Wie Indiens Bundesstaat Kerala extreme Armut und Hunger besiegte
Das Modell zeigt Erfolg trotz vieler Widrigkeiten. Doch es gibt Abzüge in der Nachhaltigkeitsnote.
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Am 69. Jahrestag der Staatsgründung verkündete die Regierung von Kerala 2025 den Erfolg des indischen Bundesstaates bei der Beseitigung extremer Armut und Hunger. Kritiker taten diese Verkündung als Wahlkampfmanöver und oberflächlich ab. Doch das Erreichte geht auf eine bahnbrechende Initiative zurück, die im Jahr 2021 unter dem Titel „Extreme Poverty Eradication Programme” (EPEP) ins Leben gerufen wurde. Und der Erfolg unterstreicht den Ausnahmecharakter des Kerala-Modells: Trotz hohem Haushaltsdefizit, begrenzter industrieller Entwicklung und Abhängigkeit von Lebensmittelimporten schaffte es der Bundesstaat, seine Sozialindikatoren zu verbessern – und als erster Bundesstaat Indiens diesen Meilenstein zu erreichen.
Die Umsetzung der Initiative beruhte auf kollektiven Bemühungen auf Graswurzelebene, die von lokalen Selbstverwaltungsorganen getragen werden, und der Zusammenarbeit mehrerer Behörden. Als zentrale Durchführungsbehörde fungiert Kudumbashree (1) (eine weit verzweigte staatliche Mission zur Beseitigung der Armut), die ein umfangreiches Netzwerk von Nachbarschaftsgruppen (NHGs) nutzt. Darüber hinaus arbeiteten das Ministerium für zivile Versorgung, das Gesundheitsministerium und das Ministerium für soziale Gerechtigkeit der Landesregierung gemeinsam an ein- und demselben Ziel.
In der Herangehensweise wurde ein multidimensionaler Ansatz vervolgt, der Indikatoren wie Ernährung, Gesundheit, Einkommen und Wohnsituation zur Definition des Armutsstatus umfasste. Mit Hilfe verschiedener Freiwilliger aus den Gemeinden und Kudumbashree-Mitarbeitern wurden Tür-zu-Tür-Befragungen durchgeführt, um einen strengen Validierungsprozess zu gewährleisten. Die Listen der Kategorie „extreme Armut” wurden von den lokalen Dorfversammlungen überprüft und abgesegnet, um ein hohes Maß an Inklusion sicherzustellen. Ausgehend von der Bevölkerungsprognose für Kerala für 2022-23 wurden rund 64.006 Familien der Liste der extremen Armut zugeordnet.
Über bekannte Programme hinaus
Es waren dringend gezieltere Sozialhilfeprogramme – über die üblichen Programme hinaus – erforderlich, um die gelisteten Begünstigten zu unterstützen und ihnen zu helfen. Denn mit Blick auf die Erhebungsindikatoren gab es keine einfachen Lösungen: So konnte eine gelistete Familie über Wohnraum verfügen, aber keinen Zugang zu Nahrungsmitteln oder ausreichenden Gesundheitseinrichtungen haben, und umgekehrt. Solche Situationen konnten nicht mit einer einzigen Lösung angegangen werden. So wurden mittellose Familien ohne Obdach im Rahmen der LIFE Mission, einer Initiative des Bundesstaates für bezahlbaren Wohnraum, vorrangig behandelt. Ebenso erhielten Menschen mit chronischen Erkrankungen eine verbesserte medizinische und palliative Versorgung. Somit waren Maßnahmen zur Bekämpfung der Ursachen der Mittellosigkeit wirksamer, weil sie sehr spezifisch waren.
Besonders gefährdet sind Familien in der Kategorie 'ohne relevante Dokumente', weil ihnen damit der Zugang zum Öffentlichen Verteilungssystem (PDS) und anderen Leistungen verwehrt bleibt. Sein Schwerpunkt liegt darauf, Ernährungssicherheit durch die Bereitstellung von Grundnahrungsmitteln und Getreide zu subventionierten Preisen zu gewährleisten. Das System umfasst auch eine Vorratslagerhaltung, die von zentralen Stellen wie der Food Corporation of India unterhalten wird, und Arme vor negativen Schwankungen der Marktpreise schützen kann. In einer eigenen Kampagne begann die Regierung, solche gefährdeten Gruppen mit Dokumenten auszustatten, damit sie Zugang zu Leistungen wie kostenlosen Getreideprodukten, aber auch zu Sozialversicherung und Krankenversicherung erhalten. In der Folge wurden rund 21.263 Menschen in das System aufgenommen: Sie erhielten relevante Dokumente wie den offiziellen Aadhaar-Ausweis oder Rationskarten und damit den Schlüssel zu verschiedenen Sozialleistungen.
Klimawandel bedroht Erfolge der Ernährungssicherheit
Bei der Bekämpfung des Hungers hat das Kerala-Modell zu guten und weniger guten Ergebnissen geführt. Der Bundesstaat ermöglichte bereits Lösungen wie Gemeinschaftsküchen, die nahrhafte Mahlzeiten zu subventionierten Preisen anbieten müssen. Dazu gibt es PDS und das Civil Supplies Department, welche beide Lebensmittel unter Marktpreisen bereitstellen. All die Unterstützung mag unter normalen Umständen funktionieren. Doch können Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, von denen Kerala in letzter Zeit häufiger betroffen ist, die Versorgung rapide verschlechtern. Die Lieferkette wird unterbrochen, und die Kosten für wichtige Getreidesorten und Gemüse steigen. Familien, die extreme Armut und Hunger überwunden hatten, fallen wieder in die Notlage zurück. Anfällig für Störungen ist das System auch, wenn die Zentralregierung in Neu Delhi zugeteilte Getreidemengen oder finanzielle Hilfe kürzt.
