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Schwerpunkt

"Dieser Gipfel darf sich nicht in ideologischen Grabenkämpfen verlieren"

Der UN Food Systems Summit soll das gestörte Welternährungssystem zur Chefsache machen und verändern. Joachim von Braun, Agrarwissenschaftler und Vizepräsident der Welthungerhilfe, über Herausforderungen bei der Bekämpfung des Hungers und die Rolle der Wissenschaft.

In der Weltwirtschaft nimmt die Landwirtschaft an Bedeutung zu. Unsere Ernährungswege sind aber weder gerecht noch umweltverträglich. © Dan Gold via Unsplash

UN-Generalsekretär Gutérres hat zu einem Gipfeltreffen im Herbst dieses Jahres aufgerufen. Das Ziel des „UN Food Systems Summit“ ist, Ernährungssysteme in den Mittelpunkt der 2030 Agenda zu stellen und sie zu transformieren. Der Agrarwissenschaftler und Vizepräsident der Welthungerhilfe Prof. Dr. Joachim von Braun leitet den wissenschaftlichen Beirat für das UN-Gipfeltreffen. Er erläutert die Herausforderungen bei der Bekämpfung des Hungers und der Rolle der Wissenschaft.

 

Herr von Braun, wie krank oder wie ineffizient ist das Welternährungssystem?

Das Welternährungssystem leidet an drei Krankheiten: Erstens leistet es einen unzureichenden Beitrag zur Überwindung des Hungers. Zweitens verhindert es nicht Fehl- und Überernährung sowie das Problem der ungesunden Ernährung. Und drittens trägt es dazu bei, dass der Planet Erde gefährdet ist. Zudem leidet das Welternährungssystem jetzt unter dem Covid-19-Schock, es kann auf Pandemien und andere Schocks nicht angemessen regieren und ist somit nicht ausreichend widerstandsfähig.

Wie kann ein Gipfeltreffen von Staats- und Regierungschefs dazu beitragen, unsere Ernährungssysteme effizienter, umweltverträglicher und gerechter zu machen?

Bei den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen stehen Armuts- und Hungerbekämpfung ganz oben. Wenn wir allerdings weitermachen wie bisher, werden wir es nicht schaffen, den Hunger bis 2030 zu beseitigen Ein Gipfel kann dazu beitragen, auf der Ebene von Staats- und Regierungschefs die Aufmerksamkeit auf das Welternährungsproblem und seine Umweltkonsequenzen zu lenken. Die Initiative von UN-Generalsekretär Gutérres macht die Probleme des Welternährungssystems zur Chefsache, zu seiner Chefsache und zur Chefsache von Staats- und Regierungschefs. Der Gipfel muss dazu beitragen, gegenwärtige Politik und Institutionen in Frage zu stellen. Wir brauchen ein Ausbrechen aus dem „Weitermachen wie bisher“.

Es gibt im Bereich Ernährung und Landwirtschaft bislang keine Institution wie in der Klimapolitik, die eine klare Struktur für die Interaktion von Wissenschaft und Politik bietet.

Joachim von Braun

Was wäre denn eine wünschenswerte Folge davon?

Wir brauchen neue Institutionen und Rahmenwerke wie ein globales Agrarhandelssystem, das nachhaltige Lieferketten als Teil des Auftrags hat. Wir brauchen viel mehr Investitionen in das Ernährungssystem und wir brauchen Zugang der von Hunger Betroffenen zu Jobs und zumindest minimaler sozialer Sicherung. Außerdem gibt es im Bereich Ernährung und Landwirtschaft bislang keine Institution wie in der Klimapolitik, wo es mit dem International Panel on Climate Change einen UN-Ausschuss gibt, der eine klare Struktur für die Interaktion von Wissenschaft und Politik bietet.

Dieser Summit ist anders als vorherige UN-Gipfeltreffen. Wer bestimmt letztlich über die Beschlüsse, wird es ein Abschlussdokument geben?

