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  • Agrar- & Ernährungspolitik
  • 06/2026
  • Dr. Evelyne Njuguna, Dr. Thomas Daum
Schwerpunkt

Jenseits des Technologie-Hypes um smarte Sensoren

Was Kenias „Silicon Savannah“ uns über die notwendige Steuerung der digitalen Landwirtschaft lehrt.

Über Jahre haben Experten vom CIAT (International Center for Tropical Agriculture) Informationen über Bodengesundheit u.a. in Kenia gesammelt. Die Erfassung wird digitaler, und private Anbieter bieten sich als Partner an. © 2016 CIAT/GeorginaSmith CC BY-NC-SA 2.0 via Flickr

Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.

Kenias „Silicon Savannah“ wird oft als Vorbild für Afrikas digitale Zukunft gefeiert. Doch je schneller digitale Technologien sich in der Landwirtschaft verbreiten, desto stärker muss sich der Fokus von den Technologien allein auf institutionelle und politische Rahmenbedingungen verlagern, unter denen die digitale Landwirtschaft Kleinbauern effektiv unterstützen kann.

Weltweit investieren Regierungen, Entwicklungsorganisationen und der Privatsektor Milliarden in die digitale Landwirtschaft. Laut dem AgFunder Global Agrifoodtech Investment Report 2025 erreichten die Investitionen 2024 16 Mrd. Dollar. In Afrika bestehen große Hoffnungen, dass die Digitalisierung Kleinbauern helfen kann, Zugangsbarrieren zu Beratungsdiensten, Betriebsmitteln, Finanzdienstleistungen und aktuellen Marktinformationen zu überwinden. Doch während die Aufmerksamkeit meist auf die technologische Innovation selbst gerichtet ist, wird immer deutlicher, dass die umfassenderen sozialen und institutionellen Systeme im Umfeld der Technologie ebenso wichtig sind. Mit der zunehmenden Verbreitung digitaler Technologien in den Lebensmittelsystemen verlagert sich die Debatte von der Frage, ob die Landwirtschaft digitalisiert werden soll, hin zur Frage, wie die Digitalisierung effektiv, inklusiv und nachhaltig gestaltet werden kann.

Kenias „Silicon Savannah“ gilt oft als Vorbild für Afrikas digitale Zukunft, weil seine Mobilfunkinfrastruktur vergleichsweise fortschrittlich und sein Innovationsökosystem dynamisch sind. Unter anderem war Kenia Vorreiter bei der Nutzung des mobilen Zahlungsdienstes M-Pesa. Das Land hat sich zudem zu einem der führenden Zentren für digitale Landwirtschaft in Afrika entwickelt und eignet sich daher als besonders interessantes Fallbeispiel, um zu untersuchen, unter welchen institutionellen und Governance-Bedingungen digitale Landwirtschaft auch Kleinbauern effektiv nutzen kann. Dieser Artikel stützt sich zum einen auf eine umfassende Analyse des kenianischen Ökosystems für digitale Landwirtschaft und zum anderen auf eine Fallstudie zu einem wegweisenden digitalen Analysedienst für Böden von kenianischen Kaffeebauern. Er untersucht, wie nicht nur Technologien allein, sondern auch Governance-Regelwerke, vermittelnde Service-Systeme und Vertrauen die alltäglichen Auswirkungen der digitalen Landwirtschaft gestalten.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und die Internationale Fernmeldeunion (ITU) geben an, dass in Kenia über hundert Organisationen digitale Lösungen für die Landwirtschaft anbieten – von privaten Technologieunternehmen und Start-ups bis hin zu öffentlichen Institutionen und Entwicklungsorganisationen. Bekannte Beispiele sind DigiFarm, mit einem kombinierten Angebot von Beratungsleistungen mit Finanz-, Betriebsmittel- und Marktdienstleistungen, iCow, das Landwirte durch digitale Beratung und Funktionen zur Buchhaltung unterstützt, sowie Hello Tractor, eine Digitaleplattform für Landwirte zum Traktor-Sharing. Dieses Wachstum digitaler Werkzeuge hat Kenias Politik durch ein starkes Engagement gefördert, darunter Investitionen in die Infrastruktur der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT), die Einrichtung eines eigenen IKT-Ministeriums und entsprechende Rahmenbedingungen der Governance. Im Zusammenspiel mit großem Interesse von Gebern, Forschern und privaten Investoren haben diese Bedingungen Kenia zu einem wichtigen Testfeld für die digitale Landwirtschaft in Afrika gemacht.

