also eine industrielle Landwirtschaft nach westlichem oder teilweise auch chinesischem Muster. Die Erträge moderner organischer Landwirtschaft können in den Tropen ähnlich hoch sein wie die in der konventionell modernisierten Landwirtschaft. Das zeigten Studien der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) in Uganda und Tansania.

Auch in Afrika selbst weiterentwickelte Techniken können mit geringen finanziellen Mitteln erhebliche Ertragssteigerungen ermöglichen, beispielsweise die Zaï-Technik in Niger, eine Art Mikrobewässerung, deren Entwickler Yacouba Sawadogo 2018 mit dem „alternativen Nobelpreis“ geehrt wurde, oder die in Somaliland entwickelte und inzwischen auch in Westafrika propagierte Berkad-Technologie zur Wasserspeicherung.

Werden zudem die Hilfsmittel (Gerätschaften, Bewässerungsanlagen) lokal produziert, dann werden ländliche nicht-landwirtschaftliche Arbeitsplätze entstehen. Das kann, ebenso wie nahrungsmittelverarbeitende Industrien, die Landflucht reduzieren.

Ob die eindeutigere personale Zuordnung von Eigentumsrechten, wie sie von manchen Politikberatern empfohlen wird, tatsächlich in Afrika den Schlüssel zu mehr bäuerlichen Investitionen birgt, sei dahingestellt. Zum einen gibt es in Afrika miteinander verschränkte Mischnutzungssysteme, etwa zwischen Ackerbauern und Viehhaltern, die durch eine solche Zuordnung in Gefahr gerieten, ohne dass eine gangbare Alternative angeboten würde. Zum anderen zeigt gerade China, dass es auch Eigentumsordnungen gibt, die – bislang jedenfalls – andere rechtliche Modelle benutzen als Europa seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts, und die dennoch für die Bauern hinreichend Investitionssicherheit bieten.

Mit internationalen Vergleichen konnte zudem gezeigt werden, dass die landwirtschaftliche Produktivität steigt, wenn der Staat angewandte Forschung fördert, oder wenn Verbindungsstraßen zu lokalen Märkten gebaut werden. Die Verbesserung der Gesundheitsversorgung auf dem Lande ist ebenfalls ein wichtiges Instrument, um die Landflucht zu verhindern und die Arbeitsproduktivität zu erhöhen.

Prof. Dr. Hans-Heinrich Bass Hochschule Bremen
Letzte Aktualisierung 24.10.2020

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