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  • Agrar- & Ernährungspolitik
  • 08/2020
  • Dr. Thomas Daum

Wie Jugendliche in Afrika ihre Zukunft in der Landwirtschaft sehen

Zwischen attraktiv und mühsam: Das Bild Jugendlicher von einer Zukunft auf dem Land ist nicht so schlecht wie oftmals angenommen.

Ein besseres Haus ist allen wichtig. Ein Forschungsprojekt der Uni Hohenheim ließ junge Menschen in Sambia ihre Vision von einem besseren Leben in der Landwirtschaft zeichnen. © Daum

12 Millionen Jugendliche drängen jedes Jahr auf den afrikanischen Arbeitsmarkt. Die Landwirtschaft könnte genügend Jobs schaffen, gilt aber als unattraktiv. Deswegen fordern Politik und Entwicklungsakteure moderne Technologien wie Traktoren und Apps. Aber was wollen die Jugendlichen?

Helene, vierzehn Jahre, lebt in Zozwe, einem Dorf im Osten von Sambia. Ihre Familie besitzt zwei Hektar Land. Mehr können sie in Handarbeit ohnehin nicht bewirtschaften. Was denkt Helene über die Landwirtschaft? “Ich mag die Landwirtschaft", sagt sie. "Ich will reich werden mit der Landwirtschaft“

Helene ist eine von 53 Jugendlichen in Sambia, die ich mithilfe von Tiefeninterviews für eine Studie der Universität Hohenheim über ihre Perspektiven befragt habe. Die Studie zeigt, dass die Landwirtschaft, zumindest in Sambia, nicht so unattraktiv ist, wie oft angenommen. Knapp die Hälfte der Jugendlichen beschreibt sie als gut und profitabel. Viele sind stolz, auf dem Land zu leben – und vom Land. Ruth, 15 Jahre, sagt: „Wir müssen für nichts bezahlen, nicht den Mais, nicht das Land, nicht das Wasser und nicht die Mangos. Wir haben nahrhaftes Essen.“

Nicht alle sprechen so positiv. Manche finden die Landwirtschaft unattraktiv, mühsam und risikoreich, auch wegen des Klimawandels. Adam, 16 Jahre, sagt: „Andere Berufe haben ein gesichertes Einkommen. Landwirtschaft ist saisonal und auf Regen angewiesen.“ Adam will lieber Lehrer werden. Die bekommen ein regelmäßiges Gehalt von der Regierung. Sein Freund Noah, 17 Jahre, sagt dagegen: „Die Arbeit ist mühsam. Man bekommt ledrige Haut und wird alt.“

Jugend sucht den Mittelweg

In den Gesprächen entsteht ein vielseitiges Bild. Manche sehen in der Landwirtschaft ihre Zukunft, andere wollen sie hinter sich lassen. Die meisten suchen einen Mittelweg: Sie wollen nicht nur, aber auch Landwirtschaft betreiben. Sie wollen Lehrer werden oder Ärzte, einen Frisörsalon führen oder einen Handwerksbetrieb. Und gleichzeitig einen Hof bewirtschaften.

In einer Folgestudie mit 187 Jugendlichen geben 33 Prozent an, sie wollten Vollzeitlandwirte werden. 40 Prozent ziehen die Teilzeit-Variante vor. Nur 27 Prozent wollen die Landwirtschaft hinter sich lassen. Denken Jugendliche in anderen Ländern in Afrika auch so?

In Kenia kommt eine Studie der Universität Hohenheim und dem World Agroforestry Center (ICRAF) mit Jugendlichen aus 261 Haushalten zu ähnlichen Ergebnissen. Die oft gestellte Frage „Landwirtschaft: ja oder nein?“ bejahen nur 22 Prozent. Allerdings sind das künstliche Extreme, die keinen Mittelweg zulassen. Offen gefragt, welchen Anteil die Landwirtschaft in ihrem Leben spielen soll, sehen viele Jugendliche, die an der Studie teilnahmen, eine bedeutende Rolle. Ein Junge, 16 Jahre, sagt: “Ich möchte meine Ausbildung fortsetzen und träume davon, Arzt zu werden. Dann kann ich Land kaufen und Viehzucht betreiben.”