Die digitale Landschaft der Landwirtschaft in dem Land ist sehr vielfältig, wie eine kürzlich durchgeführte Bestandsaufnahme ergab (siehe Abbildung) (Njuguna et al. 2025). Bislang unterstützen die meisten digitalen Werkzeuge Landwirte mit allgemeinen Diensten und Informationen wie Wettervorhersagen, Marktberichten oder Beratungsangeboten. Diese allgemeinen Werkzeuge bieten im Wesentlichen allen Nutzern dieselben Informationen und lassen sich daher einfach und kostengünstig skalieren.

In jüngster Zeit entstand eine neue Generation von Werkzeugen, die maßgeschneiderte, betriebsspezifische Dienste und Informationen bereitstellen. Dies ermöglicht die Kombination von Daten, die Landwirte eingeben oder Sensoren und Satelliten erfassen, mit KI-basierten Diagnosen. So hilft SmartCow, eine Plattform für Viehhaltung, Landwirten beim Monitoring von Tiergesundheit und Produktivität anhand von manuell eingegebenen Betriebsdaten. Der AgroCares Scanner, eine Technologie der Bodenanalyse, die mit Sensoren arbeitet, soll maßgeschneiderte Düngeempfehlungen auf Basis des tatsächlichen Bodenbedarfs generieren.

Diese Technologien werden zunehmend damit beworben, dass sie – besonders in Regionen mit überlastetn öffentlichen Beratungsdiensten – zur präziseren und effizienteren Begleitung von landwirtschaftlich Tätigen beitragen. Allerdings sind trotz der rasanten Ausbreitung digitaler Agrarinitiativen in Kenia und ganz Afrika fundierte Erkenntnisse über deren langfristige Wirksamkeit, Nachhaltigkeit und Implikationen für die Regierungsführung nach wie vor relativ begrenzt erschlossen.

Fruchtbarer Boden für Dienstleistungsmodelle

Viele der fortschrittlicheren digitalen Agrartechnologien sind für Kleinbauern weiter finanziell und technisch unzugänglich. Daher gewinnen vermittelnde Service-Modelle mit Genossenschaften, Beratungsdiensten und privaten Anbietern an Bedeutung, um Farmer mit digitalen Systemen vertraut zu machen. Eine aktuelle Studie zu einem digitalen Bodenanalysegerät in Kenia verdeutlicht diese Dynamik (Njuguna et al. 2026). Mit tragbaren, sensorbasierten Geräten analysiert die Technologie Bodenproben direkt auf den Feldern und generiert Düngeempfehlungen über ein softwaregetriebenes Beratungssystem. Beteiligt sind verschiedene Dienstleister, darunter Händler für Betriebsmittel, kleine und mittlere Unternehmen, NGOs, landwirtschaftliche Genossenschaften und Mitarbeiter der öffentlichen Beratungsdienste der Kreisverwaltungen. Sie organisieren die Entnahme und Analyse der Bodenproben und erfassen zugleich Felddaten wie GPS-Koordinaten. Die Dienstleister erhalten über jährliche Softwarelizenzen Zugriff auf das System und unterstützen die Landwirte bei der Einordnung der Empfehlungen und der Auswahl geeigneter Düngemittel.

Die Studie hebt hervor, dass digitale Agrarwerkzeuge einen sinnvollen Wissensaustausch und ein gesteigertes Bewusstsein schaffen können, wenn sie in unterstützende institutionelle Strukturen eingebettet sind. In der Fallstudie ermöglichten digitale Dienste einigen Landwirten erstmals den Zugriff auf formale Bodenanalysen; rund 20 Prozent der Befragten gaben an, ihre Böden noch nie untersucht zu haben. Die Technik schien zudem das Bewusstsein für Probleme der Bodengesundheit hinsichtlich des Säure- und Kalkgehalts zu schärfen. Besonders auffällig: Die Erkenntnisse waren am am stärksten, wenn digitale Werkzeuge durch vertrauenswürdige Vermittler wie Genossenschaften, Berater und Dienstleister ergänzt wurden, die bei der Auslegung der Empfehlungen und deren Einordnung in die landwirtschaftlichen Gegebenheiten der Standorte halfen. Anstatt bestehende Beratungssysteme zu ersetzen, legen die Ergebnisse nahe, dass digitale Werkzeuge für die Landwirtschaft am effektivsten sind, wenn sie in umfassende Netzwerke institutioneller Unterstützung und des Lernens von Landwirten integriert werden.

