Drohnen revolutionieren die Landwirtschaft im Globalen Süden
Neben dem Militär erobern die Geräte den Agrarsektor. Doch wird die Zukunft dort nachhaltiger und sozial inklusiver – oder umweltschädlicher und ungleicher?
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Über den Feldern vieler Landwirte vollzieht sich weltweit eine neue technologische Revolution. Dank stark fallender Preise und bedeutender technischer Fortschritte sind Drohnen zunehmend in vielen ländlichen Gebieten so verbreitet wie Traktoren in anderen. Landwirtschaftliche Drohnen werden benutzt, um Felder zu überwachen oder gegen Unkräuter und Schädlinge zu spritzen. Forscher sprechen von einer globalen „Drohnenrevolution“ (Belton et al., 2025).
Im Globalen Süden verbreiten sich landwirtschaftliche Drohnen besonders schnell, entgegen der weit verbreiteten Annahme, dass es Hightech-Landwirtschaft hauptsächlich in den großen und hochmechanisierten Betrieben Europas oder Nordamerikas gibt. Am stärksten werden Drohnen in kleinbäuerlichen Betrieben in Teilen von Ostasien (z.B. China und Japan), Südasien (z.B. Indien, Thailand und Vietnam) sowie in Teilen von Südamerika eingesetzt. In Subsahara-Afrika nutzen die Bauern sie dagegen kaum. China ist mit schätzungsweise mehr als 250.000 Agrardrohnen weltweit führend. Dort ist auch der weltgrößte Drohnenhersteller DJI ansässig (Belton et al., 2026; Quan et al., 2024).
Wem gehören landwirtschaftliche Drohnen?
Landwirte im Globalen Süden besitzen selbst meist keine Drohnen, sondern nutzen sie über Dienstleister. Dabei handelt es sich oft um unabhängige lokale Unternehmer, die Drohnendienste gegen Bezahlung anbieten, oder um Betriebsmittelhändler, die etwa das Sprühen von Pflanzenschutzmitteln per Drohne samt der passenden Chemikalien im Paket verkaufen. Alternativen sind Genossenschaften oder staatliche Stellen.
Diese Dienstleistungsmärkte wachsen schnell, angetrieben durch sinkende Preise für die Geräte und technische Fortschritte wie längere Akkulaufzeiten. Außerdem können Drohnen immer größere Nutzlasten transportieren und es gibt immer ausgereiftere neue Aufsätze wie Streuer für das Ausbringen von Saatgut und Düngemitteln oder Sprühdüsen etwa für Pestizide. Modulare Technik macht es möglich, dass Drohnen unterschiedliche Einsätze fliegen können. Zunehmend bessere Software macht Drohnen zudem einfach zu steuern.
Derzeit werden Drohnen hauptsächlich genutzt, um Pestizide, Herbiziden und Insektizide über Feldern auszubringen. Allerdings werden sie auch zum Düngen und sogar zum Säen von Saatgut für Reis und Bodendeckern verwendet. Darüber hinaus dienen Drohnen Bauern zum Kartieren ihrer Felder und zur Überwachung von Nutzpflanzen und Viehbeständen – genau wie im Globalen Norden. Zur Bodenbearbeitung und Ernte sind sie zwar ungeeignet, doch übernehmen sie eine wachsende Zahl von zentralen agronomischen Aufgaben im landwirtschaftlichen Produktionszyklus. Hilfreich sind auffallend günstige Drohnendienstleistungen: Oft zahlen Landwirte nur zehn Dollar, um einen Hektar Land zu sprühen. Es wäre deutlich teurer, Landarbeiter dafür zu beschäftigen (Belton et al., 2025).
Nutzen Drohnen auch Kleinbauern?
Die Befürworter der Drohnentechnologie behaupten, dass sie die Landwirtschaft produktiver und nachhaltiger macht (z.B. Adel et al., 2026). Sie argumentieren, landwirtschaftliche Arbeit mit Drohnen sei weniger körperlich belastend. Davon könnten insbesondere ältere Landwirte, Frauen und Kinder profitieren. In Regionen, in denen es an Arbeitskräften mangele, weil Menschen abwandern, oder die Bevölkerung altert – was in vielen Teilen Asiens der Fall ist –, könnten Drohnen Kleinbauern und älteren Landwirten helfen, ihre Landarbeit fortzusetzen. Dies könnte die Landflucht bremsen und die Flurbereinigung verringern und so möglicherweise kleinere, mosaikartige und artenreiche Landschaften erhalten (Daum et al., 2023).
Manche Befürworter betonen zudem, dass Landwirte dank der fliegenden Assistenten Betriebsmittel zielgenauer einsetzen könnten. Die Bauern könnten so Kosten sparen sowie Umweltschäden reduzieren. Eine der größten Hoffnungen im Zusammenhang mit Drohnen betrifft jedoch die menschliche Gesundheit und den Schutz von Arbeitern, die weniger Risiken ausgesetzt sind, wenn Drohnen Pestizide sprühen, als wenn sie per Hand mit Rückenspritzen vorgehen.
