Zwischen Hoffnung und Hindernis – Glauben und Ernährungssicherheit
Viele Religionen zielen auf die Bewahrung der Schöpfung. Doch ihre Traditionen prägen auch Essgewohnheiten – Normen können konstruktiv wie problematisch wirken.
Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.
„Eine Nation, die sich selbst ernähren kann, kann sich auch selbst wieder aufbauen.“ Zu diesem Schluss kommt Newton Waniba aus dem Südsudan. Er ist dort aufgewachsen, hat den Bürgerkrieg miterlebt und war mit seiner Familie über mehrere Jahre auf der Flucht – teilweise in Flüchtlingslagern. Diese Erfahrungen prägen bis heute seine Arbeit für kleinbäuerlichen Ackerbau – und sein Glaube spielt dabei eine wichtige Rolle. Kirchen und ihre Netzwerke sind zentrale Partner.
Die Frage, ob Religion einen Einfluss auf Ernährungssicherheit hat, beschäftigt mich – als Leiter eines internationalen Hilfsvereins und Partner von Newton – schon länger. Ich bin mit dem christlichen Glauben aufgewachsen und habe über die Jahre gelernt, meine eigenen Wurzeln kritisch zu hinterfragen – nicht, um sie abzulegen, sondern um besser zu verstehen, woran ich wirklich glaube und anderen Glaubensrichtungen offener begegnen zu können. Die Frage bleibt: Kann Glaube einen positiven Beitrag zu den Herausforderungen unserer Zeit leisten?
Nahrungsversorgung in religiösen Schriften
Fragen rund um Hunger und die Versorgung mit Nahrung sind in religiösen Traditionen keineswegs neu. Bereits in frühen religiösen Schriften wird davon erzählt. Ein bekanntes Beispiel ist die Geschichte von Josef, die sowohl im Buch Genesis der Bibel als auch in der zwölften Sure des Korans geschildert wird. Gott offenbart Josef, dass eine schwere Hungersnot über die Region kommen wird. Durch kluge Planung und Vorratshaltung gelingt es ihm, ganz Ägypten durch diese Krise zu führen. Trotz jahrelanger Trockenheit bleibt genügend Nahrung vorhanden.
Die Aufforderung, Hungernden zu helfen, ist ein zentraler Bestandteil vieler religiöser Traditionen. Die Fürsorge für Bedürftige gehört zu ihren grundlegenden moralischen Verpflichtungen.
Erfahrungen aus Studien
Für eine Mehrheit der Menschen in den Umfeldern vieler Entwicklungsprogramme sind Religion und Spiritualität integrative Bestandteile ihres ganzheitlich geprägten Weltbildes. Die in westlichen Gesellschaften verbreitete Trennung zwischen religiös und säkular ist ihnen häufig fremd.
Ernährung spielt seit jeher eine Rolle in religiösen Traditionen. Regeln darüber, was als rein oder unrein gilt, welche Lebensmittel erlaubt sind oder wie sie zubereitet werden dürfen, prägen vielerorts Essgewohnheiten. Auch Fastenzeiten gehören in vielen Religionen dazu. Religion beeinflusst daher nicht nur, was Menschen essen, sondern auch wie sie essen – und kann Ernährungssicherheit sowohl positiv als auch negativ beeinflussen. Sie beeinflusst auch kulturelle Praktiken wie Gastfreundschaft oder das Teilen von Nahrung innerhalb einer Gemeinschaft.
Problematisch kann es werden, wenn religiöse Normen darüber entscheiden, wer Zugang zu Nahrungsmitteln oder Unterstützungsleistungen erhält. Solche Mechanismen können zu ungleichen Verteilungen führen, etwa abhängig von sozialer Stellung, Glaubensrichtung, Geschlecht oder Alter.