Hürden für kleinbäuerliche Betriebe – Landwirte mitnehmen

Die Studie zeigt jedoch auch eine Reihe von Herausforderungen für digitale Anwendungen in kleinbäuerlichen Betrieben. Eine der zentralen Hürden besteht darin, Modelle für die Finanzierung zu finden, die langfristig tragfähig sind. Zwar ebneten geberfinanzierte Partnerschaften mit Entwicklungsorganisationen, Finanzinstitutionen und staatlichen Programmen zunächst den Weg, die Technologie zugänglicher zu machen. Doch die langfristige Nutzung erwies sich als schwierig, nachdem die Entwickler kommerzielle Lizenzgebühren für die Software einführten, um ihre Kosten zu decken. Häufig wurden die ursprünglich geberfinanziert beschafften Geräte dann nur noch unzureichend oder gar nicht mehr genutzt: 43 Prozent wurden zurückgegeben oder blieben bei den Kleinbauern liegen.

Die Fallstudie verdeutlicht zudem die Bedeutung sozialer Faktoren, die – unabhängig von der Technologie selbst – deren Nutzung bestimmen. So hing die Qualität der Empfehlungen nicht nur von der Qualität des Feldgeräts ab, sondern auch davon, wie zwischengeschaltete Dienstleister Daten erfassten und eingaben. Es gab Unstimmigkeiten bei der Datenerfassung im Feld, darunter willkürlich geschätzte Ertragsziele und außerhalb von Betrieben erfasste GPS-Koordinaten. Solche Einflüsse auf Empfehlungen können die Landwirte nicht selbstständig beurteilen oder überprüfen.

Die Wirksamkeit des Tools war auch abhängig davon, wie gut die Landwirte die Empfehlungen verstanden, ihnen vertrauten und sie bei ihren täglichen Entscheidungen berücksichtigen. Zwar erhielten 85 Prozent der Landwirte digitale Bodenanalysen, doch nur 18 Prozent bewahrten sie zur anschließenden Orientierung auf. In einigen Fällen blieben die Landwirte bei bekannten Empfehlungen der öffentlichen Beratungsdienste von 44 kg Stickstoff pro Acre, statt sich an die digital diagnostizierten, deutlich höheren Düngermengen zu halten. Diese Entscheidungen spiegelten nicht nur finanzielle und haushaltsbezogene Überlegungen, sie berühren auch die grundsätzliche Frage des Vertrauens in relativ neue und ungewohnte Beratungssysteme.

Für viele Landwirte blieb es schwierig, die Erstellung der digitalen Empfehlungen nachzuvollziehen, insbesondere wenn die Verfahren von Analyse und Validierung nicht transparent oder verständlich genug waren. Obwohl in einigen Fällen die Zusammenarbeit mit öffentlichen Beratungsdiensten unübersehbar war, blieben in der Wahrnehmung Fragen der unabhängigen Gültigkeit und wer dafür steht, die das Vertrauen der Landwirte in digitale Beratungsdienste beeinflussten.

Qualitätssicherung auch für digitale Beratung

Diese Erfahrungen legen nahe, dass die Zukunft der digitalen Landwirtschaft in Afrika weniger von der rasanten Verbreitung von Anwendungen allein abhängt, sondern vielmehr von den institutionellen Rahmenbedingungen. Da Regierungen, Entwicklungsorganisationen und private Akteure weiterhin in die digitale Landwirtschaft investieren, bedarf es verstärkter Aufmerksamkeit für Rechenschaftspflicht, langfristige Nachhaltigkeit von Dienstleistungs- und Geschäftsmodellen sowie für die Aufsicht über zunehmend datengetriebene Beratungssysteme.