 

Eine Schulklasse im Dorf Zozwe: Nur jeder Vierte will von der Landwirtschaft gar nichts wissen. © Sabina Cato

Dass ein Großteil der Jugendlichen in Afrika vielfältige Strategien zum Lebensunterhalt anstreben, findet auch eine Studie der Universität Kopenhagen in Sambia und Uganda. In diesen Strategien ist die Landwirtschaft eine von mehreren Einkommensquellen. Mehrere Standbeine helfen, Risiken zu reduzieren und die Resilienz zu steigern.

Viele Jugendliche sind pragmatisch. Eine globale Studie von Bioversity International in sieben Ländern (Indien, Philippinen, Marokko, Malawi, Mali und Nigeria) zeigt, dass sie große Träume haben, sie wollen Ärzte werden und Krankenpfleger, Lehrer und Polizisten. Die Studie zeigt aber auch, dass sie oftmals wissen, dass die meisten anderen Jugendlichen in ihren Dörfern nach der Schule Landwirte werden.

In Sambia sagt Noah, 17 Jahre: „Ich werde sehen, wie gut ich in der Schule abschneide. Wenn ich es gut mache, werde ich Lehrer, Arzt oder Polizist. Wenn nicht, werde ich weiter Landwirtschaft betreiben.”  In dem Zitat von Noah, liegt die Zukunft scheinbar in seiner Hand. Oft sind es aber Faktoren außerhalb des Einflussbereiches der Jugendlichen, die ihre Zukunft bestimmen.

 

Zukunftsbilder: Die perfekte Farm in den Augen eines 16-Jährigen im Osten von Sambia. © Daum

Besitzen die Eltern Traktoren oder müssen die Kinder auf den Feldern mithelfen? Haben sie genug Geld für die Schule? Gibt es Verwandte in der Stadt? Und: Gibt es überhaupt genug Land? In Äthiopien können viele Jugendliche – selbst wenn sie wollen – gar keine Landwirte werden. Landknappheit treibt sie aus den Dörfern. Das zeigt eine Studie der norwegischen Universität für Biowissenschaften.

Ein anderer Faktor ist das Geschlecht. In der oben genannten Studie in Sambia unter 187 Jugendlichen wollen 27 Prozent die Landwirtschaft gänzlich hinter sich lassen. Betrachtet man Jungen und Mädchen aber getrennt, dann zeigt sich, dass dies 14 Prozent der Jungen wollen, aber 40 Prozent der Mädchen. Sie haben einen schlechteren Zugang zu Land und beschreiben die landwirtschaftliche Arbeit als besonders mühsam. Ein Beruf außerhalb der Landwirtschaft bedeutet insbesondere für Mädchen auch Ermächtigung (Empowerment).

 

Eine Zeichnung der jungen Mariana in Zozwe. Sie wünscht sich einen Brunnen vor dem Haus und kurze Wege. © Daum

Die Jugendlichen sind aber nicht nur passive Spielbälle. Das zeigt eine Studie der “African Rights Initiative International“ in Ghana, Tansania und Simbabwe. Die Studie macht deutlich, wie hingebungsvoll und kreativ viele Jugendliche das Schicksal in die Hand nehmen, einen Lebensunterhalt aufbauen, mit verschiedenen Einkommenszweigen jonglieren, nach Schocks wieder aufstehen. Und all das im ländlichen Raum. „Bemerkenswerterweise spielte die Abwanderung aus dem ländlichen Raum in den Zukunftsvorstellungen kaum eine Rolle“, heißt es in dieser Studie.

Wider den Mythos Landflucht

Dem Mythos der Landflucht widerspricht auch die ICRAF-Studie in Kenya: 75 Prozent der befragten Jugendlichen wollen auf dem Land bleiben. In Sambia sehen sich knapp die Hälfte mit ihren Dörfern verhaftet. Dort sind sie unabhängig, dort sind Familie und Freunde. Das Stadtleben betrachten viele sogar als schlecht, gekennzeichnet von Schmutz und Kriminalität. Talunsa, 15 Jahre, sagt: "In der Stadt sind die Leute vergiftet von Alkohol und Kämpfen“.