Mehrere Studien zeigen zudem, dass religiöse Praktiken auch konkrete Auswirkungen auf landwirtschaftliche Produktion haben können. In Indien wurde beispielsweise festgestellt, dass landwirtschaftliche Erträge sinken können, wenn der Ramadan mit wichtigen Arbeitsphasen wie Aussaat oder Ernte zusammenfällt. Als mögliche Ursache wird eine geringere körperliche Leistungsfähigkeit durch Fasten diskutiert. In Madagaskar beeinflussen religiös begründete Tabus („Fady“), die eng mit der Ahnenverehrung verbunden sind, Arbeitsrhythmen und Entscheidungsprozesse in der Landwirtschaft. Innovationen werden dort nicht nur nach ihrer technischen Effizienz bewertet, sondern auch danach, ob sie mit religiösen Ordnungen vereinbar sind. Gleichzeitig können religiöse Traditionen auch positive ökologische Effekte haben: In Ghana weisen sogenannte heilige Wälder durch ihren Schutzstatus eine deutlich höhere Biodiversität sowie stabilere Wasser- und Bodenverhältnisse auf.
Indirekt können auch religiöse Positionen zu Fragen der Gleichberechtigung oder der Familienplanung Auswirkungen auf Ernährungssicherheit haben. Wenn Familien kleiner sind und Frauen stärker am wirtschaftlichen Leben teilnehmen können, stehen oft mehr Ressourcen pro Person zur Verfügung.
Ob Religion Ernährungssicherheit letztlich fördert oder behindert, hängt daher stark davon ab, wie sie interpretiert und gelebt wird. Unterstützt sie gemeinschaftliche Verantwortung, Wissenstransfer und gegenseitige Hilfe, kann sie eine wichtige Ressource sein. Religiöse Netzwerke können Menschen organisieren, Vertrauen schaffen und gemeinschaftliche Initiativen ermöglichen. Gleichzeitig kann Religion auch hinderlich wirken – etwa wenn Armut als unveränderlicher göttlicher Wille interpretiert wird, wenn religiöse Autoritäten Machtstrukturen stabilisieren, oder wenn Tabus und soziale Normen den Zugang zu Nahrung oder landwirtschaftlichen Innovationen einschränken. Entscheidend ist daher weniger die Religion selbst als vielmehr die Art und Weise, wie sie sich im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext auswirkt.
Erfahrungen aus der Praxis
Auch in unserer Arbeit von Global Food Garden Schweiz begegnen wir immer wieder der Frage, welche Rolle Religion im Zusammenhang mit Ernährungssicherheit spielt. Der 2023 gegründete Verein ist vor allem in Afrika aktiv undvermittelt vor allem online Wissen über wassersparende Gemüseanbaumethoden sowie Grundlagen des Unternehmertums in lokalen Ernährungssystemen. Die Fortbildungen – organisiert in Hybrid Education Hubs (HEH) – richten sich an Jugendliche, im Zentrum stehen Schulen und Gärten, um die sich weitere Ökosysteme bilden. Obwohl die Organisation noch jung ist, besteht ein langjähriger enger Austausch mit lokalen Initiativen und Multiplikatoren, die in ihrem oft schwierigen Umfeld Verantwortung übernehmen und Veränderungen anstoßen wollen.
In vielen dieser Kontexte zeigt sich, dass religiöse Überzeugungen für Menschen eine wichtige Motivation sein können, sich für ihre Gemeinschaft zu engagieren und langfristig Verantwortung zu übernehmen.
So lebt und erfährt es einer der Experten, die unsere Kurse in Afrika mitgestalten: Peder Wenderfors aus Schweden, Biobauer und Pastor, baut seit über 30 Jahren Gemüse an und begleitet Kleinbauern auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Für ihn ist das Land, das er bewirtschaftet, nicht einfach Besitz, sondern eine Gabe Gottes. Landwirtschaft bedeutet für ihn daher mehr als die Produktion von Lebensmitteln – sie ist Ausdruck von Verantwortung und Fürsorge für die Schöpfung. Das Land wurde bereits vor ihm bewirtschaftet und wird es auch nach ihm werden. Seine Aufgabe sieht er darin, es für eine begrenzte Zeit verantwortungsvoll zu verwalten, sodass auch zukünftige Generationen davon profitieren können. Sein Glaube fordert ihn heraus, mit Ressourcen maßvoll umzugehen. Gerade in Zeiten von Überschuss sieht er es als selbstverständlich an, Lebensmittel mit Menschen zu teilen, die sich diese sonst nicht leisten könnten.
