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  • Agrar- & Ernährungspolitik
  • 02/2021
  • Ramesh Sharma

Die tödlichen Schattenseiten der Grünen Revolution

Indien produziert große Überschüsse an Getreide, trotzdem ist die Hungersituation laut Welthunger-Index „ernst“. Wie erklärt sich der scheinbare Widerspruch?

Eine Marktszene im indischen Jamshedpur. Das Angebot ist vielfältig, aber die Artenvielfalt sinkt. © Rommel / Welthungerhilfe

Die reiche Biodiversität der traditionellen einheimischen Nahrungsmittel in Indien droht verloren zu gehen. Allerdings sind wenig verlässliche Daten verfügbar, und es wurde kaum erforscht. Die Bauern in der Ganges-Ebene widmeten sich vor allem dem Anbau regionaler Getreidesorten, auch deren Diversität hat abgenommen. Ein Verlust an Vielfalt bedeutet, dass Schocks wie die Verbreitung von Schädlingen der Landwirtschaft schweren Schaden zufügen.

Die Ganges-Ebene ist die wichtigste landwirtschaftliche Region Indiens, von der die Ernährungssicherheit maßgeblich abhängt. Das riesige Einzugsgebiet des Ganges reicht vom Himalaya im Nordwesten bis zum ostindischen Tiefland am Indischen Ozean. Es ist so fruchtbar, weil der Strom Sedimente und Erde aus den Bergen in die Ebene transportiert. Der größte Teil des in Indien verbrauchten Weizens und Reises wird hier seit Jahrhunderten angebaut.

Wir von Ekta Parishad, eine große soziale Bewegung, die sich für die Rechte ausgegrenzter Gemeinschaften einsetzt, haben eine Studie im Bundesstaat Chhattisgarh im Süden Zentralindiens durchgeführt, bei der wir die traditionelle Nahrungserzeugung untersucht haben sowie die Beeinträchtigungen, von denen die indigene Bevölkerung in einer bestimmten Region Chhattishgarhs betroffen ist. Das Ergebnis hat uns schockiert. Dort wurden früher mehr als zwölf Sorten Ur-Getreide und Ölsaaten angebaut, außerdem mehr als siebzehn Arten von Obst und Gemüse.

Über die Jahre ist die Mehrheit davon verschwunden, was zum einen an äußeren Faktoren wie dem Klimawandel liegt, zum anderen aber am Fehlen jeglicher unterstützenden Politik für diese traditionelle Nahrungsproduktion. Die Menschen haben ihr vielfältiges Nahrungsangebot verloren, außerdem wurden sie anfällig für neue Krankheiten, weil sie an den neuen Reis und Weizen nicht gewöhnt sind.

Ein Bauer mit seinem Sohn in Dhanwe Purana, Jharkand. Seit mit Hilfe eines Projekts unterschiedliche Sorten angebaut werden, müssen die Dorfbewohner sich weniger um die nächste Mahlzeit sorgen. © Felschen / Welthungerhilfe

Man könnte diese alten Pflanzensorten noch in den Samenbanken finden, von denen es in Indien viele gibt. Aber an einer Wiederbelebung traditioneller Nutzpflanzen haben die staatlichen Stellen ebenso wenig Interesse wie an einer Förderung der Bevölkerungsgruppen, die sie anbauen und konsumieren. Dem Staat geht es vor allem darum, immer mehr Hybridsaaten oder womöglich genetisch verändertes Saatgut oder Kreuzungen einzusetzen, um so die produzierten Mengen zu steigern.

Tödliche Agrochemie

Der Weg, den Indien nach der sogenannten Grünen Revolution eingeschlagen hat, basiert auf dem Einsatz chemischer Mittel. Seither ist der Verbrauch von Agrochemie durch Bauern und landwirtschaftliche Großbetriebe in Indien stetig gewachsen – mit ernsten gesundheitlichen Folgen für Mensch und Umwelt. Wir wissen, dass weltweit die Zahl der Todesfälle und der chronischen Erkrankungen aufgrund des Einsatzes von Pestiziden von Jahr zu Jahr steigt.

Das gilt auch für Indien. Ein spezielles Beispiel ist die Malwa-Region im indischen Bundesstaat Punjab, die als „Krebsgürtel“ bezeichnet wird, weil eine Rekordzahl an Krebsfällen registriert wurde.

In dieser Gegend wird vor allem Baumwolle und Zuckerrohr für den Export angebaut, was einen hohen Einsatz von Insektiziden und Pestiziden erfordert, die das Wasser verseuchen. Die Zugverbindung zwischen Bathinda in Punjab und Bikaner in Rajasthan beförderte regelmäßig Krebspatienten zur Behandlung. Es waren so viele, dass der Zug den Namen „Krebs-Express“ bekam. Eine alarmierende Situation für uns.

Drei wesentliche Probleme

Dies sind also die drei wesentlichen Probleme: Der Verlust der reichen Vielfalt einheimischer Nahrungsmittel, die Konzentration auf wenige Anbauprodukte und die schleichende Vergiftung durch Agrochemie beim Anbau. Was in Indien passiert, passiert im gesamten globalen Süden.

