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  • Agrar- & Ernährungspolitik
  • 10/2021
  • Andrea Sonntag, Marina Zapf

UN-Ernährungsgipfel: Was beim unabhängigen Dialog in Kenia eine Rolle spielt

Nationale NGOs verlangen vom Gesetzgeber, das in der Verfassung verbriefte Recht auf sichere und bezahlbare Nahrung in Gesetze zu gießen.

In Kenias trockenen oder halbtrockenen Zonen sind Bewässerungssysteme lebenswichtig.

Frau Karanu, welches sind die größten Probleme in Kenia, die mit Ernährungssystemen zusammenhängen?

Mary Karanu: Die Landwirtschaft versorgt acht von zehn Kenianern mit Arbeit, Einkommen und Nahrungsmitteln. Ackerbau und Viehzucht finden aber hauptsächlich auf kleinteiligen Flächen von durchschnittlich 0,2 bis 3 Hektar statt – ein Großteil davon zur Selbstversorgung. Von der landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung sind 70 Prozent Kleinbauern, die jedoch drei Viertel des Lebensmittelbedarfs des Landes decken.

Zur Person

Mary Karanu ist Project Coordinator bei der NGO Rural Outreach Africa, die mit mehr als 100.000 Kleinbauern vernetzt ist. Die Partnerorganisation der Welthungerhilfe hat in Kenia gemeinsam mit den Organisationen Route to Food Initiative, The African Population and Health Research Center in einem unabhängigen Dialog eine Position für den UN-Ernährungsgipfel (FSS) erarbeitet. 

Was im Ernährungssystem falsch läuft, ist die zunehmende Verknappung von Agrarland, aber auch niedrige Produktivität aufgrund fehlender Betriebsmittel, Beratungsdienste und Finanzmitteln für Landwirte. Wo Armut herrscht, können Menschen sich nur Grundnahrungsmittel leisten oder eigene Produkte nicht vermarkten. Deshalb ernähren sie sich nicht vielfältig genug oder nur unregelmäßig. Staatliche Investitionen in die Landwirtschaft werden immer weniger. Das Bevölkerungswachstum befeuert den Trend zur Verstädterung, während der Klimawandel uns wiederkehrende Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Dürren oder Heuschreckenplagen beschert.

Wie stellt sich die Ernährungslage aktuell dar?

Laut dem Bericht über die weltweite Ernährungssicherheit (State of Food Security and Nutrition in the World - SOFI 2021) der FAO herrscht bei 68,5 Prozent der Bevölkerung eine mäßige bis gravierende Ernährungsunsicherheit, und etwa 25 Prozent der Bevölkerung sind unterernährt. Im September 2021 waren rund zwei Millionen Kenianer von Hunger bedroht, das sind 1,4 Millionen mehr als noch im März dieses Jahres. Die Hälfte aller Landkreise ist von der Dürre betroffen, und die Zahl der Hungernden wird bis Dezember 2021 voraussichtlich auf drei Millionen steigen.

Die Zahl der Hungernden in Kenia wird bis Dezember 2021 voraussichtlich auf drei Millionen steigen.

Mary Karanu, Project Coordinator, Rural Outreach Africa

Das klingt dramatisch. Welche strukturellen Probleme sehen Sie?

Die Regierung hat sich international verpflichtet, zehn Prozent des Haushalts für die Entwicklung der Landwirtschaft auszugeben, verfehlt dieses Ziel aber. Im laufenden Budget (2021/2022) sind dafür nur 3,2 Prozent vorgesehen. Zugleich erleben wir im Ernährungssystem eine zunehmende Kommodifizierung. Kapital fließt in Betriebe von industriellem Maßstab, die vorrangig auf Gewinnmaximierung aus sind. Landwirtschaftspolitik wird in Vorstandsetagen geplant. Örtliche Bedürfnisse werden untergeordnet. Im Ergebnis werden Lebensmittel teurer und die Ungleichheit im Zugang zu Nahrung steigt.

Strukturell sind auch Diskriminierungen und verbreitete Korruption Ursachen dafür, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen in extreme Armut getrieben werden. Sie werden anfällig für Krisen jeglicher Art. Am anfälligsten sind Menschen mit instabilen Existenzgrundlagen, die keinen Zugang zu sozialen Sicherungssystemen haben und weder Land noch Kapital besitzen: Es sind die Armen in Stadt und Land, Kleinbauern, Alte, Behinderte und chronisch Kranke, Kinder, ethnische Minderheiten, Binnenflüchtlinge (IDPs), Wanderarbeiter, Frauen und Jugendliche.  

Im kenianischen Kitui County wird ein Wasserloch gebaut. Die Gegend kämpft gegen Unterernährung.

Ihre Organisation hat bei einem unabhängigen Dialog in Kenia zum UN-Ernährungsgipfel mitgearbeitet. Welche Lösungen für diese Schwächen im System haben Sie vorgeschlagen?

Wir haben einige Eckpunkte formuliert. Allen voran sollte der Erzeuger im Mittelpunkt stehen: im Zentrum der Politikgestaltung, von nachhaltigem Umweltmanagement und entlang der Lebensmittelkette vom Acker bis zum Teller. Kleinbauern können eine moderate Finanzierung bekommen, damit sie produzieren und ungleiche Bedingungen überwinden können. Politik muss sie schützen und stärken. Außerdem sollte sie kürzere und lokalere Wertschöpfungsketten unterstützen – damit die Produktion von Kleinbauern auch zur Verarbeitung oder Veredelung gelangt und einen Markt finden kann. Wir fordern von der Regierung auch in Sachen Ernährung eine Rechenschaftspflicht, dass sie Versprechen einhält.  Dafür brauchen wir starke Bewegungen, von Bauern für Bauern! Offene Multi-Stakeholder-Dialoge werden hilfreich sein.