Auch wissenschaftliche Studien weisen darauf hin, dass religiöse Traditionen solche Haltungen fördern können. Werte wie gemeinschaftliche Verantwortung, Fürsorge für Bedürftige und ein nachhaltiger Umgang mit natürlichen Ressourcen sind in vielen religiösen Traditionen verankert und können lokale Ernährungssysteme stärken.
Burundi
Auch in afrikanischen Kontexten spielt religiöse Motivation eine wichtige Rolle im Umgang mit Landwirtschaft und Ernährung. Schwester Yvonne, die den Schönstätter Marienschwestern angehört, mit Hauptsitz in Vallendar bei Koblenz, hat so eine Perspektive. Für sie bedeutet Glaube, bei der Nahrungsproduktion nicht nur an sich selbst zu denken. Ein Teil der Ernte wird bewusst weitergegeben – etwa durch den traditionellen Zehnten, der armen Menschen zugutekommt.
Neben ihrer landwirtschaftlichen Arbeit in Burundi engagiert sie sich in Kooperation mit Global Food Gardens auch in der Ausbildung von Menschen aus ihrer Umgebung. Dabei vermittelt sie praktische Kenntnisse zu wassersparenden Anbaumethoden und unterstützt Familien dabei, ihre eigene Lebensmittelproduktion zu verbessern. In einem Land, das immer wieder von politischen Spannungen geprägt war, sieht sie diese Arbeit auch als Beitrag zum sozialen Zusammenhalt. Für sie gehört zur religiösen Verantwortung auch die Sorge um das Wohlergehen der Gemeinschaft.
Eine Studie aus dem Jahr 2021 mit dem Titel Religion and Food Insecurity in the Time of COVID-19: Food Sovereignty for a Healthier Future zeigt, dass religiöse Organisationen in Krisenzeiten häufig eine entscheidende Rolle spielen. Glaubensbasierte Organisationen gehören oft zu den ersten Akteuren, die auf Hungerkrisen reagieren. Ihre tiefe lokale Verwurzelung, das Vertrauen der Bevölkerung und bestehende Gemeinschaftsnetzwerke ermöglichen es ihnen, schnell Hilfe zu organisieren.
Gerade in Situationen, in denen staatliche Institutionen überlastet sind oder ganz fehlen, übernehmen religiöse Gemeinschaften häufig eine alternative Rolle: Sie werden zu lokalen Strukturen der Versorgung, der gegenseitigen Unterstützung und der Organisation von Nahrungsmittelhilfe.
Südsudan
Ein Beispiel dafür ist die Arbeit von Newton Waniba im Südsudan. Der Unternehmer entwickelt mit einigen Gleichgesinnten und dem in Schweden gegründeten Partner Sustainable World Corporation im lokalen Hybrid Education Hub Weiterbildungsprogramme der Kirchengemeinde. Er verfolgt die Vision, durch Bildung der jungen Generation ein stabiles Fundament für Frieden aufzubauen. Der Ansatz verbindet klassische Schulbildung von Anfang an mit praktischer Berufsausbildung und unternehmerischen Fähigkeiten. Bei der Umsetzung setzt Newton bewusst auf Kirchen als zentrale Partner.