Klar ist aber auch, dass nicht alle so denken. Manche Jugendliche wollen weg aus den Dörfern. Selbst wenn sie selbst nie in der Stadt gewesen sind, bekommen sie doch mit, was Freunde erzählen. Manchmal sehen sie auch Seifenopern über das Leben in den Städten auf den Bildschirmen von Smartphones und Fernsehgeräten. Patrick, 13 Jahre sagt: „In der Stadt müssen sie nie arbeiten. Sie bleiben zu Hause und unterhalten sich nur und essen viele Würste.“

Einige Jungen aus der Studie in Zozwe: Ihre Vorstellungen vom Leben in der Stadt gehen auseinander. © Hannes Buchwald

Während Talunsa und Patrick wissen, wo sie einmal wohnen wollen, hat ein Großteil der Jugendlichen noch keine festen Pläne. In einer SMS-basierten Studie unter 10,000 Jugendlichen in Afrika vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) antworteten auf die Frage, wo sie in fünf Jahren leben wollten, auf dem Land oder in der Stadt, 52 Prozent mit „es hängt davon ab“.

Das macht Hoffnung, ist aber auch ein Aufruf. Der ländliche Raum kann attraktiv sein, wenn die richtigen Bedingungen geschaffen werden. Moderne technische Mittel wie Traktoren und Apps für das Smartphone spielen dafür eine Rolle. Aber es braucht mehr als das.

Die "perfekte Farm" gemalt

In Sambia habe ich Jugendliche in Schulen ihre “perfekte Farm” malen lassen. So konnten sie frei und ohne beeinflussende Interviewfragen ihre Vorstellungen ausdrücken. Statt Traktoren und Apps zeigen die Bilder Zugtiere und Bäume, Gemüsebeete und Obsthaine und Tiere. Die Bilder der Mädchen zeigen oftmals Brunnen. Ein besseres Haus wollen viele haben.

 

Top 10 Elemente der perfekten Farm

Jungen (Prozent)

Mädchen (Prozent)

Besseres Haus (37)

Besseres Haus (49)

Cash Crops (29)

Cash Crops (43)

Zugtiere (25)

Brunnen (30)

Rinder und Milchkühe (22)

Hühner (29)

Brunnen (19)

Gemüseanbau (27)

Hühner (16)

Bäume (22)

Bäume (14)

Obsthaine (21)

Autos (14)

Zugtiere (19)

Gemüseanbau (13)

Rinder und Milchkühe (17)

Elektrizität (8)

Handarbeitswerkzeuge (13)

Es sind scheinbar einfache Dinge, die aber einen beträchtlichen Unterschied in der Lebensqualität machen können: Brunnen und Solarpanele, Zugtiere, oftmals eine Milchkuh, ein paar Hühner, Technologie für den Gemüseanbau. Dabei sind allerdings nicht allein materielle Faktoren von Bedeutung. In den Bildern und den dazugehörigen Folgeinterviews zeigt sich, dass für eine attraktive Landwirtschaft alle drei Säulen von Nachhaltigkeit bedacht werden müssen: die ökonomische, ökologische und soziale.

Ein besseres Haus soll möglich sein, dafür braucht es eine Steigerung der Farmproduktion und Sicherungsnetze gegen Risiken wie den Klimawandel. Aber die Landwirtschaft soll auch gut für die Umwelt sein, soziale Netzwerke sind wichtig, für Mädchen ist Ermächtigung entscheidend.

Selbst wenn das gelingt, werden auch in Zukunft manche Jugendliche die Landwirtschaft hinter sich lassen wollen. Das ist in Deutschland nicht anders, und das ist auch nicht schlecht. Aber so bekäme die Landwirtschaft eine faire Chance. Als Job-Motor ist sie bis auf weiteres unerlässlich.

Thomas Daum, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Agrarwissenschaften der Universität Hohenheim.
Dr. Thomas Daum Universität Hohenheim, Institut für Tropische Agrarwissenschaften
Letzte Aktualisierung 30.10.2020

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