Gender-Normen in Ernährungssystemen dreier Länder
Machtgefälle zwischen Geschlechtern beeinflussen Ernährungssicherheit und -qualität. Frauengruppen finden Auswege.
Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.
Man kann weltweite Wirtschaftsaktivitäten, insbesondere innerhalb von Ernährungssystemen, unter zwei sich ergänzenden Gesichtspunkten betrachten: zum einen Tätigkeiten, die vorrangig zur Produktionswirtschaft beitragen, und zum anderen Kräfte, die hauptsächlich in der reproduktiven Wirtschaft wirken. Während die erstere alle verkauften und gekauften Güter und Dienstleistungen umfasst, die direkt zum BIP beitragen, bezieht sich die zweite Kategorie auf Tätigkeiten, die den Lebensunterhalt von Menschen sichern – von der Pflege über die Kunst bis hin zur Bildung (Bakker 2007; Ume et al., 2022). Obwohl einige Aktivitäten zu beiden Wirtschaftszweigen beitragen können, lassen sich die meisten eindeutig dem einen oder beiden zuordnen und unterscheiden sich oft in ihren Zwecken.
Im Kontext von Ernährungssystemen umfassen reproduktive Funktionen beispielsweise die Bereitstellung von Mahlzeiten sowie die Versorgung ländlicher Gebiete mit Nahrungsmitteln. Der Ackerbau zum Zweck der Ernährungssicherheit von Haushalten und Gemeinschaften kann ihnen zugeordnet werden. Die Produktionswirtschaft spielt in den Systemen ebenfalls eine große Rolle und umfasst Tätigkeiten, die Waren für den Verkauf produzieren, oft fern der Erzeugungsregion. Die Produktionswirtschaft zielt auf die Schaffung von Einkommen, das akkumuliert und in weitere Ressourcen und Produktionsmittel investiert werden kann, was wiederum zu mehr Produktion und damit zu höherem Einkommen führt.
Die seit der Kolonialisierung anderer Weltregionen durch Europa vorherrschenden Geschlechterrollen verbinden Aktivitäten der Produktionswirtschaft in erster Linie mit Männern, und die der reproduktiven Wirtschaft mit Frauen. Geschlechterrollen sind nicht zwangsläufig negativ; sie können sich ergänzen und zu prosperierenden Gesellschaften führen. Problematisch wird es dann, wenn Machtgefälle entstehen, wo reproduktive und produktive Kräfte um Ressourcen konkurrieren. Mächtigere Akteure können leichter Ressourcen für ihre Zwecke mobilisieren – potenziell zum Nachteil der weniger Mächtigen. In diesen geschlechtsspezifischen Kontexten bedeutet das, dass Männer sich für die Produktionswirtschaft Ressourcen aneignen, die auch von Frauen für reproduktive Tätigkeiten benötigt werden.
Wir beobachten, dass die Produktionswirtschaft heute in Politik und Gesellschaft höher bewertet wird als die reproduktive Wirtschaft. Akteure der Produktionswirtschaft – meist Männer oder Staaten – sind mächtiger und nehmen sich Ressourcen, die sie brauchen. Frauen und andere Akteure der reproduktiven Wirtschaft verfügen am Ende für ihre Zwecke der Ernährung ihrer Familien und Gemeinschaften über weniger Ressourcen. Probleme der Ernährungssicherheit in ländlichen Gebieten sind oft das Ergebnis von Verhaltensweisen und politischen Instrumenten, die solche Gender-Normen erhalten, um produktive Ressourcen zu vereinnahmen und sie der Produktionswirtschaft zuzuführen. Das heißt, geschlechtsspezifische Normen und Institutionen können strukturell Ressourcen von Akteuren abziehen, die im Interesse der Ernährungssicherheit handeln, und sie jenen Akteuren oder Anbaumethoden zuweisen, deren Ziel die Produktion von Waren und der Beitrag zum BIP ist.
Dieser Artikel veranschaulicht diese Dynamik anhand von drei Beispielen aus zwei Kontinenten. Im dritten Beispiel wird gezeigt, wie Frauen mit anderen, am Anbau von Nahrungsmitteln für den Eigenverbrauch interessierten Akteuren diese strukturellen Hindernisse mithilfe agrarökologischer Praktiken überwinden.
