Wie die Exportlandschaft von Düngemitteln sich global verändert hat
Verschiedene Einflüsse beeinflussen die Versorgungskette von Düngemitteln – darunter auch geopolitische.
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Für ihre Entwicklung und ihr Wachstum benötigen Pflanzen neben Wasser auch Nährstoffe wie Stickstoff, Phosphat oder Kalium und Spurenelemente wie Kupfer oder Zink. Düngemittel sind also für die landwirtschaftliche Produktion unverzichtbar und von großer Bedeutung für die weltweite Ernährungssicherheit.
Man unterscheidet bei Düngemitteln u.a. zwischen organischem und synthetischem Dünger. Letzterer wird auch als mineralischer Dünger bezeichnet.
Herstellung, Lagerung und Ausbringung des mineralischen Düngers können laut Bundesumweltamt mit schwerwiegenden Beeinträchtigungen der Umwelt verbunden sein: Zur Herstellung von synthetischen Düngemitteln wird ein hoher Energieaufwand benötigt, was nicht nur Ressourcen verbraucht, sondern auch mit der Emission von Treibhausgasen einhergeht – vor allem beim Einsatz von Stickstoffdüngern. Stickstoff und Phosphor können sich negativ auf die Bodenfruchtbarkeit und die Qualität der Gewässer auswirken, Ammoniakemissionen beim Einsatz von Stickstoffdünger können die Luftqualität beeinträchtigen. Einige Düngemittel enthalten nicht benötigte Schwermetalle, die von Pflanzen und Tieren aufgenommen werden und so in die Nahrungskette gelangen.
Die Bedeutung von mineralischen Düngemitteln im globalen Agrarsystem hat in den vergangenen 60 Jahren dramatisch zugenommen. Ihr Verbrauch hat sich in diesem Zeitraum mehr als versechsfacht, nämlich von 31 Megatonnen 1961 auf 195 Megatonnen 2021. Davon entfallen 60 Prozent auf stickstoffbasierte Düngemittel, während phosphor- und kaliumhaltige Dünger jeweils ein Fünftel des Düngemittelverbrauchs ausmachen.
Gleichzeitig sind die Düngemittelmärkte eng mit einer sich wandelnden geopolitischen Landschaft verbunden – und den durch den Krieg in der Ukraine sowie aktuell durch die Blockade der Straße von Hormus verursachten Störungen. Wenig ist jedoch über die Wechselwirkungen zwischen den unterschiedlichen Einflüssen und Variablen in der globalen Düngemittelversorgungskette erforscht. Genau dies hat eine im vergangenen Jahr erschienene Studie zum Ziel, der auch die Daten für die Grafik entnommen wurden.
Die Studie beschreibt die Neugestaltung der Düngemittellandschaft, die von miteinander verflochtenen Triebkräften vollzogen wird. Dazu zählen das zunehmende Streben nach einer sicheren Düngemittelversorgung, die Bemühungen zur Dekarbonisierung der Produktion mit lokalen erneuerbaren Energieträgern sowie Versuche einer industriellen Modernisierung – und eben geopolitische Ziele.
Aus der Grafik lässt sich ablesen, wie dramatisch sich der Düngermarkt seit dem Jahr 2000 verändert hat. Während Russland seine Position als größter Düngemittelexporteur noch ausbauen konnte und Chinas Exporte sehr stark wuchsen, verloren die meisten anderen Länder Exportmarktanteile. Eine Ausnahme ist Marokko, das seine Position verbessern konnte; das Land verfügt über den mit Abstand größten Teil der bekannten Reserven von Phosphatgestein (teilweise auch in der besetzten Westsahara). Erste Zahlen für das Jahr 2025 sehen Russland als immer noch größten Exporteur, gefolgt von China, Marokko, Kanada und Saudi-Arabien. Die größten Importeure waren 2022 Brasilien, Indien und die USA.
Durch den Krieg in der Ukraine und die Blockade der Straße von Hormus sind die Düngemittelpreise stark gestiegen; erwartet wird 2026 ein Anstieg von mehr als 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr; bei Harnstoff, einem wichtigen Stickstoffdünger, vermutlich noch mehr. Der Anbau von Pflanzen wie Reis, Mais und Weizen ist besonders harnstoffintensiv verglichen mit Ölsaaten oder Hülsenfrüchten. Die Reisernte ist demnach von den dominanten Kulturen am meisten gefährdet. Teile Asiens, Brasilien und Australien sind besonders auf Importe von Dünger und Dünger-Inputs aus dem Persischen Golf angewiesen.
Gefährdet wird die Ernährungssicherheit aber vor allem in einkommensschwachen Ländern, weil die Landwirte dort finanziell weniger in der Lage sind, Dünger weiter zu nutzen. Insbesondere in Afrika und Lateinamerika ist die Abhängigkeit von Düngemittelimporten hoch, was derzeit zu ernsten Versorgungsproblemen führt. In vielen Ländern mit niedrigem Einkommen geht die Importabhängigkeit mit einem geringen Düngemitteleinsatz pro Hektar Anbaufläche einher. Afrika etwa besitzt 17 Prozent der weltweiten Anbaufläche, auf afrikanische Landwirte entfallen aber nur 4 Prozent des Düngemitteleinsatzes. Entsprechend niedrig sind die Erträge. Afrika verbraucht die geringste Menge an synthetischen Düngemitteln, exportiert aber erhebliche Mengen. 85 Prozent der Düngemittelexporte großer afrikanischer Produzenten wie Marokko, Nigeria und Ägypten gehen in andere Teile der Welt, vor allem nach Südamerika und Europa.
Die Düngemittelkrise wird auch dadurch verschärft, dass China als weltweit zweitgrößter Exporteur aktuell die Ausfuhr von Düngemitteln drastisch eingeschränkt hat, um die nationale Versorgung für die Frühjahrsaussaat zu sichern. Das trifft insbesondere Indien, den weltweit größten Importeur von Harnstoff.
Die Blockade der Straße von Hormus macht erneut auf die extreme Importabhängigkeit Sub-Sahara Afrikas bei Dünger aufmerksam; weil es fast komplett (bis zu 90 Prozent) seines begrenzten Bedarfs von außerhalb bezieht. Die niedrige Produktion und die hohen Inlandstransportkosten machen Dünger dort zu einem der teuersten weltweit.
Malawi hat nach den Worten Olivier De Schutters, des UN-Sonderberichterstatters zu extremer Armut und Menschenrechten, 52 Prozent seines Düngers aus der Region am Persischen Golf bezogen, Tansania und Pakistan jeweils 31 Prozent, Uganda 27 Prozent und Indien 25 Prozent. „Es ist bereits klar, dass die Nahrungsmittelproduktion im Jahr 2027 in einer ganzen Reihe von Ländern zurückgehen wird, weil die Aussaat zwischen jetzt und Herbst mit höheren Düngemittelpreisen verbunden ist und viele Landwirte gezwungen sein werden, darauf zu verzichten“, so De Schutter gegenüber der Süddeutschen Zeitung.
Der Generaldirektor der Welternährungsorganisation FAO, Qu Dongyu, warnte bereits vor einer sehr ernsten Ernährungskrise in den kommenden Jahren und nannte die Entwicklungen „nicht nur eine geopolitische Krise, sondern einen systemischen Schock für den globalen Agrar- und Ernährungssektor.“