Was gehört noch auf den Tisch?

Wir brauchen Systeme, die Wissen aufbauen und vermitteln, wie nachhaltige landwirtschaftliche Ansätze, etwa in der Agrarökologie, verfolgt werden können, damit unser Ernährungssystem gesünder wird, Kleinbauern ihren Lebensunterhalt bestreiten können, und wir Lebensmittel- und Ernährungssicherheit für alle auf einem gesunden Planeten gewährleisten können. Auch die Rolle und Macht der Verbraucher müssen gestärkt werden, um Veränderungen zu erreichen. Sie können mit ihrer Gabel für Systeme stimmen, die sie sich wünschen und unterstützen wollen.

Der Dialog will also für eine breitere Beteiligung streiten?

Um das Recht auf angemessene Nahrung zu propagieren, befürworten die Teilnehmer mehr staatsbürgerliche Aufklärung, was das für Politik, rechtliche Rahmenbedingungen und mögliche Interventionen bedeutet. Es sollen auch verstärkt Beweise für Verstöße gegen das Recht auf Nahrung gesammelt und öffentlich sichtbarer gemacht werden, damit sie vor Gericht gebracht und Beschlüsse erwirkt werden können, die Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen. Der universelle Zugang zu Nahrung muss von der Politik als Menschenrecht anerkannt werden wie zu Gesundheit und Bildung.

Es wird jetzt von jedem UN-Mitgliedstaat erwartet, einen nationalen Aktionsplan für die Umgestaltung der Ernährungssysteme auszuarbeiten (National Pathway). Was muss ein kenianischer Aktionsplan vorrangig enthalten?

Um das Recht auf angemessene Nahrung zu erfüllen, brauchen wir mehr Investitionen in Programme zur nachhaltigen Ernährungssicherung. Sie sollten Kleinbauern begünstigen, weil bisherige Großprojekte – etwa zur Bewässerung – wegen mutmaßlicher Korruption dazu keinen Beitrag geleistet haben. Wir erwarten ein stärkeres Engagement zur Verbreitung einheimischer Nahrungsmittel und Anbaumethoden. Eine Abkehr von Mais als Hauptnahrungsmittel und von Weizenimporten zugunsten von nahrhafteren und klimaresistenteren Sorten: darunter Maniok, Hirse oder afrikanisches Blattgemüse. Um die Ressourcen der Natur für heutige und künftige Generationen zu bewahren, brauchen wir geförderte regenerative und agrarökologische Anbaumethoden.

Im ostkenianischen Kisumu unterstützt Rural Outreach eine Erzeugergruppe mit technischer Beratung für regenerative Landwirtschaft.

Sind das alles Aufgaben für die Regierung?

Natürlich muss sie auch in die Widerstandskraft gegen Klimaschäden investieren. Jedes Jahr spüren wir die Auswirkungen, entweder durch Überschwemmungen oder Dürren. Es gilt aber auch, Frauen und Jugendliche eine stärkere Teilhabe in Ernährungssystemen zu ermöglichen – etwa durch Angebote von Finanz- und Beratungsdiensten. Laut Statistik sind 70 Prozent der Kleinerzeuger Frauen, und die bäuerliche Bevölkerung wird immer älter. Schließlich sollte es auch um die Lebensmittelsicherheit gehen: Daran gibt es ein wachsendes öffentliches Interesse. Zum einen sind die Regulierungsbehörden gefragt, die Einfuhr schädlicher Agrochemikalien zu begrenzen. Zum anderen verlangen Verbraucher mehr Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteln und mehr Bioprodukte.

Was wird Rural Outreach Africa nun weiter unternehmen?

Wir werden vor allem den rechtebasierten Ansatz weiter verfolgen. Tatsächlich ist das Recht auf Nahrung in der kenianischen Verfassung in den Artikeln 43 und 53 bereits verankert. Sie sind wichtige Meilensteine, aber sie reichen nicht aus. Es fehlt ein umfassendes Rahmengesetz. Das soll bis 2030 abgesteckt sein, damit der Verfassungsanspruch hinreichend umgesetzt wird: mit den erforderlichen Politiken und Rollenverteilungen für die Institutionen, den notwendigen Rechenschaftspflichten und Rechtsbehelfsmöglichkeiten sowie den nötigen Ressourcen. Außerdem werden wir die Öffentlichkeit weiter über ihre Rechte aufklären.

Auf der Erzeugerseite wollen wir uns weiter für nachhaltige Nahrungsmittel- und Anbausysteme in Kenia starkmachen und solche Methoden bekannter machen. In Workshops und Dialogforen beteiligen wir uns an Beiträgen zu einer gemeinsamen Ernährungspolitik für Afrika – das ist ein Prozess, der von der Organisation Alliance for Food Sovereignty in Africa (AFSA) geleitet wird.

 

Das Gespräch führten:

Porträt: Andrea Sonntag, Team Politik und Außenbeziehungen.
Andrea Sonntag Policy and External Relations
Marina Zapf, Journalistin, berichtet seit 20 Jahren aus Berlin über Themen der Außen, Außenwirtschafts- und Entwicklungspolitik.
Marina Zapf Team Welternährung.de
Letzte Aktualisierung 29.10.2021

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