Dieser Gipfel soll aktions- und ergebnisorientiert sein. Schwerpunkte sind fünf Aktionsbereiche, die sogenannten „Action Tracks“ zu den Themen gesunde Ernährung für alle, nachhaltiger Konsum, nachhaltige Produktion, Einkommen und wirtschaftliche Entwicklung sowie Armutsbekämpfung und Resilienz. Das sind die Stränge, aus denen sich auch die konkreten Empfehlungen des Gipfels ergeben werden.

Wird es keine Verhandlungen zwischen den Regierungen geben, wie das früher der Fall war?

Dieser Gipfel ist kein Verhandlungsgipfel. Die Ziele sind klar in den Nachhaltigkeitszielen verankert, denen die Staatschefs vor fünf Jahren zugestimmt haben. Jetzt geht es um Umsetzung, differenziert im jeweiligen Länderkontext und um entschlossenes globales Handeln. Durch einen breiten Dialogprozess, der in den Ländern und vielen Foren stattfindet, wird dies gestützt und dazu gehören nicht nur Regierungen, sondern auch die Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft. Wir setzen auch auf die starke Beteiligung junger Menschen. Am Ende entscheidet über die Vorschläge der UN-Generalsekretär, der sich natürlich mit den Entscheidungsträgern abstimmen wird, die am Gipfel teilnehmen und ihn vorbereiten. Das Abschlussdokument soll den Weg nach vorne zeigen und die Selbstverpflichtungen der relevanten Akteure auf nationaler und globaler Ebene befördern.

Handlungsstrang #1 des Gipfels zielt auf den Zugang zu sicherer und nährstoffreicher Nahrung. Hier eine Straßenszene aus dem Norden der DR Kongo. © Kai Loeffelbein / Welthungerhilfe

Was geschieht nach dem Gipfel?

Es wird einen Folgeprozess geben, sonst wäre der Gipfel ein Misserfolg. Wie der Prozess genau aussehen soll wird in den kommenden Monaten und bei einem Vorgipfel Mitte des Jahres in Rom diskutiert.

Vertreter der Zivilgesellschaft kritisieren mangelnde Transparenz, zu wenig Inklusivität und die dominante Rolle des Privatsektors. Teilen Sie diese Kritik?

Diese Kritik ist mir bekannt. Es gibt viele Möglichkeiten für alle sich einzubringen. Der Gipfelprozess ist immer noch in einer Zuhörphase, deswegen kann ich die Kritik einiger NGOs jetzt nicht mehr nachvollziehen. Ohne die Ernährungs- und Agrarwirtschaft an den Tischen der Gipfelvorbereitung wäre dies ein wirklichkeitsfremder Prozess. Der Privatsektor wie z.B. das World Economic Forum spielt keine dominante Rolle, und es gibt nur einen Wirtschaftsvertreter im zentralen Beratungskreis, der sogenannten Advisory Group, die von der stellvertretenden UN-Generalsekretärin Amina Mohammed geleitet wird. Die Türen sind auch für Nichtregierungsorganisationen weit offen, und sie nehmen hoffentlich in den Ländern eine Schlüsselrolle bei den nationalen Dialogveranstaltungen ein, die Politiken für den Gipfel definieren.

Wie sehen Sie die Rolle des Welternährungsausschusses, des Committee on World Food Security (CFS)? Ist das nicht das zentrale Gremium für Politikgestaltung im Kampf gegen den Hunger, das vor allem Gruppen aus der Zivilgesellschaft eine breite Mitsprache ermöglicht?

Nach der Welternährungskrise 2008/2009 ist der CFS reformiert und der zivilgesellschaftliche Mechanismus gestärkt worden, das befürworte ich sehr. Aber wenn wir auf die Ergebnisse schauen, und das ist keineswegs nur dem CFS anzulasten, haben wir auf globaler Ebene nicht die institutionellen Mechanismen, um ein nachhaltiges, gerechtes Welternährungssystem zu gestalten. Es ja hat sogar erhebliche Rückschritte in der Hungerbekämpfung gegeben. Deswegen können wir nicht allein mit den existierenden Institutionen die fundamentalen Probleme lösen. Wir brauchen dringend neue Ansätze die zu Ergebnissen für die Menschen führen.

Heißt das auch, dass die „römischen“ Institutionen zur Disposition stehen, also FAO, WFP und IFAD?