Sorghum versus Mais in Kenia
In den Dörfern am Fuße des Mount Elgon in Kenia sorgen die Frauen für die Ernährung der Familie. Sie bauen Getreide an, das Land dafür gehört ihren Ehemännern. Diese sind dafür zuständig, die Familie finanziell zu versorgen. Sie sind in der Produktionswirtschaft tätig, von der eigenen landwirtschaftlichen Erzeugung bis hin zur Erwerbstätigkeit. Die wichtigste lokale Nutzpflanze ist Mais, den vor allem die Männer anbauen, um Geld zu verdienen. Auch Sorghum wird angebaut, meist von Frauen.
Bäuerinnen bezeichneten Sorghum in einer Fokusgruppe der Erstautorin 2019 – zum Abschluss eines von der Volkswagenstiftung finanzierten Mt-Elgon-Projekts – als ein kräftiges Nahrungsmittel, das sie besser ernährt als Mais. Sie bauen es hauptsächlich für sich und ihre Kinder an, aber auch etwas Mais für ihre Ehemänner, die das Getreide für besser halten. Sollte Land knapp werden, müssten Frauen unter Umständen die Anbaufläche oder den Arbeitsaufwand für ihre eigenen Tätigkeiten reduzieren, und Ressourcen würden in Produktionsaktivitäten umgeleitet.
Da Sorghum vom Feld bis auf den Teller mehr Verarbeitung erfordert und von Männern weniger geschätzt wird, scheint der Anbau nur als Nischenwirtschaft zu bestehen. Die Dominanz von Mais lässt sich also durch das Machtgefälle zwischen den Produktionsaktivitäten der Männer und den reproduktiven Tätigkeiten der Frauen erklären. Diese Dominanz kann Folgen für die Ernährung der Familie haben, da Mais weniger dürreresistent ist und zudem weniger Nährstoffe enthält als Sorghum.
Machismo und Land im Norden Kolumbiens
Geschlechterrollen sind in Kolumbien seit der Kolonialzeit so stark verfestigt, dass es nur sehr selten vorkommt, dass Frauen als Bäuerinnen tätig sind. Gleichzeitig sorgen auch hier die Frauen für die Ernährung und das Wohl der Familie. In Montes de María im Norden des Landes haben Frauen sich zu mehreren Gruppen zusammengeschlossen und agrarökologische Anbaumethoden eingeführt. Die Gruppe konnte mit Unterstützung einer ausländischen NGO (1) sogar Landnutzungsrechte für ihre Gemeinschaft sichern und arbeitet derzeit mit Kathleen Marún Uparela aus dem Forschungsteam der Erstautorin zusammen. Die Frauen wollen in erster Linie Nahrungsmittel für ihre Familien produzieren, verkaufen aber auch Überschüsse auf dem lokalen Markt an die Nachbarorte. Die Einnahmen investieren sie in Bildung und bessere Ernährung (z.B. Schulgebühren oder zur Anschaffung eines Kühlschranks).
Obwohl es diese Initiative schon seit über einem Jahrzehnt gibt, werden ihre landwirtschaftlichen Arbeiten von den Männern und der umliegenden Bauerngemeinschaft noch immer nicht akzeptiert. Den lokalen Geschlechternormen zufolge „gehören Frauen nicht“ auf die Felder. Außerdem delegitimieren die Männer die Frauen als Landwirtinnen, indem sie Agrarökologie als gute Anbaumethode anzweifeln und auf deren unordentliche und „schmutzige“ Felder zeigen – im Gegensatz zu ihren von Hecken, Schädlingen und Unkraut freien konventionellen Feldern.
Die Geschlechternormen rechtfertigen es letztendlich, dass männliche Landwirte weibliche Landwirtinnen und deren alternative Anbaumethoden ablehnen. Mehr noch: Seit der Gründung der Gruppe griffen Männer die Landnutzung der Frauen vielfach gewalttätig an, unter anderem drangen sie in das Land ein, stahlen Ernteerträge und übten sogar körperliche und sexuelle Gewalt aus. Dies lässt darauf schließen, dass Männer die Kontrolle über Produktionsressourcen und -prozesse bewahren wollen – zum Nachteil der Ernährung von Frauen, der Natur und der Nahrungsversorgung von Familien und Gemeinschaften.