Ernsthafte Bedenken gegen Drohneneinsätze
Die Kritiker von Drohnen beurteilen die Technologie allerdings eindeutig skeptischer. Sie befürchten, dass Drohnen die Arbeitsdynamik in Familien verändern, Landarbeiter verdrängen und bestehende Ungleichheiten verschärfen. Aus ökologischer Sicht gibt es Bedenken, dass Drohnen den Einsatz von Agrochemikalien eher verstärken als reduzieren, sobald Menschen auf den Feldern nicht mehr benötigt werden. Bislang werden Drohnen kaum in der Präzisionslandwirtschaft eingesetzt. Sie dienen hauptsächlich dazu, Agrochemikalien gleichmäßig über ganze Felder zu versprühen, anstatt Pflanzen oder Schädlingsherde gezielt zu behandeln.
Somit wird erwartet, dass der Trend zu einem insgesamt höheren Einsatz von Betriebsmitteln führen wird. Werden Chemikalien zudem aus größerer Höhe verteilt, kann dies zu neuen Umweltrisiken wie Sprühdrift führen.
Grundlegendere Bedenken gegen Drohnen ähneln den Debatten über andere Technologien von „Landwirtschaft 4.0“, die sich stark auf Datenerfassung, fortgeschrittene Datenanalyse und Automatisierung stützen. So sei besorgniserregend, dass Landwirte von Dienstleistern, Datenvermittlern und Technologiefirmen abhängig werden könnten (Carolan, 2020). Auch bestehe die Gefahr, dass Drohnen die Fixierung auf eine input-intensive, industrialisierte Landwirtschaft verstärken könnten – zulasten möglicher agrarökologischer Alternativen (Orjuela-Ramirez et al., 2025). Drohnen, die eine „Landwirtschaft aus der Luft“ ermöglichen, könnten zudem die Art und Weise verändern, wie Landwirte mit Böden, Pflanzen, Feldern und der umgebenden Landschaft interagieren, mit möglichen Auswirkungen auf das Umweltschutzverhalten (z.B. Daum, 2025).
Politiker und Forscher vernachlässigen Drohnenrevolution
Trotz solcher weitreichenden Folgen haben Forscher und Politiker die Drohnenrevolution bislang kaum beachtet. Ein großer Teil der Literatur zu Agrardrohnen stammt aus den Ingenieur- und Technikwissenschaften, die sich hauptsächlich auf Aspekte wie die Flugleistung konzentrieren. Bisherige Studien stützen sich auf Daten aus kontrollierten Experimenten in Forschungsstationen, kaum jedoch auf Daten unter realen Bedingungen in der Praxis. Seit kurzem verfolgen einige sozialwissenschaftliche Studien die Einführung und Verbreitung von Drohnen. Es gibt aber nur sehr wenige empirische Untersuchungen zu den wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Auswirkungen von Agrardrohnen.
Infolgedessen sind viele der Behauptungen über Nutzen und Folgen eher spekulativ als auf Fakten gestützt, was zu einer polarisierten Debatte über technologische Utopien und Dystopien beiträgt.
Auch die Politik hat Mühe, mit dem Vordringen von Drohnen Schritt zu halten. Die Drohnenrevolution vollzieht sich teilweise in einem „institutionellen Vakuum“, in dem es an gesetzlichen Regelungen und administrativen Bestimmungen mangelt. Sie können mit dem Tempo der Entwicklung kaum Schritt halten (Belton et al., 2026).
Verantwortungsvolle Innovationen erforderlich
Die Defizite in Politik und Forschung sind ein Problem, da die Zukunft von Agrardrohnen –und von Technologien der „Landwirtschaft 4.0“ im weiteren Sinne – nicht vorbestimmt ist. Welche Folgewirkungen eintreten, hängt schließlich nicht nur vom technologischen Fortschritt ab, sondern auch von gesellschaftlichen Debatten und politischen Entscheidungen (Daum, 2021).
Wissenschaftler wie John Danaher plädieren daher für einen „verhalteneren Technologieoptimismus“, um vereinfachende Erklärungsmuster von Utopie versus Dystopie oder Optimismus versus Pessimismus zu überwinden. Demnach können Technologien zu einer nachhaltigeren und gerechteren Zukunft beitragen, wenn sie von geeigneten Institutionen begleitet werden (Danaher, 2022). Auch die wachsende Literatur zu verantwortungsvoller Innovation in der Landwirtschaft betont die Notwendigkeit, wirtschaftliche, soziale und ökologische Folgen abzuschätzen und den technologischen Wandel in eine inklusive und nachhaltige Richtung zu lenken (z.B. Klerkx & Rose, 2020).