Nein. Ich stelle keine Organisation zur Disposition. Das wirklich brisante Thema ist, wie eine Welt von neun bis zehn Milliarden Menschen ihr Ernährungssystem organisieren sollte, das zu gesunder Ernährung ohne Umweltzerstörung führt. Wir können nicht so tun, als ob das nur eine kleine Weiterentwicklung dessen ist, was offensichtlich die gegenwärtigen Probleme nicht hinreichend löst. Wir überschreiten planetare Grenzen und haben eine enorme Ungerechtigkeit. Wir brauchen wirksame institutionelle und technologische Innovationen und müssen dabei pragmatisch sein.

Handlungsstrang #2 des Gipfels zielt auf die Förderung nachhaltiger Konsummuster: Eswatini Kitchen ist ein Fair Trade-Händler in Swasiland, der mit Zutaten aus der Region für die Region produziert. © Giulio Napolitano / FAO

Es wird immer wieder gesagt, dass es am politischen Willen der Regierungen mangelt, das Hungerproblem in den Griff zu bekommen. Hat sich daran etwas geändert?

Politischer Wille zur Umsetzung ist dringend erforderlich, aber auch Wirtschaft, Zivilgesellschaft und die Medien müssen ihren Teil zur Willensbildung beitragen. Aber machen wir es mal ganz simpel fest an der Zahlungsbereitschaft der Industrieländer, in die Agrarentwicklung und Ernährung von Entwicklungsländern zu investieren. In der Hinsicht hat es durchaus Fortschritte gegeben vor allem in Deutschland, aber auch in Japan, in Frankreich und sogar in den USA, in der jetzt gerade abgeschlossenen traurigen Regierungsperiode.

Aber politischer Wille ist nicht nur am Geld zu messen, sondern auch an der Bereitschaft, verkrustete Strukturen zu überwinden und zum Beispiel die Beziehung zwischen Europa und Afrika auf neue Füße zu stellen und etwa Fairness in den europäisch-afrikanischen Handelsbeziehungen zu schaffen.

Afrika gilt als Krisenkontinent. Gibt es afrikanische Länder, die Fortschritte gemacht haben?

Den politischen Willen, das Ernährungssystem zu verbessern, haben wir uns in afrikanischen Ländern näher angesehen, und es gab eine Studie des Zentrums für Entwicklungsforschung mit dem Malabo-Montpellier Panel; da gibt es eine Reihe afrikanischer Länder wie Ghana, die hervorragende Fortschritte gemacht haben.In einem multisektoralen Ansatz unter Federführung der Nationalen Planungskommission hat die Regierung Maßnahmen in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Landwirtschaft auf die Bekämpfung von Mangelernährung ausgerichtet. Dabei wurden aus Pilotprogrammen gewonnene strategische Empfehlungen in Zusammenarbeit mit Entwicklungspartnern auf andere Teile des Landes ausgeweitet. Die Bereitschaft, aus Erfolgsbeispielen systematisch zu lernen, ist innerhalb Afrikas beachtlich.

Handlungsstrang #3 des Gipfels zielt auf den Ausbau umweltfreundlicher Produktion. Massentierhaltung schadet dem Klima und über den Futterverbrauch der Biodiversität. © tierschutzvolksbegehren.at

Was würde es kosten, den Hunger in der Welt zu bekämpfen?

Den Hunger bis 2030 weitgehend zu überwinden dürfte in den kommenden zehn Jahren etwa 39 bis 50 Milliarden Dollar jährlich an zusätzlichen Investitionen kosten. Angesichts der enormen Summen, die zum Abfedern der Covid-19 Krise ausgegeben werden, sind das eigentlich relativ bescheidene Beträge. Der Beitrag, den die Industrieländer dazu beisteuern sollten, bewegt sich zwischen 14 bis 15 Milliarden zusätzlich pro Jahr. Das bedeutet eine Verdopplung der gegenwärtigen Entwicklungsleistungen für nachhaltige Hungerbekämpfung.

Wo sollte das Geld hinfließen?