In seinem Kontext ist die Kirche weit mehr als ein Ort für Gottesdienste. Sie ist häufig die verlässlichste soziale Institution vor Ort – Trägerin von Bildung, Ort für Traumaheilung, Plattform für Versöhnungsarbeit und Zentrum gemeinschaftlicher Organisation. Gerade in ländlichen Regionen oder in Flüchtlingslagern ist sie oft die einzige Struktur, die Menschen aus verschiedenen Gruppen friedlich zusammenbringt. Wo staatliche Systeme fehlen, bleiben kirchliche Netzwerke als Vertrauens- und Organisationsräume bestehen. Über sie können landwirtschaftliche Trainings organisiert, Wissen weitergegeben und gemeinschaftliche Initiativen aufgebaut werden.
Für Newton ist der Zusammenhang zwischen Glauben und Landwirtschaft ausdrücklich gewollt. Für ihn verändert Glaube den Blick auf Land, Arbeit und Verantwortung. Landwirtschaft wird so von einer Strategie des Überlebens zu einem Beitrag für Frieden und Stabilität.
Demokratische Republik Kongo
Unsere Partnerin in der Demokratischen Republik Kongo hat selbst Krieg und Flucht erlebt. Für Nabintu Mujambere war der Glaube über viele Jahre hinweg ein zentraler Resilienzfaktor. Er gab Halt, Orientierung und Hoffnung in Zeiten großer Unsicherheit und wurde zu einer wichtigen Quelle psychischer Stabilität.
Dieser Glaube spielte auch bei einer wichtigen Lebensentscheidung eine Rolle: Trotz vieler Schwierigkeiten entschied sich Nabintu bewusst, nach der Flucht wieder in ihr Heimatland zurückzukehren und dort zu investieren. Mit ihrer Organisation Future Hope Africa arbeitet sie heute daran, Bildungs- und Ernährungsprojekte aufzubauen.
Gleichzeitig beobachtet sie in ihrem Umfeld auch problematische Formen religiöser Deutung. Manche Menschen warteten ausschließlich auf Gottes Versorgung, ohne selbst aktiv zu werden. Dürre oder Nahrungsmangel würden dann als Ausdruck des göttlichen Willens interpretiert – als etwas, dem man sich schlicht zu fügen habe.
Hier zeigt sich eine ambivalente Wirkung von Religion: Sie kann Resilienz stärken, aber auch schwächen, wenn sie als Legitimation für Passivität dient. Studien zur Rolle von Religion in Entwicklungsprozessen weisen auf diese Spannung hin. Religiöse Überzeugungen können Gemeinschaften mobilisieren und Solidarität stärken, zugleich können fatalistische Deutungen von Armut oder Krisen Eigeninitiative schwächen.
Religion als Ressource für Verantwortung
Der Global Food Garden unterstützt lokale Multiplikatoren wie Newton, Nabintu oder Schwester Yvonne vor allem durch Wissen, Ausbildung und Beratung. Gemeinsam mit ihnen und vielen anderen arbeiten wir an einer Vision: lokale Ernährungssysteme zu stärken und Menschen zu befähigen, ihre Zukunft selbst zu gestalten.
In dieser Arbeit erlebe ich Religion oft als wichtige Ressource. Vielen unserer Partner gibt sie Halt, Hoffnung und den Mut, auch unter schwierigen Bedingungen Verantwortung zu übernehmen. Sie kann Menschen eine Vision geben und den Durchhaltewillen stärken, um trotz Widerständen einen positiven Beitrag für ihre Gemeinschaft und ihr Land zu leisten.
Gleichzeitig bietet Religion oft eine gemeinsame Wertegrundlage für Zusammenarbeit. Man muss dabei nicht in allen Fragen einer Meinung sein, aber sie schafft einen Raum, in dem offen gesprochen und nach gemeinsamen Lösungen gesucht werden kann.
Meine Hoffnung ist, dass gelebter Glaube uns dabei auch demütig hält. So wie Peder es beschreibt: Das Land gehört letztlich nicht uns. Es ist uns nur für eine begrenzte Zeit anvertraut. Unsere Aufgabe ist es, so damit umzugehen, dass auch kommende Generationen davon leben können.