Dieselbe Technologie kann sehr unterschiedliche Ergebnisse hervorbringen, abhängig davon, in welche sozialen und wirtschaftlichen Strukturen sie eingebettet ist. Ein genossenschaftlicher Drohnendienst, der Kleinbauern unterstützt, kann ganz andere Folgen haben als ein Modell, das von Agrochemiehändlern und großen Agrarkonzernen kontrolliert wird – und denen es darum geht, Betriebsmittel zu verkaufen und die Daten der Landwirte zu erfassen. Daher sind Fragen zu Eigentumsverhältnissen und Geschäftsmodellen sowie zur Entwicklung von Wissen und Fähigkeiten der Landwirte, zur Datenkontrolle, Datenhoheit und Marktkonzentration außerordentlich wichtig.
Das Gleiche gilt für die Umweltpolitik. Ohne wirksame Vorschriften können Drohnen zur Intensivierung des Pestizideinsatzes beitragen und neue Umweltprobleme verursachen, beispielsweise durch das vermehrte Verwehen von Chemikalien. In einem solchen Szenario können Drohnen die Probleme der input-intensiven Landwirtschaft eher beschleunigen als verbessern.
Eine zweite Möglichkeit ist eher ambivalent. Begleitet von geeigneten politischen Maßnahmen und technologischen Verbesserungen – wie strengeren Vorschriften für Pestizide, verbindlichen Schulungen zum integrierten Pflanzenschutz oder Fortschritten bei der Präzisionssprühtechnik – könnten Drohnen dazu beitragen, den Einsatz von Betriebsmitteln auf das Notwendige zu reduzieren und die direkte Chemikalienbelastung der Landwirte zu verringern. Damit könnten Effizienz und Arbeitsschutz eindeutig gesteigert werden. Es könnte aber langfristig ein Landwirtschaftsmodell stärken, das grundsätzlich von agrochemischen Betriebsmitteln abhängt. Mit anderen Worten: Drohnen könnten die industrielle Landwirtschaft optimieren, ohne sie grundlegend zu transformieren.
Ein dritter Weg könnte zu einem grundlegenderen Systemwandel führen. Mit anderen rechtlichen, institutionellen und innovationsbezogenen Vorkehrungen könnten Drohnen umfassendere systemische Veränderungen hin zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft erleichtern. So könnten sie agrarökologische Anbaumethoden unterstützen, indem sie gezielt biologische Schädlingsbekämpfungsmittel oder organische Düngemittel ausbringen, Zwischenfrüchte aussäen, oder Pflanzenstress, Bodenfeuchtigkeit und Schädlingsbefall überwachen. In Kombination mit Frühwarnsystemen und unabhängigen Beratungsdiensten könnten solche Einsätze Landwirten helfen, komplexe ökologische Herausforderungen zu bewältigen, anstatt lediglich den intensiven Einsatz chemischer Mittel zu verstärken.
Generell sind demokratische Debatten und öffentliche Kontrolle also erforderlich, um sicherzustellen, dass die Zukunft der Landwirtschaft im Drohnenzeitalter nicht nur von den Interessen der Technologieunternehmen und der Agrarindustrie bestimmt wird, sondern auch davon, welche Art von Landwirtschaft Mensch und Gesellschaft tatsächlich befürworten.
Literatur:
Adel A. et al. (2026). Drones-of-the-Future in Agriculture 5.0 - Automation, integration, and optimisation. Agricultural Systems, 231, 104543
Belton B. et al. (2026). The rapid global rise of agricultural drones: Evidence, drivers, impacts and an agenda for future research. Global Food Security, 48, 100897
Belton B. et al. (2025). Can the global drone revolution make agriculture more sustainable?. Science, 389(6764), 972-976
Carolan, M. (2020). Automated agrifood futures: Robotics, labor and the distributive politics of digital agriculture. The Journal of Peasant Studies, 47(1), 184-207
Danaher, J. (2022). Techno-optimism: An analysis, an evaluation and a modest defence. Philosophy & Technology, 35(2), 54.
Daum T. (2025). Digitalization and skills in agriculture. Outlook on Agriculture, 54(2), 171-181
Daum, T., Baudron, F., Birner, R., Qaim, M., & Grass, I. (2023). Addressing agricultural labour issues is key to biodiversity-smart farming. Biological Conservation, 284, 110165.
Daum T. (2021) Farm robots: ecological utopia or dystopia?. Trends in Ecology & Evolution, 36(9), 774-777
Klerkx L. & Rose D. (2020) Dealing with the game-changing technologies of Agriculture 4.0: How do we manage diversity and responsibility in food system transition pathways?. Global Food Security, 24, 100347
Orjuela-Ramirez, G., Zuluaga, J. C., Gonzalez, C., & Mockshell, J. (2025). Lock-in and power in agrifood systems: a literature review and analytical framework. Agroecology and Sustainable Food Systems, 1-22.
Quan X. et al. (2024). The determinants of unmanned aerial vehicle (UAV) adoption and status quo of UAV-based pattern management in Chinese agriculture: insights from expert interviews. agricultural engineering.eu, 79(3)