Das sind nicht nur Mittel für akute Hungerbekämpfung, das ist mir ganz wichtig zu betonen, sondern in nachhaltige Überwindung von Hunger. Das beinhaltet Innovation in Produktionssystemen, nachhaltige landwirtschaftliche Produktion, Beratung, Bildung insbesondere von Frauen, das alles ist nachweislich sehr effektiv in der mittelfristigen Hungerbekämpfung. Erhebliche Investitionen sind aber auch erforderlich für bessere soziale Sicherungsmaßnahmen, also Cash- oder Food-Transfer-Programme. Kein Finanzminister kann sich drücken und behaupten, es sei unerschwinglich, den Hunger zu bekämpfen. Nein, das ist es nicht.

Beim Thema Kosten kommen auch die Subventionen ins Spiel, geschätzt 700 Milliarden Dollar fließen weltweit in die Landwirtschaft. Muss hier umgesteuert werden?

Ja, das muss angegangen werden. Die Landwirtschaft befindet sich weltweit in einem permanenten Transformationsprozess. Es geht um viele Existenzen und deshalb kann das Thema nicht mit Patentrezepten angegangen werden.  Aber die sechs bis siebenhundert Milliarden, die die für Subventionen im Agrarbereich ausgegeben werden, sind ein Problem, das auf den Tisch des Gipfels gehört. Genauso wie die in viele Länder nach wie vor existenten Subventionen fossiler Energieträger. Diese Subventionen müssen in sachgerechte Investitionen umgewandelt werden, die das Ernährungssystem stabilisieren, gerechter, effizienter und nachhaltiger machen. Das ist eine Herausforderung für die Staatschefs! Sie können sich an fünf Fingern abzählen, dass Landwirtschaftsminister, alleingelassen mit dieser großen Problematik, die Kuh nicht vom Eis kriegen.

Handlungsstrang #4 des Gipfels zielt auf den Abbau von Ungleichheit. Hier ernten kenianische Bäuerinnen Bohnen, die am Abend für den Export verschifft werden. © Fredrik Lerneryd / FAO

Wird der Gipfel auch über die Verwirklichung des Menschenrechts auf Nahrung sprechen?

Es gibt kein Gebiet, auf dem die Menschenrechte so vieler Menschen verletzt werden, wie im Ernährungssystem. Es geht ja nicht nur um das Recht, nicht hungern zu müssen, sondern auch um das Recht auf nachhaltige und gesunde Ernährung. Da kommen wir nur weiter, wenn wir die gesamte Menschenrechts-Community in die Hungerbekämpfung einbeziehen. Wir brauchen sie ebenso wie die Richter und die Rechtsanwälte, und wo es möglich ist, auch nationale und internationale juristische Einklagbarkeit.

Wie können gerade die Schwächsten, die am meisten unter Hunger leiden, in politische Prozesse eingebunden werden?

Durch Mobilisierung und durch Interessenvertretung. Als Vorsitzender des Wissenschaftsbeirats für den Gipfel habe ich mich gefreut, wie schnell und konstruktiv die weltweiten Vertretungen der indigenen Völker sich organisiert haben und auf uns zugegangen sind. Diese oft ausgegrenzten Völker haben auf marginalen Standorten über Jahrhunderte wertvolle Erfahrungen gesammelt, ihre Ernährungssysteme zu managen. Die müssen eine Stimme im Gipfelprozess haben, und die haben sie auch.

Welche Rolle spielt die Agrarforschung? Es wird kritisiert, dass sie sich auf nur wenige Pflanzenarten wie Mais, Weizen und Reis konzentriert und das Potential vieler anderer Pflanzen vernachlässigt, die besonders in Bezug auf Klimawandel und Ernährung eine große Rolle spielen könnten.

Es ist eine ungewöhnliche Entscheidung der UN-Führung, der Wissenschaft für die Gipfelvorbereitung eine ganz wichtige Rolle zu geben. Dabei sind alle für das Ernährungssystem relevanten Forschungsgebiete vertreten Ernährungswissenschaften, Gesundheitsforschung, Lebenswissenschaften, Pflanzenzüchtung, Klimaforschung, Wirtschaftswissenschaften etc. In der Agrarforschung hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren enorm viel getan, nämlich traditionelle vernachlässigte Feldfrüchte, aber auch Tierarten stärker zu fördern und zu beforschen. Ein wichtiger wissenschaftlicher Beleg dazu: Die landwirtschaftlichen Innovationen, die gemeinsam mit den Kleinbauern und Kleinbäuerinnen entwickelt und umgesetzt wurden, und die mit Beratung verbunden sind, erzielen beste Ergebnisse bei geringsten Kosten. Das ist ein Schlüssel für die Überwindung von Hunger, um zu einem nachhaltigen Ernährungssystem zu kommen.