Agrarökologisches Ernährungssystem in Nigeria
Die Nahrungsmittelproduktion in Nigeria hat in den letzten Jahrzehnten erheblich zugenommen, ohne dass sich jedoch die Ernährungssicherheit in ländlichen Gebieten verbessert hätte (Ume, C.O., 2023). Die politischen Maßnahmen haben die landwirtschaftliche Produktion in ländlichen Gebieten auf die Erzeugung von Handelsgütern ausgerichtet, insbesondere zur Versorgung der städtischen Verbraucher und zur Schaffung von Erträgen. Daran knüpft die Regierung auch die Vergabe subventionierter Betriebsmittel oder den Zugang zu Land. Staatliche Beratungsstellen zielen mit ihrer Kommunikation meist auf männliche Landwirte und fördern konventionelle Anbaumethoden, die auf staatlich bereitgestellte Betriebsmittel und Saatgut für kommerzielle Nutzpflanzen setzen. So lenken der Staat und seine Politik die Agrarerzeugung und leiten Ressourcen vorrangig in die Produktionswirtschaft, während die Aufgabe der Landwirtschaft in der reproduktiven Wirtschaft außen vor bleibt.
Unter Betreuung der Erstautorin hat Chukwuma Ume im Rahmen der Doktorarbeit in Okigwe im Südosten Nigeria eine Agrarökologie-Gruppe untersucht. Die Ergebnisse zeigten, dass diese politischen Maßnahmen es Frauen in der oben beschriebenen Arbeitsteilung erschwert, ihre Rolle zu erfüllen. Ohne Kontrolle über das Bargeld im Haushalt haben Frauen kaum Zugang zu konventionellen Betriebsmitteln. Auch müssen sie auf den Feldern ihrer Ehemänner mitarbeiten und sind auf Parzellen angewiesen, die Ehemänner ihnen für den eigenen Anbau überlassen. In dieser Situation hat sich eine Gruppe von heute mehr als 100 überwiegend weiblichen Landwirten gebildet – ursprünglich unterstützt von einem Studierenden der Universität Coventry (Emanea et al., 2018) – deren Ansatzpunkt es war, für die Ernährung der eigenen Haushalte auf agrarökologische Techniken umzusteigen. Dazu gehören pfluglose Direktsaatverfahren und Mischkulturen, bei denen abwehrende oder anziehende Pflanzen so kombiniert werden, dass Schädlinge und Krankheiten bekämpft werden.
Dank dieser Methoden konnten die Frauen auch ohne Bargeld intensiv produzieren. Sie konnten z.B. Kosten für Bodenbearbeitung sparen – eine Aufgabe, die hier kulturell Männern vorbehalten ist. Auch mussten sie keine Pflanzenschutzmittel kaufen. Die Arbeit als Gruppe war ein zweiter Hebel, da sie den Austausch von Saatgut und Land ermöglichte und den Verkauf von Überschüssen auf dem Markt förderte. Dadurch wurden sie weniger von (männlichen) Zwischenhändlern abhängig. Als Folge davon verbesserte sich die Nahrungslage und Ernährungssicherheit in der agrarökologischen Gruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe der konventionellen Landwirte deutlich (Ume et al., 2023). Die teilnehmenden Frauen berichteten von deutlich verbessertem Status und Anerkennung innerhalb und zwischen den Haushalten, was den Frauen in einigen Fällen Zugang zu mehr Haushaltsressourcen für ihren Anbau eröffnete (Ume et al., 2025).
Agrarökologische Methoden boten einen Ausweg aus den Zwängen der patriarchalischen Struktur der Produktionswirtschaft, sodass es den Frauen gelang, im Bereich der reproduktiven Wirtschaft einen neuen Anlauf zu nehmen. So lässt sich auch erklären, warum Frauengruppen oft mit agrarökologischen Bewegungen verbunden sind.
Schlussfolgerungen
Unsere drei Beispiele betonen den Wettbewerb zwischen dem produktiven und dem reproduktiven Bereich unserer Volkswirtschaften. Akteure konkurrieren um Land, Produktionsmittel, Wissen und Arbeitskräfte. Da die Aufgabenteilung zwischen den Bereichen geschlechtsspezifisch geprägt ist, beobachten wir einen Wettbewerb zwischen Männern und Frauen um die Kontrolle über Ressourcen. Gender-Normen verstärken und erhalten Hindernisse für die Nutzung und Aneignung von Ressourcen durch Frauen. Dies wird in den drei Fallbeispielen eindrücklich verdeutlicht, in denen Frauen nahrhafte Lebensmittel für sich selbst und ihre Gemeinschaft erzeugen möchten, ihnen jedoch von den auf Gender-Normen fußenden Institutionen die notwendigen produktiven Ressourcen vorenthalten werden.