Der im Herbst geplante UN-Gipfel zu Ernährungssystemen sollte die Rechte der einheimischen, traditionellen Bauern respektieren, denn sie sorgten schon immer für die Bewahrung der Biodiversität. Heute sind sie durch die Regierungspolitik gezwungen, Reis und Weizen anzubauen. Der Staat missachtet also ihre Rechte als Bauern, selbst zu entscheiden, was sie anbauen, stattdessen spricht er Verbote aus.

Die traditionelle Ernährung ist Teil ihrer kulturellen Identität, mit ihr gehen zahlreiche Rituale und Praktiken einher. Wenn der Staat und die Gesellschaft diese Rechte anerkennen würden, wäre das ein wichtiger Faktor für den Schutz eines angemessenen Ernährungssystems in Indien. Indiens Regierung könnte sich an der UN-Erklärung über die Rechte von Bauern und anderen in ländlichen Gebieten Beschäftigten (UNDROP) orientieren, aber bisher wurden keine der darin enthaltenen Empfehlungen in Gesetze oder in die Praxis umgesetzt.

Das Desinteresse des Staates an der traditionellen Ernährung und seine Förderung einer vermeintlich „modernen“ Landwirtschaft ist schwer zu erklären. Auch an den großen landwirtschaftlichen Universitäten wird fast gar nicht über lokale und traditionelle Ernährungsweisen geforscht, es gibt kein Interesse, und niemand verlangt es von ihnen. Die Wissenschaftler sind viel zu sehr von der westlichen Produktionsweise beeinflusst und kümmern sich nicht um die kulturellen Rechte der Bauern.

In den vergangenen fünfzehn Jahren hat es eine Rekordzahl an Selbstmorden unter indischen Bauern gegeben. Einige Berichte sprechen von 300 000 Suiziden in den vergangenen Jahrzehnten. Ihre Felder werfen nicht genug Ertrag zum Überleben ab. Sie haben sich unter anderem für Saatgut verschuldet, dabei wären die Samen für ihre traditionellen Anbaugüter einfacher verfügbar. Aber die Regierung gibt zu viele Anreize für den chemiebasierten Anbau. Dafür nehmen die Bauern Kredite auf und geraten in eine Schuldenfalle. Außerdem sinkt der Grundwasserspiegel immer weiter, da viel Wasser beim Anbau von Baumwolle oder Zuckerrohr verbraucht wird, und so fehlt Wasser für den Anbau von Nahrungsmitteln.

Zwei Frauen begutachten Saatgut, das sie auf ihren Feldern im ostindischen Bundesstaat Odisha ausbringen wollen. © Fabian / Welthungerhilfe

Als diese Krise begann, bildete Indiens Regierung 2006 die sogenannte Bauernkommission, die von Dr. M. S. Swaminathan geleitet wurde, einem der führenden Agrarwissenschaftler Indiens. Er war ebenfalls an der Grünen Revolution beteiligt; seine Kommission gab etwa 200 Empfehlungen, wie man der Landwirtschaft und den Bauern helfen könnte. Seitdem sind 15 Jahre vergangen, aber weder die vorherige Regierung in ihren zwei Amtsperioden noch die jetzige in ihrer zweiten Amtszeit haben ein Interesse gezeigt, diese Empfehlungen umzusetzen.

Das Kernproblem der Landwirtschaftskrise in Indien wird nicht angegangen. Stattdessen möchte die Regierung jetzt den Landwirtschaftssektor für ausländische Investitionen öffnen und fordert von diesen Großunternehmen zugleich Hilfen für die Bauern. Aber daran haben diese natürlich kein Interesse. Das sind die Gründe für die Bauernproteste der letzten beiden Jahrzehnte.

Auf dem falschen Weg

Die großen sozialen Bewegungen wie die unsere, aber auch viele andere, stehen vor der Aufgabe, in der Gesellschaft ein Bewusstsein zu erzeugen, dass der bisherige Weg, vor allem auf Quantität der Nahrungsmittel zu setzen, falsch ist. Die Regierung verweist auf die große Nachfrage, die sie zwinge, mehr zu produzieren, chemische Mittel einzusetzen und die Qualität hintanzustellen. Doch wir brauchen mehr öffentliche Investitionen in eine nachhaltige Nahrungsmittelproduktion und begleitende Forschung und Beratung. Wir müssen auch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, vor allem der Mittelklasse, auf diese Probleme lenken, vor allem auf den übermäßigen Gebrauch von Pestiziden.

Unsere Organisation Ekta Parishad nimmt am UN-Gipfel für Ernährungssysteme teil. Ich hoffe, dass wir uns gegenseitig mit unseren Ideen befruchten und neue Lösungswege finden. Man muss offen sein und versuchen zu verstehen, wie der andere denkt. So wie Gandhi nie von Feinden sprach, sondern von seinen Gegenübern, mit denen er sich hinsetzen, die er verstehen und von denen er sich beeinflussen lassen wollte. Deswegen betone ich immer die Notwendigkeit einer neuen Form der Bildung und des Denkens. Das geht nicht mit Abschottung. Wir müssen uns also hinsetzen können und uns austauschen und gegenseitig klüger machen. Als Vertreter von Ekta Parishad würde ich sagen, dass wir an diesen Prozess des offenen Dialogs glauben.

Ramesh Sharma Ekta Parishad, peoples’ movement for land rights
Letzte Aktualisierung 25.04.2021

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