Der vielleicht bemerkenswerteste Aspekt der Errungenschaften Keralas liegt darin, dass es zwar den Hunger zurückgedrängt hat, aber dies in einem Bundesstaat geschah, dessen Verbraucher zugleich für Getreide und Gemüse auf Nachbarn wie Andhra Pradesh und Tamil Nadu angewiesen ist. So gelang die Strategie zwar hinsichtlich der Verteilung von Nahrung. Doch sie scheiterte bei der Selbstversorgung in der Landwirtschaft, was Fragen zu ihrer langfristigen Tragfähigkeit aufwirft – insbesondere angesichts von Herausforderungen wie dem Klimawandel. Die landwirtschaftliche Produktion ist mit drastischen Klimaveränderungen, Bodendegradation und erhöhten Arbeitskosten konfrontiert.
Um die Widerstandskraft zu stärken und Existenzgrundlagen zu schützen, hat der Bundesstaat mit der Weltbank eine Vereinbarung über das Kerala Climate Resilient Agri-Value Chain Modernisation Project (KERA) geschlossen. Besonders die Arbeitskosten stellen die kommerzielle landwirtschaftliche Produktion im Bundesstaat vor große Herausforderungen. Laut dem jüngsten Bericht der Reserve Bank of India (RBI) sind sie die höchsten auf dem indischen Subkontinent. Ein Arbeiter verlangt für einen Arbeitstag etwa 1.300 indische Rupien (12-13 Euro), was für Kleinbauern unwirtschaftlich ist. Je nach Verfügbarkeit und Nachfrage kann der Satz noch steigen. Die lukrativen Aussichten, gute Überweisungen nach Hause schicken zu können, ziehen eine große Zahl von Wanderarbeitern aus ostindischen Bundesstaaten wie Westbengalen nach Kerala.
So bezieht Kerala als einer der ersten Bundesstaaten des Landes auch Wanderarbeiter in seine Sozialversicherungsprogramme mit ein. Diese Gruppen werden auch in der Armutsstudie berücksichtigt, da sie zu einer wichtigen Kraft und einem integralen Bestandteil der Wirtschaft geworden sind. Obwohl ein Wanderarbeiter monatlich 30.000 Rupien und mehr verdienen kann – mehr als das Einstiegsgehalt für Hochschulabsolventen im öffentlichen und privaten Sektor –, die Kinder die bestmögliche staatliche Bildung erhalten und von einem der am besten bewerteten Gesundheitssysteme profitieren können, so decken die Zuteilungen aus dem PDS zwar ihre Bedürfnisse. Doch sie entsprechen nicht notwendigerweise ihrer Kultur. So ist die Präferenz eines Wanderarbeiters aus dem Norden eher für Weizen und Hülsenfrüchte. Da diese in einem südlichen Bundesstaat nicht zu den Hauptnahrungsmitteln gehören, muss er mehr dafür ausgeben und verliert an Kaufkraft.
Fazit – versteckte Kosten
Dies bringt uns zu den versteckten Kosten des Kerala-Modells. Umfassende Aktionspläne erfordern immense Sozialausgaben, wollen sie eine nachhaltige Wirkung entfalten. Wohl weisen die sozio-ökonomischen Entwicklungsindizes einen positiven Trend auf, doch übersteigen die Ausgaben des Bundesstaates seine Einnahmen. Hinzu kommen von der Zentralregierung auferlegte Verschuldungsgrenzen, die den finanziellen Spielraum zusätzlich einschränken.
Das Kerala-Modell wird in Entwicklungsindizes häufig mit entwickelten Ländern verglichen – und der indische Bundesstaat hat die erste Phase auf dem Weg zu einer Zukunft ohne Hunger (SDG 2) erfolgreich abgeschlossen. So mag es global als nachahmenswert für die Verbesserung des Lebensstandards gelten, doch muss an einer erhöhten Nachhaltigkeit gearbeitet werden: in der landwirtschaftlichen Produktion, der Stärkung der Widerstandsfähigkeit gegenüber dramatischen Klimaveränderungen und durch bessere Investitionen für das Wirtschaftswachstum. Es reicht nicht, sich überwiegend auf importierte Lebensmittel und Überweisungen von Migranten außerhalb des Bundesstaates zu verlassen.
Dr. Archana Raghavan Sathyan ist Assistenzprofessorin an der Kerala Agricultural University und Forschungsbotschafterin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (Südasien).
Ganesh Siva Prasad ist studentischer Mitarbeiter im Bildungsprojekt für international vernetzte digitale Klassenzimmer.
Fußnote:
(1) Kudumbashree ist eine Initiative der staatlichen Mission zur Armutsbekämpfung, die der Regierung von Kerala unterstellt ist. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf der Verringerung der Armut durch die Stärkung der Rolle der Frau.