Handlungsstrang #5 des Gipfels zielt darauf ab, die Widerstandskraft gegen Schocks und Stress wie durch wiederkehrende Wetterereignisse in der Klimakrise zu erhöhen. Hier die Dürre in der äthiopischen Region Afar. © Grossmann / Welthungerhilfe

Dass Mais, Weizen und Reis nach wie vor die wichtigsten Feldfrüchte auf der Welt sind ist richtig, die Fortschritte auf dem Gebiet haben viele vor dem blanken Hunger bewahrt. Sie haben uns aber kein gesundes Ernährungssystem gegeben. Das Umschwenken auf eine diversifiziertere Landwirtschaft macht sich inzwischen auch in den großflächigen Monokulturen in den USA und Südamerika breit, die brutal an ihre Nachhaltigkeitsgrenzen stoßen.

Aber sind nicht gerade diese großflächigen Monokulturen, die sich immer noch weiter ausbreiten, das Problem? Sollten wir nicht stärker auf eine bäuerliche Landwirtschaft setzen?

Landwirtschaftliche Strukturen lassen sich nur langsam ändern. Die bäuerliche Landwirtschaft kann übrigens genauso umweltschädlich sein wie die großflächige. Wir müssen genau hinschauen. Die Expansion des Ackerbaus in die Regenwälder hat leider in den vergangenen Jahren wieder zugenommen. Wir beobachten das sehr sorgfältig, da sind die Kontrollmechanismen zu lax geworden. Hier ist es ganz entscheidend, dass wir als Verbraucher auf Kennzeichnung der Produkte und ihre Rückverfolgung achten. Es gibt für uns keine Ausrede mehr, denn wir wissen, was wir mit nicht-nachhaltigem Konsum anrichten. Wir können heute die einzelne Sojabohne in den Pixeln von Satelliten bis in den Regenwald zurückverfolgen.

Aber sind die Verbraucher nicht mit einem Wust an Kennzeichnungen, Siegeln und Symbolen überfordert? Wäre es nicht besser, die Verantwortung direkt auf die Unternehmen zu übertragen?

Verantwortung haben wir alle. Maßnahmen für nachhaltigen Konsum ist einer der fünf Schwerpunkte in der Gipfel-Vorbereitung. Natürlich sind auch die Unternehmen gefordert auf Gesundheit und Nachhaltigkeit der Lebensmittel zu achten. Wir brauchen ein wirksames Lieferkettengesetz und entsprechende Regularien auf EU- und internationaler Ebene, die Unternehmen verpflichten, Menschenrechte zu achten, die Umwelt zu schützen und soziale Standards einzuhalten. Und wir brauchen den informierten Konsumenten.

Die verborgenen Kosten wirtschaftlichen Handelns, also Umwelt- und Gesundheitsschäden, fließen oft nicht in die Gewinn- und Verlustrechnungen von Unternehmen ein. Muss da nicht auch etwas geändert werden?

Der Gipfel heißt ja „Food Systems Summit“ gerade weil es um die Überwindung systemischer Probleme geht, also auch indirekter Wirkungen. Negative Umwelteinflüsse von Agrarpraktiken verursachen Kosten, die am Markt nicht gezählt werden. Dieses große Thema  – die wahren Kosten der Nahrungsmittel – ist auf der Agenda des Gipfels. Das gilt zum Beispiel für die Kosten der nicht nachhaltigen Landnutzung, die zu Bodendegradierung und zu Produktionseinbußen führt und Ökosysteme zerstört. Diese Kosten betragen weltweit pro Jahr ungefähr rund dreihundert Milliarden Dollar.