Geschlechterrollen sind an sich nicht schlecht; sie verteilen Arbeit auf sich ergänzende Tätigkeiten, was von Vorteil sein kann. Allerdings führt das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen tendenziell dazu, dass produktive Ressourcen – Land, weibliche Arbeitskraft und andere Inputs – auf Kosten der reproduktiven Wirtschaft in die Produktionswirtschaft verlagert werden. Die Fähigkeit der Gesellschaft, in bestimmten ländlichen Kontexten reproduktive Dienstleistungen und Ernährungssicherheit zu gewährleisten, wird so geschwächt. Solange die Gesellschaft reproduktive Ressourcen für Produktionszwecke einsetzt, könnte die Ernährungssicherheit im ländlichen Raum Leidtragende sein.
Staaten und Gesellschaften sollten reproduktive Tätigkeiten stärker in Wert setzen und damit jenen Teil der Wirtschaft, den Frauen als Randakteure aufrechterhalten. Eine solche Neugewichtung der Prioritäten könnte die Machtverhältnisse der Geschlechter verändern und die Ressourcen der weiblich dominierten reproduktiven Wirtschaft erhöhen. Das nigerianische Beispiel zeigt einen möglichen Ausweg, nämlich die Entwicklung eines parallelen Systems der Ressourcennutzung, wie das agrarökologische Ernährungssystem. Allgemeiner gesagt müssen wir uns um gerechtere Gesellschaften bemühen, die sowohl die reproduktive als auch die Produktionswirtschaft wertschätzen – im Interesse der Ernährungssicherheit, aber auch im Interesse aller Menschen und anderer Wesen sowie ihrer Zukunft.
Dr. Stéphanie Domptail ist Forscherin im Bereich der Mensch-Natur-Beziehungen in sozioökologischen Systemen der Landwirtschaft am Institut für Agrarpolitik und Marktforschung der Justus-Liebig-Universität Gießen.
Prof. Dr. Thomas Kopp leitet die Arbeitsgruppe für Globalen Handel und Welternährung und ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Agrarpolitik und Marktforschung an der Justus-Liebig-Universität Gießen.
Die Autoren danken Chukwuma Ume und Katleen Marún Uparela herzlich für ihre Abschlussarbeiten, die sie jeweils in Nigeria und Kolumbien verfasst haben, sowie Jeninah Karungi und Gracia Glas für die Organisation des Abschlussworkshops am Mt. Elgon und die Feldforschung in Kenia.
Fußnote
(1) Der Name und Standort der Gruppe sowie der Name der Nichtregierungsorganisation werden hier zum Schutz der Frauen nicht genannt. Die Informationen sind der Redaktion bekannt.
Referenzen:
Projekte:
Enhanced Livelihoods and Natural Resource Management under Accelerated Climate Change (ELNAC)
Social Lab for Knowledge Equity (SCLaKE)
Veröffentlichtungen:
Kadhikwa S., Bollig M., Domptail S. (2026) Pan-ontological institutional bricolage? The urgent need for a dialogue between state and customary authorities in Namibian conservancies. Land Use Policy 161: 107887. doi.org/10.1016/j.landusepol.2025.107887
Gomez-Mateus A.M., Nuppenau E.A., Domptail S.E. (2025). Nexus of Land, Water, Food, and Well- Being: The Case of Oil Palm Workers in Colombia. Land Degradation & Development, 2025; 0:1–19. doi.org/10.1002/ldr.70264.
Ume, C., Wahlen, S., Nuppenau, E.-A., & Domptail, S. (2025). Women smallholders build an agroecology food system: The construction of empowerment and food sovereignty. Journal of Peasant Studies.doi.org/10.1080/03066150.2025.2462760.
Kocovic De Santo M. and Domptail S.E. (Edts) (2023). Degrowth Decolonization and Development. When Culture Meets the Environment. Springer Nature