Die kenianische Fallstudie zeigt, dass es Landwirten oft nur eingeschränkt möglich ist, die Entstehung digitaler Empfehlungen unabhängig nachzuvollziehen, insbesondere wenn die Empfehlungen nicht nur von fremden digitalen Systemen, sondern auch von der Qualität der Felddaten zwischengeschalteter Dienstleister abhingen. Dies wirft weitergehende Fragen zur Intransparenz von Algorythmen, zur Qualitätssicherung von Dienstleistern und zur Verantwortung innerhalb digitaler landwirtschaftlicher Beratungssysteme auf. Ähnlich wie konventionelle Bodenlabore Qualitätssicherungs- und Akkreditierungsanforderungen unterliegen, dürften vergleichbare Ansinnen auch für digitale Agrarberatungen immer wichtiger werden.

Um in der digitalen Beratung Kompetenz und Nachvollziehbarkeit zu stärken, liegt es nahe, mehr in die Ausbildung, Zertifizierung und gegebenenfalls Lizenzierung von Vermittlungsdiensten zu investieren. Damit Landwirte zunehmend datenbasierte Empfehlungen kritisch bewerten und anwenden können, brauchen sie digitale wie nicht-digitale Fähigkeiten. Insbesondere dort, wo Beratungssysteme komplex und schwer überprüfbar sind. Die Zusammenarbeit mit öffentlichen Beratungsdiensten und die Unterstützung lokal verwurzelter Beratungsstrukturen können daher ebenso wichtig sein wie die technische Innovation selbst. Da sich digitale Agrarsysteme in ganz Afrika weiter ausbreiten, kommt es für den Aufbau von langfristigem Vertrauen und eine nachhaltige Wirkung der digitalen Beratungsdienste bei den Landwirten entscheidend darauf an, diese transparent, kontextbezogen und nachvollziehbar zu gestalten.

Kenias Erfahrungen zeigen, dass die digitale Landwirtschaft nicht nur eines technologischen sondern auch eines institutionellen Wandels bedarf. Digitale Werkzeuge mögen erhebliches Potenzial für verbesserte Zugänge zu landwirtschaftlichen Informationen, Diagnosen und Beratungsleistungen bergen. Welche Wirksamkeit sie entfalten, hängt jedoch letztlich von den steuernden Systemen ab, die sie einführen, interpretieren, finanzieren und nutzen. Während die Verbreitung in Afrika fortschreitet, wird die zentrale Herausforderung wohl nicht mehr sein, ob die Landwirtschaft digitalisiert wird, sondern wie digitale Systeme transparent, rechenschaftspflichtig und den Realitäten der kleinbäuerlichen Landwirtschaft gerecht werden können. Für Regierungen, Entwicklungsorganisationen, Forscher und private Innovatoren erfordert dies unter Umständen, den Fokus von der reinen Technikskalierung auf Investitionen in Vertrauensbildung, institutionelle Koordination, Servicequalität und langfristige Nachhaltigkeit zu verlagern. Die Zukunft der digitalen Landwirtschaft in Afrika wird nicht allein von smarten Lösungen abhängen, sondern auch von stärkeren und inklusiveren Systemen, die sie einhegen.

Dr. Evelyne Njuguna Universität Hohenheim
Thomas Daum, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Agrarwissenschaften der Universität Hohenheim.
Dr. Thomas Daum University of Gothenburg, School of Global Studies

Dr. Evelyne Njuguna – Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Abteilung für sozialen und institutionellen Wandel in der landwirtschaftlichen Entwicklung, Universität Hohenheim, Deutschland

Prof. Thomas Daum – außerordentlicher Professor, School of Global Studies, Universität Göteborg, Schweden

Referenzen

Dieser Artikel basiert auf Forschungsergebnissen der Dissertation „Governance digitaler Werkzeuge für eine nachhaltige Landwirtschaft: Fallstudien aus Kenia (2025)“ von Evelyne Njuguna, Universität Hohenheim. https://hohpublica.uni-hohenheim.de/handle/123456789/19110

Njuguna, E., Birner, R., Daum, T. & Mburu, J. (2026). Intelligente Sensoren, fragiles Vertrauen: Steuerung digitaler Bodenanalysegeräte in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft Kenias. Agricultural Systems, 236, 104771. https://doi.org/10.1016/j.agsy.2026.104771  

Njuguna, E., Daum, T., Birner, R. & Mburu, J. (2025). Silicon Savannah und kleinbäuerliche Landwirtschaft: Wie kann die Digitalisierung zu einer nachhaltigen Transformation der Landwirtschaft in Afrika beitragen? Agricultural Systems , 222 , 104180. https://doi.org/10.1016/j.agsy.2024.104180

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