Weizenernte in der Ukraine. Bodendegradation und häufige Extremwetterereignisse führen bereits zu starken Ertragsschwankungen. © Anatolii Stepanov / FAO

Und der Klimawandel?

Landwirtschaft leidet unter Klimawandel, treibt ihn aber auch an. Ungefähr ein Viertel der Treibhausgasemissionen sind auf die Land- und Forstwirtschaft zurückzuführen. Das sind weitere hunderte von Milliarden, die bei den Nahrungsmitteln nicht eingepreist sind. Hinzukommen auch die Kosten der Fehlernährung durch verarbeitete Lebensmittel mit zu viel Zucker und Fett. Fettleibigkeit ist nicht nur eine menschliche Gesundheitstragik, sondern auch ein großer Kostenfaktor für die Volkswirtschaften, zunehmend auch in Entwicklungs- und Schwellenländern. Diese volkswirtschaftlichen Kosten muss der Ernährungsgipfel auf der Agenda haben. Im Vergleich dazu sind die Kosten zur Überwindung des Hungers verschwindend klein.

Beim Gipfel werden wohl wieder streitbare Schulen aufeinandertreffen, wie die Vertreter der Agrarökologie auf der einen Seite und auf der anderen die Verfechter einer eher konventionell oder technologisch ausgerichteten Landwirtschaft, auch wenn das eine sehr schematische Unterteilung ist. Wie wird der Gipfel damit umgehen?

Das ist eine gute Frage. Wenn das Schulen sind dann müssen beide nochmal in die Schule gehen, denn diese Unterteilung ergibt aus wissenschaftlicher Sicht keinen Sinn. Ich meine etwa die Diskussion um Düngemittel. Natürlich brauchen Pflanzen Nährstoffe. Wo die herkommen und nachhaltig an die Wurzel gebracht werden und welche Fruchtfolgen am jeweiligen Standort sorgfältig ausgerichtete Bodennutzung erlauben, das ist eine solide agronomische Frage, die im jeweiligen Kontext beantwortet werden muss. Der Gipfel darf sich nicht in ideologischen Grabenkämpfen verlieren, sondern muss sich auf die Herausforderungen fokussieren, insbesondere in Bezug auf Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in Entwicklungsländern und die Frage, wie sie aus einem Niveau niedriger Produktivität in Ackerbau und Viehzucht zu mehr Einkommen mit Produktivität und Nachhaltigkeit kommen können.

Welchen Beitrag sollte Deutschland zum Gipfel leisten?

Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren in herausragender Weise positioniert, weil es nach unseren Untersuchungen der größte Investor in Agrarentwicklung und Hungerbekämpfung unter den Entwicklungs-Partnerländern ist. Ich wünsche mir aber nicht nur mehr Geld von der Bundesregierung, sondern auch dass sie beim Thema der institutionellen Reformen für das Ernährungssystem eine Führungsrolle einnimmt.

Was heißt das in Konsequenz?

Das Welternährungssystem muss mit einer regelbasierten, soliden, auf Nachhaltigkeit und Effizienz ausgerichteten Agrarhandelspolitik unterlegt werden, mit resilienten Wertschöpfungsketten. Das ist sehr wichtig, auch zur Absicherung der komparativen Vorteile, die die Entwicklungsländer haben und zurzeit nicht voll nutzen können. Ein zweiter Bereich ist unser Beitrag zu Innovationen. Deutschland sollte sich als großer Forschungsstandort noch viel stärker in Forschungspartnerschaften für nachhaltige Ernährungssysteme in Entwicklungsländer einbringen. Schließlich ist ein vermehrtes Engagement Deutschlands im europäischen Verbund für Überwindung von Kriegen und Konflikten wichtig, denn dadurch wird der Hunger in erheblichem Maße verschärft. Auch dies sollte der Gipfel nicht aussparen.

Porträt: Marion Aberle, Team Policy & External Relations.
Marion Aberle Welthungerhilfe, Team Policy & External Relations
Erwin Northoff ist ehemaliger Leiter der Presseabteilung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) und Mitglied im Redaktionsbeirat von "Welternährung.de".
Erwin Northoff Mitglied im Redaktionsbeirat
Letzte Aktualisierung 18.02.2021

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